Untertagebau Salzburg : 108.000 Kubikmeter im Mönchsberg: Östu-Stettin und Jäger Bau fräsen das „Haus im Berg“ der Salzburger Festspiele

Der erste Anschnitt im Neutortunnel markiert den Beginn des eigentlichen Kavernenbaus für das „Haus im Berg“. Das ausgebrochene Material soll zu einem großen Teil wiederverwendet werden.

Der erste Anschnitt im Neutortunnel markiert den Beginn des eigentlichen Kavernenbaus für das „Haus im Berg“. Das ausgebrochene Material soll zu einem großen Teil wiederverwendet werden.

- © Stefan Zauner / FSB2030

Den Anfang machten am 1. Oktober eine Segnung und ein Bergmannsgruß. Abt Johannes Perkmann vom Stift Michaelbeuern segnete eine Statue der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute. Danach setzte Simone Monu, Betriebsrätin der Salzburger Festspiele, als Tunnelpatin den ersten Schnitt in den Fels. Sie tat das stellvertretend für die Beschäftigten, für die der neue Raum im Berg entsteht. „Denn hinter jedem Meter Tunnel stehen Menschen“, sagte Monu. Mit „Glück auf!“ begann jener Bauabschnitt, auf den das Großprojekt Festspielbezirk 2030 seit Jahren hingeplant hat.

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Zwei Kavernen hinter den Festspielhäusern: Was im Berg entsteht

Die Salzburger Festspielhäuser liegen mitten in der Altstadt, die zum UNESCO-Welterbe gehört. Nach außen wachsen können sie dort kaum. Den fehlenden Platz soll deshalb der Mönchsberg liefern, an dessen Felswand die Häuser direkt anschließen. In zwei Kavernen, also großen unterirdischen Hohlräumen, entsteht das sogenannte „Haus im Berg“.

Darin geplant sind eine Montagehalle, die zugleich als Hinterbühne für das Große Festspielhaus dient, ein Orchesterprobesaal mit weiteren Proberäumen und Einspielräumen sowie Räume für die Haustechnik. Dazu kommen eine Fahrradgarage, ein Wasserreservoir für den Brandschutz, Leitungen für Ver- und Entsorgung und eine neue Lieferzone mit eigener Zufahrt aus dem Neutortunnel.

Die 108.000 Kubikmeter beschreiben den Hohlraum, der aus dem Fels gebrochen wird, nicht die spätere Nutzfläche. Durch Umbau und Erweiterung wächst die Nutzfläche des gesamten Festspielbezirks um rund 9.000 auf 45.520 Quadratmeter. Für Werkstätten sowie Chor-, Orchester- und Statistengarderoben soll danach annähernd doppelt so viel Fläche zur Verfügung stehen wie heute. Der sichtbare Neubau an der Oberfläche bleibt klein: Das Werkstättengebäude wird ersetzt und bergseitig um rund 800 Quadratmeter Grundfläche erweitert, rund die Hälfte davon ist heute schon durch den Malersaal bebaut.

Neu ist das Bauen im Mönchsberg für Salzburg nicht. Almkanal, Felsenreitschule, Großes Festspielhaus und Altstadtgaragen nutzen den Berg bereits. „Wir setzen daher eine seit dem 12. Jahrhundert gepflegte Tradition in der Stadt fort und nützen den Mönchsberg“, sagt Lukas Crepaz, kaufmännischer Direktor der Salzburger Festspiele und Bauherrenvertreter.

Querschnitt durch das geplante „Haus im Berg“: Die Visualisierung zeigt die neuen unterirdischen Räume im Mönchsberg und ihre Anbindung an den bestehenden Festspielkomplex.

- © 2026 ZOOMVP / FSB 2030 / Visualisierung Jabornegg & Pálffy

Wer baut, wer plant

Den Auftrag für den Kavernenbau erhielt die Arbeitsgemeinschaft Östu-Stettin/Jäger Bau im Frühjahr 2026 als Bestbieter einer europaweiten Ausschreibung. Östu-Stettin mit Sitz in Leoben ist auf Untertage- und Hochbau spezialisiert und gehört zur Habau-Gruppe aus Perg. Jäger Bau aus Bludenz führt den Untertagebau als eigenes Geschäftsfeld. Wie die beiden Partner die Arbeiten untereinander aufteilen und wie hoch der Auftragswert ist, ist nicht veröffentlicht.

Die unterirdischen Bauwerke plant Skava Consulting. Für die Generalplanung des gesamten Festspielbezirks ist das Architekturbüro Jabornegg & Pálffy gemeinsam mit Vasko+Partner Ingenieure verantwortlich. Bauherr ist der Salzburger Festspielfonds. Die Arbeitsgemeinschaft ist nur für den Kavernenbau zuständig, nicht für das gesamte Großprojekt und nicht für die Sanierung der Festspielhäuser.

108.000 plus 18.000 Kubikmeter: Die Mengen

Die 108.000 Kubikmeter betreffen nur die beiden Kavernen. Für Verbindungs- und Logistikgänge im Berg kommen laut Projektunterlagen rund 18.000 Kubikmeter hinzu. Für die Erweiterung des Werkstättengebäudes werden im Tagbau rund 29.000 Kubikmeter abgetragen, für dessen Untergeschoße rund 13.000 Kubikmeter Baugrube ausgehoben. Zusammengerechnet ergeben diese vier Positionen 168.000 Kubikmeter. Die Projektgesellschaft weist diese Summe allerdings nicht als eigene Gesamtzahl aus, und nicht alle Positionen gehören zum Auftrag der Arbeitsgemeinschaft.

786 Meter Bohrkerne vor dem ersten Schnitt

Bevor der erste Fräskopf in den Berg durfte, wurde der Mönchsberg genau untersucht. Elf Kernbohrungen mit zusammen 786 Metern Länge holten Gesteinsproben aus dem Projektbereich. Dazu kamen Messungen in den Bohrlöchern, seismische Untersuchungen, Erschütterungsmessungen und Laborversuche zu Festigkeit, Mineralogie und Abrasivität, also dazu, wie stark das Gestein Werkzeuge abnutzt. Bestehende Hohlräume, Gebäude und die Geländeoberfläche wurden dreidimensional vermessen. Aus den Ergebnissen entstanden geologische Modelle und Berechnungen, auf denen das Ausbruchs- und Sicherungskonzept beruht. Beteiligt waren Fachleute aus Österreich, Deutschland und der Schweiz, darunter das Institut für Felsmechanik und Tunnelbau der TU Graz.

Der Mönchsberg besteht im Projektbereich aus Konglomerat, in Salzburg auch Nagelfluh genannt: Kies, der über lange Zeit zu festem Gestein verkittet ist. Die Untersuchungen bestätigten laut Projektgesellschaft die Planungsannahmen. Im Bereich des künftigen „Haus im Berg“ fanden sich nur sehr wenige Klüfte, also Risse, die das Gestein sonst auflockern und schwächen.

Der Längsschnitt macht die Dimension des Kavernenbaus sichtbar: Hinter den bestehenden Festspielhäusern entstehen zusätzliche Bühnen-, Proben-, Logistik- und Technikbereiche im Mönchsberg.

- © 2026 ZOOMVP / FSB 2030 / Visualisierung Jabornegg & Pálffy

Teilschnittfräsen statt Tunnelbohrmaschine

Eine klassische Tunnelbohrmaschine, die eine kreisrunde Röhre in den Berg treibt, kommt hier nicht zum Einsatz. Die späteren Räume haben keine gleichbleibende Form. Gearbeitet wird deshalb mit Baggern, die statt einer Schaufel eine Teilschnittfräse tragen, einen beweglichen, rotierenden Fräskopf. Er löst das Konglomerat Stück für Stück und kann den Hohlraum in unterschiedliche Richtungen ausformen. Das Verfahren gilt als erschütterungsarm, was neben den historischen Gebäuden wichtig ist.

Laut Planung führt eine Baustraße zunächst bis zur Kalotte, dem obersten Bereich des künftigen Hohlraums. Von dort wird der Fels von oben nach unten abgetragen. Das gelöste Material fällt über Schutterschächte, senkrechte Schächte für den Abtransport, auf Straßenniveau und wird dort auf Lkw verladen.

Freiliegender Fels wird sofort gesichert, mit Spritzbeton, Bewehrung und Ankern, die tief ins Gestein reichen. Ein Expertenteam überwacht die Baustelle laufend und misst Verformungen, Erschütterungen und Schallpegel.

90 Prozent Wiederverwendung: Der Mönchsberg fährt nach Siggerwiesen

Rund 90 Prozent des Materials aus dem Mönchsberg sollen wiederverwendet werden. Größere Anteile gehen in den Straßen- und Wegebau, ein Teil voraussichtlich auch in Betonlieferungen für das Projekt selbst. Mit Konglomerat wird zudem das Dach des neuen Werkstättengebäudes beschüttet.

Abtransportiert wird das Material über Maxglan und Itzling nach Siggerwiesen nördlich der Stadt. Dort wird es gelagert, beprobt und für die weitere Verwendung aufbereitet. Geplant sind rund 500 Kubikmeter Abtransport pro Tag und fünf bis sechs Fahrten pro Stunde, möglichst außerhalb der Verkehrsspitzen und nicht an Sonn- und Feiertagen. Vor der Ausfahrt passieren die Lkw eine Reifenwaschanlage. Zum Vergleich nennt die Projektgesellschaft die rund 9.000 Fahrzeuge, die vor der Sperre täglich durch das Neutor fuhren.

Auf der Baustelle selbst setzt Östu-Stettin nach Angaben von Martin Zmölnig auf kurze Transportwege, möglichst elektrisch betriebene Baugeräte und biologisch abbaubare Hydrauliköle.

Anfang Oktober starteten im Neutortunnel die Fräsarbeiten für den neuen unterirdischen Gebäudebereich des Festspielbezirks 2030.

- © Stefan Zauner / FSB2030

Platz für einen Sattelschlepper: Die neue Lieferzone

Heute läuft ein Teil der Anlieferung über die Hofstallgasse und eine enge Pforte. Bühnenmaterial wird dort teilweise mit Gabelstaplern durch den öffentlichen Raum bewegt. Künftig fahren Lieferfahrzeuge aus dem Neutortunnel direkt in den Berg. Das historische Neutor selbst bleibt dabei unangetastet, die Zufahrt zweigt seitlich im Tunnel ab.

Die unterirdische Lieferzone ist so bemessen, dass ein Sattelschlepper dort wenden kann. Nach dem Be- oder Entladen verlässt er den Festspielbezirk einspurig stadtauswärts. Bühnenbilder und Material gelangen von der Lieferzone direkt zur Bühne, in die Montagehalle oder in die Werkstätten. Architekt András Pálffy beschreibt die neue Bühnenverbindung, die annähernd parallel zur Hofstallgasse im Berg verläuft, als räumliches Rückgrat des Festspielbezirks. Sie soll die Bühnen des Großen Festspielhauses und der Felsenreitschule miteinander verbinden.

Sechs Monate Neutorsperre, Einspurbetrieb bis 2030

Seit 14. September ist das Neutor für rund sechs Monate für den motorisierten Verkehr gesperrt. Fußgänger können den Tunnel weiter passieren, Radfahrer schieben auf einer eigenen Strecke, der öffentliche Verkehr wird umgeleitet. Die Stadt Salzburg rechnet mit dem Ende dieser ersten Phase voraussichtlich Ende März 2027. Von April 2027 bis August 2030 soll eine eingeschränkte, einstreifige Zufahrt möglich sein.

Welterbe: Gutachten positiv, UNESCO will finale Entwürfe sehen

Ein von der Stadt beauftragtes Gutachten zu den Auswirkungen auf das Welterbe kam zu einem positiven Gesamturteil. Die Projektgesellschaft gibt an, internationale Welterbegremien hätten dem Projekt im Sommer 2026 die Welterbeverträglichkeit bescheinigt. Der formale Beschluss des UNESCO-Welterbekomitees fällt vorsichtiger aus: Er verlangt, die finalen Entwürfe vor endgültigen Entscheidungen zur Prüfung vorzulegen, und nur Lösungen zu genehmigen, die den Welterbestatus nicht beeinträchtigen.

Für die Zufahrt aus dem Neutortunnel liegt seit 19. März 2026 ein rechtsgültiger Bescheid des Bundesdenkmalamts vor, auch der naturschutzrechtliche Bescheid war vor der Vergabe des Kavernenbaus rechtskräftig. Ein Komitee von Projektgegnern sieht die seitliche Öffnung des Tunnels weiterhin kritisch.

Mit einem Fräskopf wird das Mönchsbergkonglomerat kontrolliert abgetragen. Von hier aus arbeitet sich der Kavernenbau schrittweise in den Berg vor

- © Stefan Zauner / FSB2030

395 Millionen Euro für die erste Phase

Für die erste Phase des Großprojekts nennt die Projektgesellschaft Errichtungskosten von rund 395 Millionen Euro, mit einer Schwankungsbreite von plus/minus 20 Prozent. Diese Phase umfasst die Sanierung und Erweiterung des Großen Festspielhauses und die neue Logistik- und Bühnenverbindung im Berg. Die Summe ist also weder der Preis des „Haus im Berg“ allein noch der Auftragswert der Arbeitsgemeinschaft.

Für eine zweite Phase mit Haus für Mozart und Felsenreitschule sind rund 86 Millionen Euro veranschlagt. Ihre Umsetzung ist noch nicht gesichert, wegen knapper Budgets soll sie neu priorisiert werden. Für Interimswerkstätten und Ausweichspielstätten kommen derzeit rund 38 Millionen Euro hinzu.

Mit dem Jahr 2030 im Projektnamen ist das Vorhaben nicht abgeschlossen. Nach den Festspielen 2027 beginnt der Rückbau des bestehenden Werkstättengebäudes. Das Große Festspielhaus wird von Herbst 2028 bis Frühjahr 2031 geschlossen und saniert. Interimswerkstätten werden nach aktuellem Stand voraussichtlich bis Ende 2033 benötigt.

Im Mönchsberg geht es vorerst um Fräsköpfe, Spritzbeton, Anker und Schutterschächte. Wo die Teilschnittfräsen jetzt den Fels lösen, sollen später Bühnenbilder zwischen Lieferzone, Montagehalle und Festspielhaus unterwegs sein.

Factbox: Festspielbezirk 2030 – „Haus im Berg“

  • Ort: Mönchsberg hinter den Salzburger Festspielhäusern, Salzburg
  • Bauherr: Salzburger Festspielfonds
  • Kavernenbau: ARGE Östu-Stettin (Leoben, Habau-Gruppe) / Jäger Bau (Bludenz)
  • Planung unterirdische Bauwerke: Skava Consulting
  • Generalplanung: Jabornegg & Pálffy mit Vasko+Partner Ingenieure
  • Start Fräsarbeiten: 1. Oktober 2026
  • Bauverfahren: Bagger mit Teilschnittfräsen vom Neutortunnel aus, Abtrag von oben nach unten
  • Kavernen: 2, rund 108.000 m³ Ausbruch
  • Weitere Mengen: rund 18.000 m³ Verbindungs- und Logistikgänge, 29.000 m³ Tagbau, 13.000 m³ Baugrube
  • Vorerkundung: 11 Kernbohrungen, zusammen 786 m
  • Gestein: Konglomerat (Nagelfluh), im Projektbereich kaum Klüfte
  • Sicherung: Spritzbeton, Bewehrung, Anker; laufendes Monitoring
  • Wiederverwendung: rund 90 % des Ausbruchmaterials, Aufbereitung in Siggerwiesen
  • Abtransport: rund 500 m³ pro Tag, 5–6 Fahrten pro Stunde
  • Nutzungen: Montagehalle/Hinterbühne, Orchesterprobesaal, Proberäume, Einspielräume, Haustechnik, Fahrradgarage, Brandschutzreservoir, Lieferzone für Sattelschlepper
  • Nutzfläche Festspielbezirk: plus rund 9.000 m² auf 45.520 m²
  • Neutor: seit 14. September 2026 rund sechs Monate für Kfz gesperrt; April 2027 bis August 2030 einstreifige Zufahrt
  • Kosten Phase 1: rund 395 Mio. Euro ±20 % (Großes Festspielhaus und Logistikverbindung im Berg)
  • Phase 2: rund 86 Mio. Euro, noch nicht gesichert
  • Großes Festspielhaus: geschlossen von Herbst 2028 bis Frühjahr 2031