Bauen und Wirtschaft : „Wir brauchen Insolvenzen – bis zu einem gewissen Grad“

KSV Vybiral und Goetze

CEO Ricardo-Jose Vybiral und Insolvenzchef Karl-Heinz Götze präsentierten ihre Daten und Erkenntnisse.

- © Thomas Pöll

6.857 Unternehmensinsolvenzen im Jahr 2025 – und darunter erneut über 1.000 Fälle in der Bauwirtschaft. Doch hinter der scheinbar einseitigen Negativbilanz steckt ein differenzierteres Bild: Insolvenzen haben eine Funktion, sie bereinigen den Markt. Und trotz anhaltender Schwierigkeiten zeigt der Bau auch strukturelle Stärke: Neugründungen übersteigen die Schließungen deutlich.

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Ein weiteres Krisenjahr: 19 Insolvenzen pro Tag

2025 war wirtschaftlich angespannt. Hohe Inflation, sinkende Kaufkraft und steigende Kosten führten zu einem weiteren Anstieg bei Unternehmensinsolvenzen: 19 Betriebe pro Tag mussten laut KSV1870 Insolvenz anmelden. Insgesamt stieg die Zahl um 4,1 % auf 6.857 Fälle.

Auffallend ist jedoch der Rückgang der vorläufigen Passiva um 55,8 % – weniger Großpleiten prägten das Jahr. Die SIGNA Prime Capital Invest GmbH markiert mit 870 Mio. Euro dennoch den größten Einzelfall.

KSV1870 Infografik Unternehmensinsolvenzen 2025
© KSV1870

Warum Insolvenzen notwendig sind

So schmerzhaft sie im Einzelfall sind: Insolvenzen erfüllen die Funktion eines „wirtschaftlichen Filters“. Sie verhindern, dass Ressourcen dauerhaft in nicht tragfähigen Geschäftsmodellen gebunden bleiben.

Für die Bauwirtschaft ist dieser Effekt besonders sichtbar: Hier kann ein instabiler Betrieb gleich mehrere Projekte oder Projektgesellschaften gefährden. Eine kontrollierte Marktbereinigung stärkt langfristig die gesunden Unternehmen – vorausgesetzt, der Trend gerät nicht außer Kontrolle.

Gleichzeitig steigt die Zahl jener Fälle, die mangels Masse nicht eröffnet werden können – 2.600 im Jahr 2025. Diese Fälle sind volkswirtschaftlich besonders problematisch, weil weder Gläubiger noch Beschäftigte etwas zurückerhalten.

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Die Bauwirtschaft als Insolvenztreiber – aber auch als Gründungsmotor

Mit 1.089 Bauinsolvenzen liegt die Branche 2025 auf Platz zwei hinter dem Handel. Die Belastungsfaktoren sind bekannt: Auftragsrückgang, hohe Vorfinanzierungskosten, Projektabwicklungsrisiken und Fachkräftemangel.

Doch – und das ist entscheidend – der Pessimismus trifft nicht das gesamte Bild:

Neugründungen übersteigen Schließungen deutlich

2025 wurden im Baubereich 559 Firmen mehr gegründet als geschlossen.
Zum Vergleich: 2024 lag dieser Wert bei lediglich +65.

  • Rund 3.600 Neugründungen entfielen 2025 auf die Bauwirtschaft.
  • Auch im Grundstücks- und Wohnungswesen zeigt sich ein ähnlicher positiver Trend.
  • Die durchschnittlichen Passiva im Bau sanken um 13 % auf 1,11 Mio. Euro.

Diese Zahlen zeigen:
Trotz hoher Insolvenzdichte bleibt der Bau ein dynamischer Sektor mit laufender Strukturerneuerung.
Junge Unternehmen treten in den Markt ein, übernehmen Lücken, modernisieren Prozesse und erhöhen den Wettbewerbsdruck. Insolvenzfälle und Neugründungen bilden so zwei Seiten derselben Strukturentwicklung.

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Reputationsreport Bau 2024

Bonität: Der Wind bleibt rau

Steigende Preise und eine geschwächte Nachfrage drücken die Unternehmenswerte.
Nur noch 12,6 % der Betriebe befinden sich in den besten Bonitätsklassen.

Für die Bauwirtschaft bedeutet das:

  • schwierigerer Zugang zu Finanzierung,
  • höhere Zinsen für Betriebsmittelkredite,
  • mehr Risiko in der Projektvorfinanzierung.

Die Folge: Schon leichte Verzögerungen auf Baustellen können zum Liquiditätsproblem werden.

Großinsolvenzen gehen zurück – strukturelle Risiken bleiben

Nur vier Insolvenzen über 200 Mio. Euro prägen 2025 – ein deutlicher Rückgang gegenüber dem Vorjahr. Doch jedes zweite Großverfahren betrifft weiterhin Bau oder Immobilien.

Projektgesellschaften, gestiegene Finanzierungskosten und gesunkene Immobilienwerte bilden eine Gemengelage, die das Insolvenzrisiko in diesem Sektor strukturell erhöht.

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Ausblick 2026: Stabilisierung auf hohem Niveau

Der KSV1870 erwartet ein ähnlich hohes Insolvenzaufkommen wie 2025.
Einer möglichen Entspannung durch sinkende Inflation stehen weiterhin hohe Kosten und anhaltende Unsicherheiten gegenüber.

Besondere Brisanz kommt vom geplanten Gesetzespaket zur Betrugsbekämpfung 2025, das die Gläubigergleichbehandlung teilweise aushebeln könnte. Gerade im Bau, wo Zahlungen über komplexe Projektstrukturen fließen, könnte dies zu niedrigeren Quoten und weniger Insolvenzanträgen führen.

Fazit: Bereinigung ja – aber im kontrollierten Rahmen

Der Bau erlebt turbulente Jahre – aber keine strukturelle Erosion.
Insolvenzen sind Teil eines wirtschaftlichen Regelkreises, der ineffiziente Strukturen entfernt und Platz für innovativere, tragfähigere Unternehmen schafft.

Gleichzeitig zeigt die starke Neugründungsdynamik:
Der Sektor erneuert sich schneller, als er zerbricht.

Solange Marktbereinigung und Neugründung im Gleichgewicht bleiben, können Insolvenzen eine stabilisierende Wirkung entfalten. Kippt dieses Verhältnis, droht dagegen ein Verlust an Kapazität, Qualifikation und baulicher Wertschöpfung.