Übernahme : Porr übernimmt Trockenbauer rhtb: Wie sich der Baukonzern für den industrialisierten Wohnbau aufstellt

Porr Logo & Headquarter

Auch im PORR Headquarter in Wien führte rhtb bereits Arbeiten durch - nun wird sie Teil davon.

- © Harry Schiffer Photodesign

Wer in den vergangenen Jahren versucht hat, in Österreich leistbaren Wohnraum zu errichten, ist mit großer Wahrscheinlichkeit an einer Zahl gescheitert: 2.000 Euro reine Baukosten pro Quadratmeter. Unter diese Marke kommen klassische Bauweisen seit Jahren kaum noch, weil Material- und Personalkosten schneller gestiegen sind als die Erlöse, die sich am Markt realisieren lassen. Wer trotzdem leistbar bauen will, muss anders bauen. Wiederholbar, vorgefertigt, mit standardisierten Komponenten, möglichst geringen Schnittstellenverlusten und einer Wertschöpfungskette, in der jeder Schritt zusammen mit dem nächsten gedacht ist.

Genau in diese Richtung läuft seit etwa zwei Jahren ein Konzept, das Porr unter dem Markennamen Porr Living entwickelt hat. Wohnungen unter 2.000 Euro pro Quadratmeter Baukosten, auf Basis von Elementbauweise, standardisierten Grundrissen und integrierter Haustechnik. Das erste Pilotprojekt entsteht in Wiener Neustadt, 50 Wohnungen, Baustart im zweiten Quartal 2026, Fertigstellung gegen Jahresende. Das System besteht laut Eigenbeschreibung aus sechs Grundrissvarianten, vereinfachten Prozessen und vorgefertigten Elementen in Hochbau wie Haustechnik. Geheizt und gekühlt wird mit Wärmepumpen.

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  • Karl Heinz Strauss
    Porr-CEO Karl-Heinz Strauss:

    „Mit der Mehrheitsübernahme bei rhtb: ergänzt die PORR ihr Portfolio um entscheidende Leistungen im Innenausbau. Als besonders wertvoll sehen wir die Kompetenzen des Unternehmens im Bauen von Heiz- und Kühldecken für den Neubau und für Sanierungen sowie im Bereich Doppelböden. Der Elementbau ist zudem mittlerweile eine unverzichtbare Komponente des modernen Bauens. Wir können damit qualitativ hochwertig arbeiten und die Errichtungszeit signifikant verkürzen. Die Leistungen von rhtb: stellen eine klare Bereicherung unseres Portfolios dar.“ 

Trockenbau, Heiz-Kühl-Systeme und Doppelböden: Was rhtb in den Porr-Konzern einbringt

Der Wiener Trockenbauspezialist rhtb, gegründet vor 27 Jahren von Rainer Haubenwaller, mit Standorten in Wien, Bad Vöslau und Berlin und rund 100 Mitarbeitern, ist auf den ersten Blick ein klassisches Ausbauunternehmen. Auf den zweiten Blick liefert die Firma genau das Paket, das Porr für die nächsten Skalierungsschritte von Porr Living braucht: klassischen Trockenbau in allen Varianten, integrierte Heiz-Kühl-Systeme, Doppel- und Hohlraumböden sowie Systemtrennwände. Das sind die Bauteile, die in einem industrialisierten Wohnbau-Prozess am Ende den Unterschied machen, weil dort die Schnittstellen zwischen Rohbau, Haustechnik und Innenausbau sitzen.

In einem Markt, der laut VÖTB-Präsident Günther Lichtenegger je nach Abgrenzung 1.000 bis 2.000 Trockenbauunternehmen in Österreich umfasst, ist eine Gruppe mit rund 100 Mitarbeitern ein sichtbarer Akteur. Haubenwaller selbst sitzt im Präsidium des VÖTB.

Porr CEO Karl-Heinz Strauss erklärte zur Übernahme, das Unternehmen bringe „entscheidende Leistungen im Innenausbau" und Kompetenzen bei Heiz- und Kühldecken sowie Doppelböden ein. Der Elementbau sei „eine unverzichtbare Komponente des modernen Bauens". Haubenwaller bleibt als Miteigentümer und Partner an Bord, die rund 100 Mitarbeiter werden übernommen.

  • Rainer Haubenwaller
    rhtb:-Gründer Rainer Haubenwaller

    „Mir war es immer wichtig, den Mitarbeitenden von rhtb: einen sicheren und attraktiven Arbeitsplatz zu bieten. Mit der PORR an Bord können wir weiterhin langfristig planen und gemeinsam auf dem, was wir geschafft haben, aufbauen. Wir entwickeln damit rhtb: zum führenden Ausbauunternehmen in Österreich.“ 

Industrialisierter Wohnbau in Österreich: Strabag Tetriqx und der europäische Trend zur vertikalen Integration

Porr ist mit dem Versuch, Baukosten über serielle Fertigung zu senken, nicht allein. Die direkteste Parallele in Österreich liefert Strabag mit dem Wohnbaukonzept Tetriqx. Auch dort geht es um seriellen, industriell vorgefertigten Wohnbau, mit ähnlichen Kostenmarken: Strabag nennt Baukosten ab 1.950 Euro pro Quadratmeter. Bauteile, Wände, Decken und Installationsschächte werden im Mischek-Werk in Gerasdorf bei Wien teils mit Roboterunterstützung vorgefertigt. Auch Strabag baut damit nicht einfach Wohnungen, sondern ein Produkt, das in Serie geht und die Wertschöpfung möglichst tief in den eigenen Konzern zieht.

Auch im breiteren europäischen Bild lässt sich derselbe Trend ablesen, allerdings mit unterschiedlicher Akzentuierung. Strabag Property and Facility Services hat 2025 mehrere Gebäudetechnik-Spezialisten zugekauft, darunter die österreichische Kagerer Group und die Lohr Gebäudetechnik. Eiffage hat in Deutschland MEP-Engineering- und Rechenzentrums-Spezialisten erworben, VINCI Energies die R+S Group mit 1.200 Mitarbeitern. Die Logik dahinter ist überall ähnlich. Die großen Bau- und Infrastrukturgruppen wollen nicht mehr nur Generalunternehmer sein, also Koordinatoren fremder Gewerke, sondern Eigentümer technischer Schnittstellen, die in der Bauausführung über Tempo, Qualität und Marge entscheiden.

Ein Benchmark für diese Strategie ist seit Jahren das deutsche Unternehmen Goldbeck, das den industrialisierten Hochbau in Europa mit am konsequentesten umsetzt. Goldbeck produziert einen Großteil seiner Systemkomponenten selbst und betreibt 16 eigene Werke in Deutschland, Dänemark, Polen und Tschechien. Die eigene Vorfertigung beschreibt der Konzern als zentralen Erfolgsfaktor für Qualität, Tempo und Kostenkontrolle. Wer Systembau ernst meint, kontrolliert die Werke, in denen die Komponenten entstehen, und die Gewerke, die sie verbauen. Genau diese Logik trifft in Wiener Neustadt jetzt auf den österreichischen Wohnbau.

  • Markus Engerth Vorstandsmitglied STRABAG AG Österreich
    Markus Engerth Vorstandsmitglied STRABAG AG Österreich

    "Leistbares Wohnen ist machbar – aber nicht mit den Rezepten von gestern. Wir müssen schneller, nachhaltiger und standardisierter bauen, ohne dabei die Wohnqualität einzuschränken. Mit TETRIQX liefern wir eine Lösung, die Baupreise ab 1.950€ pro Quadratmeter für hochwertige Immobilien möglich macht. Das ist ein echtes Mittel gegen die drohende Wohnbaukrise."

Porr-M&A seit 2024: Von Pannonia über Sanitär-Elementbau bis Knape Bahnbau

Innerhalb des Porr-Konzerns reiht sich die rhtb-Übernahme zudem in eine erkennbare M&A-Bewegung der vergangenen beiden Jahre. 2024 übernahm Porr die Pannonia-Gruppe und sicherte sich damit Recyclingbaustoffe, Deponien und Kiesressourcen im Raum Wien, eine vertikale Absicherung am anderen Ende der Wertschöpfungskette. 2024 wurde auch die Sanitär-Elementbau, in die Porr seit 2023 eingestiegen war, vollständig in den Konzern integriert. Die Tochter steht für vorgefertigte Sanitär- und Haustechnik-Elemente, also für genau jene Komponenten, die Porr Living in Serie braucht. 2025 kam die Mehrheit am deutschen Bahnbau-Spezialisten Knape mit 86 Mitarbeitern hinzu, Ende 2025 die VSG aus dem früheren Vamed-Umfeld mit rund 150 Mitarbeitern und integrierter Planungskompetenz für den Gesundheitsbau.

Diese Akquisitionen folgen keinem einheitlichen Schema. Pannonia ist Rohstoffsicherung, Knape ist Spezialkompetenz im Bahnbau, VSG ist eine Plattform für den Gesundheitsbau. Was sie aber verbindet, ist die strategische Logik: Porr kauft sich Spezialkompetenzen ins Haus, statt sie weiterhin am Markt einkaufen zu müssen. Die rhtb-Übernahme ist innerhalb dieses Musters die wohl wohnbau- und ausbaunaheste Bewegung, weil sie direkt auf die Porr-Living-Pipeline einzahlt.

Die Porr-Zentrale in Wien: Ob rhtb künftig als eigene Marke fortbestehen wird oder schrittweise in den Konzern eingegliedert wird, ist öffentlich nicht festgelegt.

- © PORR

Bleibt rhtb als Marke bestehen? Was nach der Porr-Übernahme noch offen ist

So klar die strategische Klammer ist, so wenig konkret sind einige operative Fragen, die in den kommenden Monaten erst beantwortet werden müssen. Ob rhtb als eigene Marke fortbestehen wird oder schrittweise in die Porr eingegliedert wird, ist öffentlich nicht festgelegt. Kurzfristig spricht alles für Kontinuität: Haubenwaller bleibt Partner, die Belegschaft wird übernommen, Porr verwendet weiterhin den Markennamen. Ob das auf Dauer so bleibt oder ob die rhtb-Gesellschaften mittelfristig in eine Porr-Ausbau-Sparte überführt werden, hängt vor allem davon ab, wie schnell sich Porr Living tatsächlich skalieren lässt.

Klar ist jedoch die Richtung: Wer im österreichischen Wohnbau in den kommenden Jahren leistbaren Wohnraum herstellen will, wird das nicht mehr mit klassischen Bauweisen und einer Kette wechselnder Subunternehmer schaffen. Es wird in Werken vorgefertigt, in Serien gebaut, mit weniger Grundrissvarianten gerechnet, und es werden die Akteure einen Vorteil haben, die Ausbau, Haustechnik und Bauteilproduktion möglichst weit selbst beherrschen. Porr hat mit der rhtb-Übernahme einen weiteren Baustein dazugekauft. Es dürfte nicht der letzte gewesen sein.