Forschungsbau Deutschland : 169.000 Kubikmeter Beton, Wände bis 6 Meter dick: Züblin und Doka beim Bau des Teilchenbeschleunigers FAIR in Darmstadt

Auf der FAIR-Großbaustelle in Darmstadt entstehen zahlreiche unterirdische und oberirdische Bauwerke für eine der weltweit größten Teilchenbeschleunigeranlagen. Insgesamt sind für das Forschungsprojekt rund 600.000 Kubikmeter Beton und 65.000 Tonnen Stahl vorgesehen.

Auf der FAIR-Großbaustelle in Darmstadt entstehen zahlreiche unterirdische und oberirdische Bauwerke für eine der weltweit größten Teilchenbeschleunigeranlagen. Insgesamt sind für das Forschungsprojekt rund 600.000 Kubikmeter Beton und 65.000 Tonnen Stahl vorgesehen.

- © M. Konradt/GSI/FAIR

Ende September 2026 hob in Darmstadt ein Kran ein Bauteil von 26 Tonnen über drei Gebäudeebenen: ein Quadrupol-Dublett, ein Magnetsystem für die Anlage Super-FRS. Ein Spezialtransport hatte es zuvor vom Prüffeld zum Einbauort gebracht. Es ist die erste von sechs Magnet-Teilbaugruppen im Targetbereich, FAIR meldete den Einbau am 29. Oktober.

FAIR steht für Facility for Antiproton and Ion Research. Die internationale Forschungsanlage entsteht östlich des GSI Helmholtzzentrums für Schwerionenforschung. Dessen bestehende Beschleuniger sollen später als Vorbeschleuniger dienen. Herzstück ist der unterirdische Ringbeschleuniger SIS100 mit rund 1.100 Metern Umfang, der bis zu 17 Meter tief liegt. Dazu kommen nach Angaben von FAIR 25 Bauwerke, darunter Transfer- und Experimentiergebäude, Labore sowie Versorgungsanlagen, auf einem Baufeld von rund 20 Hektar.

Für das Gesamtprojekt nennt FAIR 600.000 Kubikmeter Beton, 65.000 Tonnen Stahl und rund zwei Millionen Kubikmeter Erdbewegung. Die Hoch- und Tiefbauarbeiten begannen im Sommer 2017.

Nie mehr die wichtigsten News aus Österreichs Bauwirtschaft verpassen? Abonnieren Sie unseren Newsletter Hier geht’s zur Anmeldung!

Porr im Norden, Züblin im Süden: Wer welchen Teil der Anlage baute

Den Anlagenbereich Nord baute eine Arbeitsgemeinschaft mit Gesellschaften der Porr. Sie errichtete den 1,1 Kilometer langen SIS100-Ringtunnel, das Kreuzungsbauwerk, die unterirdische Transferhalle und das Hauptversorgungsgebäude. Der Rohbau des Ringtunnels war im Juni 2021 abgeschlossen. Die Porr erhielt für das Projekt beim Solid Bautechpreis 2021 den Hauptpreis International.

Im Süden führte die Ed. Züblin AG den erweiterten Rohbau aus, unter anderem für Experimentiergebäude, nach eigenen Angaben seit 2020. Das Unternehmen mit Sitz in Stuttgart gehört zur Strabag-Gruppe. Doka aus Amstetten in Niederösterreich, Teil der Umdasch Group, war Schalungspartner von Züblin und plante für das Projekt seit Dezember 2020.

Der Baufortschritt im April 2023: Die massiven Stahlbetonkonstruktionen der FAIR-Forschungsanlage nehmen Gestalt an. ZÜBLIN verantwortete den erweiterten Rohbau im Anlagenbereich Süd, während Doka die erforderlichen Schalungs- und Traggerüstsysteme lieferte.

- © M. Konradt/GSI/FAIR

169.000 Kubikmeter Beton, 26.000 Tonnen Bewehrungsstahl: Der Rohbau von Züblin

Nach Angaben von Züblin wurden im erweiterten Rohbau im Süden bisher rund 169.000 Kubikmeter überwachungspflichtiger Beton und rund 26.000 Tonnen Bewehrungsstahl verbaut. Bewehrungsstahl ist der Stahl, der im Beton liegt und Zugkräfte aufnimmt. Die Mengen beziehen sich auf Züblins Rohbau, die 600.000 Kubikmeter und 65.000 Tonnen gelten für das gesamte Projekt.

Züblin führt Stahlbetonwände mit einer Dicke von bis zu sechs Metern aus. Alle Stahlbetonbauteile in der Projektreferenz entstanden in Sichtbetonqualität, dazu kommt hochwertiges zweiseitiges Sichtmauerwerk. Bei Sichtbeton bleibt die Oberfläche sichtbar, Schalungsbild und Fugen sind damit Teil des Ergebnisses.

WU-Beton, Folie, Fugenbleche: Wie die Bauwerke gegen Wasser abgedichtet sind

Gegen Wasser kombinierte Züblin wasserundurchlässigen Beton (WU-Beton) mit einer Frischbetonverbundfolie, einer Abdichtungsbahn, die sich beim Betonieren mit dem Beton verbindet. In den Arbeitsfugen, den Übergängen zwischen nacheinander betonierten Abschnitten, sitzen zusätzlich Fugenbleche und Verpressschläuche. Über die Verpressschläuche kann Dichtmaterial nachträglich in die Fuge gepresst werden.

Blick auf die komplexe Gebäudestruktur der FAIR-Anlage während der Rohbauphase 2022. Im Anlagenbereich Süd verbaute ZÜBLIN nach eigenen Angaben rund 169.000 Kubikmeter überwachungspflichtigen Beton und 26.000 Tonnen Bewehrungsstahl.

- © Doka

120 Tonnen schwere Stahlbrammen, 22 Kilometer Leerrohre: Einbauten im Beton

An sogenannten Beam-Dumps, Einrichtungen, die Teilchenstrahlen abfangen, richtete Züblin Abschottungen aus Stahlbrammen mit einem Gewicht von bis zu 120 Tonnen zentimetergenau aus.

Leitungskompensatoren sind darauf ausgelegt, Setzungsunterschiede von bis zu acht Zentimetern zwischen Bauwerken und modelliertem Gelände aufzunehmen. Setzungen sind langsame Absenkungen von Bauwerken im Baugrund. Die acht Zentimeter sind ein Auslegungswert und kein festgestellter Schaden.

Dazu kommen innenliegende Erdpakete von bis zu 43.000 Kubikmetern. Sie entstehen, indem Flüssigboden, ein fließfähiges Verfüllmaterial aus Boden, in Stahlbetonkammern gepumpt wird. Durch die Erdpakete verlaufen rund 22 Kilometer Elektroleerrohre, in die später Kabel gezogen werden.

Decken bis 4 Meter Dicke: Die Schalung von Doka

Schalung ist die Form, die den Frischbeton bis zum Aushärten hält. Bei Decken trägt zusätzlich ein Traggerüst von unten das Gewicht von Schalung, Bewehrung und Beton. Je dicker die Decke, desto mehr Last muss das Gerüst aufnehmen, bis der Beton selbst trägt.

Doka nennt für FAIR Decken mit einer Dicke von bis zu vier Metern, die in einem Stück betoniert wurden (Stand der Veröffentlichung: September 2023). Für jede von Doka geplante Decke erstellte das Unternehmen eine prüffähige Statik, zeitweise war ein Doka-Statiker fest für FAIR abgestellt. Zum Einsatz kamen unter anderem Trägerschalung (Top 50), Rahmenschalung (Framax Xlife), Deckenschalung (Dokaflex), die Traggerüste Staxo 100 und SL-1 sowie Kletterbühnen (MF240).

Aufwendige Traggerüst- und Schalungskonstruktionen ermöglichen die Herstellung der schweren Stahlbetonbauteile. Doka unterstützte die Ausführung mit speziell geplanten Systemlösungen, statischen Nachweisen und technischer Baustellenbetreuung.

- © Doka

Fast 1.000 Pläne und zwei Richtmeister: Die Zusammenarbeit von Doka und Züblin

Bis September 2023 hatte Doka fast 1.000 Pläne für die Baustelle erstellt, die ersten im Dezember 2020. Roy Gutsche, Oberbauleiter bei Züblin, berichtete laut Doka-Projektbericht, sein Team habe einfache Wandschalungen selbst berechnet, bei komplexen Aufgaben aber auf die Ingenieure von Doka vertraut. Zwei Doka-Richtmeister unterstützten die Ausführung auf der Baustelle.

Den hohen Materialbedarf begründete Doka-Projektmanager Lars Nolte 2023 auch mit der Arbeitssicherheit: Staxo 100 ermöglicht sichere Arbeitswege in den Bau- und Schalungsabschnitten.

Zutritt, Verkehr, Entsorgung: Züblin organisiert die Baulogistik

Neben dem Rohbau dokumentiert Züblin Aufgaben der Baulogistik auf der Baustelle: Zutrittsmanagement, Betriebssanitäter, Containeranlagen, Baustellensicherung, Verkehrs- und Flächenmanagement, Material- und Abfallentsorgung, Bauaufzüge, Gerüste, Kernbohrungen, Reinigung und Winterdienst. Auf der FAIR-Kontaktseite werden Anliefernde an die Züblin-Baustellenlogistik verwiesen.

Die Bauprozesse mussten mit dem laufenden Betrieb des bestehenden GSI-Standorts und mit zahlreichen parallel arbeitenden Gewerken abgestimmt werden.

Eng angeordnete Bewehrungsstäbe prägen die massiven Stahlbetonkonstruktionen der FAIR-Anlage. Für die Forschungsgebäude sind besonders starke Wände und Decken erforderlich, die unter anderem dem Strahlenschutz und hohen konstruktiven Anforderungen dienen.

- © Doka

Rohbau Ende 2024 fertig, erste Experimente 2028 angestrebt: Der Zeitplan

Der Rohbau der aktuellen Ausbaustufe war laut FAIR im Dezember 2024 fertig, der Einbau der Maschinentechnik läuft seit Jänner 2024. Im Mai 2026 wurde eine rund 15 Tonnen schwere Vakuumkammer in die High-Energy Cave transportiert, Ende September folgte das 26-Tonnen-Magnetsystem im Targetgebäude. Als Ziel für erste wissenschaftliche Experimente nennt FAIR das Jahr 2028.

Anfang Februar 2026 beschädigte ein Brand Teile der bestehenden GSI-Anlagen im Umfeld des Linearbeschleunigers UNILAC. Laut GSI ist die FAIR-Baustelle nicht betroffen, die Installations- und Inbetriebnahmearbeiten laufen weiter. Für die spätere Nutzung der GSI-Anlagen als Vorbeschleuniger werden Alternativlösungen geprüft.

FACTBOX: FAIR Darmstadt

  • Projekt: FAIR (Facility for Antiproton and Ion Research), Darmstadt, Deutschland
  • Träger: FAIR GmbH; GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung als Standort und Vorbeschleuniger-Partner
  • Anlage: unterirdischer Ringbeschleuniger SIS100 (rund 1.100 m Umfang, bis 17 m unter der Erde), Transfer- und Experimentiergebäude, Labore, Versorgungsanlagen
  • Bauwerke: 25 (Angabe FAIR); Baufeld rund 20 ha
  • Baubeginn Hoch- und Tiefbau: Sommer 2017
  • Gesamtprojekt (Angaben FAIR): 600.000 m³ Beton, 65.000 t Stahl, rund 2 Mio. m³ Erdbewegung
  • Nord (Ringtunnel, Kreuzungsbauwerk, Transferhalle, Hauptversorgungsgebäude): ARGE mit Gesellschaften der Porr
  • Süd (erweiterter Rohbau, Baulogistik): Ed. Züblin AG, Stuttgart, Strabag-Gruppe
  • Schalung und Traggerüste Süd: Doka GmbH, Amstetten, Umdasch Group

Züblin, erweiterter Rohbau Anlagenbereich Süd (Firmenangaben, ohne Stichtag)

  • Beton: rund 169.000 m³ überwachungspflichtiger Beton
  • Bewehrungsstahl: rund 26.000 t
  • Wände: bis 6 m Dicke
  • Stahlbrammen an Beam-Dumps: bis 120 t, zentimetergenau ausgerichtet
  • Erdpakete aus Flüssigboden: bis 43.000 m³, mit rund 22 km Elektroleerrohren
  • Leitungskompensatoren: ausgelegt für Setzungsunterschiede bis 8 cm
  • Abdichtung: WU-Beton, Frischbetonverbundfolie, Fugenbleche, Verpressschläuche

Doka (Stand September 2023)

  • Decken: bis 4 m Dicke
  • Planung: fast 1.000 Pläne seit Dezember 2020
  • Systeme: Top 50, Framax Xlife, Dokaflex, Staxo 100, SL-1, MF240

Zeitplan

  • Sommer 2017: Beginn Hoch- und Tiefbau
  • Juni 2021: Rohbauschluss des SIS100-Ringtunnels (Porr-Nordlos)
  • Jänner 2024: Beginn Maschineneinbau
  • Dezember 2024: Rohbau der aktuellen Ausbaustufe fertig
  • Ende September 2026: Einbau eines 26-t-Quadrupol-Dubletts (Meldung vom 29. Oktober 2026)
  • 2028: angestrebter Beginn erster wissenschaftlicher Experimente