Geothermie : Porr bohrt 420 Erdwärmesonden unter Denkmalschutz – Großprojekt Otto-Wagner-Areal

PORR Bauarbeiten auf dem Otto Wagner Areal, 8.4.26, Errichtung Geothermieanlage

Über 20.000 Laufmeter Verbindungsleitungen werden am Otto-Wagner-Areal verlegt, um die 420 Erdwärmesonden an die Verteiler anzubinden. Im Hintergrund einer der denkmalgeschützten Jugendstilpavillons, die künftig mit Geothermie beheizt und gekühlt werden. 

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Irgendwo zwischen Pavillon 5 und Pavillon 11 hat sich ein Fuchs häuslich eingerichtet. Mitten auf der Baustelle liegt ein frischer Fuchsbau. Sechs Bohrlöcher müssen warten, bis das Tier in der Schonzeit eingefangen und umgesiedelt worden ist. Anita Angerer, Leiterin der Geothermieabteilung der Porr, nimmt es mit Humor: „Auf dieser Baustelle passiert alles, was man planen kann – und dann noch mehr."

Es ist einer jener Momente, die deutlich machen, dass hier nicht auf der grünen Wiese gebaut wird. Das Otto-Wagner-Areal auf der Baumgartner Höhe in Wien-Penzing ist ein Jugendstilensemble aus 34 historischen Pavillons, steht unter Denkmalschutz, beherbergt einen der schönsten Baumbestände der Stadt – und soll bis Sommer 2026 mit rund 420 Erdwärmesonden ausgestattet werden. Die Porr führt die Bohrarbeiten aus, entwickelt und verwaltet wird das Projekt von der Otto Wagner Areal Revitalisierung GmbH, einem Unternehmen der Wien Holding-Tochter WSE. Gemeinsam wollen sie das historische Areal aus dem Zeitalter der Fernwärme ins Zeitalter der Erdwärme überführen.

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Porr-Bohrgerät auf der Baumgartner Höhe. Im Idealfall schafft eine Maschine eine Bohrung pro Tag – bis zu 150 Meter tief.

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Eine Baustelle zwischen Jugendstil und Grundwasser

Daniel Toth, technischer Projektleiter bei der Otto Wagner Areal Revitalisierung GmbH, führt durch das Gelände. Seit 1963 wird das Areal mit Fernwärme versorgt, davor mit Kohle. Nach dem schrittweisen Ende des Klinikbetriebs wurde das Kernareal 2023 formal an die Otto Wagner Areal Revitalisierung GmbH übertragen. Seither wird das Areal umfassend erneuert: die einzelnen Pavillons werden saniert, die gesamte Infrastruktur neu errichtet. Geothermie ist dabei nur ein Teil – neu verlegt werden auch Datenleitungen, Straßenbeleuchtung, Stromnetz und Wasserversorgung. Die Revitalisierung des Kanalnetzes wurde bereits abgeschlossen.

Was das Projekt besonders macht, ist die Kombination aus Denkmalschutz und Geothermie. Eine klassische thermische Sanierung der Fassaden ist am Otto-Wagner-Areal weitgehend ausgeschlossen – das Bundesdenkmalamt lässt solche Eingriffe nicht zu. Toth und sein Team haben daher in aufwendigen Simulationen berechnet, welche Maßnahmen unter Berücksichtigung von Denkmalschutz technisch und wirtschaftlich sinnvoll sind: Dächer, Bodenplatten, Fenster. Auf dieser Basis wurde die Geothermieanlage dimensioniert. „Hätten wir dämmen können, wären es ein paar Sonden weniger geworden", erklärt Toth. „Aber dann stellt sich die Frage: Wo ist das Geld besser angelegt?"

Die Antwort fiel zugunsten der Geothermie aus – und das nicht nur wegen der Heizung. Denn ein zentraler Vorteil der Anlage ist die Kühlung im Sommer, die auf dem Areal bisher schlicht nicht existiert hat. Über Flächenheizungssysteme, die in den Pavillons eingebaut werden, kann im Sommer passiv gekühlt werden – ohne zusätzliche elektrische Energie, sondern über das konstant kühle Temperaturniveau des Erdreichs.

Enge Platzverhältnisse: Zwischen dem geschützten Baumbestand und den Pavillonfassaden bleibt oft nur wenig Raum für die Bohrgeräte.

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Thermischer Speicher unter Wien

Das Prinzip klingt simpel, ist in der Umsetzung aber ein Balanceakt. Aus einer Kilowattstunde elektrischer Energie lassen sich mit einer Sole-Wasser-Wärmepumpe vier bis fünf Kilowattstunden Heizenergie gewinnen. Das Erdreich funktioniert dabei als riesiger thermischer Speicher: Im Winter wird Wärme entnommen, im Sommer wird die Abwärme der Kühlung wieder eingespeist. Ohne diese Regeneration würden die Temperaturen im Untergrund über die Jahre sinken, das System würde ineffizient.

Der Wärme- und Kältebedarf am Areal ist nahezu ausgeglichen. Die geplante installierte Kälteleistung liegt bei rund 6 Megawatt, die Wärmeleistung bei rund 5 Megawatt – die Anlage ist also für die Kühlung etwas größer dimensioniert. Über das Jahr ist der Wärmeverbrauch zwar etwa fünfzehn Prozent höher als der Kälteverbrauch, aber längst nicht so dominant, wie man erwarten würde. Mit der erwarteten Klimaerwärmung wird der Wärmeverbrauch sinken und der Kälteverbrauch steigen. Dieser Umstand ist bei der Dimensionierung des Gesamtsystems bereits berücksichtigt. Die zukünftigen Nutzungen spielen dabei ebenfalls eine zentrale Rolle: Bildungseinrichtungen, Büros, Ateliers – Gebäude, die im Sommer deutlich mehr Kühlbedarf haben als ein reines Wohnhaus.

Für die letzten zehn Prozent der Spitzenlast im Winter bleibt Fernwärme bestehen – leistungsmäßig rund 400 bis 500 Kilowatt. „Wir wollten die Geothermieanlage nicht auf die Spitzenlast auslegen müssen, das wäre unverhältnismäßig teuer", soToth. Rund 85 Prozent des Wärmebedarfs werden künftig durch Geothermie gedeckt. Die restlichen fünfzehn Prozent bleiben der Fernwärme überlassen – ein bewusster Kompromiss angesichts des Denkmalschutzes.

Das Geothermie-Team der Porr vor einer der sieben Bohrmaschinen, die am Otto-Wagner-Areal gleichzeitig im Einsatz sind.

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8 Meter Abstand, 150 Meter Tiefe

Anita Angerer hat die Geothermieabteilung der Porr vor rund 15 Jahren aufgebaut – als erstes großes Bauunternehmen in Österreich mit einer eigenen solchen Abteilung, damals noch in Teilzeit. Heute leitet sie ein Team von 55 Mitarbeitenden und 13 Bohrmaschinen. Allein 2025 hat die Abteilung mehr als 1.600 Sonden verbaut, mit insgesamt über 200.000 Sondenlaufmetern. Was lange ein Nischenthema war, ist heute in der Breite angekommen. Den Boom der Geothermie erklärt Angerer mit einer Kombination aus europäischem Green Deal, dem Ziel der Klimaneutralität des Gebäudesektors bis 2040 bzw. 2050 – und nicht zuletzt mit den Energiepreisen, die durch die multiplen geopolitischen Krisen das Bewusstsein auch bei Bauherren und Investoren geschärft haben. 

Auf dem OWA-Areal stehen sieben Bohrmaschinen gleichzeitig, zeitweise waren es zehn. Im Idealfall schafft eine Maschine eine Bohrung pro Tag – inklusive Aufbau und Abbau. Im Schnitt kommen über die Woche rund 30 bis 40 Bohrungen zusammen. Dass es manchmal auch anders läuft, sieht man gerade live: Eine der Maschinen kommt langsamer voran als geplant, verhärtete Bodenschichten. „Da steht er dann wirklich mal drei Stunden für vier Meter", schildert Angerer.

Der Mindestabstand zwischen den Sonden beträgt hier acht Meter – einer der dichtesten Abstände, die technisch sinnvoll sind. Die Kombination aus Heizen und Kühlen erlaubt diese Kompaktheit, weil das Erdreich gleichmäßig bewirtschaftet wird. Dass in der Wiener Innenstadt grundsätzlich weit mehr Gebäude mit Geothermie versorgt werden könnten als bisher, ist für Angerer keine Frage. Seit Jänner 2023 ist es in Wien erlaubt, Bohrungen auch auf öffentlichem Grund durchzuführen, wenn das eigene Grundstück nicht ausreicht. Die Porr hat diesen Schritt im Juli 2023 als erstes Unternehmen umgesetzt – im 15. Bezirk, Zwölfergasse, im Zuge einer Zinshaussanierung. Seither ist das Segment stark gewachsen.

Blick in die offenen Verbindungsgräben: Sondenleitungen laufen gebündelt zum Verteilerschacht, insgesamt werden am Areal rund 20.000 Laufmeter Verbindungsleitungen verlegt.

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Was der Boden noch bereithält

Unter der Oberfläche des Areals liegt mehr als nur Erde. Fernwärmeleitungen aus den 1960er-Jahren verlaufen quer durch das Gelände, teilweise noch im Originalzustand. Elektroleitungen tauchen auf, die in keinem Plan verzeichnet sind. Ein Baggerfahrer legt eine lose Leitung frei und lässt sie vorsichtig in der Luft hängen.

Dazu kommt die Hanglage: Jedes Mal, wenn es regnet, füllen sich die aufgegrabenen Verbindungsgräben mit Wasser. Im Winter standen die Künetten teils einen Meter tief im Grundwasser, das abgepumpt und in den Kanal geleitet werden musste. Insgesamt werden rund 20.000 bis 25.000 Laufmeter Verbindungsleitungen verlegt – allein für die Anbindung der einzelnen Sonden an die Verteiler. Jede Schweißmuffe muss dabei sauber abgeschält, gereinigt und mit exakter Abkühlzeit verschweißt werden. „Wenn du einen Fehler machst, hast du ein Problem", betont Angerer. Bei 420 Sonden ist Präzision keine Option, sondern Voraussetzung.

Noch eine Besonderheit am Rande: Direkt über einem der fertiggestellten Sondenfelder baut der Verein Ackerhelden seine Gemüsebeete auf. Der Boden ist wieder geschlossen, die Oberfläche rekultiviert – man sieht nichts mehr von dem, was darunter liegt. Das sei eigentlich immer das Ziel, meint Angerer: „Am Schluss sieht man nur noch den Verteiler. Der soll schön ausschauen."

Das Ziel ist, bis Ende Mai alle Sonden fertig zu haben, bis Ende Juni die Verbindungsleitungen. Auf der Baustelle nennt man diesen Zeitplan „sehr sportlich" – aber machbar.

Wenn der Fuchs bis dahin umgesiedelt ist.