Bahnbau in Belgien : 32.083 Schwellen in 19 Tagen: Swietelsky erneuert Belgiens 300-km/h-Strecke

Auf der belgischen HSL1 sind Geschwindigkeiten von bis zu 300 km/h möglich. Die 1997 eröffnete Verbindung Richtung französische Grenze wird seit 2024 abschnittsweise grundlegend modernisiert.

Auf der belgischen HSL1 sind Geschwindigkeiten von bis zu 300 km/h möglich. Die 1997 eröffnete Verbindung Richtung französische Grenze wird seit 2024 abschnittsweise grundlegend modernisiert.

- © Johan Dehon / Infrabel

Wer im September wieder mit dem Eurostar durch Belgien fährt, wird von den Wochen zuvor nichts mitbekommen. Genau das ist der Anspruch bei einer Strecke, auf der täglich rund hundert Hochgeschwindigkeitszüge verkehren: Die eigentliche Arbeit muss vollständig in ein enges Zeitfenster passen, bevor der reguläre Betrieb wieder übernimmt. Wie eng dieses Fenster war und was technisch hineinpassen musste, zeigt sich erst im Detail.

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19,25 Kilometer, 19 Tage, Ende am 24. August

Swietelsky Rail Benelux nennt für den Auftrag im Auftrag von Infrabel einen klaren Leistungsumfang: 19,25 Kilometer erneuertes Gleis zwischen Halle und Enghien, rund 38 Kilometer neue Schienen, exakt 32.083 neue Schwellen, dazu Ballastreinigung. Die Sperrpause bezeichnet das Unternehmen als 19-tägig, der Projektzeitraum lief vom 5. bis 24. August 2026.

Infrabel selbst beschreibt für seine gesamte diesjährige HSL1-Kampagne, die über den reinen Swietelsky-Abschnitt hinausgeht, leicht andere Werte: 38,5 Kilometer Schienen, 32.150 Schwellen, 6.750 Tonnen Ballast, eine 18-tägige durchgehende Verkehrsunterbrechung vom 6. bis 23. August. Beide Angaben widersprechen sich nicht, sie beschreiben schlicht unterschiedlich abgegrenzte Projektumfänge, Swietelsky den eigenen Erneuerungsauftrag, Infrabel die breitere Sperr- und Bauplanung des gesamten Sommers. Vollständig abgeschlossen ist damit auch nach dem 24. August noch nicht alles: Infrabel plant bis 21. September zusätzliche nächtliche Fertigstellungsarbeiten, während der Personenverkehr tagsüber bereits wieder normal läuft.

Rund 100 Hochgeschwindigkeitszüge nutzen die HSL1 täglich. Um die Einschränkungen möglichst kurz zu halten, bündelt Infrabel große Teile der Gleiserneuerung in mehrwöchigen Sommersperren.

- © Johan Dehon / Infrabel

Warum ausgerechnet diese Strecke keine Zeit hat

Die HSL1 ging 1997 in Betrieb, als erste Hochgeschwindigkeitsstrecke Belgiens. Rund hundert Hochgeschwindigkeitszüge befahren sie täglich, mit bis zu 300 Kilometern pro Stunde auf dem eigentlichen Schnellfahrabschnitt. Infrabel begründet die nun anstehende Generalerneuerung damit, dass intensives Verkehrsaufkommen und hohe Geschwindigkeiten die Infrastruktur besonders stark beanspruchen, viele Komponenten liegen inzwischen nahe ihrer Altersgrenze. Die Strecke ist damit gerade einmal rund 29 Jahre alt, und schon jetzt muss ihre erste Infrastrukturgeneration ausgetauscht werden.

Genau das erklärt, warum die Baustelle so komprimiert abläuft. Statt monatelang unter halbseitigem Betrieb zu arbeiten, bündelt Infrabel die Arbeiten seit 2024 in intensive Sommersperren, während der Vollsperrungen werden Hochgeschwindigkeitszüge über das klassische Netz umgeleitet. Jeder zusätzliche Sperrtag betrifft damit einen europäischen Verkehrskorridor mit rund hundert Zügen täglich, und genau dieser Druck macht verständlich, warum hier eine derart konzentrierte Bautechnik zum Einsatz kommt.

Eine 700 Meter lange Fabrik auf Schienen

Herzstück der Baustelle ist der RU 800 S, ein Gleiserneuerungszug, der alte Gleise ausbaut, Schotter aufnimmt und reinigt und den neuen Oberbau herstellt, in einem kontinuierlichen Arbeitsgang statt in mehreren getrennten Schritten. Die alten Schienen werden seitlich gespreizt, alte Schwellen aufgenommen, der Schotter zu einer Siebanlage transportiert und von Verunreinigungen befreit, während gleichzeitig das Planum vorbereitet wird, bevor neue Schwellen und neue Schienen eingebaut werden.

Rund um diese Kernmaschine entsteht laut Infrabel ein Arbeitszug von etwa 700 Metern Länge. Wichtig für die Einordnung: Nicht der RU 800 S selbst ist 700 Meter lang, sondern der gesamte Zug samt Wagen, Materialtransport und Logistikeinheiten, der sich um ihn herum bildet. Wie schwer diese Formation 2026 tatsächlich ist, hat Infrabel bislang nicht veröffentlicht, für die belgischen Einsätze 2025 nannte der Infrastrukturbetreiber rund 1.600 Tonnen für eine vergleichbare Zugkonfiguration.

Hochgeschwindigkeitsverkehr stellt besonders hohe Anforderungen an Lage und Geometrie des Gleises. Nach dem eigentlichen Umbau folgen deshalb Stopf-, Mess- und Ballastierungsarbeiten, bevor die Strecke wieder freigegeben werden kann.

- © Johan Dehon / Infrabel

Was nach dem Zug noch fehlt

Der RU 800 S allein stellt kein fertiges Hochgeschwindigkeitsgleis her. Nach ihm folgen drei weitere Maschinen: eine 4X-Stopfmaschine bringt das neue Gleis auf die erforderliche Höhe und Lage, das EM-SAT-System vermisst und kontrolliert anschließend die Gleisgeometrie, das Ballastmanagementsystem BDS verteilt und profiliert abschließend den Schotter. Erst nach diesen vier Schritten gilt ein Abschnitt als tatsächlich fertig.

Wo die 32.083 eigentlich herkommt

Die scheinbar willkürlich präzise Zahl 32.083 lässt sich direkt aus Swietelskys eigenen Angaben herleiten: 19.250 Meter Gleis geteilt durch 32.083 Schwellen ergeben rechnerisch fast exakt 0,60 Meter, also einen Schwellenabstand von rund 60 Zentimetern über die gesamte erneuerte Strecke. Auch die 38 Kilometer Schiene erklären sich einfach: Ein Gleis besteht aus zwei parallelen Schienensträngen, 19,25 Kilometer Gleis ergeben damit rechnerisch 38,5 Kilometer einzelne Schiene, Swietelsky rundet das auf rund 38, Infrabel nennt für die Gesamtkampagne 38,5.

Zwei Kilometer am Tag, aber nicht 19 Tage lang

Swietelsky nennt für vergleichbare Einsätze 2025 eine Produktionsleistung von mehr als zwei Kilometern Gleiserneuerung pro produktivem Arbeitstag. Würde diese Leistung über den gesamten 19-tägigen Projektzeitraum durchgehend erreicht, ergäbe das weit mehr als die tatsächlichen 19,25 Kilometer. Der Unterschied erklärt sich durch alles, was zwischen den eigentlichen Umbauphasen liegt: Einrichten und Umsetzen der Maschinen, Materialversorgung, logistische Wechsel, die separate Sonderarbeit an der Kanalbrücke, Stopfen und Vermessen, Wartung. Selbst innerhalb eines produktiven Tages arbeitet die Maschine laut Infrabels Beschreibung vergleichbarer Einsätze nicht durchgehend am Gleis, ein erheblicher Teil der Zeit geht für das Abladen alter und das Nachladen neuer Schwellen sowie für Wartung drauf. Die Bauleistung entsteht nicht allein durch die Geschwindigkeit der Maschine, sondern durch eine ständig nachgeführte Logistik dahinter, verteilt auf bis zu 130 gleichzeitig eingesetzte Fachkräfte an mehreren Arbeitsorten.

Die Modernisierung der HSL1 ist auf mehr als ein Jahrzehnt angelegt. Infrabel will bis 2035 Schienen, Schwellen, Schotter und Weichen erneuern und investiert dafür mehr als 310 Millionen Euro.

- © Johan Dehon / Infrabel

Eine Maschine mit österreichischer Entwicklungsgeschichte

Sowohl Swietelsky als auch der RU 800 S selbst haben ihre Wurzeln in Österreich. Die Maschine wurde von Plasser & Theurer gemeinsam mit Swietelsky entwickelt, als erste Lösung, die kontinuierlichen Gleisumbau und Schotterbettreinigung in einem einzigen Arbeitsgang kombiniert, mit Entwicklungsanforderungen, die ausdrücklich aus der Zusammenarbeit mit Swietelsky entstanden. Plasser & Theurer hat seine Zentrale in Wien und ein großes Werk in Linz.

Neu ist die Maschine dabei keineswegs: Sie ging bereits 2006 in ihren ersten realen Einsatz, unter anderem auf Baustellen von ÖBB und DB. Plasser & Theurer beziffert die Bilanz nach rund 14 Einsatzjahren auf ungefähr 2.000 Kilometer gleichzeitig erneuertes und gereinigtes Gleis. Was in Belgien im August 2026 zu sehen war, ist damit keine neue Technologiedemonstration, sondern eine seit zwei Jahrzehnten bewährte österreichische Maschine, die auf einer 300-km/h-Strecke an ihre bislang engsten Zeitgrenzen gebracht wird. Dabei war es nicht der erste Einsatz auf diesem Abschnitt: 2025 hatte Swietelsky zwischen Halle und Enghien bereits das jeweils andere Gleis bearbeitet, 2026 folgte nun die zweite Fahrtrichtung desselben Abschnitts, nach einem ersten Abschnitt zwischen Tourpes und Brugelette bereits 2024.

Auf einer Brücke funktioniert die normale Logik plötzlich nicht mehr

An einer Stelle des Projekts reicht das übliche Prinzip aus Schwelle, Schiene und Schotter allerdings nicht aus. Auf der Brücke über den Charleroi-Kanal wurde eine bestehende Schienenauszugsvorrichtung durch ein neues, von Infrabel entwickeltes „Pandrol Free"-System ersetzt, eine Sonderleistung, die Swietelsky im eigenen Projektbericht ausdrücklich hervorhebt.

Der Grund liegt in der Physik durchgehend verschweißter Hochgeschwindigkeitsgleise: Temperaturänderungen erzeugen Kräfte in der Schiene, gleichzeitig dehnt sich auch eine Brückenkonstruktion aus oder zieht sich zusammen, dazu kommen Längsbewegungen durch den Zugverkehr selbst. Brücke und Schiene bewegen sich damit nicht zwangsläufig exakt gleich. Sogenannte rail-free- beziehungsweise Zero-Longitudinal-Restraint-Systeme lösen dieses Problem, indem die Schiene vertikal und seitlich sicher geführt bleibt, in Längsrichtung gegenüber der tragenden Konstruktion aber beweglicher wird, sodass unterschiedliche thermische Längenänderungen aufgenommen werden können, ohne unzulässig hohe Spannungen in der Schiene aufzubauen. Welche konkrete kommerzielle Produktvariante in Charleroi verbaut wurde, ist öffentlich nicht dokumentiert, belegt ist nur das Grundprinzip und die Urheberschaft bei Infrabel.

Beim Gleisbau entscheidet die Logistik über das Tempo: Material, Maschinen und Arbeitszüge müssen auf dem gesperrten Abschnitt exakt aufeinander abgestimmt werden. Swietelsky setzte bei der jüngsten Kampagne dafür unter anderem den Gleisumbauzug RU 800 S ein.

- © Johan Dehon / Infrabel

Ein Sommer von vielen bis 2035

Was im August 2026 zwischen Halle und Enghien passierte, ist nur ein Baustein eines deutlich längeren Programms. Infrabel hat die HSL1-Erneuerung in drei Phasen strukturiert: von 2024 bis 2027 Schwellen, Schienen und Ballast über 64 Kilometer, von 2028 bis 2030 zusätzlich 17 Weichen sowie 21 Kilometer Schienen, von 2031 bis 2035 schließlich 63 Kilometer Schienen und Ballast sowie weitere 21 Kilometer Schwellen und Ballast. Insgesamt sollen mehr als 310 Millionen Euro investiert werden, bis 2035 soll die Modernisierung vollständig abgeschlossen sein. Diese Summe betrifft das gesamte langfristige Infrabel-Programm, nicht Swietelskys konkreten Auftragswert für den diesjährigen Abschnitt, der öffentlich nicht beziffert ist.

Für den RU 800 S endet die Baustelle bei Halle und Enghien nach wenigen Wochen, die Maschine zieht weiter. Für die 32.083 neuen Schwellen beginnt jetzt der Teil, für den sie eingebaut wurden: rund hundert Hochgeschwindigkeitszüge pro Tag auszuhalten, mit bis zu 300 Kilometern pro Stunde, ungefähr alle 60 Zentimeter neu abgestützt.

FACTBOX: HSL1-Erneuerung Halle–Enghien

Projekt: Erneuerung HSL1 Brüssel–französische Grenze, Abschnitt Halle–Enghien (Teil der 2026er Kampagne Halle–Silly)
Land: Belgien
Infrastrukturbetreiber/Auftraggeber: Infrabel
Ausführendes Unternehmen: Swietelsky Rail Benelux
Konzern: Swietelsky AG, Österreich
Lokale Projektpartner laut Swietelsky: De Witte Vandecaveye, Lineas, Certus

Zeitraum

  • Swietelsky-Projektzeitraum: 5.–24. August 2026 (19-tägige Sperrpause)
  • Verkehrsunterbrechung laut Infrabel: 6.–23. August 2026
  • nächtliche Fertigstellungsarbeiten (Infrabel): 24. August–21. September 2026

Leistungsumfang Swietelsky

  • Gleiserneuerung: 19,25 km
  • neue Schienen: rund 38 km
  • neue Schwellen: 32.083 (rechnerischer Schwellenabstand: rund 0,60 m)
  • zusätzlich: Ballastreinigung, Sonderarbeit Kanalbrücke Charleroi

Aktuelle Infrabel-Angabe für die breitere 2026er Kampagne: 38,5 km Schienen, 32.150 Schwellen, 6.750 t Ballast

Maschinen: RU 800 S (Gleiserneuerung, Schotterbettreinigung), 4X-Stopfmaschine, EM-SAT (Gleisvermessung), BDS (Ballastmanagement)
Arbeitszug 2026: rund 700 m Länge (laut Infrabel)
Personal: bis zu 130 Personen gleichzeitig
Vorjahresleistung (2025): mehr als 2 km Gleiserneuerung pro produktivem Tag

RU 800 S

  • entwickelt von Plasser & Theurer gemeinsam mit Swietelsky
  • Zentrale Plasser & Theurer: Wien, Werk Linz
  • erste reale Einsätze: 2006
  • Bilanz nach rund 14 Einsatzjahren: rund 2.000 km erneuertes und gereinigtes Gleis

Sonderleistung: Ersatz eines Schienenauszugs auf der Charleroi-Kanalbrücke durch ein neues, von Infrabel entwickeltes Pandrol-Free-System

HSL1

  • in Betrieb seit: 1997 (erste belgische Hochgeschwindigkeitsstrecke)
  • Verkehr: rund 100 Hochgeschwindigkeitszüge täglich
  • Höchstgeschwindigkeit: bis 300 km/h

Gesamtmodernisierung Infrabel

  • Phase 1 (2024–2027): Schwellen, Schienen, Ballast über 64 km
  • Phase 2 (2028–2030): 17 Weichen, 21 km Schienen
  • Phase 3 (2031–2035): 63 km Schienen/Ballast, weitere 21 km Schwellen/Ballast
  • Gesamtinvestition: mehr als 310 Mio. Euro
  • geplanter Abschluss: 2035