Coronavirus

Nachhaltigkeit in der Bauwirtschaft: Wer wagt, gewinnt

Kann die Bauwirtschaft die für sie schwierigen Themen Klimawandel und Nachhaltigkeit gar zu ihrem Vorteil ausnützen? Wenn sie es clever macht, wohl ja. Sicher ist aber: Entkommen wird sie ihnen auf keinen Fall.

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Projekt Moringa in der Hamburger Hafencity: unter anderem so viel Grün an Fassade und auf dem Dach wie verbaute Grundstücksfläche

Was haben Bauen, Skispringen, der Borkenkäfer und die Coronavirus-Pandemie miteinander zu tun? Auf den ersten Blick wenig, aber der Eindruck täuscht – wie übrigens so manche erste Eindrücke beim Thema Klimawandel und Nachhaltigkeit.

Am klarsten scheint der Bezug beim Borkenkäfer. Die sprunghafte Vermehrung und das im Jahreslauf immer frühere Auftreten des Holzschädlings wird einigermaßen unwidersprochen mit der Klimaerwärmung in Verbindung gebracht. 

Die Corona-Krise und das Klimathema wiederum sind in den letzten Monaten ebenfalls auf verschiedene Weise miteinander in Verbindung gebracht worden. Sinnvoll scheint dabei die Betrachtung der Schadenskurven, die in beiden Fällen abgeflacht werden sollen, um bestehende Notfallskapazitäten nicht zu überlasten und länger Zeit für das Finden von Lösungen zu haben.

Aber Skispringen? - Dazu muss man ein bisschen ausholen. Österreichs Skispringerwunder ab den 1970er-Jahren steht in engem Zusammenhang mit zwei Dingen, durch die der damalige Cheftrainer Baldur Preiml eine Durchschnittsnation für Jahrzehnte zum Spitzenreiter machte: zum einen die akribische Beschäftigung mit Materialtechnologie und den Möglichkeiten, sich damit Vorteile zu verschaffen; zum anderen intensive Arbeit mit den einzelnen Athleten und deren Psyche bis hin zum Unterbewusstsein – eine bis dahin im Sport kaum gekannte und extrem aufwändige Art von Menschenführung. 

Im Rahmen eines längeren Gesprächs in den frühen 2000er-Jahren, in dem mir Toni Innauer (als Athlet Teil des ersten Wunderteams, zum Zeitpunkt des Interviews Trainer und Sportdirektor der Springer) ausführlich die kleinteilige und sehr individuelle Strategie erläuterte, fragte ich ihn: „Warum betreibt ihr eigentlich einen derart riesigen Aufwand für einzelne Personen? Doch nicht nur, weil ihr gute Menschen seid?“ Innauers Antwort an den damaligen Sportmagazin-Journalisten nach einer kurzen Pause: „Weil wir so wenige Talente haben, dass wir uns nicht leisten können, einen einzigen zu verlieren.“

Der hohe Aufwand von getanem Guten – und das ist die Brücke zum Thema Nachhaltigkeit – stand also in klarer ökonomischer Relation zu damit zu erzielenden Erfolgen. 

Energieverbrauch: Gutes tun rechnet sich

Die Frage ist: gilt das auch für die Baubranche und das Thema Nachhaltigkeit? Rechnet sich das auch ökonomisch, wenn man für die Umwelt und für die Menschen intelligent und zielgerichtet Gutes tut? Der Einsatz ist auf jeden Fall hoch. Denn je nach Betrachtungs- und Berechnungsweise ist die Baubranche für bis zu 40 Prozent der weltweiten direkten und indirekten Treibgasemissionen verantwortlich.

Spricht man mit den Granden der heimischen Bauwirtschaft, lässt sich eine Tendenz zur Beantwortung der Frage nach dem Gleichschritt von Ökologie und Ökonomie mit einem „großteils“ erkennen. Am stärksten ist diese Tendenz naturgemäß beim Energieverbrauch, und zwar in jeder Hinsicht. Das genaue Tracking des Energieverbrauchs beim Transport und beim Baumaschinenbetrieb gehört schon fast zum betriebswirtschaftlichen Einmaleins, Ziel ist ganz klar Einsparung. Eine Einsparung, die bei den Kosten dem Unternehmen, bei der Abgaskomponente der Umwelt zugute kommt. „Natürlich verbrauchen wir sehr viel Diesel für unsere Baumaschinen“, sagt etwa Strabag-Chef Thomas Birtel – aber die Strabag bzw. ihre Tochterunternehmen bleiben dort nicht stehen. „Wir monitoren auch die Energieintensität unserer Produktion. Und das ist der erste Schritt, um es besser zu managen. Wir erreichen noch nicht den Global Reporting Initiative Standards (Richtlinien für die Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten von Großunternehmen, Anm.), aber wir nähern uns ihnen an.“ So werden etwa Produktionsstätten wie das Betonfertigteilwerk der Strabag-Tochter Mischek in Gerasdorf bei Wien großflächig mit Sonnenkollektoren ausgestattet, Zweck natürlich hochgradige Energieautarkie. Und auch bei anderen Produktionsstätten geht die Strabag Wege in Richtung Nachhaltigkeit. Birtel: „In Hausleiten haben wir die erste Asphaltmischanlage mit öffentlicher Förderung errichtet, die mit erheblich höheren Maße Recycling-Asphalt einsetzen kann, als das bei anderen Anlagen der Fall ist. Und ich rechne mit weiteren Innovationen. Mittlerweile gibt es ja auch schon erste Verfahren, die Wüstensand als Baurohstoff möglich machen. Sie sind allerdings noch nicht für den Massenmarkt tauglich.“

Große Hürde Massenmarktstauglichkeit

Die Massenmarktstauglichkeit ist generell ein komplexes Thema bei fast allen technologischen Neuerungen. Unter Zeitdruck – sei es durch Prognosen, Klimaziele oder New Green Deal der Europäischen Union – wird das Problem umso größer. So ist etwa das Recycling von Polystyrol (jenem Dämmstoff, der ökologisch in der Gesamtbetrachtung wider den ersten Eindruck im Vergleich mit anderen wesentlich besser abschneidet als erwartet, vgl. „Götterdämmung oder Verdammnis“, SOLID 3/2020) technisch ziemlich weit gediehen, die Wirtschaftlichkeit der derzeit im Pilotbetrieb befindlichen Anlagen a la Polystyrene Loop ist aber noch ausbaubar, bemisst sie sich doch sowohl an der örtlichen Nähe der Ausgangsmaterialien als auch der Zieldestination der Endprodukte.

Gleiches gilt für ambitionierte Projekte aus dem Zementbereich wie Westküste 100 im norddeutschen Schleswig-Holstein. Dort hat sich eine branchenübergreifende Partnerschaft gebildet. Diese will aus Offshore-Windenergie grünen Wasserstoff produzieren und die dabei entstehende Abwärme nutzen. Im Anschluss soll der Wasserstoff sowohl für die Produktion klimafreundlicher Treibstoffe für die Flugzeuge am Hamburger Flughafen genutzt als auch in Gasnetze eingespeist werden. Mit Zement hat das insoifern zu tun, als bei der Treibstoffherstellung ohne fossile Brennstoffe unvermeidbares Kohlendioxid (CO2) aus der regionalen Zementproduktion von Holcim für den Herstellungsprozess eingesetzt werden. Zudem soll im Gegenzug überschüssiger Sauerstoff aus der Wasserstoffproduktion wiederum für die Zementherstellung – genauer: Klinkerherstellung für den Brennprozess – eingesetzt werden. So sollen die CO2-Emissionen um 100 Prozent gesenkt werden, was jährlich ca. 1 Mio. Tonnen CO2 einspart und ein großer und innovativer Entwicklungsschritt hin zu einer deutlich emissionsärmeren Zementproduktion wäre.

Die finale Zusage für das Konzept steht noch aus, ist aber – bemessen an bisherigen Signalen - eher wahrscheinlich. 

Im Zentrum steht der Zement

Die Zementindustrie steht dabei naturgemäß im Fokus der Baustoffseite der Nachhaltigkeitsdiskussion, denn im Zement (und damit später Beton) kulminieren etliche Umweltfragen von Ausgangsmaterial über hohen Energieverbrauch bis zum prozessimmanent massiven Anfall von CO2 beim Verbrennungsprozess. 

„Die Reduzierung des Prozess-CO2 der Kalkstein-Entsäuerungsreaktion stellt dabei die größte Herausforderung im internationalen Wettbewerb dar“, sagt Sebastian Spaun, der Geschäftsführer der Vereinigung der Österreichischen Zementindustrie VÖZ. „Carbon Capture und Utilisation sind dieZukunftstechnologien der Zementindustrie und werden zum bestimmenden Kostenfaktor werden“, meint er und macht noch eine weitere Perspektive auf: „Gebäude und Stadtteile müssen zukünftig CO2-neutral sein und ihre Energie selbst erzeugen. Der Schlüssel liegt dabei in der Nutzung der Speichermasse Beton und in Anergienetzen, welche die Abwärme nützen und verschieben können.“

>> "Über bereits weit gedrehte Schrauben hinaus" - HIER zum gesamten Interview mit VÖZ-Geschäftsführer Sebastian Spaun <<

Österreichs Zementindustrie steht dabei aus verschiedenen Gründen im weltweiten Vergleich ausgezeichnet da – die Erreichung der Klimaneutralität ist aber dennoch noch ordentlich weit entfernt. „Wir müssen dazu über bereits gedrehte Schrauben hinaus gehen“, meint Spaun und sieht vor allem die sinnvolle Weiterverwendung des abgeschiedenen Prozess-CO2s und die Verfügbarkeit genügend bezahlbarer umweltfreundlicher Energie für die Prozesse als Schlüsselpunkte an.

Gibt es überhaupt genug Baustoff für die Zukunft?

Im Zusammenhang mit der Zementherstellung und dem weltweiten Baustoffbedarf hat sich in den letzten Jahren ein weiteres Thema in den Wahrnehmungsbereich geschoben, und zwar eine mögliche weltweite Baustoffknappheit. TV-Dokumentationen über Mangel an geeignetem Sand in Wüstenstaaten (der normale Wüstensand ist zu rundkörnig) und über Sanddiebstahl an den Küsten machten in der breiten Öffentlichkeit die Runde. Wie groß dieses Problem tatsächlich ist, ist schwer einzuschätzen – klar scheint aber zu sein, dass die Welt auch mit Baustoffen weniger verschwenderisch wird umgehen sollen und müssen – und zwar egal, ob das Zement/Beton ist oder die beiden anderen großen Bau-Rohstoffgruppen Holz und Stahl. Ein Weg dazu, das ohne großen Verlust an Lebens- und Arbeitsraum zu erreichen, führt wiederum über Technologie und die Entwicklung von neuen Werkstoffen und Bauweisen. Es geht darum, „mit wesentlich weniger Material für wesentlich mehr zu bauen“, sagt der Leiter des Instituts für Leichtbau, Entwerfen und Konstruieren an der Universität Stuttgart Lucio Blandini.

>> HIER zum gesamten Interview mit Lucio Blandini über Rohstoffknappheit und die Notwendigkeit von Leichtbau und Denken im Lebenszyklus <<

Strauss: „Die Themen unaufgeregt und sachlich diskutieren“

Bauausführende Firmen sind deshalb eine gute Adresse für umfassende Nachhaltigkeitsdiskussionen, weil sie in der Regel kein Lobbying für einen bestimmten Baustoff oder eine bestimmte Technologie betreiben, sondern in einem Umfeld, in dem um jedes Zehntelprozent Marge gekämpft wird, wirtschaftlich agieren müssen, sich aber dennoch durch Qualität und Innovation von den Marktbegleitern unterscheiden wollen. Dazu muss man vorausschauend agieren und Strukturen vorbereiten, in die hinein gearbeitet werden kann, wenn sich Rahmenbedingungen so ändern, wie man sie in seinen Szenarien erwartet hat. Anders gesagt: kommt es etwa zu einer Knappheit bei Primärrohstoffen, werden Recyclingprodukte plötzlich preislich interessanter. – Produkte aus Recyclingprozessen können aber auch aus politischem Willen oder auf Druck von Aktienmärkten interessanter werden – und wenn das passiert, ist es gut, vorbereitet zu sein. Oder allgemeiner: wenn es teurer wird, klimatechnisch problematische Produkte zu verwenden, ist es gut, wenn der eigene Weg zu Alternativen nicht zu weit ist.

„Wir sind mit diesen Themen seit Jahren vertraut, sie sind in unserer DNA,“ sagt dazu Porr-CEO Karl-Heinz Strauss. „Wir versuchen zum Beispiel seit langem entsprechende Rohstoffkreisläufe zu schaffen, um besonders nachhaltig zu agieren – die Porr ist in Österreich Marktführer in der Umwelttechnik. Wir verwenden Baurestmassen insbesondere aus Asphalt, Beton oder Bauschutt wieder. Wir fokussieren uns auf die Umsetzung der Energieeffizienzrichtlinie und für 2020 ist in Österreich die Einführung eines Energiemanagementsystems geplant. Damit tun wir uns heute bei manchen Anforderungen ein bisschen leichter – aber es bleibt natürlich eine große Herausforderung.“ 

Dabei will und muss Strauss aus Gründen der Wirtschaftlichkeit „all das, was wir im Nachhaltigkeitsbereich tun, messbar machen. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, bis Ende des Jahres unseren Primärenergieverbrauch und die spezifischen THG-Emissionen um jeweils mindestens 1,5 Prozent zu senken. Das entspricht für den Zeitraum 2015 bis 2020 einer Reduktion von 7,5 Prozent – und das geht weiter.“

Strauss ist auch stolz auf Nachhaltigkeitsauszeichnungen, die sein Unternehmen in den letzten Jahren bekommen hat. So wurde man von der Ratingplattform EcoVadis in Sachen Nachhaltigkeitsengagement mit Gold, beim Carbon Disclosure Project „mit einem ausgezeichneten B“ bewertet und im MSCI-Nachhaltigkeitsindex „als eines der wenigen Bauunternehmen mit einem AA-Rating ausgezeichnet worden und damit unter den Top 25 weltweit“. 

Ganz zentral ist Strauss dabei ein unaufgeregter Umgang mit dem gesamten Komplex: „Wogegen ich mich beim Thema Umwelt, Klima und Nachhaltigkeit wehre, ist apokalyptisches Denken. Angstverbreiten und Verschwörungstheorien sind da fehl am Platz. Ich möchte diese Themen unaufgeregt und sachlich diskutieren. Wir müssen ohne Zweifel etwas tun bei allen Themen, die mit Verschmutzung zu tun haben.“ So hätte es eine Veränderung des Klimas der Erde in der Geschichte schon öfters gegeben, „aber auch wenn die Menge des menschengemachten Kohlendioxids im Rahmen des globalen Kohlenstoffkreislaufs klein wirkt, so bringt sie doch das natürliche Gleichgewicht durcheinander.“

Hausverstand und gezielte Lenkungsmaßnahmen

Als Beispiel für eine – teils absichtlich - fehlgeleitete Diskussion führt der Porr-Chef den Konflikt rund um Diesel- und Elektroautos an. Strauss:„Der neue Dieseltreibstoff etwa ist mit Abstand das Beste, was es im ökologischen Fußabdruck gibt – da sind die Elektroautos noch weit hinten nach. Ich denke, da wird ein wirtschaftlicher Hype produziert, der eine sinnvolle unaufgeregte Diskussion verhindert. Die europäische Autoindustrie ist meiner Meinung nach bei weitem besser, als sie heute dargestellt wird, selbst in Deutschland. Dass andere dann auf diese Weise versuchen, den Vorsprung zu eliminieren, den die Deutschen haben, ist offensichtlich.“

Wird Nachhaltigkeit durch ehrliche Wirtschaftlichkeit fast garantiert, fragen wir auch den Porr-Chef - seine Antwort: „Pauschal würde ich das nicht unterschreiben. Aber ich glaube, man sollte in allen Bereichen Hausverstand walten lassen und versuchen, durch gezielte Lenkungsmaßnahmen Dinge zart zu fördern, die mit Energieeinsparung und Materialrückgewinnung zu tun haben. Ich glaube, dass Anschubförderungen da das Richtige sind. Irgendwann muss sich dann jedes System im Weltmarkt bewähren. Aber Nachhaltigkeit heißt sicher auch, dass man nicht immer die einfachste Lösung nimmt. Genau da ist Hirnschmalz gefordert, aber nicht nur von Experten, sondern auch von Politikern, die sich dabei nicht von kurzfristigen Wahlerfolgen, sondern von langfristigen Zielen leiten lassen.“

Rhomberg: Zukunftsweisende Geschäftsmodelle um Borkenkäfer und Baustoffoptionen

Weniger zurückhaltend bei einer Antwort auf unsere Frage ist der Vorarlberger Holzbau- und BIM-Pionier Hubert Rhomberg. „Mein Ziel ist ja zu beweisen, dass man mit Ökologie und Nachhaltigkeit erfolgreicher sein kann als mit konventionellem Wirtschaften. Dann bricht der Damm,“ meint der bekannte Branchenquerdenker. Sein Wort hat durchaus Gewicht, denn anders als manch andere, die nur sehr quer denken, aber wirtschaftlich nicht im selben Maß erfolgreich sind, blickt Rhomberg mit seinem, dem fünftgrößten österreichischen Bauunternehmen auf viele erfolgreiche Jahre zurück.

Momentan beschäftigt ihn akut neben der Bewältigung der Corona-Krise das Thema Borkenkäfer – und zwar durchaus in wirtschaftlicher Hinsicht und mit Blick auf Profit. „Normalerweise kommt der Käfer ja erst im April oder Mai, heuer ist es schon im Jänner losgegangen. Es waren schon 2018 fünf Millionen Festmeter im Wald zerstört, die herausgeholt werden müssen. Für 2019 gibt es noch keine Zahl und heuer wird es noch viel übler“, sagt er und kommt zu seiner Idee, die er wood-rocks nennt: „Dieses Holz muss aus dem Wald raus – aber es ist ein Holz, das keiner wirklich einsetzen kann. Wir arbeiten da an einer Lösung, bei der wir rohstoffbasiert Produkte entwickeln. Das Ziel ist, dass wir dieses Holz als Rohstoff verwenden. So könnte man eine Wertschöpfungskette entwickeln, von der alle etwas haben. Das Käferholz ist verfärbt und man kann es natürlich für all das nicht gebrauchen, wo es um eine Oberfläche geht. Aber wir würden es so machen, dass man bis auf die zwei obersten Lagen genau dieses Holz verbauen könnte. – Das ist kein direktes Nachhaltigkeitsprojekt, aber über das Thema Klimawandel, Schädlingsbefall und CO2-Bindung in Gebäuden ist es dann doch wieder eines. Und es wäre gut skalierbar.“

Für Rhomberg persönlich hat sich das Klima- und Nachhaltigkeitsthema bereits Anfang der 2000er-Jahre manifestiert, sagt er. „Die Baubranche hat so großen Einfluss auf Ressourcenströme, wir müssen da irgendwie was anders machen,“ habe er sich gedacht und bilanziert heute: „Ich habe gelernt, dass das Ökosystem so, wie es ist, seit Hunderten Jahren so läuft und dass man das alles nicht so schnell umdrehen kann. Mittlerweile ist aber doch an vielen Ecken viel passiert und das Thema ist eigentlich angekommen. Was in den letzten Jahren gefehlt hat, war der Schritt von „Okay, wir haben es verstanden“ zum „Was können wir jetzt konkret machen?““

Fortschritte sieht der Vorarlberger in der Städteplanung, bei Begrünungen von Dächern und Fassaden, wie sie etwa die Initative gruenstattgrau pushe oder bei der Berücksichtigung von grauer Energie aus Gebäuden und Verkehr in den Handelssystemen.

„Wenn man das alles als Firma bei der Errichtung eines Gebäudes berücksichtigen muss, wird man sich in Zukunft viel genauer überlegen, was man hinein verbaut. Man wird nicht mehr in Gebäude investieren wollen, die einen riesigen CO2-Rucksack mittragen,“ meint er und sieht auch einige Bereiche, in denen sich die Nachfrage schon heute bewegt: „Es dreht sich dort, wo große Firmen sich ihren Auftraggebern gegenüber verantworten müssen wie etwa in der Logistikbranche. Es dreht sich auch bei Markenartiklern, wo es um ein weitreichendes Image geht. Und es dreht sich dort, wo jemand für sich selbst und seine Mitarbeiter baut und etwas Ordentliches machen will. Wo es leider als Letztes passieren wird, ist die öffentliche Hand – aber nicht, weil die nicht wollen, sondern weil wir ein System haben, in dem das nicht so leicht geht. Das ganze Thema Ausschreibungen wird man sich sowieso überlegen müssen. Wir haben da so einen großen Engpass, bis überhaupt einmal etwas gebaut wird. Es nützt nichts, wenn der Staat sagt, dass er ein paar Milliarden in eine Konjunktur- und Infrastrukturoffensive steckt, man aber nicht in der Lage ist, das alles zu planen, auszuschreiben, zu begleiten etc. Momentan ist es fast so, als stünden zehn Leute vor einem Riesenbuffet für fünfzig, aber wir halten uns gegenseitig davon ab, uns etwas zu essen zu nehmen.“

Die Möglichkeiten, aus nachhaltigem Wirtschaften auch Kapital zu schlagen, kennen für ihn aber wenig Grenzen. Es gibt zum Beispiel beim Thema Recycling „auch andere interessante Modelle, die wir gerade versuchen mit Daten zu unterlegen. Wir kennen ja bei den neuen Gebäuden, die wir machen, den gesamten digitalen Zwilling und damit jeden Bauteil und jedes Kilo Baustoff. Damit ist jede Berechnung möglich und ich habe eine komplette Übersicht über den CO2-Rucksack und alles, was damit zusammen hängt. Ich weiß auch genau, wie viel Kilo von welchem Material drinnen ist und wie ich das wieder zurück bekomme. Heute werden Gebäude nur nach Ertragswert beurteilt – aber keiner berechnet den Wert des Materials. Ich bin aber davon überzeugt, dass das Material in 50 Jahren wesentlich mehr Wert sein wird.“ 

Dieser Überlegung folgend arbeitet Rhomberg an der Frage, ob sich daraus ein tragfähiges Geschäftsmodell entwickeln lässt, das auch Nachhaltigkeit sichert, weil die Rohstoffe einen zugemessenen Wert bekommen und damit nicht einfach vertändelt werden. Es geht um eine bei er Errichtung bezahlte Option auf die beim Einbau verwendeten Baustoffe zum Zeitpunkt des Rückbaus.

Kann die Baubranche das Nachhaltigkeitsproblem der Welt lösen? Sicher nicht allein. Aber die genannten und andere clevere Ansätze stimmen optimistisch, dass das Umweltthema sich vom Problemfall für die Branche zu einer echten Chance entwickelt.

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