Wachstum durch Zukauf : Strabag übernimmt Van Elle: Milliarden-Expansion in Großbritannien

Van Elle Übernahme Strabag

Mit der Übernahme von Van Elle festig die Strabag ihr Geschäft im Vereinigten Königreich. 

- © STRABAG SE

Van Elle Holdings, börsennotiert an der Londoner Börse, über 600 Mitarbeiter, rund 130 Millionen Pfund Umsatz – und bald Teil der Strabag. Anfang April einigten sich die Vorstände beider Unternehmen auf ein Übernahmeangebot. Das Closing wird bis Ende Juni 2026 erwartet, danach soll Van Elle von der Börse genommen und als private Gesellschaft weitergeführt werden.

Mit dem Kauf erwirbt die Strabag nicht nur Spezialtiefbau-Kompetenz, sondern auch Zugang zu komplementären Kundenstämmen und Endmärkten – insbesondere in den Bereichen Wohnbau, Wasser und Energie. Wer im britischen Infrastrukturmarkt dauerhaft mitspielen will, braucht lokale Verankerung. Und die bekommt man entweder über Jahrzehnte organischen Aufbaus – oder durch eine gezielte Akquisition.

Doch Van Elle ist nicht der Anfang der britischen Strabag-Geschichte – sondern das Ergebnis eines Wegs, der 2013 begann und seither an Tempo zunimmt.

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Tunnelbau als Türöffner

Als die Strabag 2013 erstmals am britischen Markt aktiv wurde, war das Unternehmen dort ein unbeschriebenes Blatt. Den Durchbruch brachte 2017 der Zuschlag für die Londoner Tunnel und Zufahrten der Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke HS2 – im Joint Venture mit Skanska und Costain. Ein Projekt von gewaltiger Dimension: 48 Kilometer doppelröhrige Tunnel, sieben Tunnelbohrmaschinen, multidisziplinäre Tiefbauarbeiten mitten in und rund um London. Stand Frühjahr 2026 sind über 70 Prozent der Erdarbeiten abgeschlossen.

Die Herausforderung bei HS2 lag nicht nur in der Bautechnik, sondern auch in der Logistik. Um den Abtransport des Aushubmaterials ohne Lkw-Verkehr auf lokalen Straßen zu bewältigen, wurde ein neun Meilen langes Fördersystem über Eisenbahnbrücken, Straßen und Kanäle errichtet. Das Material wird per Zug abtransportiert und unter anderem zur Wiederauffüllung eines ehemaligen Steinbruchs in Cambridgeshire verwendet.

Das größte Projekt der Firmengeschichte

Wenn HS2 die Eintrittskarte war, dann ist HARP der Ritterschlag. Das Haweswater Aqueduct Resilience Programme ist mit rund 3 Milliarden Pfund – umgerechnet etwa 3,5 Milliarden Euro – das größte britische Projekt in der Firmengeschichte. Im August 2025 wurde der Auftrag offiziell an das Konsortium Cascade Infrastructure vergeben, bestehend aus Strabag UK, dem Infrastrukturinvestor Equitix und GLIL Infrastructure.

Im Kern geht es um die Modernisierung des 110 Kilometer langen Haweswater-Aquädukts, das zwischen 1933 und 1955 gebaut wurde und Trinkwasser aus dem Lake District durch Lancashire in den Großraum Manchester transportiert. Sechs kritische Tunnelabschnitte mit einer Gesamtlänge von rund 50 Kilometern werden ersetzt, um die Wasserversorgung für 2,5 Millionen Menschen langfristig zu sichern. Der Vertrag umfasst Finanzierung, Planung, Bau und eine 25-jährige Instandhaltungsphase – Strabag UK verantwortet sowohl die Planung als auch die Bauausführung, für die rund neun Jahre veranschlagt werden. Im März 2026 erhielt das Projekt den PFI Award der London Stock Exchange Group als „European Infrastructure Deal of the Year 2025".

Für CEO Stefan Kratochwill fügt sich HARP in die Strategie 2030 ein, die eine breitere Aufstellung über die Kernmärkte in Zentral- und Osteuropa hinaus vorsieht. Strabag baut dabei nicht nur, sondern beteiligt sich über die Konsortialstruktur auch finanziell am Projekt.

Vom Neuling zur Division

2013 Markteintritt, 2017 der erste Großauftrag mit HS2, 2023 eine eigene Fertigungsstätte in Hartlepool und eine Hochbau-Einheit bei Birmingham, Anfang 2025 die Aufnahme als zwölfte Division in die Konzernstruktur – und jetzt mit Van Elle der erste Zukauf. Über 1.500 direkt Beschäftigte, aktiv in den Sektoren Energie, Wasser, Hochbau und Verkehr, vom Norden Schottlands bis London – und bald auch im Spezialtiefbau. Für einen Konzern, der auf der Insel vor gut einem Jahrzehnt bei null angefangen hat, ist das eine beachtliche Bilanz.

Der britische Markt tickt anders

Simon Wild verantwortet als Unternehmensbereichsleiter das gesamte UK-Geschäft der Strabag. Im SOLID-Interview erklärt er, was hinter dem Van-Elle-Zukauf steckt und warum die Insel für den Konzern strategisch an Bedeutung gewinnt. 

SOLID: Was macht Van Elle als Unternehmen konkret – welche Leistungen im Spezialtiefbau bringt der Zukauf ins Portfolio, und in welchen Endmärkten ist Van Elle besonders stark?

Simon Wild: Van Elle ist Großbritanniens führendes Spezialtiefbau- und Geotechnikunternehmen. Mit dem Zukauf erweitern wir unser Portfolio maßgeblich um technologisches Know-how in den Bereichen Pfahlgründungen, Bodenverbesserung, Spezialbohrungen sowie modulare Fundamentsysteme. Das Unternehmen verfügt über eine etablierte Marktposition und ist besonders in drei strategisch wichtigen Endmärkten stark wie Wohnbau, Wasser- und Energieinfrastruktur, Schienen- und Transportinfrastruktur. Diese Expertise ergänzt unser bisheriges Leistungsspektrum im Tiefbau ideal und eröffnet uns neue, wachstumsstarke Märkte.

Was unterscheidet den britischen Markt von den Kernmärkten in Zentral- und Osteuropa, und was musste die STRABAG dort anders machen?

Simon Wild: Viele Trends sind ähnlich zu unseren kontinentalen Kernmärkten, etwa der hohe Infrastrukturbedarf oder der Fachkräftemangel. Was den britischen Markt jedoch positiv abhebt, ist das weit verbreitete ‚Early Contractor Involvement‘ und kooperative Partnerschaftsmodelle. Für uns als STRABAG bedeutet das: Gerade bei den großen Infrastrukturmaßnahmen sitzen wir viel früher mit am Tisch und können unser Know-how und unseren Best-for-Project Approach einbringen.

Wie wichtig ist das britische Geschäft für die STRABAG insgesamt?

Simon Wild: STRABAG hat sich mit der Strategie 2030 vorgenommen, das Länder- und Geschäftsfeld-Portfolio weiter zu diversifizieren, um sich noch resilienter aufzustellen. Da wir in UK bereits gute Erfahrungen gemacht haben, hat der Vorstand beschlossen, auf dieser guten Basis weiter aufzubauen und entsprechend im Land zu investieren.

Simon Wild
Simon Wild ist für das UK-Geschäft der Strabag verantwortlich. - © STRABAG SE