Hochhausbau in Wien : 12.000 Quadratmeter Solar-Fassade: Wie der DC Tower 2 zum Kraftwerk wird

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Der DC Tower 2 soll Ende 2026 fertig sein. Seine 175 Meter hohe Fassade integriert auf Ost-, West- und Südseite rund 12.000 Quadratmeter Photovoltaik und soll damit bis zu eine Million Kilowattstunden Strom pro Jahr erzeugen.

- © achim reissner / PERI SE

Wo im Jänner noch der nackte Beton des Rohbaus dominierte, zeichnet sich seit dem Frühjahr die endgültige Gestalt ab: Der DC Tower 2 bekommt seine Außenhaut, und diese Hülle ist kein gewöhnlicher Fassadenmantel aus Glas und Aluminium. Auf drei Seiten des Turms entsteht ein vertikales Solarkraftwerk, 3.432 Photovoltaikelemente, die Strom erzeugen, die Räume verschatten und die Skyline der Donau City prägen. Der Betonrohbau verwandelt sich damit in ein energetisch aktives Bauwerk.

Hinter dem Projekt steht die S+B Gruppe als Bauherrin und Entwicklerin, als Investorenpartner ist die Commerz Real Investment beteiligt, den Hochbau verantwortet die PORR Bau GmbH. Die Fassade planten die Werner Sobek AG gemeinsam mit den Architekturbüros Dominique Perrault Architecture und Hoffmann-Janz Architects. Die Fertigstellung ist für das vierte Quartal 2026 vorgesehen, dann sollen die ersten Mieter einziehen.

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Die Dimension: 175 Meter, 53 Geschosse, 3.432 Solarelemente

Der DC Tower 2 ist der zweite der drei von Dominique Perrault entworfenen Donau-City-Türme. Mit 175 Metern und 53 Obergeschossen bleibt er etwas niedriger als der 2014 eröffnete DC Tower 1, das mit 250 Metern höchste Gebäude Österreichs; der DC Tower 3 wurde 2022 fertiggestellt. Anders als zunächst geplant ist der zweite Turm kein bloßer Zwilling des ersten: Auf Empfehlung des Wiener Fachbeirats für Stadtplanung und Stadtgestaltung wurde der Entwurf überarbeitet, der Turm bekam eine eigene, schlankere Formensprache, umlaufende Loggien und eine gemischte Nutzung statt einer fast reinen Büronutzung.

Über einem Sockel mit Gastronomie und Co-Working-Flächen liegen 30 Bürogeschosse mit jeweils rund 980 Quadratmetern Bürofläche, deren Aufteilung sich flexibel nach den Mieterwünschen gestalten lässt. Ab einer Höhe von 102 Metern folgen 314 Mietwohnungen mit umlaufenden Loggien, ausgestattet im gehobenen Segment: Für die Bewohner sind unter anderem ein Kinoraum, Proberäume für Musiker und Weinlagerräume für die Penthouse-Wohnungen vorgesehen. Insgesamt umfasst der Turm rund 62.800 Quadratmeter Nutzfläche, die Werner Sobek AG nennt für die Fassadenplanung eine Bruttogeschoßfläche von rund 90.000 Quadratmetern.

Die rund 12.000 Quadratmeter Photovoltaik verteilen sich auf Ost-, West- und Südseite, bei einer Gesamtfassadenfläche dieser drei Seiten von etwa 24.000 Quadratmetern. Der angestrebte Jahresertrag liegt zwischen 800.000 und einer Million Kilowattstunden.

Mit Kletterbühnen und Schalungssystemen von PERI wuchs der DC Tower 2 in der Donau City in die Höhe. Das abgestimmte Kletter- und Schalungskonzept ermöglichte beim 175-Meter-Turm einen Baufortschritt von bis zu einem Geschoß pro Woche.

- © achim reissner / PERI SE

Spezialtiefbau am dichtesten Punkt der Donau City

Bevor die Fassade ihre Wirkung entfalten konnte, stand die eigentliche bauliche Leistung an: ein 175-Meter-Turm auf einem der dichtesten Baufelder Wiens. Der DC Tower 2 steht unmittelbar neben den bestehenden Türmen DC Tower 1 und 3, eingezwängt zwischen der Überplattung der Donauuferautobahn A22, der U-Bahn, dem A22-Zubringer und dem Wien-Kanal-Netz. Die unmittelbare Nähe zur Donau und zur Autobahnüberplattung stellte besondere Anforderungen an das Setzungsverhalten und machte eine Spezialtiefgründung nötig.

Die Spezialtiefbauarbeiten begannen im März 2022 mit der Herstellung der Schlitzwände für die Baugrubenumschließung. Die Baugrube reichte 22,7 Meter in die Tiefe, ein Aushub, der angesichts der umliegenden Infrastruktur und der beengten Platzverhältnisse logistisch anspruchsvoll war. Im Mai 2023 übergab PORR den Spezialtiefbau, im Sommer 2023 folgte die Bodenplatte.

Die rund vier Meter starke Fundamentplatte wurde ab Juli 2023 in einzelnen Abschnitten von 500 bis 1.600 Kubikmetern betoniert, insgesamt etwa 10.000 Kubikmeter Beton allein für die Bodenplatte. Bei einem Betonkörper dieser Masse ist die Kontrolle der Bauteiltemperatur entscheidend, weil abbindender Beton Wärme entwickelt und ungleichmäßige Temperaturen zu Rissen führen können. PORR setzte dafür eine alternative Sandwichkonstruktion ein, um die Temperatur im Bauteil besser zu steuern. Den Ortbeton lieferte Rohrdorfer, das nach eigenen Angaben über den Projektverlauf rund 45.000 Kubikmeter Beton bereitstellte.

Der Rohbau: ein Stockwerk pro Woche, kein Schwingungstilger

Den Gebäudekern mit den Aufzugs- und Versorgungsschächten sowie die Stützen führte PORR in der hochfesten Betonsorte C50/60 aus, die Geschoßdecken in C35/45. In der Spitze wuchs der Turm im vergangenen Jahr um ein Stockwerk pro Woche in die Höhe. Zum Jahreswechsel 2025/26 erreichte er seine volle Höhe von 175 Metern, im Frühjahr 2026 war der Rohbau abgeschlossen und das während der Bauphase mitgeführte Windschild, das die Arbeiter in der Höhe schützte, konnte entfernt werden.

Eine Frage, die sich bei schlanken Hochhäusern dieser Höhe stellt, ist das Schwingungsverhalten im Wind. Hohe, schlanke Türme schwanken, und um diese Bewegungen zu dämpfen, kommen oft Schwingungstilger zum Einsatz, große, träge Massen im oberen Bereich, die den Bewegungen des Bauwerks entgegenwirken. PORR untersuchte das Schwingungsverhalten des DC Tower 2 über ein digitales 3D-Echtzeitmodell. Die Auswertung zeigte, dass auf einen Schwingungstilger verzichtet werden konnte, eine Erkenntnis, die Gewicht, Kosten und Platz im Turmkopf spart.

Für die Schalung und die Klettertechnik setzte PORR auf Systeme von Peri. Der enge Zeitplan und die beengte Lage machten ein abgestimmtes Kletter- und Schalungskonzept aus einer Hand nötig, begleitet von einem Richtmeister, der die Endmontage vor Ort betreute. Für die umlaufenden Loggien, die thermisch heikle Schnittstellen zwischen beheiztem Innenraum und auskragender Außenplatte bilden, lieferte MAX FRANK wärmedämmende Kragplattenanschlüsse, die Wärmebrücken an diesen Übergängen reduzieren.

Im April 2026 erhielt das Projekt den KOOP+ Award der Österreichischen Bautechnik Vereinigung, der die Zusammenarbeit der Projektbeteiligten, die flexible Projektabwicklung und nachhaltige Lösungen auszeichnet.

Hoch hinaus: Beim Bau des DC Tower 2 wuchs der 175 Meter hohe Turm in der Spitze um ein Geschoß pro Woche. Im Hintergrund sind DC Tower 1, Donau und Donaustadtbrücke zu sehen.

- © achim reissner / PERI SE

Photovoltaik als Fassade, nicht auf der Fassade

Der Unterschied, der den DC Tower 2 von einem konventionellen Hochhaus mit aufgesetzten Solarmodulen trennt, liegt im Begriff der bauwerksintegrierten Photovoltaik. Die Module werden nicht nachträglich auf eine fertige Hülle geschraubt, sondern sind Teil der Gebäudehülle selbst. Beim DC Tower 2 sitzen sie in der äußeren Schicht eines zweischaligen Fassadensystems.

Innen liegt eine thermische Ebene mit Dreifachisolierverglasung und öffenbaren Fenstern. Davor ist eine perforierte zweite Hülle vorgelagert, die mehrere Funktionen bündelt: Sie kombiniert die Photovoltaikmodule mit absturzsichernder Verbundsicherheitsverglasung, Brüstungsverglasungen mit Vogelschutz und offenen Bereichen zur Winddruckentlastung. Im Erd- und Dachgeschoss kommen zweigeschossige Sonderfassaden in Pfosten-Riegel-Konstruktion zum Einsatz. Der Turm wird also nicht in eine glatte, durchgehend schwarze Solarhaut gepackt, sondern erhält ein vielschichtiges Fassadenraster aus Glas, Loggien, Brüstungen, Öffnungen und PV-Feldern, die als vertikale dunkle Streifen zwischen den Glaszonen liegen.

Diese Mehrschichtigkeit ist der Grund, warum sich die Solarfassade gestalterisch in den Turm einfügt, statt ihn zu verkleiden. Sie ist zugleich konstruktiv anspruchsvoll, weil jede Funktion, Stromerzeugung, Absturzsicherung, Vogelschutz, Windlastabtrag und Verschattung, in einem gemeinsam geplanten Fassadenelement zusammenkommen muss, und das in bis zu 175 Metern Höhe, wo Windlasten und Montagebedingungen deutlich rauer sind als am Boden.

Warum die Module an drei Seiten und nicht aufs Dach kommen

Die PV-Module liegen auf Ost-, West- und Südseite, nicht auf einer ideal nach Süden geneigten Dachfläche. Für einen Turm ist das ein sinnvoller Kompromiss: Das Dach eines Hochhauses ist im Verhältnis zur Geschoßfläche winzig, während die Fassade eine riesige nutzbare Hüllfläche bietet. Fassadenintegrierte, nach Süden ausgerichtete Photovoltaik erreicht nach Angaben von Photovoltaic Austria rund 70 Prozent des Ertrags einer optimal geneigten Südanlage, dieser Minderertrag pro Quadratmeter wird durch die schiere Größe der verfügbaren Fläche mehr als ausgeglichen.

Vertikale Photovoltaik hat zudem ein anderes Erzeugungsprofil als eine Dachanlage. Fassadenmodule liefern vor allem in den Tagesrandzeiten und in den lichtärmeren Wintermonaten vergleichsweise gute Erträge, weil die tief stehende Sonne flacher auf die senkrechte Fläche trifft, gerade dann, wenn der Strombedarf hoch und die Erträge klassischer Dachanlagen niedrig sind. In dicht bebauten Stadtgebieten, in denen Grundfläche knapp ist, wird die Gebäudehülle so zur relevanten Energiefläche.

Die ehrliche Bilanz: Strom für 200 Häuser, aber keine Autarkie

Bis zu eine Million Kilowattstunden im Jahr entsprechen grob dem Jahresstromverbrauch von bis zu 200 Einfamilienhäusern. Für die vollständige Energieversorgung eines gemischt genutzten Hochhauses mit rund 60.000 Quadratmetern reichen die 3.432 Elemente dennoch nicht aus, das liegt an der Art der Paneele und an ihrer senkrechten Anbringung, wie die S+B Gruppe selbst festhält.

Die Fassade macht den Turm also nicht energieautark. Sie übernimmt aber mehrere Aufgaben zugleich: Sie erzeugt Strom, sie reduziert durch ihre Verschattung den direkten Sonneneintrag und damit das sommerliche Aufheizen der Räume, und sie erweitert die ansonsten knappe Solarfläche eines Hochhauses auf drei Gebäudeseiten. Den positiven Effekt auf die Überhitzung und damit auf die Betriebskosten erwartet der Projektentwickler ausdrücklich, gemessen ist er naturgemäß noch nicht. Ergänzt wird das Energiekonzept durch begrünte Flachdächer und eine begrünte Erdgeschoßfläche mit Pflanzbeeten, durch Regenwassermanagement und energierückspeisende Aufzüge; betrieben wird der Turm mit Ökostrom, den Elektrofahrzeuge in der Tiefgarage direkt „tanken" können.

Rückblick auf den Spezialtiefbau: Für die bis zu 22,7 Meter tiefe Baugrube des DC Tower 2 entstanden in unmittelbarer Nähe von U-Bahn, A22-Zubringer und Wien-Kanal umfangreiche Schlitzwände und Gründungskonstruktionen.

- © Michael Nowy / PORR

Was der Turm für den Hochhausbau zeigt

Den Superlativ liefert der Projektentwickler selbst: Laut S+B ist die Photovoltaikfassade des DC Tower 2 die erste ihrer Art an einem Hochhaus europaweit, für Österreich ist es die erste Integration von PV-Elementen in diesem Umfang an einem Hochhaus überhaupt. Damit wird der Turm zu einem Versuchsfeld dafür, wie sich Stromerzeugung, Verschattung und Gebäudehülle an einem realen Großprojekt verbinden lassen, samt der praktischen Fragen, die ein solches Vorhaben aufwirft: Wartung der Module in großer Höhe, Verkabelung über 53 Geschosse, Brandschutz und die Verbindung der aktiven Fassade mit den Loggien.

Der DC Tower 2 macht ein Hochhaus nicht energieautark. Er verschiebt aber den Ort, an dem ein Turm Energie gewinnen kann: weg vom kleinen Dach, hin zur großen Fassade. Für künftige Hochhäuser könnte die Außenhaut damit zu einer Energiefläche werden, statt nur Glas und Verkleidung zu sein, und ein gutes Stück dieser Entwicklung wird gerade in der Wiener Donau City gebaut, mit dem Hochbau von PORR.