Wasserinfrastruktur im Irak : Eine Milliarde Liter täglich: ILF plant Basras neue Wasserinfrastruktur

Rendering der geplanten Entsalzungsanlage nahe dem Grand Faw Port, mit markierter Fläche für eine mögliche künftige Erweiterung. Die kugelförmigen Speicherbauten oben links deuten die Dimension der geplanten Wasserspeicherung an.

Rendering der geplanten Entsalzungsanlage nahe dem Grand Faw Port, mit markierter Fläche für eine mögliche künftige Erweiterung. Die kugelförmigen Speicherbauten oben links deuten die Dimension der geplanten Wasserspeicherung an.

- © Prime Minister's Office of Iraq

Manche Megaprojekte werden an einem einzigen Tag angekündigt. Dieses hier begann Jahre vor seinem eigentlichen Baustart, in Konzeptplänen eines österreichischen Ingenieurbüros, das bis heute an Bord ist. ILF Consulting Engineers mit Hauptsitz im Tiroler Rum bei Innsbruck entwickelte das Grundkonzept für Basras neue Wasserversorgung bereits 2019, lange bevor der eigentliche Bauvertrag existierte, und begleitet die Umsetzung nach aktuellem Stand weiterhin als Engineering- und Bauüberwachungspartner.

Nie mehr die wichtigsten News aus Österreichs Bauwirtschaft verpassen? Abonnieren Sie unseren Newsletter Hier geht’s zur Anmeldung!

Eine Milliarde Liter, aber nur der sichtbare Teil

Eine Million Kubikmeter Trinkwasser pro Tag soll die geplante Anlage aus Meerwasser gewinnen, eine Milliarde Liter, rund 41,7 Millionen Liter pro Stunde, knapp 11.600 Liter pro Sekunde. Würde man diese Menge rechnerisch gleichmäßig auf die mehr als vier Millionen Menschen der Provinz Basra verteilen, ergäbe das rund 250 Liter pro Person und Tag, ein reiner Größenvergleich, von dem Netzverluste, industrielle Abnehmer und betriebliche Reserven noch abzuziehen wären.

Doch die eigentliche Dimension des Projekts liegt außerhalb der Aufbereitungshallen. Zum Vorhaben gehören zwölf Wasserspeicher, ein rund 240 Kilometer langes Fernleitungsnetz, eine Hauptpumpstation und neun Empfangsstationen sowie ein eigenes Kraftwerk mit 300 Megawatt Leistung. Die Entsalzungsanlage ist damit nur eines von vier miteinander verbundenen Großsystemen: Meerwasserentnahme und Aufbereitung, Energieversorgung, Speicherung und Ferntransport, sowie die Verteilung in der gesamten Provinz.

Der ILF-Hauptsitz in Rum bei Innsbruck: Von hier aus entwickelte das Tiroler Ingenieurbüro bereits 2019 das Grundkonzept für Basras neue Wasserversorgung.

- © ILF Consulting Engineers

ILF entwickelte das Konzept, bevor es einen Bauvertrag gab

Am 25. April 2019 beauftragte das irakische Ministerium für Bau, Wohnungswesen, Kommunen und öffentliche Arbeiten ILF mit Projektentwicklung, Engineering und örtlicher Bauüberwachung. Das damals vorgestellte Konzept enthielt bereits eine SWRO-Anlage mit einer Million Kubikmetern Tagesleistung, rund 270 Kilometer Fernleitungen, die Versorgung von elf Städten einschließlich Basra sowie ein gasbetriebenes Kraftwerk für Entsalzung und Pumpstationen. Das heutige Projekt ist damit die Weiterentwicklung eines mindestens sieben Jahre alten ILF-Konzepts, die ursprünglich 270 Kilometer wurden im aktuellen Ausführungsumfang auf rund 240 Kilometer konkretisiert, vermutlich das Ergebnis der weiteren Trassenplanung, nicht ein Widerspruch zur früheren Angabe.

ILF ist bei diesem Projekt weder Membranhersteller noch Generalunternehmer, und auch nicht jenes Unternehmen, das den Bau als EPC-Auftrag ausführt. Die öffentlich dokumentierte Leistung umfasst Project Development, Engineering und Site Supervision, also die technische Entwicklung des Gesamtkonzepts, die planerische Verknüpfung von Entsalzung, Kraftwerk und Leitungssystem sowie die Kontrolle der Umsetzung auf der Baustelle. Der aktuelle EPC-Vertrag liegt bei PowerChina International gemeinsam mit der irakischen Al-Ridha Group, ILF übernimmt die Ingenieur- und Überwachungsleistungen, mit denen aus den Anforderungen des Auftraggebers ein technisch funktionierendes Gesamtsystem werden soll. Als das Projekt im Oktober 2025 seine öffentliche Grundsteinlegung erhielt, war ILF UAE mit dem Business Development Director Thamer Shawabkeh bei der Zeremonie vor Ort vertreten, unter der Schirmherrschaft von Premierminister Mohammed Shia Al-Sudani und dem Gouverneur von Basra, Asaad Al-Eidani.

Drei parallele Wasserfabriken

Die Anlage soll als Seawater-Reverse-Osmosis-System, kurz SWRO, ausgeführt werden, mit drei parallelen Linien à rund 335.000 Kubikmetern Tagesleistung. Die Prozesskette folgt dabei einem festen Ablauf: Meerwasser wird gefasst, in der Vorbehandlung von Schwebstoffen und organischen Belastungen befreit, anschließend mit hohem Druck durch semipermeable Membranen gepresst, die das Salzkonzentrat vom gereinigten Wasser trennen. Das entstehende Trinkwasser wird remineralisiert, desinfiziert, gespeichert und ins Fernleitungsnetz gepumpt.

Zu einigen technisch relevanten Details liegen bislang keine ausreichend detaillierten öffentlichen Projektunterlagen vor: die genaue Konstruktion der Meerwasserfassung, Membran- und Pumpenlieferanten, eine mögliche Energierückgewinnung, der konkrete spezifische Stromverbrauch sowie Ausführung und Verdünnung des Soleauslasses ins Meer. Diese Lücken lassen sich derzeit seriös nicht füllen.

Zwölf Speicher für eine komplette Tagesproduktion

Ein Detail macht die Dimension der Anlage besonders greifbar: Die zwölf geplanten Speicher sollen zusammen genau eine Million Kubikmeter fassen, exakt jene Menge, die die Anlage rechnerisch an einem einzigen Tag produzieren würde. Würde die gesamte Tagesproduktion einmal komplett in die Speicher geleitet, läge dort eine Milliarde Liter Wasser gebunkert.

Das bedeutet nicht, dass die Anlage im späteren Betrieb tatsächlich stets über eine vollständige Tagesreserve verfügt, die Speicher werden gleichzeitig befüllt und entleert. Als baulicher Größenvergleich funktioniert die Zahl aber hervorragend: Basras neue Speicherkapazität entspricht bautechnisch der kompletten Tagesleistung der größten Wasserfabrik, die in diesem Rahmen entsteht.

Warum Trinkwasser 300 Megawatt benötigt

Das 300-Megawatt-Kraftwerk ist kein unbedeutendes Nebenaggregat, sondern ein eigenständiges Kraftwerksprojekt innerhalb des Wasserprojekts. Seine Energie wird nicht nur für die Hochdruckpumpen der Umkehrosmose benötigt, auch Meerwasserentnahme, Vor- und Nachbehandlung sowie der Transport einer Million Kubikmeter Wasser über Hunderte Kilometer verbrauchen kontinuierlich Strom.

Eine rein rechnerische Einordnung zeigt die Größenordnung: 300 Megawatt über 24 Stunden entsprechen 7.200 Megawattstunden, bezogen auf eine Million Kubikmeter wären das maximal 7,2 Kilowattstunden je Kubikmeter. Das ist ausdrücklich nicht der veröffentlichte spezifische Energieverbrauch der Anlage, das Kraftwerk versorgt das Gesamtsystem einschließlich Ferntransport und Pumpstationen, und seine Nennleistung wird nicht zwangsläufig permanent vollständig genutzt. ILFs ursprüngliches Konzept aus dem Jahr 2019 sah ausdrücklich ein gasbetriebenes Kraftwerk vor, die aktuelle irakische und chinesische Projektbeschreibung bestätigt die 300 Megawatt, nennt den Energieträger aber nicht erneut ausdrücklich.

240 Kilometer bis zu den Verbrauchern

Das entsalzte Wasser muss von der Küste aus über eine Hauptpumpstation und neun Empfangs- beziehungsweise Verteilstationen bis in die Städte der Provinz gelangen, verteilt über ein rund 240 Kilometer langes Fernleitungsnetz. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Anlage, Energie und Transport liegt der eigentliche Kern von ILFs Arbeit: Das Unternehmen plant nicht nur eine Entsalzungsanlage, sondern das Zusammenspiel aus Wassergewinnung, Kraftwerk und einem Leitungssystem, das über eine gesamte Provinz reicht.

Am Ende zweier zunehmend salziger Flüsse

Basra liegt am untersten Ende des Tigris-Euphrat-Systems. Sinkende Abflüsse, Verschmutzung und das Eindringen salzhaltigen Wassers verschlechtern dort nicht nur die verfügbare Menge, sondern vor allem die Qualität des Rohwassers. Die Weltbank hält für die Provinz fest, dass 2018 rund 99 Prozent der Haushalte ihr Leitungswasser nicht zum Trinken oder für grundlegende Anwendungen wie Kochen und Waschen verwendeten, 83 Prozent bezogen stattdessen Wasser über Tankwagen oder kleine Tanks, weitere 16 Prozent kauften Flaschenwasser. Im selben Jahr erkrankten bei einer mit der Wasserqualität verbundenen Krise annähernd 100.000 Menschen.

Auch die außergewöhnlich starken Regenfälle 2025/26 ändern an der strukturellen Lage wenig. Laut einer UN-Einschätzung vom Juni 2026 liegen die Abflüsse von Tigris und Euphrat bereits rund 30 Prozent unter dem Niveau von 1980, die Grundwasserdefizite im Süden gelten als strukturell, bis zur Mitte des Jahrhunderts werden weiter sinkende Niederschläge und höhere Temperaturen erwartet. Das Projekt ist damit weniger eine Frage der Kapazität als eine Frage der Unabhängigkeit von einem Flusssystem, das für Basra zunehmend unzuverlässig wird.

Grundstein gelegt, Finanzierung noch offen

Die dokumentierte Chronologie reicht von der ILF-Beauftragung im April 2019 über den offiziellen Start der Ausführungsarbeiten im Juli 2025 bis zum Jänner 2026, als PowerChina einen EPC-Vertrag mit der Provinzregierung Basra über 17,193 Milliarden Yuan, umgerechnet rund 2,4 Milliarden US-Dollar, meldete. Vorgesehen sind eine sechsmonatige Mobilisierungsphase, 1.350 Tage Hauptbauzeit und eine 24-monatige Gewährleistungsphase. Im Februar 2026 erklärte der Gouverneur von Basra, dass statt eines zuvor diskutierten japanischen Kredits Petrodollar-Mittel verwendet werden sollen, zusätzlich werde eine Finanzierung über den irakisch-chinesischen Fonds über vier Jahre geprüft, eine endgültige Struktur stand zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest.

Belastbar lässt sich damit sagen: Die Ausführungsarbeiten wurden offiziell gestartet, der EPC-Vertrag wurde unterzeichnet, das Projekt befindet sich in der frühen Umsetzungs- beziehungsweise Mobilisierungsphase. Einen öffentlich dokumentierten Baufortschritt in Prozent gibt es derzeit nicht, ebenso wenig ein belastbares Fertigstellungsdatum.

Groß genug, auch ohne riskante Rekordbehauptung

Ob Basra tatsächlich zur größten Entsalzungsanlage der Welt wird, hängt von Definition und Vergleichsmaßstab ab. ACWA Power bezeichnet die Anlage Taweelah in den Emiraten mit 909.200 Kubikmetern täglich als derzeit größte einzelne Umkehrosmose-Anlage der Welt, Basra wäre mit einer Million Kubikmetern größer. Der Entsalzungskomplex Jebel Ali in Dubai kommt nach Angaben von DEWA insgesamt jedoch auf mehr als 2,2 Millionen Kubikmeter täglich, allerdings verteilt auf mehrere Einheiten und Verfahren an einem Standort. Basra dürfte damit zu den größten weltweit verfolgten SWRO-Einzelprojekten zählen, ein unbestrittener Gesamtweltrekord lässt sich daraus aber nicht sauber ableiten.

Für den eigentlichen Maßstab des Projekts braucht es diesen Rekord ohnehin nicht. Erstmals sollen Meerwasserfassung, Entsalzung, Energieversorgung und Ferntransport als ein zusammenhängendes System eine ganze Provinz versorgen. ILFs Aufgabe endet dabei nicht an den Membranen, die Tiroler Ingenieure planen und überwachen mit, wie aus einer Milliarde Litern produzierten Wassers eine dauerhaft funktionierende öffentliche Versorgung wird, für eine Region, die genau darauf seit Jahren wartet.

FACTBOX: Grand Basra Seawater Desalination Project

Projekt: Grand Basra Seawater Desalination Project
Standort: Al-Faw/Fao nahe dem Grand Faw Port, Provinz Basra, Irak
Auftraggeber: Provinzregierung Basra; ursprünglich irakisches Bauministerium
Österreichischer Partner: ILF Consulting Engineers, Rum bei Innsbruck
ILF-Leistung: Projektentwicklung, Engineering, örtliche Bauüberwachung (seit 2019, weiterhin aktiv)
Ausführendes Konsortium (EPC): PowerChina International und Al-Ridha Group

Anlage

  • Trinkwasserproduktion: 1.000.000 m³/Tag (1 Mrd. Liter)
  • Verfahren: Meerwasser-Umkehrosmose (SWRO), drei parallele Linien à rund 335.000 m³/Tag
  • Wasserspeicher: 12 Tanks, gesamt 1.000.000 m³ (entspricht einer Tagesproduktion)
  • Fernleitungsnetz: rund 240 km
  • Pumpstationen: 1 Hauptpumpstation, 9 Empfangs-/Verteilstationen
  • Energieversorgung: eigenes Kraftwerk, 300 MW
  • Begünstigte: mehr als 4 Mio. Menschen in der Provinz Basra

Vertrag und Zeitplan

  • EPC-Vertragswert: 17,193 Mrd. Yuan (rund 2,4 Mrd. US-Dollar), gemeldet Jänner 2026
  • Mobilisierungsphase: 6 Monate
  • Hauptbauzeit: 1.350 Tage
  • Gewährleistungsphase: 24 Monate
  • Start Ausführungsarbeiten: Juli 2025
  • Finanzierungsstruktur: Stand Februar 2026 weiterhin in politischer Abstimmung

Kontext: Basra liegt am Ende des Tigris-Euphrat-Systems; laut Weltbank nutzten 2018 rund 99 % der Haushalte ihr Leitungswasser nicht zum Trinken; laut UN (Juni 2026) liegen die Flussabflüsse rund 30 % unter dem Niveau von 1980