Bergbau in Chile : 54 Kilometer Tunnel unter der größten Kupfermine der Welt: Was Züblin in Chile baut
Der Tagebau von Chuquicamata erstreckt sich über rund fünf Kilometer. Unter dem Gelände erweitert Züblin die bestehende Untertagemine um ein verzweigtes Netz mit insgesamt mehr als 54 Kilometern Tunnel und zugehöriger Infrastruktur.
- © Diego Delso / delso photo / CC BY SA 4 0Über mehr als hundert Jahre fraßen sich Bagger und Muldenkipper von oben in Chuquicamata hinein, seit Beginn des industriellen Betriebs 1915. Der Tagebau in der chilenischen Atacama-Wüste, bei Calama in der Region Antofagasta, hat inzwischen eine Tiefe erreicht, an der sich der offene Abbau wirtschaftlich nicht mehr lohnt. Je tiefer ein Tagebau wird, desto länger werden die Fahrwege an seinen Böschungen, und desto mehr unbrauchbares Deck- und Nebengestein muss bewegt werden, um an das Erz zu gelangen.
Codelco reagierte darauf bereits 2019 mit der Eröffnung der ersten Phase von Chuquicamata Subterránea, einem parallelen Untertagebau. Die tieferen Reserven, die Codelco mit rund 1,028 Milliarden Tonnen Erz bei einem durchschnittlichen Kupfergehalt von 0,82 Prozent beziffert, sollen die Lebensdauer des Standorts um mindestens vier Jahrzehnte verlängern. Der Untertagebau ist bereits in Betrieb, Ende 2025 meldete Codelco für das Gesamtprojekt einen Fortschritt von rund 90 Prozent.
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Mina Norte ist die nächste Ausbaustufe, kein neues Bergwerk
Die beiden Züblin-Aufträge, am 24. Februar 2026 von Strabag bekannt gegeben, betreffen den nördlichen Abschnitt dieser Untertagemine, Mina Norte. Das ist kein Bergwerk neben Chuquicamata, sondern die Fortführung des bestehenden unterirdischen Systems, mit zusätzlichen Tunneln, Betriebsbereichen und Infrastruktur.
Wie genau sich die 54 Kilometer auf die beiden Verträge aufteilen, welche Losgrenzen gelten und welche Vortriebsmethoden in welchen Abschnitten zum Einsatz kommen, macht Strabag öffentlich nicht bekannt.
54 Kilometer sind kein einzelner Tunnel
Zur räumlichen Einordnung: 54 Kilometer entsprechen ungefähr der Straßenentfernung von Wien nach Wiener Neustadt, oder etwas weniger als der Länge einer der beiden 55 Kilometer langen Hauptröhren des Brenner Basistunnels. Der Vergleich zeigt nur die Dimension. Eine Mine ist keine gleichförmige Verkehrsröhre, sondern ein Netzwerk aus Stollen, Rampen, Querverbindungen und Betriebsräumen.
Die ursprüngliche Planung von Chuquicamata Subterránea sah zwei parallele Hauptzufahrtstunnel von je rund 7,6 Kilometern Länge vor, dazu Rampen, Produktions- und Transportebenen, Brecheranlagen, Förderbänder, Entwässerung, Energieversorgung und Lüftung. Diese Angaben betreffen das ursprüngliche Gesamtprojekt, nicht automatisch die neuen Züblin-Lose, sie zeigen aber, warum 54 Kilometer nicht aus langen geraden Röhren bestehen: Eine Großmine unter Tage braucht Zufahrts- und Transportstollen, Rampen zwischen den Ebenen, Produktions- und Abbaubereiche, Förder- und Brecherkammern, Belüftungsstrecken, Energie- und Kommunikationsräume, Flucht- und Rettungswege sowie Werkstätten.
Wie das Gestein von selbst nach unten fällt
Chuquicamata Subterránea nutzt das Verfahren Block Caving. Dabei wird ein großer Erzkörper an seiner Unterseite gezielt unterschnitten. Durch Eigengewicht und natürliche Spannungen bricht das darüberliegende Gestein nach und nach ein und sinkt zu darunterliegenden Entnahmepunkten, von wo es aufgenommen, zerkleinert und weitertransportiert wird.
Codelco plante für Chuquicamata sogenannte Makroblöcke mit je rund 35.000 Quadratmetern Grundfläche, ungefähr sieben Fußballfelder, 16 bis 20 davon pro Produktionsniveau. Der Vorteil liegt in der großmaßstäblichen, weitgehend kontinuierlichen Gewinnung. Das Verfahren verlangt zugleich ein komplexes unterirdisches Netz: Auf mehreren Ebenen müssen Erz gelöst, aufgenommen und abgeführt werden, die Stollen müssen trotz hoher Gebirgsspannungen dauerhaft funktionieren, und der kontrollierte Gebirgsbruch darf die Betriebsbereiche nicht unbeherrschbar belasten. Mina Norte ist damit nicht nur Tunnelbau, sondern der Bau einer langfristig arbeitenden Produktionsmaschine im Fels.
Bis zu zwei Kilometer unter der Oberfläche
Die unterirdische Mine liegt bereits mehr als einen Kilometer unter dem früheren Tagebauboden. Im Endausbau sollen die drei vorgesehenen Produktionsniveaus bis zu 898 Meter unter den Boden des Tagebaus reichen, von der ursprünglichen Geländeoberfläche aus gerechnet entspricht das stellenweise mehr als zwei Kilometern Tiefe.
Diese Tiefe bringt eigene Herausforderungen mit sich: hohe Gebirgsspannungen, lange Fahr- und Transportwege, aufwendige Belüftung, Kühlung und Luftqualität, Entwässerung, Energieversorgung sowie Rettung und Kommunikation ohne direkten Oberflächenzugang. Konkrete Überlagerungshöhen für die neuen Züblin-Tunnel selbst nennt die verfügbare Dokumentation nicht.
Konventioneller Vortrieb statt Tunnelbohrmaschine
Züblin ordnet Mina Norte seinem Bereich für konventionellen Tunnelbau zu. Das bedeutet, je nach Geologie, Bohr- und Sprengvortrieb oder mechanischen Baggerausbruch, anschließend Abtransport, Sicherung mit Ankern, Gitterträgern oder Stahlprofilen sowie Spritz- beziehungsweise Ortbeton. Daraus lässt sich ableiten, dass das Projekt nicht als ein durchgehender maschineller Vortrieb mit einer einzelnen Tunnelbohrmaschine geplant ist. Welche Abschnitte gesprengt und welche mechanisch gelöst werden, geht aus den veröffentlichten Unterlagen nicht hervor, ebenso wenig wie die Zahl der parallel arbeitenden Vortriebe.
Um innerhalb des Zeitraums 2026 bis 2031 mehr als 54 Kilometer herzustellen, müssten rein rechnerisch durchschnittlich rund 900 Meter Tunnel pro Monat entstehen. Das ist keine veröffentlichte Bauzeitenplanung, sondern nur eine einfache Division. Wie leistungsfähig Züblin an diesem Standort tatsächlich sein kann, zeigt die vorherige Beauftragung: Im Auftrag Chuquicamata Subterránea von 2016 bis 2024 erreichte das Unternehmen laut Strabag in Spitzenzeiten bis zu 1.900 Meter Tunnel pro Monat, deutlich mehr als der rechnerische Durchschnittswert für Mina Norte. Das ist kein Zielwert für das neue Projekt, zeigt aber, dass Züblin an diesem Standort bereits Erfahrung mit zahlreichen parallelen Vortrieben besitzt.
Ausbruch aus einer arbeitenden Mine heraus
54 Kilometer Vortrieb erzeugen große Mengen Ausbruchmaterial, deren genaue Höhe von den jeweiligen Tunnelquerschnitten abhängt und öffentlich nicht beziffert ist. Wäre jeder Kilometer beispielhaft nur ein sechs mal sechs Meter großer Querschnitt, ergäbe sich bereits ein theoretisches Volumen von knapp zwei Millionen Kubikmetern Fels, eine Rechnung, die wegen der unterschiedlich großen Stollen, Rampen und Kavernen in der Mine nur eine grobe Illustration sein kann.
Entscheidend ist der logistische Ablauf: bohren oder mechanisch lösen, sprengen, wo vorgesehen, bewettern und freimessen, Ausbruch aufnehmen, Material abtransportieren, Fels sichern, Leitungen und Verkehrsweg nachführen, nächsten Abschlag vorbereiten. Der Ausbau erfolgt dabei innerhalb eines Bergwerks, das bereits produziert, Baustellenverkehr und laufender Minenbetrieb müssen also fortlaufend aufeinander abgestimmt werden.
918 Meter nur für die Abluft
Eine Mine dieser Tiefe kann nur mit einer leistungsfähigen Bewetterung betrieben werden. Für die ursprüngliche Chuquicamata-Untertagemine wurde unter anderem ein 918 Meter tiefer und elf Meter breiter Abluftschacht gebaut, von oben nach unten mit Bohr- und Sprengtechnik hergestellt und 2016 fertiggestellt. Der Schacht gehört nicht zum neuen Mina-Norte-Vertrag, zeigt aber die Größenordnung der bereits vorhandenen Infrastruktur.
Mit jedem zusätzlichen Tunnelkilometer verlängern und verändern sich die Strömungswege für Frischluft und die Absaugung von Sprenggasen, Dieselabgasen und Staub. Lüftung ist damit keine nachträgliche Haustechnik, sondern ein bestimmender Teil von Bauablauf und Minenplanung.
Gesteuert von der Oberfläche, gebaut in der Tiefe
Codelco steuert Teile der Untertagemine aus einem integrierten Betriebszentrum an der Oberfläche. Semiautonome LHD-Lader, kurz für Load, Haul, Dump, nehmen Erz auf und transportieren es zu Brechern und Förderanlagen, die Bedienung erfolgt teilweise aus einem mehrere Kilometer entfernten Kontrollzentrum.
Der Ausbau der Mine verlangt deshalb neben Beton, Felsankern und Spritzbeton auch Stromversorgung, Glasfaser und Kommunikation, Ortungs- und Sicherheitssysteme, Sensorik, Steuerleitungen und Automatisierungsinfrastruktur. Die kritische Untertage-Infrastruktur des Züblin-Auftrags dürfte deshalb weit über den reinen Rohbau der Tunnel hinausreichen, der konkrete technische Ausstattungsumfang ist aber nicht veröffentlicht.
Weniger Staub, aber nicht emissionsfrei
Die Verlagerung unter Tage soll die Umweltbelastung gegenüber dem tiefen Tagebau senken. Codelco rechnete für das Gesamtprojekt mit einer Verringerung der Feinstaubemissionen um mehr als 90 Prozent, zur Eröffnung 2019 wurde eine Reduktion der PM10-Emissionen um 97 Prozent genannt. Auch der jährliche Dieselverbrauch soll gegenüber dem Tagebau erheblich sinken, weil Erz nicht mehr mit Muldenkippern aus einem kilometertiefen Trichter zur Oberfläche gefahren werden muss.
Emissionsfrei ist Untertagebau damit nicht: Baugeräte, Lüftung, Beton, Sprengstoffe und Materialtransport benötigen weiterhin erhebliche Energie. Der Vorteil liegt vor allem im kürzeren, stärker automatisierten Erztransport und in der Reduktion des offenen Staubaufkommens. Strabag formuliert für Mina Norte allgemein, das Projekt solle zur verbesserten Umweltbilanz der Mine beitragen, eine gesonderte CO2- oder Energieeinsparung für die beiden Verträge wird nicht genannt.
Züblin kennt die Mine seit vier Jahrzehnten
Züblin ist seit den 1980er-Jahren in Chile tätig. Die Strabag-Gruppe verweist auf fast vier Jahrzehnte kontinuierliche Präsenz im Land, mit Projekten in Chuquicamata, El Teniente und Candelaria, insgesamt mehr als 380 Kilometer gebaute Tunnel und Aufträge im Wert von über sechs Milliarden Euro.
Züblin ist seit fast vier Jahrzehnten erfolgreich in Chile tätig und realisiert bedeutende Mining-, Tunnelbau- und Energieinfrastrukturprojekte. Mina Norte wird unsere Rolle als verlässliche Partnerin für großangelegte Mining-Projekte weiter festigen und unser außereuropäisches Geschäft gezielt stärken.Siegfried Wanker, Vorstandsmitglied Strabag SE, verantwortlich für das Segment International + Sondersparten
Für Chuquicamata ist die neue Vergabe eine Fortsetzung früherer Arbeiten: SOLID berichtete bereits 2012 über einen damaligen Tunnelauftrag mit rund 100 Millionen Euro Volumen, 2022 über neue Züblin-Aufträge in den chilenischen Minen Candelaria Norte und El Teniente. Mina Norte mit 54 Kilometern und 800 Millionen Euro ist ein deutlich größerer Auftrag als die vorherigen.
Der unmittelbare Auftragnehmer ist die in Chile tätige Züblin International GmbH Chile SpA, der Konzern dahinter die börsennotierte Strabag SE mit Sitz in Wien. Zur Herkunft der 1.200 Beschäftigten oder zur konkreten Beteiligung österreichischer Ingenieurteams liegen keine öffentlichen Angaben vor.
Zwei Verträge, ein Volumen von 800 Millionen Euro
Öffentlich bestätigt sind der Gesamtwert von 800 Millionen Euro, der Gesamtumfang von mehr als 54 Kilometern Tunnel und kritischer Infrastruktur sowie rund 1.200 mobilisierte Beschäftigte. Nicht bekannt sind die Bezeichnungen der beiden Lose, ihr jeweiliger Umfang, einzelne Ausführungsfristen sowie die Vertragsform.
2031 als geplanter Abschluss bedeutet nicht, dass der gesamte Untertagebau erst dann zu produzieren beginnt, Codelco betreibt Chuquicamata Subterránea bereits und erweitert die Mine etappenweise. Bis 2031 sollen vielmehr die von Züblin beauftragten Tunnel und Infrastrukturbereiche fertiggestellt sein, in einer wachsenden Mine können einzelne Abschnitte schon früher übergeben oder genutzt werden.
FACTBOX: Chuquicamata Underground Mine, Mina Norte
Standort: Calama, Region Antofagasta, Chile
Auftraggeber: Codelco
Auftragnehmer: Züblin International GmbH Chile SpA, Strabag-Gruppe
Bekanntgabe: 24. Februar 2026
Aufträge: zwei Verträge, Gesamtwert rund 800 Mio. Euro
Bauzeit: ab 2026, Abschluss geplant 2031
Tunnelumfang: mehr als 54 km, dazu kritische unterirdische Infrastruktur
Beschäftigte: rund 1.200
Bauverfahren: konventioneller Tunnelbau (Bohr-/Sprengvortrieb oder mechanischer Ausbruch, je nach Geologie)
Frühere Züblin-Leistung am Standort: bis zu 1.900 m Tunnel pro Monat, Auftrag 2016–2024
Chuquicamata (Tagebau)
- rund 5 km lang, 3 km breit, mehr als 1 km tief; rund 2.870 m Seehöhe
- industrieller Betrieb seit 1915, laut Codelco größter Kupfertagebau der Welt
- Produktion 2025: rund 266.000 t Kupfer fein
Chuquicamata Subterránea (Untertagemine)
- eröffnet August 2019, Gesamtprojekt Ende 2025 zu rund 90 % fortgeschritten
- Reserven: rund 1,028 Mrd. t Erz, Kupfergehalt durchschnittlich 0,82 %
- geplante Verlängerung der Lebensdauer: mindestens 40 Jahre
- Endausbau: bis zu 898 m unter dem Tagebauboden, mehr als 2 km unter der ursprünglichen Geländeoberfläche
- Abbaumethode: Block Caving; Abluftschacht 918 m tief, 11 m Durchmesser (2016 fertiggestellt, nicht Teil von Mina Norte)
Züblin in Chile: seit den 1980er-Jahren aktiv, u. a. Chuquicamata, El Teniente, Candelaria; mehr als 380 km Tunnel, mehr als 6 Mrd. Euro Auftragsvolumen