Konjunktur : Europas Bauwirtschaft schaltet wieder hoch
Euroconstruct erwartet einen Aufschwung bis 2028 mit Wohnungs- und Tiefbau als zentralen Treibern.
- © industrieblick - FotoliaDie europäische Bauwirtschaft steht vor einer Phase spürbaren Wachstums. Nach einem schwachen Jahr 2025 mit lediglich 0,3 Prozent realem Plus soll der Sektor 2026 deutlich an Dynamik gewinnen. Für das laufende Jahr rechnet die Forschergruppe Euroconstruct, der auch das ifo Institut angehört, mit einem realen Wachstum von 2,4 Prozent. In den Folgejahren dürfte sich der Aufschwung mit 2,2 Prozent (2027) und 1,9 Prozent (2028) fortsetzen.
„Die europäische Bauwirtschaft schaltet 2026 aus dem Leerlauf direkt in den übernächsten Gang und hält dieses Tempo bis 2028 weitgehend durch“, sagt Ludwig Dorffmeister, Bauexperte am ifo Institut. Damit bestätigt sich ein Trend, der sich zuletzt bereits in einzelnen Segmenten und Märkten abgezeichnet hat.
Wohnungsbau und Tiefbau als Wachstumsmotoren
Getragen wird der Aufschwung vor allem vom Wohnungsbau und vom Tiefbau. In beiden Segmenten soll das Marktvolumen bis 2028 um jeweils rund 7,5 Prozent über dem Niveau von 2025 liegen. Ausschlaggebend sind laut Euroconstruct einerseits das regional knappe Wohnraumangebot, andererseits der hohe Investitionsbedarf in Verkehrs- und Energieinfrastruktur.
Deutlich verhaltener fällt hingegen der Ausblick für den übrigen Hochbau aus. Hier erwarten die Forscher bis 2028 lediglich ein Wachstum von 4,7 Prozent. Zwar wirken verbesserte makroökonomische Rahmenbedingungen wie steigende Löhne, moderates Wirtschaftswachstum und eine zunehmende Anpassung an das neue Zins- und Baukostenniveau unterstützend. Im privaten Neubau dürfte die Investitionsbereitschaft jedoch aufgrund struktureller Standort- und Branchenfaktoren begrenzt bleiben.
Sanierung gewinnt weiter an Bedeutung
Ein langfristiger Trend setzt sich fort: die wachsende Bedeutung der Sanierung. Bereits seit 2009 fließen in Europa mehr Mittel in die Sanierung von Wohnimmobilien als in den Wohnungsneubau. Aktuell entfallen mehr als 60 Prozent der Investitionen im Wohnbau auf den Bestand. Auch im Nichtwohnbau haben Sanierungen den Neubau inzwischen überholt. Seit 2024 liegt ihr Marktanteil bei knapp über 50 Prozent – ein Niveau, das sich laut Prognose bis 2028 stabilisieren dürfte.
Vor allem staatsnahe Baubereiche wie Bildung und Gesundheit sollen dabei weiter zulegen. Sie kompensieren teilweise die Zurückhaltung privater Investoren im Neubausegment und stützen damit die Baukonjunktur im Hochbau.
Unterschiedliche Dynamik in den nationalen Märkten
Die Prognose der Forschergruppe zeigt zugleich deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. Für Deutschland etwa wird die Talsohle bei den Wohnungsfertigstellungen erst 2026 erwartet. Im laufenden Jahr dürfte die Zahl der Fertigstellungen nochmals um rund 20.000 auf etwa 185.000 Einheiten sinken. Ab 2027 rechnen die Experten jedoch wieder mit einem Anstieg auf 205.000 und 2028 auf rund 215.000 Wohnungen.
Insgesamt sollen die Wohnungsfertigstellungen in den 19 von Euroconstruct untersuchten Ländern von 1,44 Millionen im Jahr 2025 kontinuierlich auf 1,66 Millionen im Jahr 2028 steigen. Positiv wirkt, dass die Zahl der Baugenehmigungen zuletzt wieder angezogen hat. Bis diese Projekte jedoch tatsächlich realisiert werden, dürfte noch Zeit vergehen.
Unsicherheiten bei öffentlichen Impulsen
Offen bleibt laut ifo Institut, welche Impulse staatliche Programme tatsächlich entfalten. In Deutschland sei etwa unklar, in welchem Ausmaß das angekündigte Sondervermögen wirksam in Investitionen mündet. Im Verkehrsbereich seien zusätzliche Mittel bislang vor allem im Schienensektor spürbar.
Ungeachtet dieser Unsicherheiten signalisiert die Euroconstruct-Prognose insgesamt eine Trendwende für Europas Bauwirtschaft. Nach Jahren der Stagnation und des Rückgangs deuten die kommenden Jahre auf eine Phase moderaten, aber breiter abgestützten Wachstums hin – mit klaren Schwerpunkten bei Wohnungsbau, Infrastruktur und Bestandssanierung.