Tunnelbau für die Energiewende : 5,2 Kilometer unter der Elbe: PORR erreicht den SuedLink-Durchschlag
Die Tunnelbohrmaschine „Elsa“ im Startschacht bei Wewelsfleth: Die rund 700 Tonnen schwere Maschine bohrte den 5,2 Kilometer langen ElbX-Kabeltunnel für die SuedLink-Trasse unter der Elbe.
- © PORRAm 22. Juni tauchte die Tunnelbohrmaschine im Zielschacht von Wischhafen auf der niedersächsischen Seite der Elbe auf. Hinter ihr lagen 5,2 Kilometer durch Ton, Torf, Sand, Kies und Findlinge, in mehreren Dutzend Metern Tiefe unter einem der wichtigsten Flüsse Deutschlands. Vor ihr liegen noch Innenausbau, technische Ausrüstung und der spätere Einzug von sechs 525-kV-Gleichstromkabeln. Für die Beteiligten ist der Durchschlag trotzdem der entscheidende Moment: Die Röhre für einen der schwierigsten Abschnitte der deutschen Stromtrasse SuedLink steht.
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Den Tunnelvortrieb unter der Elbe realisierte die ARGE Tunnel ElbX, ein Zusammenschluss der PORR und der Wayss & Freytag Ingenieurbau, im Auftrag von TenneT Germany, dem größten deutschen Übertragungsnetzbetreiber. Den Gesamtauftrag für die Elbquerung ElbX, also nicht nur den Tunnel, sondern auch die Schachtbauwerke und Betriebsgebäude an beiden Ufern, trägt die PORR, die dabei ihren Ingenieur- und Spezialtiefbau einbrachte. Die Planungen für das Vorhaben reichen bis ins Jahr 2017 zurück; der symbolische Spatenstich fiel im September 2023 in Wewelsfleth.
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„Der Tunnelbau unter der Elbe ist ein bedeutendes und komplexes Projekt, das uns als Bauunternehmen immer wieder vor Herausforderungen gestellt hat. Dennoch konnten wir diesen Meilenstein früher als geplant erreichen. Wir sind stolz, gemeinsam mit unseren Projektpartnern diesen Erfolg feiern zu können.“Karl-Heinz Strauss, CEO PORR
Dass der Durchschlag früher als prognostiziert gelang, lag an den letzten rund 400 Metern: Dort verbesserten sich die Bodenverhältnisse deutlich, und die Maschine erreichte Spitzenwerte. Der maximale Tagesvortrieb betrug 32,6 Meter oder 25 Tübbingringe, in der besten Woche schaffte das Team 158,7 Meter. Zum Vergleich: Unter normalen Bedingungen kam die Maschine auf rund zehn Meter pro Tag. Bereits im November 2025 war nach 2,6 Kilometern das sogenannte Bergfest gefeiert worden, die Hälfte der Strecke; Anfang April 2026 stand der Bohrkopf bei gut 3.900 Metern und damit bei rund drei Vierteln der Gesamtstrecke, während zugleich der 3.000. Tübbingring eingebaut wurde.
25 Meter tiefe Baugruben: Wie der Tunnel an beiden Elbufern beginnt
Bevor die Bohrmaschine überhaupt starten konnte, mussten an beiden Ufern die Zugangsbauwerke entstehen. In Wewelsfleth in Schleswig-Holstein liegt der Startschacht, in Wischhafen in Niedersachsen der Zielschacht. Beide Baugruben reichen rund 25 Meter tief und 60 Meter breit in den Boden. In ihnen entstehen mehrgeschoßige Schachtbauwerke, auf der schleswig-holsteinischen Seite wurde am zweiten Untergeschoss gearbeitet, auf der niedersächsischen bereits am fünften. Sie nehmen später die Anbindung der sechs Gleichstromkabel an den Tunnel sowie die Muffengebäude auf.
Der Aushub dieser Gruben war Spezialtiefbau unter erschwerten Bedingungen. Auf der schleswig-holsteinischen Seite wurden die Schlitzwände bis zu 39 Meter tief und 1,5 Meter breit ausgeführt, auf niedersächsischer Seite sogar bis zu 51 Meter tief. Schon die Schlitzwandarbeiten in Schleswig-Holstein liefen im Winter 2023 unter schwierigen Wetterbedingungen, mit Windlasten, aufgeweichtem Boden und anspruchsvoller Logistik. Rund 25.000 Kubikmeter Marschboden mussten auf der SH-Seite unter Wasser ausgehoben werden, weil das Wasser die Baugrubensohle gegen den Auftrieb stabilisierte. Das Wasser wurde etappenweise und bei gleichzeitiger Aussteifung der Baugrube abgesenkt.
Erst danach folgten Auftriebssicherungspfähle und eine 1,20 Meter starke Unterwasserbetonsohle, deren Einbau Industrietaucher vorbereiteten, indem sie Schlamm und Suspensionsreste entfernten. Auf der niedersächsischen Seite konnte man sich diese Unterwasserbetonsohle sparen: Dort übernahm der anstehende, nahezu wasserundurchlässige Lauenburger Ton einen Teil der Sicherungsfunktion. Für die Startseite nennt die PORR insgesamt 44 Schlitzwandlamellen und 549 Verdrängungspfähle.
Tunnelbohrmaschine „Elsa“: 190 Meter lang, 700 Tonnen schwer
Die eigens für dieses Projekt gefertigte Tunnelbohrmaschine trug den Namen Elsa, ein Akronym für „ElbX lässt SuedLink-Strom ankommen". Es handelte sich um ein Mixschild des Herstellers Herrenknecht: 190 Meter lang, rund 700 Tonnen schwer, mit einem Schneidrad von 4,94 Metern Durchmesser. Ausgelegt war sie exakt auf die wechselhaften Bodenverhältnisse unter der Elbe und mit einem hochkomplexen Dichtungssystem für Arbeiten in großer Tiefe ausgestattet.
Schon der Transport war ein logistisches Vorhaben für sich. Die Werksabnahme fand im Juli 2024 im Herrenknecht-Werk in Schwanau statt, danach wurde die Maschine demontiert. Ihre Hauptkomponenten kamen im Herbst 2024 per Schiff in den Norden nach Schleswig-Holstein und wurden anschließend per Schwerlastlogistik über die Bundesstraße rund zwei Kilometer zum Startschacht gebracht. Vor Ort erfolgte der Einhub in die Startbaugrube und die schrittweise Montage. Anfang 2025 begann der maschinelle Vortrieb.
Elsa bohrte nicht bloß einen Hohlraum. Ihre Aufgabe war es, den Boden abzutragen und zugleich die Betonsegmente einzubauen, die die Tunnelröhre auskleiden und stabilisieren. Über ein Schienensystem im Tunnel wurden die Tübbinge in Zügen von der Startbaugrube bis zur Maschine gefahren, wo sie Ring für Ring verbaut wurden. So entstand hinter der Maschine ein fertig ausgekleideter Tunnel mit einem Innendurchmesser von vier Metern, gesichert durch eine einschalige, 30 Zentimeter starke Tübbingauskleidung. Aus einem Bohrvorgang und einem Einbauvorgang wurde damit ein einziger, kontinuierlicher Arbeitsschritt.
Lauenburger Ton und 4,8 bar Druckluft: der schwierige Baugrund unter der Elbe
So eindrucksvoll die Maschine ist, die eigentliche Leistung lag im Umgang mit dem Untergrund. Unter der Elbe lagen keine gleichförmigen Schichten, sondern ein ständiger Wechsel aus Ton, Klei, Torf, Sand, Kies sowie Steinen und Findlingen. Schon beim Bau der Baugruben zeigte sich, was das bedeutet: Kurz vor Weihnachten 2023 musste ein 27 Meter tief liegender Granit-Gneis-Findling geborgen werden, der die Arbeiten kurzzeitig aufhielt und zugleich geologisch interessante Einblicke bot.
Besonders anspruchsvoll war der zähe Lauenburger Ton unter dem Flussbett. Unter der Fahrrinne, dem schiffbaren Hauptkanal der Elbe, waren zudem Arbeiten unter Druckluft von bis zu 4,8 bar nötig, um dem Wasserdruck standzuhalten. Diese Bedingungen begrenzten die Zeit, die Arbeiter am Schneidrad verbringen durften, auf rund 50 Minuten pro Schicht. Dass die Maschine mit diesen stark wechselnden geologischen und wasserführenden Verhältnissen zurechtkam, war die eigentliche Bewährungsprobe, nicht der Rekordvortrieb auf den letzten Metern.
Der erfolgreiche Durchschlag zeigt, was durch das Zusammenspiel aus moderner Tunneltechnik, Erfahrung und einem eingespielten sowie motivierten Team möglich ist. Die Leistung basiert auf präziser Planung und einer engen Zusammenarbeit über alle Gewerke hinweg.René Hallbauer, Projektleiter Tunnelbau PORR
Sicherheit spielte über die gesamte Bauzeit eine große Rolle. Zu den bauzeitlichen Maßnahmen im Tunnel gehörten Rauch- und Hochwasserschotts, und auf dem Gelände war zu jeder Zeit eine Feuerwehr einsatzbereit. Die Gesamtkoordination des Projekts lief modellbasiert, alle Fachdisziplinen wurden in einem gemeinsamen 3D-Modell zusammengeführt; die BIM-Koordination verantwortete die zur PORR-Gruppe gehörende pde Integrale Planung. Der jetzige Meilenstein ist jedoch erstmals sichtbar gebaut.
Sechs 525-kV-Kabel für SuedLink: Wofür der Elbtunnel gebohrt wurde
Der Grund für den ganzen Aufwand liegt an der Oberfläche, im deutschen Stromnetz. ElbX ist Teil von SuedLink, einer der großen unterirdischen Gleichstromverbindungen, die Windstrom aus dem Norden Deutschlands in den verbrauchsstarken Süden transportieren sollen. Die Bundesnetzagentur beziffert die Trassenlänge des Gesamtvorhabens auf rund 700 Kilometer; SuedLink verbindet Schleswig-Holstein mit Baden-Württemberg und Bayern und ist ein gemeinsames Vorhaben der Netzbetreiber TenneT und TransnetBW. Der nördliche Teil und damit auch ElbX liegt in der Verantwortung von TenneT.
Der ElbX-Tunnel ist innerhalb dieses riesigen Projekts das Nadelöhr unter der Elbe. Durch die fertige Röhre sollen später sechs 525-kV-Gleichstromkabel laufen, darunter laut PORR zwei Reservekabel. Sie liegen dann nicht in einem nackten Betonrohr, sondern in einem ausgerüsteten Tunnel mit Sicherheits-, Steuerungs- und Überwachungstechnik sowie Schienen für Wartungs- und Reparaturfahrzeuge. Damit wird eine Elbquerung, für die eine offene Bauweise durch den schiffbaren Fluss ausgeschlossen war, zur dauerhaft betriebenen Stromverbindung.
Fertigstellung 2027, Inbetriebnahme 2028: Was nach dem Durchschlag noch kommt
Mit dem Durchschlag ist der spektakulärste Teil vorbei, aber nicht die Arbeit. Die Maschine wird nun im Zielschacht ausgehoben und in ihre Einzelteile zerlegt. Parallel wird die Röhre für den Kabeleinzug vorbereitet, es folgen Innenausbau, technische Ausrüstung, Betriebs- und Sicherheitsinfrastruktur sowie die Anbindung an die Schacht- und Betriebsgebäude auf beiden Seiten der Elbe.
Der aktuell kommunizierte Zeitplan sieht die Fertigstellung von ElbX für Sommer 2027 vor, der Einzug der Kabel soll gegen Ende 2027 beginnen. Die gesamte SuedLink-Trasse soll ab 2028 in Betrieb gehen, nach aktueller Planung erfolgt der erste Stromfluss im vierten Quartal 2028. Bis durch den Tunnel unter der Elbe tatsächlich Strom fließt, vergehen also noch Jahre. Der Durchschlag markiert den Moment, in dem aus einem Bauvorhaben eine Röhre wurde, die es vorher nicht gab, und in dem die eigentliche Betriebsinfrastruktur erst beginnt zu entstehen.