Wohnbau Steiermark : Bis zu 10 Prozent weniger Baukosten: Steirische Landesinnung Bau plant Standardmodell für den Geschoßwohnbau

WKO, Bauinnung, Sommercocktail am Grazer Schloßberg

„In der Steiermark arbeiten wir im Geschoßwohnbau nur mehr Projekte aus einem alten Budget ab. Seit dem Doppelbudget 2024/25 hat sich nichts mehr getan“, so der steirische Landesinnungsmeister.

- © Helmut Lunghammer

SOLID: Mitinitiiert von der Landesinnung Bau wurde im Mai ein Baugipfel zur Lage der Branche ausgerichtet. Fazit: Das grüne Herz Österreichs hat Vorhofflimmern. Was hat sich seitdem getan?

Michael Stvarnik: Die Situation ist leider unverändert. Wir haben große Probleme im Hochbau und damit ausgerechnet in jenem Sektor, in dem am meisten Personal beschäftigt ist. Extrem kränkelt der Wohnbau, ganz egal, ob gefördert oder preisindiziert. Nach wie vor liegen auch der Gewerbe- und der Industriebau darnieder.

Für Kontinuität sorgt immerhin der Tiefbau, wenn auch auf bescheidenem Niveau. Das gilt insbesondere für den Straßen- und den Kanalbau, wo die öffentliche Hand nach wie vor – verhalten, aber doch – Aufträge vergibt. Angesichts der Lage in unseren anderen Tätigkeitsbereichen müssen wir damit wohl zufrieden sein.

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Im Interview mit dem damaligen Solid-Chefredakteur Thomas Pöll vor exakt einem Jahr berichteten Sie von einem „Silberstreif am Horizont“. Wohin ist dieser verschwunden?

Mittlerweile vermisse ich sogar den Horizont. Der ist komplett aus der Sicht gerückt, von einem Silberstreif ganz zu schweigen.

Vor einem Jahr zog der Wohnbau nach langem wieder leicht an. Dann wurden die Sanierungs- und die Häuslbauer-Förderungen eingestellt, womit in Sachen Baukonjunktur auf absehbare Zeit zusammengeräumt war.

Von der KIM-Verordnung brauchen wir gar nicht zu reden. Nach außen hin trat das Regelwerk zur Kreditvergabe Mitte 2025 außer Kraft, in Wahrheit prüft die Finanzmarktaufsicht aber immer noch gemäß der Verordnung. Daran hat sich also nichts geändert und es wird sich auch nichts ändern.

Was wir jetzt haben, ist eine typisch österreichische Lösung: Zwischen dem, was gesagt wurde, und dem, was getan wird, liegen Welten – Kakanien in Reinstform.

Im Mai trafen die Spitzen der Branche und der Politik zu einem Baugipfel zusammen.

- © Foto Fischer / WKO Steiermark

Ich nehme an, Sie werden beim Baugipfel nicht nur ratlos den Kopf geschüttelt haben. Was konkret wurde denn mit Blick auf die Zukunft vereinbart?

Wir haben besprochen, dass wir künftig zweimal jährlich einen gemeinsamen Termin mit den Stakeholdern der Branche und Vertreterinnen und Vertretern der Politik ausrichten möchten. In Kärnten gibt es so etwas bereits. Ziel ist es, sich auszutauschen, auch um frühzeitig darauf aufmerksam zu machen, wenn Dinge falsch laufen.

Ein Beispiel ist der soziale Wohnbau. Das letzte Budget für den Geschoßwohnbau war ein Doppelbudget für die Jahre 2024 und 25. Seitdem hat sich nichts mehr getan. Mit anderen Worten: Wir arbeiten nur mehr Projekte aus einem alten Budget ab, es kommt nichts Neues nach.

Stattdessen wurde für ein Drittel der Geschoßwohnbauten in der Steiermark verpflichtend die Holzbauweise verordnet. Alles mag seine Berechtigung haben. Man kann sich jedoch mit Recht fragen, warum ausgerechnet im sozialen Wohnbau die teuerste Bauweise die bessere sein soll.

Nicht zuletzt, um die Baukosten einzudämmen, haben Sie vor drei Jahren ein Forschungsprojekt unter dem Titel „Wohnbau – radikal neu gedacht“ gestartet. Wo steht man?

Die Ergebnisse werden wir den politischen Verantwortlichen im Land noch heuer präsentieren. Der Ansatz dieses groß angelegten Projekts: Wir als Bauwirtschaft wollen sicherstellen, dass wir der Bevölkerung auch in Zukunft leistbaren und qualitativ hochwertigen geförderten Wohnraum zur Verfügung stellen können.

Dazu haben wir zunächst in Zusammenarbeit mit dem Institut für Wirtschafts- und Standortentwicklung IWS und mit mResearch im Zeitraum von 2023 bis 2025 umfangreiche Zahlen erhoben und in einem Kompendium zusammengefasst. Das Datenmaterial gibt ein Bild über die wichtigsten Themen und Bedürfnisse.

Parallel dazu haben wir mit der Erarbeitung einer Potenzialanalyse begonnen. Maßgeblich daran beteiligt waren die Zukunftsagentur Bau und die Fachhochschule Joanneum in Graz. Drei Arbeitsgruppen widmeten sich den inhaltlichen Schwerpunkten Projektentwicklung, Bautechnik und Planung.

Diese Analyse wurde inzwischen abgeschlossen und mündete in Handlungsempfehlungen für alle Phasen im Lebenszyklus eines Wohngebäudes. Empfohlen wurden etwa standardisierte Bauweisen, modularisierte Elemente sowie der systemische Einsatz von Leitdetails, Materialkatalogen und digitalen Werkzeugen.

Die Landesinnung widmet sich der Nachwuchsförderung: Nach der Hochbau-Challenge 2026 wird der Bundeslehrlingswettbewerb in Graz abgehalten.

- © Patrick Zenz

Wie wurden diese Empfehlungen aufgegriffen?

Für die praktische Umsetzung haben wir die Genossenschaften an Bord geholt, darunter die ÖWG, die GWS, die Rottenmanner Siedlungsgenossenschaft und die Wohnbaugruppe Ennstal. Gemeinsam mit diesen Playern haben wir eine Art Musterdetailkatalog erarbeitet. 

Nur als Beispiel: Darin finden sich einheitliche Stiegen für den Geschoßwohnbau. Diese lassen sich von der Industrie günstig produzieren und von jedem Fertigteilbau-Anbieter vorrätig halten. Das alles haben wir für unterschiedlichste Bereiche ausgearbeitet – von der planerischen Regelung über maximale Spannweiten bis hin zu fixen Geschoßhöhen.

Wir sind nun am Zeichnen. Im Herbst ist das Konzept in allen Details fertig. Dann wollen wir es im Land vorstellen und die Potenziale einer politisch verordneten Vereinheitlichung des Geschoßwohnbaus aufzeigen.

Was konkret würde das für die Baukosten heißen?

Die Einsparung liegt bei zumindest fünf Prozent und erreicht bis zu zehn Prozent bei konsequenter Umsetzung.

Was lässt sich als Interessenvertretung sonst noch bewegen?

Wir können niemandem etwas aufoktroyieren. Wir können nur aufzeigen. Als Bauunternehmer bestimme ich weder den Lohn meiner Mitarbeitenden noch, wie viel Zement und Schotter kosten. Ich bestimme nicht einmal die technischen Ausführungsnormen. Das alles ist von außen vorgegeben.

Wie viele andere würde ich mir ein Bauministerium wünschen, damit die Branche mit ihren Bedürfnissen wahrgenommen wird. So wie es derzeit läuft, sind wir nur ein Anhängsel – ans Landwirtschaftsressort, ans Bildungsressort, ans Wirtschaftsressort. Weil gebaut wird ja überall.

Auch die Bundesländer sollten sich wieder mehr auf die Füße stellen. Nehmen wir die OIB-Richtlinie 7, mit der Österreich einmal mehr zum europäischen Musterschüler gerät. Diesbezüglich gärt es gewaltig. Man könnte das jederzeit stoppen: Im Normenkomitee ist jedes Bundesland vertreten und bei Beschlüssen herrscht das Einstimmigkeitsprinzip.

Kommen wir zu erfreulicheren Themen. Von 20. bis 22. Oktober findet der Bundeslehrlingswettbewerb Hochbau in Graz statt. Was ist geplant?

Wir freuen uns schon auf das Kräftemessen der besten Hochbauerinnen und Hochbauer. Diese werden bei uns in Graz um die Wette mörteln, putzen, mauern und betonieren.

Wir nutzen das als Werbung für die Branche. Der Jugend wollen wir demonstrieren, wie interessant und spannend eine Lehre sein kann, und der Gesamtbevölkerung möchten wir zeigen, dass es sich um einen Zukunftsberuf handelt, unsere Mitarbeitenden sind längst keine Ziegelschlichter mehr. Wir stellen dazu ein riesiges Zelt am Hauptplatz auf und werden darüber hinaus in den Medien präsent sein.

Zur Person

BM Ing. Michael Stvarnik ist seit Mai 2022 Landesinnungsmeister Bau der Wirtschaftskammer Steiermark. Der Absolvent der Grazer HTL Ortweinschule und geprüfte Baumeister ist Gesellschafter der Stvarnik Bau-Gesellschaft und allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für das Bauwesen und Immobilien. Darüber hinaus engagiert er sich in der Lehrlingsausbildung und in Fragen der Arbeitssicherheit.