Bautechnik : Nachhaltigkeitsbewertung von Verkehrsinfrastrukturen
Der Balanceakt zwischen Bautätigkeit und grünem Gedankengut wird die Zukunft der Baubranche wesentlich mitbestimmen.
- © Scott Prokop - stock.adobe.comDas LCCo2-Tool (Life Cicle Costs Co2 – Tool) steht in einer Beta-Version für Testzwecke bereits auf der Website der ÖBV frei zur Verfügung. Derzeit wird ein entsprechendes Merkblatt als Hintergrunddokument und Anwendungsleitfaden andiskutiert.
Die für das Tool verwendete Berechnungsmethode und der darin hinterlegte GWP-Katalog werden für die Verwendung im Infrastrukturbau,derzeit und laufend im ÖBV-Arbeitskreis Öko-Daten mit Experten und den relevanten Industrieverbänden abgestimmt.
Standardisiertes Berechnungstool
Im Rahmen des Projekts Decarbonisation First entstand ein standardisiertes Berechnungstool zur Treibhausgas (THG)-Bilanzierung im Lebenszyklus von Infrastrukturbauwerken. Das ÖBV-FFG Forschungsprojekt „LZinfra – Lebenszyklustool zur Nachhaltigkeitsbewertung von Verkehrsinfrastrukturen“ erweitert dies nicht nur, sondern integriert auch zusätzliche Bewertungsebenen.
Das Forschungsprojekt Decarbonisation First, welches von der Vienna Consulting Engineers ZT GmbH und dem Umweltbundesamt durchgeführt wurde, verfolgte den Gedanken, dass zukünftige Entscheidungsfindungen für Baumaßnahmen auf einer deutlich stärkeren Gewichtung der Kosten infolge des CO2-Fußabdrucks erfolgen und gleichzeitig die Akzeptanz der damit einhergehenden Primärkosten gehoben wird. Dazu wurde zunächst eine Datenbank mit für Österreich repräsentativen CO2-Äquivalenten (“Cradle to Grave”) für die relevanten Baustoffe von definierten Anlageklassen (Brücken/Straßenoberbau/Dämme/Stützmauern/Wannenbauwerke/Lärmschutzwände) erstellt. Darauf aufbauend wurde eine Methodik für die Verknüpfung von Lebenszykluskostenberechnungen mit einer zugehörigen CO2-Bilanzierung unter Berücksichtigung der Streuungen der Eingangsparameter entwickelt.
Mit dem Berechnungstool durchgeführte Simulationsrechnungen und Variantenuntersuchungen zeigen, dass anhand des Tools die sogenannten THG-Emissionstreiber sehr gut in Hinblick auf etwaige Einsparungspotentiale sichtbar gemacht werden können.
Datenpool als Zentrum
Herzstück des LCCo2-Tools ist der Datenpool mit den THG-Emissionsfaktoren der relevanten Konstruktionselemente bzw. Baustoffe. Dafür wurden für die relevanten Baustoffe, entsprechend der Systemabgrenzung, die THG-Emissionsfaktoren für die maßgeblichen Lebenszyklusphasen Herstellung, Errichtung, Nutzung, Abbruch und Entsorgung/Wiederverwertung zusammengestellt.
Ziel war die Katalogisierung von GWP-Daten der relevanten Materialien und Bauwerksteile im Sinne Österreich-spezifischer Mittelwerte, wobei die Priorität darauf lag, den Katalog zu einem möglichst hohen Anteil auf EPDs (Environmental Product Declaration) aufzubauen. Weitere Inputs erfolgten auf Basis zusätzlicher Modellierungen (vor allem Transportrechner, Wiederverwendungspotential) und Annahmen (Materialbedingte Analogien).
Da die EPD-Datenquellen aber mitunter variieren und nicht immer für alle Module Daten liefern, war es umso wichtiger, dass im Anschluss an das Forschungsprojekt, im ÖBV-Arbeitskreis ÖKO-Daten der GWP-Katalog nochmals abgestimmt und validiert wurde. Als Ergebnis dieses Prozesses steht nun der im Excel-Tool integrierte und unter Experten und den relevanten Industrieverbänden abgestimmte GWP-Katalog für eine Verwendung in der frühen Planungsphase im Infrastrukturbau zur Verfügung.
Aufbauend auf dem Verkehrsinfrastrukturforschung-Projekt Decarbonisation First soll nun das ÖBV-FFG Forschungsprojekt „LZinfra - Lebenszyklustool zur Nachhaltigkeitsbewertung von Verkehrsinfrastrukturen“ die Möglichkeit bieten, Verkehrsinfrastrukturen auch auf verschiedenen weiteren Bewertungsebenen hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit zu bewerten.
Das neu zu erstellende Tool soll zur ökologischen (Ökobilanz) und ökonomischen Bewertung (Lebenszykluskostenanalyse) von Bestandstraßen und Trassenvarianten (Korridorebene), Bauwerksoptimierungen (Planungsphase/ Bauwerksebene) bzw. auch der Bauabwicklung (Vergabephase/ Baustellenebene) dienen.
Ökologische und ökonomische Optimierung
Ziel des Forschungsprojekts ist dabei die flexible und unkomplizierte Ermittlung und Beurteilung ökologischer und ökonomischer Optimierungspotentiale von Konstruktionen, Materialien, Bau- und Sanierungsprozessen bzw. der Trassenfindung und Netzwerksentwicklung. Über das derzeit vorhandene LCCo2-Tool hinaus werden verkehrliche Auswirkungen auf die CO2-Bilanz, neben dem Klimawandel weitere Wirkungsindikatoren und die Assetklasse „Tunnel“ betrachtet. Außerdem werden schienenbezogene Aspekte berücksichtigt.
Die im „LZinfra“-Tool zu implementierenden Ökobilanz- und Lebenszykluskosten-Rechner sollen dabei einerseits einen umfassenden, automatisierten und standardisierten Bewertungsablauf sicherstellen und andererseits individuell, flexibel und einfach auf verschiedenen Bewertungsebenen (Projektphasen) für die betrachtete Verkehrsinfrastruktur eingesetzt werden können.
Somit können zukünftig einerseits monetäre Ressourcen für zeit- und kostenaufwändige Einzelstudien eingespart werden bzw. soll das Tool die Möglichkeit bieten, einheitliche, transparente und einfach handzuhabende Nachhaltigkeitsbewertungen durchzuführen, um so geforderte Beiträge zum Erreichen von Umwelt- und Nachhaltigkeitszielen sicherzustellen.
Die Projektbeteiligten
Das unter der Leitung Österreichische Bautechnik Vereinigung (ÖBV) und durch die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) geförderte Projekt wird partnerschaftlich von der Universität Innsbruck, TU Graz, TU Wien, Vienna Consulting Engineers ZT GmbH, ÖBB Infrastruktur AG, ASFINAG Bau Management GmbH, Brenner Basistunnel BBT SE, Vereinigung der österreichischen Zementindustrie (VÖZ), Verband österreichischer Beton- und Fertigteilwerke (VÖB), Güteverband Transportbeton (GVTB), Magistratsabteilung 29 (MA29) – Brückenbau und Grundbau, Leyrer + Graf Bau GmbH, Kostmann GesmbH, OMV Downstream GmbH, Porr Bau GesmbH, Gesellschaft zur Pflege der Straßenbautechnik mit Asphalt (GESTRATA), BEMO Tunnelling GmbH, Habau Hoch- und Tiefbau GmbH durchgeführt.