Gebäudetechnik : Der Heizraum aus der Fabrik

Das Führungsteam von Roots Energy vor dem Roots·House in Wien-Penzing, das zugleich Unternehmenssitz und Entwicklungsumgebung ist. Von links nach rechts: Hüseyin Özcelik, Florian Hackl-Kohlweiß, Gerald Stangl und Katharina Steppan.

Das Führungsteam von Roots Energy vor dem Roots·House in Wien-Penzing, das zugleich Unternehmenssitz und Entwicklungsumgebung ist. Von links nach rechts: Hüseyin Özcelik, Florian Hackl-Kohlweiß, Gerald Stangl und Katharina Steppan.

- © Roots Energy / Nicky Webb

Im Wiener Roots·House beginnt der Rundgang mit einem konventionellen Technikraum: Rohrleitungen, Ventile, Sensoren und ein individuell aufgebauter Schaltschrank. Hier lässt sich nachvollziehen, wie viel Handwerks- und Planungsarbeit in einer klassischen Wärmeversorgungsanlage steckt. Wenig später zeigt Roots-CEO Dr. Hüseyin Özcelik das Gegenstück. Der vorgefertigte Roots·Hub enthält Hydraulik, Elektrik und Mess-, Steuer- und Regelungstechnik in einer kompakten Einheit. Das vorgeführte Modell ist für 50 Kilowatt ausgelegt; seine Komponenten sind bereits verdrahtet. Für den Transport in bestehende Gebäude kann das System in ankoppelbare Teile zerlegt werden. Die maximale Breite von 80 Zentimetern ermöglicht auch den Weg durch enge Altbautüren.

Der Unterschied ist nicht nur optisch. Was im herkömmlichen Technikraum einzeln geplant, montiert und miteinander verbunden wird, entsteht bei Roots schon im Werk als geprüftes Produkt. Özcelik verfolgt damit ein Ziel, das zunächst weniger nach Energiewende als nach industrieller Produktentwicklung klingt: weg von der individuellen Sonderlösung, hin zu wiederholbaren Komponenten. Denn an der technischen Machbarkeit erneuerbarer Wärmeversorgung zweifelt er nicht. Das Problem sei ihr Preis.

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Im konventionellen Technikraum des Roots·House wird sichtbar, wie viele Rohrleitungen, Ventile, Sensoren und Steuerungskomponenten eine klassische Wärmeversorgungsanlage benötigt.

- © Roots Energy / Nicky Webb

Eine Lösung, die sich rechnen muss

Özcelik und sein Team konzentrieren sich auf mehrgeschossige Wohnhäuser im dicht verbauten Stadtgebiet. Für Einfamilienhäuser sind Luftwärmepumpen und Erdsonden etablierte Lösungen. Im innerstädtischen Bestand sieht das anders aus: Fernwärme ist nicht überall verfügbar, außen aufgestellte Luftwärmepumpen stoßen mitunter an Grenzen durch Platz, Schall oder Statik. Andere Umweltwärmequellen verlangen individuelle Planung. Dazu kommen Eigentümergemeinschaften und Hausverwaltungen mit unterschiedlichen Interessen.

„Technisch geht alles“, sagt Özcelik über die Bandbreite möglicher Lösungen; ausschlaggebend sei oft das Geld. Seinen Ansatz formulierte er im Gespräch ambitioniert: „In einem ersten Schritt darf es die Hälfte kosten.“ Gemeint sind die Investitionen für die Umstellung gegenüber einer individuell geplanten Lösung, nicht halbierte Heizkosten. Nach früheren Angaben des Unternehmens lagen die Gesamtkosten bei bisherigen Anwendungen rund 30 Prozent unter üblichen Umstellungen. Wie groß der Vorteil ausfällt, hängt von Gebäude und Energiequelle ab.

Roots sucht diesen Vorteil nicht über einen neuen physikalischen Prozess. „Es ist keine neue Technologie, sondern ein ganzheitlicher Ansatz“, sagt Özcelik. Er vergleicht die Idee mit einem Küchenplaner: Aus industriell gefertigten Standardelementen entsteht eine Lösung für das konkrete Haus. Sonderanpassungen verschwinden nicht, bleiben aber auf notwendige Arbeiten vor Ort beschränkt. Der Installateur verlegt weiterhin Leitungen und verbindet Komponenten; die gesamte Hydraulik, Elektrik und Steuerungslogik soll er nicht jedes Mal neu aufbauen müssen.

Der vorgefertigte Roots·Hub bündelt Hydraulik, Elektrik sowie Mess-, Steuer- und Regelungstechnik in einer kompakten Einheit. Das abgebildete Modell ist für 50 Kilowatt ausgelegt.

- © Roots Energy / Nicky Webb

Aus einem Wohnprojekt wurde ein Energieunternehmen

2021 wurde das Unternehmen als Roots Urban Villages gegründet. Ausgangspunkt war ein urbanes Wohnkonzept. Bei der Suche nach einer Wärmeversorgung zeigte sich ein wiederkehrendes Dilemma: Erneuerbare Technik konnte die gewünschte Leistung erbringen, war als individuelle Lösung aber teuer. Deshalb rückte das Energiesystem in den Mittelpunkt. 2023 wurde daraus die Roots Energy GmbH.

Im Gründerkreis trifft unterschiedliches Know-how aufeinander. Wieland Moser bringt mit seinem Ingenieurbüro Käferhaus mehr als drei Jahrzehnte Haustechnikkompetenz mit; er plante technisch am Wiener SmartBlock Geblergasse mit, einem frühen Projekt für gemeinschaftliche erneuerbare Wärmeversorgung. Gerald Stangl war Mitgründer des Digital-Health-Unternehmens mySugr und kennt die Skalierung eines Technologieunternehmens. Özcelik ist promovierter Elektrotechniker, Florian Hackl-Kohlweiß verantwortet als CTO die Entwicklung. Katharina Steppan bringt die kaufmännische Perspektive ein: Sie führt das Unternehmen gemeinsam mit Özcelik, ist selbst an Roots beteiligt und verantwortet die Investor Relations.

Özcelik erzählt die Entstehung weniger als Businessplan denn als gemeinsames Tüfteln. Vor rund fünf Jahren haben sich vier Gründer zusammengefunden. Beim Umbau des eigenen Hauses gelang eine anspruchsvolle Wärmeversorgung mit kombinierten Umweltquellen. Technisch überzeugend, nur: „Es kostet ein Heidengeld.“ Daraus entstand die Idee eines erschwinglichen Produkts. Für Özcelik brauchte es „eine Gruppe von drei, vier Verrückten“, die Zeit, Geld und Risiko investierte. Heute dient das Roots·House in Wien-Penzing als Unternehmenssitz und Forschungsumgebung; die Entwicklung wurde unter anderem von FFG, Wirtschaftsagentur Wien und Klima- und Energiefonds unterstützt.

Ein Baukasten statt jedes Mal ein Unikat

Der Hub ist keine Einzelmaschine für alle Häuser, sondern Teil einer Gerätefamilie mit unterschiedlichen Leistungen und Energiequellen. Sein vorgefertigter Kern umfasst Hydraulik, Ventile, Sensorik, Elektrik und Regelung. Die eigene Steuerung lässt individuelle Anforderungen eines Gebäudes auf einer höheren Softwareebene zu, ohne die Grundtechnik neu zu konstruieren. Mehrere Standardkonfigurationen sind vorhanden, weitere in Entwicklung.

Die Standardisierung hat Grenzen. Erdsonden und Grundwasserbrunnen werden standortgerecht errichtet, Leitungen an das Haus angepasst. Roots untersucht verfügbare Quellen, dimensioniert System und Rohre und empfiehlt Komponenten; Installationsbetriebe führen die Leitungsverlegung aus. Den Kältekreis, das Kernaggregat einer Wärmepumpe, kauft Roots bei Herstellern zu und integriert ihn in die eigene Lösung. 

Die Einsparung entsteht aus dem Zusammenspiel aller Teile: Quelle, Netz, Hydraulik und Regelung werden als System gedacht. Auf einer einzelnen Baustelle rechnet sich diese Entwicklungsarbeit kaum. „Die Entwicklungsarbeit, die wir reingesteckt haben, die rentiert sich nicht in einem Projekt“, sagt Özcelik. „Das rentiert sich in der Skalierung.“

Das Roots·House in Wien-Penzing dient dem Unternehmen als Firmensitz und Forschungsumgebung für die Weiterentwicklung seiner Wärmesysteme.

- © Roots Energy / Nicky Webb

Die Wärmequelle kommt bis in die Wohnung

Grundlage ist ein Energienetz auf niedrigem Temperaturniveau, häufig kalte Nahwärme oder Anergienetz genannt. Es transportiert Umweltenergie aus Grundwasser, Erdsonden oder Außenluft. Anders als in der klassischen Fernwärmeleitung fließt noch keine unmittelbar zum Heizen nutzbare Hochtemperaturwärme durch das Haus. Erst die Wärmepumpe hebt das Niveau für Raumheizung und Warmwasser an. Die niedrige Netztemperatur verringert thermische Verteilverluste; die Umwälzung benötigt weiterhin Strom.

Quellen können kombiniert und ergänzt werden. Özcelik vergleicht das Netz mit einer Hauptverkehrsader: Die Dimension einer Leitung hängt davon ab, welche Energiemenge sie transportieren muss. Mehrere dezentrale Quellen können die Last verteilen. So lassen sich auch zusätzliche Gebäude anschließen, wenn Energie- und Leistungsbilanz sowie die Hydraulik entsprechend ausgelegt werden.

Nützlich ist auch die gemeinsame Wärme- und Kältebilanz. Wenn eine Wärmepumpe Warmwasser bereitet, entzieht sie dem Netz Energie und führt ihm auf der Quellenseite Kälte zu. Wird anderswo gleichzeitig gekühlt, können sich beide Vorgänge ergänzen. Özcelik berichtet von einer Anwendung, die im Sommer mit der bei der Warmwasserbereitung entstehenden Kälte kühlte. Das Netzprinzip ist nicht neu. Roots setzt bei der standardisierten Umsetzung und der vertikalen Führung der Umweltenergie bis in einzelne Wohnungen an.

Gerade in Häusern mit Gasetagenheizungen ist das relevant. Bei der Umstellung wurden bisher häufig nicht nur die Quellen, sondern auch die Wärmepumpen zentralisiert. Das verändert neben der Technik die Eigentums- und Abrechnungsstruktur: Eine Therme in der Eigentumswohnung ist etwas anderes als eine Gemeinschaftsanlage im Keller.

Roots trennt beides: Die Umweltenergie kann zentral erschlossen und ins Haus gebracht werden, während kompakte Wärmepumpen in den Wohnungen arbeiten. So muss ein dezentrales System nicht zwangsläufig in eine einzige zentrale Anlage umgewandelt werden. Konfigurationen für zentrale Wärmebereitung bietet Roots ebenfalls an.

Beim Rundgang zeigt Özcelik einen standardisierten Kältekreis, der mit Hydraulik und Warmwasserspeicher zu einer kompakten Wohnungswärmepumpe zusammengeführt werden soll. Vorgesehen sind auch Lösungen für einen Schrank oder eine abgehängte Decke. Benötigt eine größere Wohnung mehr Leistung, lassen sich nach seiner Darstellung gleiche Module kombinieren. Die integrierte Ausführung befand sich beim Gespräch noch in Entwicklung und war für den Herbst angekündigt.

Wenn zwei Raketenbauer einen Technikraum sehen

Zwei Mitarbeiter kommen aus einem ungewöhnlichen Umfeld: Georg Mikula und Markus Pinter waren nach Unternehmensangaben Mitglieder des Space Teams der TU Wien. Özcelik berichtet, dass die beiden zuvor Raketen gebaut haben. Zunächst hielt er das vor allem für ein interessantes Detail. Dann erkannte er, wie anders sie an die Produktentwicklung herangingen: „Das hat mich total überrascht.“

Im Raketenbau zählt jedes Gramm, weil zusätzliches Gewicht auch mehr Treibstoff verlangt. Zugleich muss die Technik auf Fehlererkennung und Redundanz ausgelegt sein: Ein Satellit kann nicht einfach zur Reparatur in die Werkstatt. Für den Hub werden daraus irdische Fragen: Welche Teile sind nötig? Was lässt sich zusammenfassen? Wie erkennt und behebt man Störungen aus der Ferne?

Die Erfahrung sei bis in die Architektur der eigenen Mess-, Steuer- und Regelungssoftware eingeflossen, erzählt Özcelik; einzelne Entwicklungsansätze hätten sich übertragen lassen. Im Heizraum steckt deshalb nicht einfach Raumfahrt-Hardware, sondern ein Prinzip: weniger Teile, definierte Anforderungen, Sensorik und Fernzugriff. Genau das macht den Hub kompakter und wartbarer.

Dazu kommt die Erfahrung der Haustechniker. Menschen, die seit Jahrzehnten Anlagen planen, arbeiten mit Fachleuten zusammen, die unvoreingenommen fragen, warum man etwas schon immer so gemacht hat. Baustelle, Kundenkontakt, Hardware- und Softwareentwicklung sitzen an einem Tisch. „Eine gewisse Kleinheit hat auch große Vorteile“, sagt Özcelik. Beim Gespräch beschäftigte Roots 13 Personen; noch 2026 wollte das Unternehmen auf mehr als 20 wachsen.

Über eine eigene Monitoring-Oberfläche lassen sich Sensorwerte und Betriebszustände der Anlagen überwachen und mögliche Störungen frühzeitig erkennen.

- © Roots Energy / Nicky Webb

Was die Anlage nach der Montage macht

Roots entwickelt eigene Controller und eine Monitoring-Oberfläche für Sensorwerte und Störmeldungen. Fällt der Druck in einem Rohrkreis, kann die Fernüberwachung auf einen möglichen Fehler hinweisen; die Reparatur übernimmt ein Installateur. Große Bestandshalter können Daten über eine Schnittstelle in ihre eigene Betriebsführung übernehmen, kleinere Eigentümer können Fernbetreuung durch Roots beziehen.

Der Schwerpunkt bleibt der Verkauf von Systemprodukten. Studien und Planung helfen derzeit bei der Markterschließung, die Ausführung bleibt bei Partnerbetrieben. Fernwärme betrachtet Özcelik ausdrücklich nicht als Gegner: „Die Fernwärme ist für uns keine Konkurrenz.“ Roots richtet sich besonders an Liegenschaften, bei denen ein Anschluss nicht verfügbar, unerwünscht oder wirtschaftlich wenig attraktiv ist.

Die Wahl der Quellen prägt die Kosten. Grundwasser ist laut Özcelik dort, wo es erschlossen werden kann, technisch besonders günstig. Erdsonden ermöglichen passive Kühlung, verlangen aber Bohrungen. Roots kombiniert sie häufig mit Außenluft, um den Bohrumfang zu verringern – laut Gespräch um bis zur Hälfte. Das ist keine Zusage halbierter Gesamtkosten. Bei extrem schlecht gedämmten Nachkriegsgebäuden mit hohen nötigen Vorlauftemperaturen empfiehlt er zuerst grundlegende thermische Verbesserungen.

Vom ersten Hub zu tausend Häusern

2026 begann Roots nach eigenen Angaben die Serienfertigung wichtiger Komponenten mit einem österreichischen Partner. Özcelik grenzt den Stand im Gespräch ausdrücklich vom hochvolumigen Fließbandbetrieb ab: Definierte Typen werden nach Fertigungsunterlagen gebaut und auf die Baustelle geliefert. Die Stückzahlen müssen erst wachsen.

Die öffentliche Referenzliste nennt unter anderem Anlagen in Wien-Hietzing und Wien-Döbling, die seit 2025 laufen. Projekte in Wien-Donaufeld und Wien-Speising werden mit Betriebsbeginn 2026 geführt; der SmartBlock Geblergasse zählt zur technischen Vorgeschichte. Für Ende 2026 erwartet Özcelik im Gespräch eine Größenordnung von zehn Anlagen in Betrieb. Mehr als 20 weitere Standorte nennt Roots als in Umsetzung. Realisierte Anlagen, Projektpipeline und geplante Stückzahlen dürfen dabei nicht vermischt werden.

Die Ziele liegen weit darüber. In rund zwei Jahren möchte Roots nach Özceliks Worten jährlich rund 1.000 Liegenschaften umsetzen, innerhalb von fünf Jahren nennt er 10.000 als Ambition. Ein individuell errichteter Technikraum lässt sich nicht einfach tausendfach wiederholen. Ein standardisiertes Produkt kann größere Stückzahlen über Fertigungspartner und eingespielte Installationsbetriebe ermöglichen – wenn Betrieb und Kalkulation halten.

Dafür müssen Fertigung, Vertrieb und technische Betreuung gleichzeitig wachsen. Im Septembergespräch spricht Özcelik von einer bevorstehenden Kapitalerhöhung, nicht von einem bereits abgeschlossenen Schritt. Der Sprung von den ersten Anlagen zum industriellen Volumen bleibt die eigentliche Bewährungsprobe.

Am Ende führt die Geschichte zurück in den Keller des Roots·House. Der konventionelle Technikraum und der kompakte Hub lösen im Kern dieselbe Aufgabe. Doch im einen steckt ein großer Teil der Arbeit in der individuellen Errichtung, im anderen bereits in Entwicklung und Fertigung. Ob daraus die Wärmewende in Serie wird, muss sich zeigen. Roots stellt jedenfalls eine Frage, die für den Gebäudebestand entscheidend ist: Wie wird aus einer technisch möglichen Umstellung ein Produkt, das Eigentümer wiederholt beauftragen und Installateure wiederholt bauen können?