Wasserkraft im Hochgebirge : Sieben Meter Damm für zwei Millionen Batterien: Wie STRABAG Kärntens Wurtenspeicher ausbaut

Baustelle auf 1.700 Metern: STRABAG erhöht den Wurtendamm im Kärntner Mölltal um sieben Meter. Dadurch wächst das Speichervolumen von 2,7 auf fünf Millionen Kubikmeter Wasser.

Baustelle auf 1.700 Metern: STRABAG erhöht den Wurtendamm im Kärntner Mölltal um sieben Meter. Dadurch wächst das Speichervolumen von 2,7 auf fünf Millionen Kubikmeter Wasser.

- © Kelag

Sieben Meter. Um diese Höhe wächst der Wurtendamm im Kärntner Mölltal, und das genügt, um den Speicher dahinter fast zu verdoppeln. Auf rund 1.700 Metern Seehöhe, in Innerfragant in der Gemeinde Flattach, erweitert die STRABAG für die Kelag einen Steinschüttdamm aus den Jahren 1968 bis 1971. Aus 2,7 Millionen Kubikmetern Fassungsvermögen werden fünf Millionen, ein Zuwachs von 2,3 Millionen Kubikmetern oder 2,3 Milliarden Litern Wasser. Die Hauptarbeiten am rund 30 Millionen Euro teuren Projekt sollen noch 2026 abgeschlossen werden.

Dass sieben Meter Damm eine solche Wirkung haben, liegt an der Form des Beckens. Ein Speicher wird nach oben breiter, mit jedem Meter höherem Wasserstand werden zunehmend größere Uferflächen überstaut. Die zusätzliche Wassermenge wächst deshalb nicht im gleichen Maß wie die Dammhöhe, sondern deutlich stärker. Und dieses Wasser ist mehr als ein Vorrat: Es ist gespeicherte Energie, die sich bei Bedarf in Strom zurückverwandeln lässt.

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Der Damm wächst auf der Luftseite

Der Wurtendamm ist kein Neubau, sondern ein seit über fünf Jahrzehnten betriebenes Bauwerk, das erhöht und saniert wird. Um ihn zu erhöhen, wird auf der Luftseite, also der dem Wasser abgewandten Seite, ein zusätzlicher Stützkörper aus Schüttmaterial aufgebaut. Er gibt dem höheren Damm die nötige Standfestigkeit.

Auf der Wasserseite muss zugleich die bestehende Asphaltoberflächendichtung nach oben verlängert werden. Diese Dichtung ist die eigentliche Barriere, die das Wasser im Becken hält; bei einem Steinschüttdamm übernimmt nicht der Steinkörper selbst die Abdichtung, sondern diese durchgehende Oberflächenschicht. Insgesamt werden rund 230.000 Kubikmeter Schüttmaterial eingebaut, lagenweise in Schichten von etwa 80 Zentimetern.

Jede dieser Lagen wird verdichtet und kontrolliert, wie Kelag-Projektleiter Mario Körbler beschreibt: Das Material werde in Lagen von 80 Zentimetern eingebaut, auf seine Einbauverdichtung geprüft, und diese Werte gingen anschließend in die Kollaudierung ein, also die behördliche Abnahme des Bauwerks. Auch bei einem heftigen Gewitter soll sich so nichts aus der Anlage lösen.

Kelag-Großbaustelle auf rund 1.700 Metern: Sanierung und Erweiterung des Wurtenspeichers

- © Kelag

246 Bohrpfähle gegen das Wasser im Untergrund

Ein Damm hält das Wasser nur dann zuverlässig, wenn es nicht unter ihm hindurchsickert. Deshalb ist der Spezialtiefbau ein zentraler Teil des Projekts. Die STRABAG-Gesellschaft ZÜBLIN Spezialtiefbau setzt insgesamt 246 Bohrpfähle, zusammen rund 2.800 Meter, mit einem Durchmesser von 1.200 Millimetern und Bohrtiefen zwischen 2,7 und 22,5 Metern, je nach Untergrund.

167 dieser Pfähle bilden eine überschnittene Bohrpfahlwand, die den Untergrund in der Talmitte abdichtet und in den anstehenden Fels einbindet. Überschnitten heißt: Die Pfähle greifen ineinander und ergeben eine durchgehende, dichte Wand. Die zulässige Abweichung liegt bei maximal einem Prozent, während abrasives Material und hochfeste Felsblöcke das Bohren erschweren. Weil sich die tatsächliche Felsoberkante beim Bohren ändert, müssen die Bewehrungslängen laufend kurzfristig angepasst werden.

Das Material kommt aus dem leeren See

Ein Großteil des benötigten Gesteins wird nicht über die enge Bergstraße herangeschafft, sondern direkt im entleerten Speicherraum gewonnen, im Bereich der Stauwurzel, wo der See in das natürliche Zuflussgebiet übergeht. Der Speicher liefert damit einen großen Teil des Baustoffs für seine eigene Vergrößerung.

Das begrenzt die Zahl der Materialtransporte über die schwierige Hochgebirgszufahrt spürbar, ganz ohne zusätzlichen Verkehr geht es aber nicht. Bereits zum Baustart wies die Kelag auf ein erhöhtes Verkehrsaufkommen auf der Straße von Außerfragant zum Wurtenspeicher hin und bat die Anrainer um Verständnis.

Die Kelag erweitert den Wurtenspeicher in der Kraftwerksgruppe Fragant und verdoppelt damit nahezu das Speichervolumen von 2,7 auf 5 Millionen Kubikmeter Wasser.

- © Kelag

Transport zur Baustelle: Wenn der Bohrer klappbar sein muss

Die eigentliche Schwierigkeit beginnt nicht erst beim Bohren, sondern schon beim Weg auf den Berg. Die Zufahrt ist schmal, hat enge Kehren und Abschnitte mit begrenzter Durchfahrtshöhe. Für die Spezialtiefbauarbeiten setzt ZÜBLIN ein Liebherr-Bohrgerät vom Typ LB 45 ein, dazu einen Seilbagger HS 8070 HD. Beide Maschinen stammen aus dem Liebherr-Werk in Nenzing in Vorarlberg, das auf Spezialtiefbaugeräte, Seilbagger und Raupenkrane spezialisiert ist.

Damit das rund 150 Tonnen schwere Bohrgerät die Baustelle überhaupt erreichen konnte, war ein konstruktives Detail entscheidend: der klappbare Mäkel, also der Bohrmast. Er lässt sich für den Transport umlegen und verkürzt so das Gerät, was die Anfahrt über die enge Bergstraße erst möglich macht. Mit diesem Gerät stellt ZÜBLIN die rund 2.800 Meter Bohrpfähle her, deren überschnittene Wand den Untergrund abdichtet.

Zweimal bis auf den Grund entleert

Damit an Dichtung, Untergrund und Dammfuß überhaupt gearbeitet werden kann, musste der Wurtenspeicher in zwei Bauphasen vollständig geleert werden. Erst im leeren Becken werden die bestehende Asphaltdichtung, die Untergrundabdichtung und Teile des Dammfußes zugänglich.

Die erste Totalentleerung begann im März 2025. Weil dabei Sedimente in den Fraganter Bach und weiter in die Möll gelangen können, wurde die Maßnahme behördlich genehmigt und die Gewässerqualität kontinuierlich überwacht: Zwei Sonden im Fraganter Bach und in der Möll messen laufend, ein technisches Büro begleitet das ökologische Monitoring.

Über allem stehen die Bedingungen einer Hochgebirgsbaustelle. Während unten im Mölltal Sommer herrscht, muss das Team auf 1.700 Metern jederzeit mit Wetterumschwüngen rechnen. STRABAG-Projektleiter Maximilian Rutar nennt die Bandbreite:

Da heroben sind die Wetterumschwünge sehr schnell, ob Schneefall, Regen, Hagel oder Sturmböen mit über 120 km/h Windgeschwindigkeit.
Maximilian Rutar, Projektleiter STRABAG

Großbaustelle am Wurtenspeicher. Am Foto v.l.n.r.: Kelag-Vorstand Reinhard Draxler, Mario Körbler, Kelag-Projektleiter, Franz Redl, Vorstandsmitglied STRABAG AG Österreich, Christian Rupp, Leiter Kelag-Erzeugung/Technische Services, STRABAG-Projektleiter Maximilian Rutar.

- © Kelag

Zwei Millionen Batterien: der Energiespeicher hinter dem Wasserspeicher

Der Wurtenspeicher ist das Herzstück der Kelag-Kraftwerksgruppe Fragant, einem System aus 15 Speichern, rund 79 Kilometern Triebwasserwegen und zehn Kraftwerken. Gemeinsam erzeugen diese Anlagen rund 800 Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr, so viel, wie etwa 225.000 Haushalte verbrauchen, das bezieht sich auf die gesamte Gruppe, nicht auf den Wurtenspeicher allein.

Innerhalb dieses Systems wirkt der erweiterte Speicher als Puffer. Bei geringem Strombedarf oder viel Erzeugung aus Wind und Sonne wird Wasser nach oben gepumpt, bei hohem Bedarf durch die Turbinen wieder abgelassen. So lassen sich vor allem die Pumpspeicherkraftwerke Feldsee und Innerfragant flexibler einsetzen und Schwankungen im Netz ausgleichen. Kelag-Vorstand Reinhard Draxler verweist auf den Kern dieser Aufgabe: Ein Energieversorger müsse für Versorgungssicherheit sorgen, und das Jahr habe 8.760 Stunden, in jeder einzelnen davon.

Für die zusätzliche Speicherkapazität durch den Ausbau zieht die Kelag einen anschaulichen Vergleich: Sie entspreche rund zwei Millionen Haushaltsbatterien mit je fünf Kilowattstunden. Das ist eine Betreiberangabe, deren genaue Rechnung nicht offengelegt ist, sie verdeutlicht aber die Größenordnung. Technisch speichert ein Pumpspeicher keine Elektrizität wie eine Batterie, sondern potenzielle Energie in Form hochgepumpten Wassers. Die Kelag nennt solche Anlagen deshalb „grüne Batterien".

Neue Wasserfläche braucht neuen Naturraum

Der höhere Wasserspiegel überstaut künftig zusätzliche Flächen am Ufer. Als Ausgleich schafft die Kelag rund 4,2 Hektar Ersatzflächen, darunter ein mindestens 1.000 Quadratmeter großes Amphibienbiotop im Bereich der Stauwurzel sowie weitere Flächen in Flattach und Friesach.

Sieben Meter mehr Dammhöhe schaffen so 2,3 Millionen Kubikmeter zusätzliches Wasser, überfluten aber zugleich neue Randflächen, für die ökologische Ersatzräume angelegt werden. Die Hauptarbeiten sollen 2026 abgeschlossen sein, Rekultivierung und Restarbeiten laufen 2027 weiter. Danach steht auf 1.700 Metern ein Speicher, der fast doppelt so viel Wasser fasst wie zuvor, erhöht um sieben Meter, abgedichtet mit 246 Pfählen und verbreitert mit Material aus seinem eigenen Grund.

Präzisionsarbeit im Hochgebirge: Mit einem Liebherr-Bohrgerät LB 45 stellt ZÜBLIN die Bohrpfähle für die Untergrundabdichtung des Wurtendamms her. Die Bohrtiefen reichen bis 22,5 Meter.

- © Liebherr

FACTBOX: Erweiterung Wurtenspeicher

Projekt: Sanierung und Erweiterung des Wurtenspeichers
Standort: Innerfragant, Gemeinde Flattach, Kärnten, rund 1.700 m Seehöhe
Bauherr: Kelag
Ausführung: STRABAG AG Österreich, ZÜBLIN Spezialtiefbau (Pfahl- und Abdichtungsarbeiten)
Spezialtiefbaugeräte: Liebherr LB 45 (Bohrgerät), HS 8070 HD (Seilbagger), aus dem Liebherr-Werk Nenzing
Baubeginn: Frühjahr 2025
Hauptarbeiten: Abschluss 2026, Rekultivierung/Restarbeiten 2027
Investition: rund 30 Millionen Euro
Beschäftigte: rund 70 in sechs Baulosen
Dammerhöhung: rund sieben Meter (Steinschüttdamm von 1968–1971)
Stauzielerhöhung: 8,5 Meter
Speichervolumen: von 2,7 auf fünf Millionen m³ (plus 2,3 Millionen m³ bzw. 2,3 Milliarden Liter)
Schüttmaterial: rund 230.000 m³, großteils aus dem Speicherraum gewonnen
Bohrpfähle: 246 gesamt (rund 2.800 m, Ø 1.200 mm, Tiefe 2,7–22,5 m); davon 167 als überschnittene Dichtwand
Ausgleichsflächen: rund 4,2 Hektar, inkl. Amphibienbiotop
Energie: Teil der Kraftwerksgruppe Fragant (15 Speicher, 10 Kraftwerke, rund 800 Mio. kWh/Jahr ≈ 225.000 Haushalte); zusätzliche Speicherkapazität laut Kelag rund zwei Millionen Haushaltsbatterien à 5 kWh