Schwertransport nach Rumänien : 34.000 Frachttonnen, 1.600 Packstücke: So kam die Technik für 1,7 GW nach Mintia
Für die letzten Etappen Richtung Mintia wechselten die rund 380 Tonnen schweren Generatoren auf selbstfahrende Schwerlastplattformen. Selbst abseits klassischer Schwerlastrouten musste die Transportkette bis zum Kraftwerksstandort funktionieren
- © Felbermayr Holding GmbHEin GenEin Generator, der vor eineinhalb Jahren noch auf einem Spezialschiff über den Atlantik reiste, steht heute in Rumänien in einem Kraftwerk, das gerade Strom zu produzieren beginnt. Am 15. Juni 2026 wurde der 400-kV-Netzanschluss der ersten Gasturbine samt Netz- und Eigenbedarfstransformatoren unter Spannung gesetzt, der rumänische Netzbetreiber Transelectrica kündigte danach rund einen Monat weiterer elektrischer Prüfungen an.
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Mintia geht in die stufenweise Inbetriebnahme
Anfang August wurde der Betreiber Mass Global Energy Rom formal als Stromproduzent in der Probephase registriert, wodurch im Rahmen der Tests erzeugte Energie ins Netz gelangen kann. Am 14. August sprach der rumänische Interims-Premier Ilie Bolojan bei einem Besuch vor Ort von einem stufenweisen Eintritt in die eigentlichen Tests ab September, eine Prognose der Regierung, die sich Berichten zufolge inzwischen weiter Richtung Jahresende verschoben haben könnte. Ein regulatorischer Probebetriebsstatus ist ausdrücklich nicht dasselbe wie ein bereits laufender kommerzieller Vollbetrieb.
34.000 Frachttonnen für ein Kraftwerk fernab jeder Wasserstraße
Innerhalb eines Jahres lieferte Felbermayr nach eigenen Angaben sämtliche technischen Komponenten für das Gas-und-Dampfkraftwerk: mehr als 34.000 Frachttonnen Material in rund 1.600 Packstücken. Eine Frachttonne ist dabei eine logistische Abrechnungsgröße, keine unmittelbare Angabe des tatsächlichen Eigengewichts aller Bauteile, und die 1.600 Packstücke bedeuten nicht 1.600 einzelne Transporte, ein einzelner Transport kann durchaus mehrere Packstücke umfassen. Koordiniert wurde das gesamte Projekt von der Felbermayr-Projektabteilung in Wels.
Das Projekt war technisch und logistisch eine große Herausforderung, denn das Kraftwerk liegt mehr als 250 Kilometer von allen schiffbaren Wasserstraßen entfernt. Es waren alle Kernkompetenzen der Felbermayr-Group gefordert: Binnenschifffahrt, Hafenumschlag, RoRo-Schiffsraum sowie Straßentransporte.Peter Niedermair-Auer, Projektleiter Felbermayr-Projektabteilung Wels
Felbermayr musste dafür Hochsee- und Binnenschifffahrt, Hafenumschlag, RoRo-Systeme, selbstfahrende Schwerlastmodule und klassische Schwertransporter zu einer durchgehenden Kette verbinden, über mehrere Länder und Verkehrsträger hinweg.
Drei verschiedene Wege zu einem einzigen Kraftwerk
Die beiden Gasturbinen kamen bereits im Mai und Juni 2024, zerlegt per Binnenschiff aus Berlin, mit Umschlag in Linz auf ein anderes Binnenschiff, weiter bis Budapest, dort Wechsel auf Tieflader im Hafen Csepel und schließlich auf der Straße bis Mintia. Pro Gasturbine waren zwölf Packstücke und acht Transporte nötig, das schwerste Einzelteil wog 150 Tonnen bei 13,7 Metern Länge und 3,6 Metern Breite.
Im April 2025 folgte die Dampfturbine, ebenfalls per Binnenschiff aus Mülheim, wieder mit Umschlag in Linz, anschließend über das Wasser bis Szeged. Von dort ging es zerlegt mit sieben Schwertransporten plus Zubehörladungen weiter nach Mintia, das schwerste Teil brachte es auf 150 Tonnen bei 9,90 Metern Länge, 6 Metern Breite und 3,90 Metern Höhe.
Am aufwendigsten war die dritte Route: die drei Generatoren, jeweils rund 380 Tonnen schwer, per Hochseeschiff aus dem US-amerikanischen Charleston, zwei davon im Februar 2025, der dritte im Mai. Charleston war dabei lediglich der Ausgangspunkt des Hochseetransports, nicht der Herstellungsort der Generatoren. Die Route führte von Charleston nach Antwerpen, wo die Generatoren am PSA-Breakbulk-Terminal, abgewickelt von Haeger & Schmidt Logistics, auf ein Binnenschiff umgeschlagen wurden, weiter nach Linz, wo sie auf den Felbermayr-eigenen Schubleichter RoRo30 wechselten, dann über die Donau und die Theiß bis zum ungarischen Tápé und weiter über Makó auf der Straße bis Mintia. Einer der Generatoren stand dabei bereits auf einem zwölfachsigen, dreifiligen selbstfahrenden Schwerlastmodul, das dadurch direkt über die RoRo-Rampe vom Schiff fahren konnte.
Der 770-Tonnen-Rekordtransport
In Ungarn wurde ein Generator zunächst mit Turmhebegerät und Litzenhebern auf die endgültige Straßenkombination umgesetzt. Danach ging es mit zwei mal zwanzig Achslinien und einer Hub-Hebel-Seitenträgerbrücke des Herstellers Baumann über rund 270 Straßenkilometer, über die Grenze von Ungarn nach Rumänien, bis zum Kraftwerk. Der gesamte Zug maß 100 Meter in der Länge, 6 Meter in der Breite, 5,4 Meter in der Höhe, bei einem Gesamtgewicht von 770 Tonnen, der Generator selbst wog davon rund 380 Tonnen, der Rest entfiel auf die spezielle Transporttechnik darunter. Für die Route waren gemeinsam mit der ungarischen Straßenbehörde mehrfach Streckenprüfungen nötig, Verkehrsschilder wurden entfernt, Bäume zurückgeschnitten und Brücken zusätzlich abgestützt.
Dank unserer multimodalen Kompetenz, auf Straße, Wasser und Schiene, sowie unserem europaweiten Netzwerk konnten wir dieses komplexe Projekt erfolgreich abschließen.Peter Stöttinger, Geschäftsführer der Felbermayr Group
Nach Angaben von Felbermayr war es der bislang größte Straßentransport in der Geschichte Ungarns.
China schickt drei 313-Tonnen-Transformatoren
Parallel zu den Generatoren kamen im Februar 2025 drei Großtransformatoren aus China per Hochseeschiff im rumänischen Hafen Constanța an, mit einem Stückgewicht von bis zu 313 Tonnen. Von dort ging es über die Donau, die Theiß, wieder über Tápé und Makó bis Mintia. Ein Transformator wurde für den Straßentransport auf eine Seitenträgerbrücke gesetzt, zwei weitere liefen auf neuen 24-achsigen Goldhofer-Schwerlastmodulen, davon zwölf Achsen mit erhöhtem Biegemoment. Der komplette Trafotransport kam auf 60 Meter Länge, 5 Meter Breite, 5,5 Meter Höhe und 466 Tonnen Gesamtgewicht.
Fünf Komponenten stellte Felbermayr selbst auf ihr Fundament
Von den sechs besonders schweren Komponenten, den drei Generatoren und drei Transformatoren, stellte Felbermayr fünf selbst auf die jeweiligen Fundamente. Bei den beiden Gasturbinen-Generatoren kamen dafür ein 500-Tonnen-Hubgerüst, ein zehnachsiges, vierfiliges selbstfahrendes Schwerlastmodul sowie 36 laufende Meter Schienenfahrbahn für den finalen Verschub zum Einsatz. Der Dampfturbinen-Generator musste bei seiner Ankunft zunächst zwischengelagert werden, weil sein Fundament zu diesem Zeitpunkt noch nicht fertig war.
Bei den beiden Gasturbinen-Transformatoren folgten nach der 24-achsigen Anlieferung ein 400-Tonnen-Verschubsystem sowie vier Kletterpressen zu je 150 Tonnen. Zwischen Entladepunkt und Fundament lag zusätzlich eine drei Meter breite Grube. Das Engineered-Solutions-Team von Felbermayr überbaute sie mit Stützen und Trägern, damit die Schwerkomponente auf ihr Fundament geschoben werden konnte.
1.677 Megawatt aus zwei Gasturbinen und einer Dampfturbine
Mintia ist als 2×1-Multishaft-Gas-und-Dampfkraftwerk ausgelegt. Siemens Energy liefert dafür zwei Gasturbinen des Typs SGT5-9000HL mit den zugehörigen Generatoren, eine Dampfturbine des Typs SST5-5000 mit dem Generator SGen-3000W sowie die Leittechnik SPPA-T3000. Die beiden Gasturbinen erzeugen zunächst Strom, ihre heißen Abgase werden anschließend zur Dampferzeugung genutzt, dieser Dampf treibt wiederum die dritte, separate Dampfturbine an. Aus derselben Gasverbrennung entsteht dadurch zusätzliche elektrische Energie.
Siemens nennt für diese Konfiguration eine maximale Effizienz von mehr als 64 Prozent. Bei der offiziellen Leistungsangabe kursieren mehrere Zahlen: AVAX sprach bei Vertragsabschluss 2023 von 1.750 MW, Mass Group und Siemens Energy nennen rund 1.700 MW. Die aktuelle Genehmigung der rumänischen Regulierungsbehörde ANRE weist 1.677,12 MW aus, denselben Wert nennt auch Transelectrica als maximal gleichzeitig aus dem Kraftwerk abführbare Leistung. Nach Angaben von Siemens Energy soll die Anlage gegenüber der zuvor am Standort betriebenen Kohleverstromung die CO₂-Emissionen um mehr als die Hälfte reduzieren.
Mass Global Energy erwarb das frühere Kraftwerksareal mit seinen fünf alten 210-Megawatt-Blöcken Ende 2022 für 91,236 Millionen Euro netto, das alte Kraftwerk war zu diesem Zeitpunkt bereits seit Sommer 2021 außer Betrieb. Auf dem rund 3,3 Millionen Quadratmeter großen Areal entstand seither ein technisch komplett neues Kraftwerk, kein umgebautes altes.
Gasleitung und Stromnetz müssen mitwachsen
Nach Angaben der rumänischen Regierung stellt Mintia eine private Investition von mehr als 1,2 Milliarden Euro dar, im Juni 2026 sei das Projekt bereits zu mehr als 83 Prozent umgesetzt gewesen. Nach Fertigstellung soll es laut rumänischer Regierung das größte Gaskraftwerk der Europäischen Union auf einem einzigen Standort werden. Davon zu unterscheiden ist der EPC-Auftrag des griechischen Baukonzerns AVAX für Engineering, Bau und Inbetriebnahme, mit einem Volumen von 673,5 Millionen Euro, die Siemens-Großkomponenten sind darin nicht enthalten.
Für Mintia baut der staatliche Gasnetzbetreiber Transgaz eine eigene, 56,5 Kilometer lange Gasleitung mit 700 Millimetern Durchmesser und 63 bar Auslegungsdruck, dazu 0,7 Kilometer zusätzliche Verbindungsleitung, Gesamtprojektwert rund 60,43 Millionen Euro, davon rund 6,83 Millionen Euro aus dem Modernisierungsfonds. Die Leitung koppelt unter anderem an die bestehende BRUA-Pipeline an. Bei Vollbetrieb veranschlagt die rumänische Regierung einen möglichen Gasverbrauch von bis zu 2,5 Milliarden Kubikmetern pro Jahr.
Auch auf der Stromseite ist die volle Leistung nicht sofort abrufbar. Laut Berichten des rumänischen Wirtschaftsportals Profit.ro auf Basis des Netzanschlussvertrags können bis zur Ertüchtigung der mehr als 130 Kilometer langen 220-kV-Leitung zwischen Mintia und Timișoara zunächst maximal 1.448,2 Megawatt sicher aus dem Kraftwerk abgeführt werden. Die Leitung soll demnach über 50 Jahre alte Leiterseile besitzen und für rund 38 Millionen Euro über etwa 20 Monate neu beseilt werden, die vollständige Anschlussleistung ist laut Vertrag spätestens für den 30. Juni 2027 vorgesehen.
FACTBOX: Kraftwerk Mintia
Projekt: Mintia Combined Cycle Power Plant
Standort: Mintia, Gemeinde Vețel, Kreis Hunedoara, Rumänien
Bauherr/Betreiber: Mass Global Energy Rom / Mass Group Holding
Anlagentyp: Gas-und-Dampfkraftwerk, 2×1-Multishaft
Offizielle Leistung: 1.677,12 MW (ANRE/Transelectrica); häufig gerundet als „rund 1,7 GW"
Technik: 2 × Siemens SGT5-9000HL Gasturbine, 1 × SST5-5000 Dampfturbine, 3 Generatoren, Leittechnik SPPA-T3000
Wirkungsgrad: laut Siemens Energy maximal mehr als 64 %
CO₂-Einsparung: laut Siemens Energy mehr als 50 % gegenüber der zuvor betriebenen Kohleverstromung
Kosten
- Gesamtinvestition laut rumänischer Regierung: mehr als 1,2 Mrd. Euro
- EPC-Auftrag AVAX (Engineering, Bau, Inbetriebnahme): 673,5 Mio. Euro, ohne Siemens-Großkomponenten
- Kauf des Altstandorts durch Mass Global Energy (2022): 91,236 Mio. Euro netto
Felbermayr-Transportprojekt
- Umfang: mehr als 34.000 Frachttonnen, rund 1.600 Packstücke
- Koordination: Felbermayr-Projektabteilung Wels
- Entfernung Kraftwerk zu schiffbaren Wasserstraßen: mehr als 250 km
- Gasturbinen (2 Stück): je 12 Packstücke, 8 Transporte, schwerstes Teil 150 t (13,7 × 3,6 m); Transport Mai/Juni 2024
- Dampfturbine: schwerstes Teil 150 t (9,90 × 6,00 × 3,90 m); Transport April 2025
- Generatoren (3 Stück): je rund 380 t, ab Charleston/USA, Februar und Mai 2025
- größter Einzeltransport: 770 t, 100 × 6 × 5,4 m, rund 270 km Straße, laut Felbermayr größter Straßentransport in der Geschichte Ungarns
- Transformatoren (3 Stück): bis zu 313 t; Gesamttransport eines Trafos: 60 × 5 × 5,5 m, 466 t; ab Constanța/China per Schiff, Februar 2025
Zeitplan
- 15. Juni 2026: erster 400-kV-Netzanschluss unter Spannung
- 4./5. August 2026: formaler Status als Stromproduzent in Probephase
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- August 2026: Ankündigung stufenweiser Tests ab September (Regierungsangabe, seither laut Berichten mit weiterer Unsicherheit behaftet)
- vollständige Netzanschlussleistung laut Netzanschlussvertrag (Profit.ro): spätestens 30. Juni 2027
Zusätzliche Infrastruktur
- neue Gasleitung Transgaz: 56,5 km, DN 700, PN 63, plus 0,7 km Verbindungsleitung; rund 60,43 Mio. Euro, davon rund 6,83 Mio. Euro aus dem Modernisierungsfonds
- Netzertüchtigung 220-kV-Leitung Mintia–Timișoara: rund 130 km, rund 38 Mio. Euro, rund 20 Monate Bauzeit (laut Profit.ro)
- möglicher Gasverbrauch bei Vollbetrieb laut rumänischer Regierung: bis zu 2,5 Mrd. m³/Jahr