Wasserkraft in Tirol : 113 Meter Damm, 31 Millionen m³ Wasser: Warum Tirol seinen neuen Speicher nur 20 Meter auf einmal füllt
Eine von sechs neuen Wasserfassungen des Erweiterungsprojekts Kühtai: Über das rund 25,6 Kilometer lange Beileitungssystem wird zusätzliches Wasser aus dem Ötztal und Stubaital zum neuen Speicher geführt.
- © Samuel Hirzinger / BODNEREin Damm, der bereits fertig gebaut ist, muss trotzdem noch nicht mit Wasser gefüllt sein. Genau das passiert derzeit im Kühtai, einem Bergsattel südwestlich von Innsbruck: Die Bauarbeiten am neuen Speicher sind weitgehend abgeschlossen, doch der See dahinter wächst nur Stück für Stück, kontrolliert und mit langen Pausen dazwischen.
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Fünf Millionen Kubikmeter sind bereits drin
Seit Mitte Juni 2026 läuft der sogenannte Probestau, also die erstmalige, testweise Befüllung des neuen Speichers. Dafür wurde der Grundablass geschlossen und der Wasserspiegel schrittweise angehoben. Am 2. September bezifferte die Tiwag den aktuellen Speicherinhalt gegenüber ORF Tirol auf rund 5 Millionen Kubikmeter. Zum Vergleich: Das spätere nutzbare Speichervolumen soll 31 Millionen Kubikmeter betragen, das gesamte Speicherbecken fasst sogar rund 33 Millionen Kubikmeter, wobei der zusätzliche Rest nicht regulär für die Stromproduktion verwendet wird.
Warum nach jeweils 20 Metern sechs Wochen Pause folgen
Während einer aktiven Füllphase steigt der Wasserspiegel laut Projektleiter Klaus Feistmantl ungefähr einen halben Meter pro Tag. Doch der Speicher wird nicht einfach bis zu seiner vollen Höhe durchgefüllt. Das Einstauprogramm sieht Schritte von jeweils 20 Höhenmetern vor. Danach wird die Befüllung gestoppt, für rund sechs Wochen. Die Tiwag nennt diese Abschnitte Beharrungsphasen. In dieser Zeit werden Damm, Untergrund und Messeinrichtungen überwacht, erst nach positiver Bewertung geht es in die nächste Stufe. Zwischendurch wird der Speicher teilweise sogar wieder abgesenkt und danach erneut befüllt.
Während der gesamten eineinhalbjährigen Probestauphase werden Damm, Untergrund und Stauraum intensiv überwacht.Klaus Feistmantl, Projektleiter Tiwag
Der Grund für diese Vorsicht liegt im Bauwerk selbst. Ein 113 Meter hoher Damm mit einem See voller Millionen Tonnen Wasser dahinter erzeugt gewaltigen Druck auf seinen Untergrund. Beim ersten Einstau wird deshalb nicht nur geprüft, ob das Wasser tatsächlich im Becken bleibt, sondern wie Damm, Abdichtung und der Fels darunter gemeinsam auf die neue Belastung reagieren, über Monate hinweg, nicht in wenigen Tagen. Genau deshalb soll die erstmalige vollständige Befüllung des Speichers erst Ende 2027 erreicht sein, obwohl der eigentliche Baukörper des Damms bereits im Juli 2026 fertiggestellt wurde. Baulich fertig heißt bei einem Bauwerk dieser Größe eben noch lange nicht betriebsbereit bei vollem Wasserstand.
Der Damm selbst besteht aus 6,9 Millionen Kubikmetern Material
Für den Damm wurden insgesamt rund 6,9 Millionen Kubikmeter Material verbaut, mehr, als viele mittelgroße Steinbrüche in mehreren Jahren gemeinsam bewegen. Bemerkenswert daran: Dieses Material musste praktisch nicht von außen herangeschafft werden. Es stammt fast vollständig aus dem Aushub des künftigen Speicherbeckens selbst sowie aus dem Ausbruch der Tunnelbaustellen des Projekts. Direkt auf der Hochgebirgsbaustelle wurde das Gestein gebrochen, gewaschen, nach Korngröße getrennt, aufbereitet und anschließend wieder in den Damm eingebaut, in einzelnen Schichten Stück für Stück verdichtet. Sogar Sand für die Betonproduktion wurde aus überschüssigem Feinmaterial hergestellt.
Von außen betrachtet, besteht ein solcher Steinschüttdamm vor allem aus aufgeschichtetem Stein. Wasserdicht wird das Bauwerk aber durch einen zentralen Kern aus verdichtetem, feinkörnigem Erdmaterial, der sich mittig durch den gesamten Damm zieht. Dieser Kern ist dort, wo er auf den Felsuntergrund trifft, rund 40 Meter breit und verjüngt sich nach oben zur Dammkrone auf nur noch etwa fünf Meter. Bevor überhaupt geschüttet werden konnte, musste im Talgrund bis zum tragfähigen Fels heruntergearbeitet werden, stellenweise lagen darüber bis zu 35 Meter lockeres Gestein. Anschließend wurde der freigelegte Fels durch Einpressen von Zementsuspension zusätzlich abgedichtet, um Wasser am Durchsickern zu hindern.
Woher die 31 Millionen Kubikmeter überhaupt kommen
Der neue Speicher füllt sich nicht allein aus seinem unmittelbaren Umfeld. Über einen eigens gebauten Beileitungsstollen wird zusätzlich Wasser aus weiter entfernten Tälern herangeführt: Sechs Wasserfassungen sammeln Wasser aus Einzugsgebieten im mittleren und östlichen Ötztal sowie im hinteren Stubaital, das anschließend durch einen 25,6 Kilometer langen, 4,2 Meter durchmessenden Tunnel bis zum neuen Speicher fließt.
Für diesen Tunnel kam eine 334 Meter lange, mehr als 800 Tonnen schwere Tunnelbohrmaschine zum Einsatz, die im April 2022 startete und im April 2026 durchschlug. An ihrem Bohrkopf sitzen 29 Schneidrollen, die das Gestein lösen, an guten Tagen schaffte die Maschine bis zu 63 Meter Vortrieb, im besten Monat mehr als einen Kilometer. Insgesamt wurden dabei 18.818 gewölbte Betonsegmente, sogenannte Sohltübbinge, in den Tunnelboden eingebaut. Die Tiwag bezeichnet diesen Vortrieb als einen der längsten einseitig aufgefahrenen Tunnelvortriebe weltweit. Nicht jede der sechs Wasserfassungen liegt dabei automatisch oberhalb des Tunnels: Bei zwei von ihnen musste das Wasser zunächst mit eigenen Pumpstationen auf das nötige Niveau gehoben werden, bevor es in den Stollen fließen kann.
Die Baulogistik dieses Tunnels war dabei direkt mit dem Bau des Damms verknüpft: Das beim Bohren anfallende Ausbruchmaterial wurde über ein Förderbandsystem zur Hauptbaustelle zurücktransportiert und dort für den Damm sowie für die Betonproduktion weiterverwendet. Was vorne aus dem Berg kam, wurde hinten Teil des Bauwerks.
Unter dem See steckt ein Kraftwerk, das man von außen nicht sieht
Neben Damm und Tunnel gehört zum Projekt noch eine dritte, unsichtbare Komponente: das komplett unterirdisch gebaute Pumpspeicherkraftwerk Kühtai 2. In einer aus dem Fels gesprengten Kaverne von etwa 65 Metern Länge, 26 Metern Breite und 40 Metern Höhe arbeiten zwei sogenannte reversible Pumpturbinen. Reversibel bedeutet: Dieselbe Maschine kann in zwei Richtungen arbeiten. Fließt Wasser vom höher gelegenen Speicher Finstertal zum neuen, tiefer gelegenen Speicher Kühtai, treibt es die Turbine an und erzeugt Strom. Wird zu einem späteren Zeitpunkt mehr Strom benötigt, als gerade aus Wind- oder Solaranlagen zur Verfügung steht, läuft dieselbe Maschine rückwärts und pumpt das Wasser wieder nach oben, wo es erneut zur Stromerzeugung bereitsteht, ähnlich einer aufladbaren Batterie, nur mit Wasser statt mit Chemie.
Diese Technologie ermöglicht einen besonders flexiblen und effizienten Betrieb und ist ein wichtiger Baustein für die Integration erneuerbarer Energien aus Wind und Photovoltaik in das Stromsystem.Klaus Feistmantl, Projektleiter Tiwag
Die beiden Maschinensätze kommen zusammen auf 190 Megawatt installierte Leistung, im Turbinenbetrieb können bis zu 90 Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch die Anlage strömen. Die nutzbare Fallhöhe zwischen den beiden Speichern schwankt je nach aktuellem Wasserstand zwischen rund 100 und 274 Metern. Geliefert wurden die beiden Pumpturbinen mit je rund 95 Megawatt vom deutschen Hersteller Voith Hydro, die passenden Motorgeneratoren mit je 95 Megavoltampere stammen dagegen vom österreichischen Konzern Andritz, deren Rotoren mit jeweils rund 200 Tonnen Gewicht aus dem steirischen Werk in Weiz ins Kühtai transportiert wurden. Bereits im August 2026 erzeugte das neue Kraftwerk erstmals Strom, obwohl der zugehörige Speicher zu diesem Zeitpunkt noch weit von seinem vollen Wasserstand entfernt war.
Mehr Strom, aber nicht durch das Pumpen selbst
Durch das zusätzliche Wasser aus den sechs neuen Fassungen erwartet die Tiwag künftig rund 216 Millionen Kilowattstunden zusätzliche Stromerzeugung pro Jahr, umgerechnet 216 Gigawattstunden. Weitere Verbesserungen im Zusammenspiel der bestehenden Anlagen sollen rund 15 Millionen Kilowattstunden pro Jahr beitragen. Wichtig für das Verständnis dieser Zahl: Diese zusätzliche Energie stammt aus Wasser, das ohne die neue Beileitung ungenutzt geblieben wäre, sie hat nichts mit dem eigentlichen Pumpvorgang zu tun. Wird Wasser hochgepumpt und später wieder abgelassen, entsteht dabei unterm Strich keine zusätzliche Energie, sondern es wird lediglich vorhandener Strom zeitlich verschoben, gespeichert, wenn viel Wind- oder Solarstrom verfügbar ist, und wieder abgerufen, wenn er gebraucht wird.
Bei der eigentlichen Speicherfähigkeit des neuen Pumpspeichersystems kursieren zwei unterschiedliche Zahlen, je nachdem, welcher Ausschnitt der Anlage betrachtet wird. Der Industriekonzern ABB nennt für den technischen Pumpspeicherzyklus zwischen dem neuen Speicher Kühtai und dem höher gelegenen Speicher Finstertal eine Kapazität von rund 12 Gigawattstunden. Die Tiwag selbst beziffert den Energieinhalt des zusätzlichen Wasservolumens innerhalb der gesamten Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz, wo deutlich größere Höhenunterschiede genutzt werden können, dagegen mit rund 100 Gigawattstunden. Beide Zahlen beschreiben denselben Speicher, nur mit unterschiedlich weit gefasster Systemgrenze.
Fertig gebaut heißt noch nicht in Betrieb
Ältere Projektunterlagen der Tiwag hatten ursprünglich 2026 als Fertigstellungs- beziehungsweise Inbetriebnahmejahr genannt. Nach aktuellem Stand werden Kraftwerk und Maschinen zwar bereits schrittweise in Betrieb gesetzt, die festliche Eröffnung ist jedoch erst für den Sommer 2027 vorgesehen, die erstmalige vollständige Befüllung des Speichers wird gar erst Ende desselben Jahres erwartet. Die wesentlichen Bauwerke stehen damit, während der Speicher sich im Probestau befindet und das Kraftwerk sich weiterhin in der schrittweisen Inbetriebsetzung durch verschiedene Testphasen befindet.
Auch bei den sechs Wasserfassungen läuft die Inbetriebnahme in Etappen. Am 2. September 2026 waren drei Fassungen im Sulztal bereits in Betrieb, die übrigen drei im Stubaital sollten bis Ende September 2026 folgen. Im Winter wird grundsätzlich kein zusätzliches Wasser über die Beileitung entnommen.
Insgesamt investiert die Tiwag rund 1,13 Milliarden Euro in das gesamte Erweiterungsprojekt Kühtai. Das Hauptbaulos wird im sogenannten Allianzmodell, bei dem Bauherrin und ausführende Unternehmen Planung und Risiken gemeinsam tragen, von einer Arbeitsgemeinschaft aus Swietelsky Tunnelbau, Swietelsky, Jäger Bau und Bodner umgesetzt. Bodner selbst nennt für dieses Baulos ein Auftragsvolumen von 425 Millionen Euro, davon entfallen rund 80 Millionen Euro auf das eigene Unternehmen, ein Teilbetrag des gesamten Projekts, keine eigenständige zusätzliche Kostenposition.
Fünf Jahre lang bestand das Projekt vor allem aus Fels, Beton, Tunneln und Millionen Kubikmetern Schüttmaterial. Jetzt kommt jener Teil, für den das alles gebaut wurde, und ausgerechnet er wird langsamer eingebracht als beinahe jeder andere Baustoff zuvor: das Wasser.
FACTBOX: Erweiterungsprojekt Kühtai / Kühtai 2
Ort: Kühtai/Längental, Gemeinde Silz, Tirol
Bauherrin: Tiwag-Tiroler Wasserkraft AG
Hauptbauarbeiten: seit April 2021
Gesamtinvestition: rund 1,13 Mrd. Euro
Aktueller Stand: Probestau und schrittweise Inbetriebsetzung
Offizielle Eröffnung geplant: Sommer 2027
Erstmalige Vollfüllung geplant: Ende 2027
Speicher Kühtai
- Dammtyp: Steinschüttdamm mit zentraler mineralischer Erdkerndichtung
- Dammhöhe: 113 m; Kronenlänge: 510 m; Kronenbreite: 10 m
- Dammkrone: 2.145 m ü. A.; Stauziel: 2.140 m ü. A.
- Nutzvolumen: 31 Mio. m³; Gesamtvolumen: rund 33 Mio. m³
- Wasserfläche bei Vollstau: rund 59,5 ha
- Dammschüttvolumen: 6,9 Mio. m³, Material aus Speicherraumaushub und Tunnelausbruch
- Dichtkernbreite: rund 40 m am Felsanschluss, rund 5 m an der Krone
Probestau
- Beginn: Juni 2026
- Speicherinhalt am 2. September 2026: rund 5 Mio. m³
- Einstaustufen: jeweils 20 Höhenmeter, danach rund 6 Wochen Beharrungsphase
- aktiver Wasserstandsanstieg: rund 0,5 m/Tag
Kraftwerk Kühtai 2
- Bauweise: vollständig unterirdisch, Kaverne rund 65 × 26 × 40 m
- installierte Leistung: 190 MW; Durchfluss im Turbinenbetrieb: bis 90 m³/s
- Fallhöhe zwischen den Speichern: rund 100 bis 274 m
- Pumpturbinen: Voith Hydro, 2 × rund 95 MW
- Motorgeneratoren: Andritz, 2 × 95 MVA; Rotoren je rund 200 t, gefertigt in Weiz
- erste Stromerzeugung: August 2026
- Pumpspeicherkapazität (technischer Zyklus, laut ABB): rund 12 GWh
- Energieinhalt des zusätzlichen Speichers im Gesamtsystem (laut Tiwag): rund 100 GWh
Beileitung
- Länge: 25,6 km; Durchmesser: 4,2 m; 6 Wasserfassungen
- TBM: rund 334 m lang, mehr als 800 t, Bohrkopf 4,2 m, 29 Schneidrollen
- Spitzenvortrieb: 63 m/Tag; bester Monat: mehr als 1 km
- Durchschlag: April 2026
- eingebaute Sohltübbinge: 18.818
- Inbetriebnahme Wasserfassungen: 3 im Sulztal seit September 2026 in Betrieb, 3 im Stubaital bis Ende September 2026 geplant
Energie
- zusätzliche Jahreserzeugung aus natürlichem Zufluss: 216 GWh
- zusätzlicher Effizienzgewinn im Gesamtsystem: rund 15 GWh
- Erhöhung des Speichervermögens der Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz: rund 50 %
Bau
- Hauptbaulos: Arge Swietelsky Tunnelbau, Swietelsky, Jäger Bau, Bodner, im Allianzmodell
- Auftragsvolumen laut Bodner: rund 425 Mio. Euro, davon rund 80 Mio. Euro eigener Anteil
- projektweit dokumentierte Betonmenge: mehr als 200.000 m³
Zeitplan: Planungsbeginn 2006, UVP-Antrag 2009, höchstgerichtliche Bestätigung 2020, Hauptbauarbeiten ab April 2021, TBM-Start April 2022, Kavernenausbruch weitgehend abgeschlossen 2023, Generatoreinbau 2025, Tunneldurchschlag April 2026, Probestau seit Juni 2026, Dammfertigstellung Juli 2026