Nachhaltigkeit : Kreislaufwirtschaft als Chance für die Bauwirtschaft: Studie zeigt hohe Einsparpotenziale bis 2040
Die Bauwirtschaft ist nicht nur ein wesentlicher Treiber des Materialverbrauchs, sondern auch ein zentraler Hebel, wenn es um Einsparungen, Klimaziele und Unabhängigkeit von Importen geht.
- © KreuterDie Kreislaufwirtschaft eröffnet der österreichischen Bauwirtschaft erhebliche Potenziale – ökologisch, ökonomisch und strukturell. Das geht aus einer aktuellen Untersuchung des Kontext Instituts für Klimafragen hervor, die gemeinsam mit dem Umweltbundesamt und dem Centre of Economic Scenario Analysis and Research erstellt wurde. Die Studie analysiert, wie sich ein zirkuläres Wirtschaftssystem bis 2040 auf den Ressourceneinsatz, die Energiepreise, die Emissionen und die Wertschöpfung in der Bau- und Metallindustrie auswirken könnte.
Bauwirtschaft und Metallsektor: Zwei Drittel des Ressourcenverbrauchs
Laut Umweltbundesamt verbraucht Österreich jährlich rund 154 Megatonnen Ressourcen – zwei Drittel davon entfallen auf mineralische Baustoffe und Metalle. Für die Bauwirtschaft bedeutet das: Sie ist nicht nur ein wesentlicher Treiber des Materialverbrauchs, sondern auch ein zentraler Hebel, wenn es um Einsparungen, Klimaziele und Unabhängigkeit von Importen geht.
Studienautorin Anna Pixer betonte, dass gerade diese beiden Sektoren aufgrund ihres hohen Energie- und Emissionsniveaus enorme kreislaufwirtschaftliche Effekte erzielen können.
Die modellierten Szenarien berücksichtigen u. a.:
• höhere Sanierungsraten,
• reduzierte Neubautätigkeit und gezielte Nachverdichtung,
• Leerstandsmobilisierung,
• stärkeren Einsatz von Holz und anderen erneuerbaren Baustoffen,
• höhere Recyclingquoten bei mineralischen Baustoffen und Metallen,
• Ausstieg aus fossilen Energieträgern im Gebäudesektor und in der Industrie.
Ergebnisse: Weniger Materialeinsatz, niedrigere Energiepreise, stabile Wirtschaft
ie Analyse zeigt deutliche Veränderungen, wenn Österreich auf eine zirkuläre Wirtschaftsweise umstellt:
Für die Bauwirtschaft besonders relevant:
• starker Rückgang des Materialeinsatzes bei mineralischen Baustoffen – vor allem im Wohnbau,
• Anstieg der Holznutzung,
• sinkende Importabhängigkeit,
• 20 % weniger CO₂-Emissionen gegenüber dem Basisszenario,
• niedrigere Energiepreise durch den breiten Umstieg auf erneuerbare Energien,
• stabile Entwicklung von BIP und Arbeitsmarkt.
Damit ergibt sich ein wirtschaftliches Argument, das über Klimaschutz hinausgeht: Eine kreislauffähige Bauwirtschaft wird langfristig kalkulierbarer, resilienter und weniger abhängig von globalen Rohstoff- und Energiepreisschwankungen.
Kontext-Vorständin Katharina Rogenhofer verwies darauf, dass Österreich angesichts seines linearen, ressourcenintensiven Wirtschaftssystems bislang große Potenziale ungenützt lasse. Zirkuläre Ansätze würden nicht nur Umwelt- und Klimaeffekte bringen, sondern auch die strategische Unabhängigkeit stärken und bestehende Vorreiterbetriebe im Land weiter profilieren.
Politische Weichenstellungen notwendig
Damit das Szenario Realität wird, braucht es laut Kontext Institut ein umfassendes Maßnahmenpaket, das insbesondere den Bausektor strukturell beeinflusst:
1. Förderung und Mindestquoten für kreislauffähige und biogene Baustoffe
Sekundärrohstoffe sind heute meist als Abfall eingestuft – das macht ihre Nutzung teuer und bürokratisch. Eine Gleichstellung mit Primärmaterialien wäre für die Bauwirtschaft ein entscheidender Kostenfaktor.
2. Sanierungsrate erhöhen – Rahmenbedingungen modernisieren
Derzeit sind moderne Baustandards oft nur schwer in Bestandsgebäuden umsetzbar. Dadurch ist Neubau wirtschaftlich attraktiver als Sanierung. Eine Reform soll gegensteuern.
3. Digitaler Gebäudepass
Ein zentraler Baustein für zirkuläres Bauen: Er macht verbaute Materialien, Demontierbarkeit und Wiederverwendbarkeit transparent – Voraussetzung für sortenreine Rückbauprozesse.
4. Energieversorgung für Industrie und Bau dekarbonisieren
Für die Metallindustrie genauso wie für energieintensive Baustoffproduktion ist gesicherter erneuerbarer Strom essenziell. Die Kosten sinken im Szenario langfristig, was vor allem im Hochbau Wettbewerbsvorteile schafft.
5. Öffentliche Beschaffung und CO₂-Preis als Lenkungsinstrumente
Nachhaltige Materialien und kreislauffähige Systeme müssten bei Ausschreibungen stärker gewichtet werden, um Innovationen am Markt zu etablieren.
6. Reform des Abfallwirtschaftsgesetzes
Der Status von Sekundärmaterialien gilt als Kernproblem. Eine Neuregelung könnte den Markt für Recyclingbaustoffe wesentlich stärken.
EU als Treiber: Circular Economy Act
Auf europäischer Ebene soll der kommende Circular Economy Act weitere Impulse setzen – insbesondere klare Vorgaben für Recyclingquoten, Qualitätsstandards und die Wiederverwendung von Bauteilen. Damit könnten Baubranche und Industrie künftig stärker in Richtung eines geschlossenen Materialkreislaufs gelenkt werden.