Strabag-CEO im Interview : Strabag-CEO Kratochwill: „Wir könnten Asphalt zu 95 Prozent recyceln – es fehlt der politische Wille"
Inhalt
- Vom Maschinenchef zum Konzernlenker: ein Jahr an der Spitze
- „In Österreich tun wir uns schwer": wo es klemmt
- Vom Baukonzern zum Technologieanbieter
- „95 Prozent Recycling wären möglich – es fehlt der politische Wille"
- Australien, Großbritannien, Chile: die neuen Märkte
- Digitalisierung und autonome Maschinen gegen den Fachkräftemangel
- Leistbarer Wohnbau: „Bauzeit fast halbieren"
- „Unterlassene Instandhaltung wird später teurer": das Infrastrukturrisiko
- Zur Person: Stefan Kratochwill
Strabag-Vorstandsvorsitzender Stefan Kratochwill im großen SOLID-Interview.
- © Thomas TopfSOLID: Bevor wir einsteigen – wo waren Sie am 17. und 18. Jänner 2025, als Ihr Leben plötzlich eine Wendung genommen hat?
Stefan Kratochwill: An diesem 17. Jänner war ich zu Hause, als ich die Nachricht vom Tod von Klemens Haselsteiner bekommen habe. Wir konnten das alle zuerst überhaupt nicht glauben. Wir saßen zusammen, haben Leute im Unternehmen angerufen und versucht herauszufinden, was genau passiert ist. Es war einfach unbegreifbar. In den Wochen danach ist mein Leben dann tatsächlich ganz anders und ziemlich turbulent geworden.
Und wie ist der Prozess dann weitergegangen? Ihren Namen hatte ich ehrlich gesagt überhaupt nicht auf einer Liste.
Kratochwill: Die Aufsichtsratsvorsitzende hatte ein Gremium gebildet, das sich bestehende Führungskräfte angesehen und geprüft hat, wer diese Aufgabe übernehmen könnte. Der Prozess lief sehr zügig, ich hatte intensive Gespräche mit dem Aufsichtsrat und am 19. Februar erfolgte bereits die Bestellung und damit die Veröffentlichung. Es gehört zu meinem Charakter, Aufgaben anzunehmen, die sich mir stellen – gerade in der Strabag, die meine berufliche Familie ist.
Vom Maschinenchef zum Konzernlenker: ein Jahr an der Spitze
Haben Sie davor schon eng mit Klemens Haselsteiner zusammengearbeitet?
Kratochwill: Ich war für die Maschinenabteilung zuständig. Er war zunächst in Russland, dann in Stuttgart. In der Zeit habe ich ihn vielleicht ein oder zweimal getroffen. Ab 2019 wurde es enger, als er die Innovations- und Digitalisierungseinheit aufgebaut hat - da gab es natürlich viele Schnittstellen. Bei der Erarbeitung der Strategie 2030 haben wir schließlich sehr viel zusammengearbeitet, weil Maschinenthemen einen wichtigen Anteil eingenommen haben. In den letzten zwei Jahren war er mein direkter Vorgesetzter.
Sie sind jetzt etwa ein Jahr Vorstandsvorsitzender. Und wirtschaftlich war es ein extrem erfolgreiches Jahr: 20 Milliarden Euro Bauleistung, eine EBITMarge von über 6,5 Prozent.
Kratochwill: Ja, die bereits veröffentlichten Zahlen sprechen für sich und auch die Prognose für die EBIT-Marge haben wir auf zumindest 6,5% angehoben.
Vor zwei oder drei Jahren hat man solche Margen noch als Ausreißer gesehen – begünstigt durch viel Liquidität. Jetzt scheint sich das zu stabilisieren. Gibt es da überhaupt noch Wünsche? Läuft es gerade so komfortabel?
Kratochwill: Wenn man nur auf die Konzernzahlen schaut, könnte man das meinen. Hinter den mehr als 31 Milliarden Euro Auftragsbestand steckt aber wahnsinnig viel Arbeit. Wir haben über 86.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in mehr als 50 Ländern. Wenn man den Konzern als Ganzes betrachtet, sind das natürlich tolle Zahlen.
Wenn man aber ins Detail schaut – und das muss man tun, wenn man erfolgreich bleiben oder noch besser werden will –, dann muss man sich auch die Bereiche ansehen, die aktuell nicht gut funktionieren. Und die gibt es selbstverständlich auch.
„In Österreich tun wir uns schwer": wo es klemmt
Das bedeutet zugespitzt: Wenn die Zahlen schlecht sind, ist es zu spät, sich damit zu befassen?
Kratochwill: In dieser Verkürzung trifft es den Kern. Wenn negative Entwicklungen in den zentralen Kennzahlen sichtbar werden, ist der Handlungsspielraum häufig bereits eingeschränkt. Die Herausforderung besteht darin, frühzeitig gegenzusteuern und entsprechende Maßnahmen rechtzeitig einzuleiten.
Können Sie das konkretisieren?
Kratochwill: In Österreich z.B. tun wir uns aktuell schwer. Die wirtschaftliche Lage ist nicht gut. Historisch kommen wir hier sehr stark aus dem Verkehrswegebau. Stärken, die wir früher hatten – etwa das flächendeckende Netz an Asphaltmischanlagen – sind derzeit ein Nachteil. Die Fixkosten bleiben, während das Asphaltgeschäft stark zurückgegangen ist. Unter diesen Rahmenbedingungen sinkt die Leistung und letztlich auch die Marge. Da heißt es, rechtzeitig gegenzusteuern.
In Märkten wie Rumänien oder Kroatien konkurrieren wir zudem mit türkischen und chinesischen Unternehmen. Wir sind es gewohnt zu kämpfen und unsere Kosten im Griff zu haben. Und genau das müssen wir konzernweit tun.
Vom Baukonzern zum Technologieanbieter
Jeder Strabag-CEO hatte bisher einen Claim. Kommt Ihrer auch?
Kratochwill: Die letzte große Ausrichtung war die Strategie 2030, die wir gemeinsam erarbeitet haben. Die haben wir bewusst fortgeschrieben. Sie ist ein guter Rahmen, weil sie zeigt, dass wir über politische Legislaturperioden hinausdenken. Jetzt sind wir an dem Punkt, an dem vieles vorbereitet ist – jetzt können wir umsetzen. Mein Motto „Machen ist wie Wollen nur besser“ passt in diese Phase unsrer Strategie 2030 gut. Natürlich setze ich auch inhaltlich eigene Schwerpunkte, aber grundsätzlich ist es ein laufender Prozess, den wir immer weiter anpassen.
Entwickelt sich die Strabag vom klassischen Baukonzern zum Technologieanbieter fürs Bauen?
Kratochwill: Das Baugeschäft ist und bleibt unsere Kernaufgabe. Aber wir haben uns vorgenommen, Technologieführerin unserer Branche zu sein. Deshalb treiben wir Innovation und Digitalisierung voran und erweitern unsere Wertschöpfungskette. Um ein paar Beispiele zu nennen: Mit Zukäufen im Bereich technische Gebäudeausstattung können wir aus einer Hand alle Services anbieten, die notwendig sind, um Gebäude zu dekarbonisieren. Im Hochbau treiben wir serielles Bauen voran, um schneller und kostengünstiger zu werden. Im Verkehrswegebau setzen wir bereits erste autonom fahrende Fertiger ein. Und in der Rohstoffproduktion wollen wir höhere Recyclingquoten erzielen. Unsere Kernkultur bleibt das Bauen, aber wir stellen uns breiter und stärker auf.
„95 Prozent Recycling wären möglich – es fehlt der politische Wille"
Beim Recycling hört man oft: technisch überzeugend, aber schwierig am Markt.
Kratochwill: Wir haben unsere eigenen Produktionsanlagen – Beton, Asphalt, Steinbrüche – und machen uns damit unabhängiger. Ressourcen sind aber endlich, Primärrohstoffe ebenso wie Deponiekapazitäten. Deshalb muss man sie bestmöglich nutzen. Wenn man den Bauprozess ganzheitlich denkt – Bauen, Betreiben, Recyceln, wieder zurück in die Produktion –, dann schließt sich der Kreis.
Beim Asphalt ist etwa technologisch viel mehr möglich, als derzeit genutzt wird. Unsere Mischanlagen könnten bereits einen Recyclinganteil von 90 bis 95 Prozent produzieren. Derzeit werden in der Regel maximal 10 Prozent eingebaut. Es braucht politischen Willen. Es reicht nicht, nur darüber zu reden. Gemeinden und andere Auftraggeber müssen Ausschreibungen so gestalten, dass Recyclingmaterial nicht nur möglich sind, sondern bevorzugt verwendet wird. Es gibt in Österreich erste positive Beispiele. Wir haben gemeinsam mit der Asfinag40.000 Tonnen Asphalt mit 70 Prozent Recyclinganteil eingebaut. Solche Projekte gibt es, aber es müsste deutlich mehr davon geben.
Australien, Großbritannien, Chile: die neuen Märkte
Wenn die Strabag das alles abdeckt: Warum sollte es neben ihr überhaupt noch andere Bauunternehmen geben?
Kratochwill: Wettbewerb ist ein wesentlicher Treiber für Innovation und Effizienz. Er sorgt dafür, dass sich alle Marktteilnehmer kontinuierlich weiterentwickeln.
Was ist heuer oder in den nächsten drei Jahren konkret zu erwarten?
Kratochwill: Erste Erfolge sind sichtbar. Viele Projekte im Auftragsbestand kommen aus den neuen Themenfeldern unserer Strategie. Wir wachsen in der Energie und Wasserinfrastruktur, unsere Property und FacilityServices haben 2024 erstmals mehr als eine Milliarde Umsatz gemacht mit besonderen Zuwächsen in der Technischen Gebäudeausrüstung.
Ein weiteres Beispiel ist die Übernahme der Georgiou Group in Australien – dadurch haben wir unseren außereuropäischen Anteil fast verdoppelt. In Großbritannien haben wir mit HARP unser größtes Projekt der Firmengeschichte gewonnen: 110 Kilometer Leitung, sechs Tunnel, 3,5 Milliarden Euro Auftragswert, neun Jahre Bauzeit plus 25 Jahre Maintenance.
Weitere Zukunftsmärkte sind Chile, wo wir seit vielen Jahren erfolgreich im Mining tätig sind, ebenso Kanada, wo wir Raum Toronto ebenfalls seit Jahren gut vertreten. Das sind Märkte, die wir auch in Zukunft im Blick haben.
Digitalisierung und autonome Maschinen gegen den Fachkräftemangel
Digitalisierung wirkt in der Bauwirtschaft oft noch sehr fragmentiert. Wird es dieses „große Ganze“ jemals geben?
Kratochwill: Es gibt derzeit viele Einzellösungen, die gut funktionieren – KIgestütztes Risikomanagement oder auch Kalkulation, die von KI unterstützt wird. Was uns aktuell noch fehlt, ist die Zusammenführung dieser einzelnen Lösungen in größere Prozessketten und letztlich in einen Gesamtprozess. Wenn es uns gelingen würde, einen Datensatz entsprechend unserer Wertschöpfungskette durchgängig von der Planung über den Bau, zur Instandhaltung bis hin zum Rückbau zu pflegen, wäre das ein echter Wettbewerbsvorteil.
Stichwort Robotik und Maschinen: Was passiert hier konkret?
Kratochwill: Grundlage ist das digitale Modell. Mit dem digitalen Modell und der Maschinensteuerung kommt man im ersten Schritt zu ferngesteuerten Lösungen und später zu autonom fahrenden Maschinen. Gerade mit Blick auf den bestehenden und künftig noch stärkeren Fachkräftemangel ist das für unsere Branche natürlich ein großes Thema. Wir beschäftigen uns nicht nur mit Robotik im Bau, sondern auch im Facility Management oder etwa in der Produktion – in unseren Fertigteilwerken funktioniert die Fertigung bereits großteils robotergestützt.
Das Ziel der Strabag unter Klemens Haselsteiner war Klimaneutralität bis 2040 – gilt das weiterhin?
Kratochwill: Ja. Wir haben gemäß der Science Based Target Initiative unsere größten Hebel definiert: Maschinen, Fuhrpark, Asphaltmischanlagen. In manchen Bereichen braucht es noch Technologiesprünge, aber in anderen geht schon sehr viel, etwa im Fuhrpark und bei Kleingeräten. Wir sehen die Energiewende nicht als Bedrohung, sondern als Chance für Wachstum und Unabhängigkeit.
Leistbarer Wohnbau: „Bauzeit fast halbieren"
Inwieweit profitieren Sie da von Ihrer stabilen Eigentümerstruktur? Kratochwill: Das ermöglicht uns, langfristig zu denken und strategische Entwicklungen konsequent umzusetzen. Gleichzeitig hat sich die Aktionärsstruktur zuletzt etwas verbreitert, was die Kapitalmarktfähigkeit stärkt.
Wird der Hochbau an Bedeutung verlieren?
Kratochwill: Nein, aber er wird sich verändern – insbesondere durch serielle Bauweisen. Es muss schneller, effizienter und nachhaltiger gebaut werden, und zugleich steht der Fachkräftemangel im Raum. Serielles Bauen liegt daher auf der Hand.
Wie groß sehen Sie Ihre gesellschaftliche Verantwortung im Wohnbau? Kratochwill: Der Bedarf ist enorm. Wir sehen unsere Aufgabe darin, wirtschaftlich tragfähige Lösungen anzubieten. Das zeigen wir mit unserem neuen Produkt Tetriqx. Durch die standardisierte Planung und die serielle Bauweise lässt sich die Bauzeit um fast die Hälfte halbieren und ein günstiger Quadratmeterpreis erzielen.
Wie sieht es beim Bauen im Bestand aus?
Kratochwill: Das wird ein zentrales Thema der kommenden Jahre. Wenn Europa bis 2050 klimaneutral werden will, dann betrifft das vor allem Gebäude, die bereits heute stehen. Entsprechend rückt der Bestand stark in den Fokus.
Wir sehen hier großes Potenzial. Projekte wie die Generalsanierung der PVA zeigen, dass sich Bestandsgebäude technisch auf ein Niveau bringen lassen, das einem Neubau sehr nahekommt. Wenn der Eigentümer langfristig denkt, ist das eine Win-win-Situation. Durch geringere Betriebskosten – etwa wegen des neuen Heizsystems und der besseren Fassade – kann sich die Investition in weniger als zehn Jahren über die Einsparungen amortisieren. Wir sind in diesem Bereich sehr stark aufgestellt. Wir können dort bis zur Fassade, die wir in unserem eigenen Werk fertigen, alles selbst anbieten.
Ist Bauen im Bestand nicht oft teurer als Neubau?
Kratochwill: Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Man spart sich Abbruch, Entsorgung und große Teile des Rohbaus. Wenn die Grundstruktur passt, kann das wirtschaftlich durchaus sinnvoll sein. Auch aus Nachhaltigkeitssicht ist Bauen im Bestand sehr sinnvoll.
„Unterlassene Instandhaltung wird später teurer": das Infrastrukturrisiko
Wie schätzen Sie die Situation der österreichischen Bauwirtschaft ein?
Kratochwill: Die größte Herausforderung sehen wir bei der Infrastruktur – besonders bei Gemeinde und Landesstraßen. Dort wird am schnellsten gespart, weil man die Folgen erst Jahre später sieht. Unterlassene Instandhaltung wird später viel teurer.
Ein gutes Beispiel ist die Deutsche Bahn, wo über Jahre zu wenig investiert wurde. Die Asfinag ist dagegen sehr stabil, weil sie langfristiger planen kann.
Wie groß wird die Strabag noch?
Kratochwill: Wir konzentrieren uns auf das Ergebnis. Wachstum ergibt sich daraus, ist aber kein Selbstzweck. Insgesamt wollen wir uns breiter aufstellen – geografisch und über verschiedene Geschäftsfelder hinweg, aber es gibt kein konkretes Wachstumsziel. Die wichtigste Kennzahl bleibt die EBIT-Marge. Unser Ziel ist langfristig eine stabile EBIT-Marge von 6% zu erreichen, bei gleichzeitig konservativer Planung.
Zur Person: Stefan Kratochwill
Funktion: Vorstandsvorsitzender (CEO) der STRABAG SE. Im Amt seit 19. Februar 2025, als Nachfolger des am 17. Jänner 2025 unerwartet verstorbenen Klemens Haselsteiner. Sein Vorstandsmandat läuft bis 31. Dezember 2030.
Geboren: 29. Jänner 1977 in Wien.
Ausbildung: Studium des Wirtschaftsingenieurwesens Maschinenbau an der Technischen Universität Wien, abgeschlossen als Diplom-Ingenieur.
Werdegang: Kratochwill stieg 2003 nach Abschluss seines Studiums als Trainee bei STRABAG ein und ist seither im Konzern tätig. Erste Stationen führten ihn nach Südosteuropa, wo er die Organisationsstrukturen der Baumaschinentochter STRABAG BMTI in Rumänien, Bulgarien, Serbien und Montenegro aufbaute. Danach leitete er das europäische Gleisbaumaschinen-Geschäft. Ab 2017 war er Zentralbereichsleiter und Geschäftsführer der STRABAG BMTI GmbH, mit Verantwortung für mehr als 3.000 Mitarbeitende international. In dieser Funktion wirkte er an der Weiterentwicklung der Konzernstrategie mit, bevor er im Februar 2025 an die Konzernspitze rückte.