Wärmespeicher Deutschland : 43 Millionen Liter bei 98 Grad: Porr baut das Fundament für Hamburgs 51-Meter-Wärmespeicher
Der Energiepark Tiefstack in Hamburg wird umfassend umgebaut. Der neue Wärmespeicher entsteht auf dem bestehenden Kraftwerksareal und wird in das Fernwärmesystem eingebunden.
- © Hamburger EnergiewerkeIm Hamburger Stadtteil Billbrook steht das Heizkraftwerk Tiefstack. Von hier aus wird heißes Wasser durch ein unterirdisches Leitungsnetz zu Wohnungen und Betrieben gepumpt. Dieses System heißt Fernwärme. Bislang wird dafür in Tiefstack vor allem Steinkohle verfeuert. Bis spätestens 2030 soll damit Schluss sein, und der Standort wird zu einem sogenannten Energiepark umgebaut, der Wärme aus Abwärme, Müllverbrennung und Wärmepumpen gewinnt. Ein zentrales Bauwerk dafür entsteht gerade am Rand des Kraftwerksgeländes. Zu sehen ist bisher vor allem eine kreisrunde Betonfläche.
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1.600 Kubikmeter Beton: Die Bodenplatte ist fertig
Am 8. Oktober 2026 meldete Porr den Abschluss der Stahlbetonsohlplatte. Die Sohlplatte ist die massive Bodenplatte, auf der der Speicher später steht. Sie misst 37 Meter im Durchmesser und ist 1,20 Meter stark. Für die Großbetonage wurden rund 1.600 Kubikmeter Beton eingebaut. Geplant war im Juni ein durchgehender Betoniereinsatz von rund 16 Stunden, damit die Platte ohne Unterbrechung in einem Stück entsteht.
Mit der fertigen Platte endet der letzte gemeinsame Bauabschnitt von Porr Spezialtiefbau und Porr Hochbau Nord für den Speicher selbst. Das Baufeld geht nun an ein Spezialunternehmen, das den eigentlichen Behälter errichtet.
43 Millionen Liter, 98 Grad, 51 Meter: Was auf der Platte entsteht
Auf dem Fundament wächst ein 51 Meter hoher Stahlbehälter mit 35 Metern Außendurchmesser in die Höhe. Er soll rund 43.000 Kubikmeter fassen, das sind 43 Millionen Liter Wasser mit Temperaturen von bis zu 98 Grad. Der Speicher ist drucklos, wird also ohne Überdruck betrieben, und funktioniert vereinfacht wie eine riesige Thermoskanne. Wird im Energiepark mehr Wärme erzeugt als gerade gebraucht wird, fließt sie als heißes Wasser in den Tank. Steigt der Bedarf, etwa an kalten Morgen, wird sie zeitversetzt wieder ins Netz abgegeben.
Laut Porr könnte der Speicher an einem kalten Wintertag rechnerisch mehr als 27.000 Wohneinheiten einen Tag lang mit Wärme versorgen. Zum Vergleich: Ein Druckwärmespeicher der Hamburger Energiewerke auf der Peute im Hafen, der Abwärme von Aurubis puffert, fasst 4 Millionen Liter. Der neue Speicher in Tiefstack ist vom Volumen her also mehr als zehnmal so groß.
Mit einem anderen Speicherprojekt am selben Standort hat er nichts zu tun. Ein unterirdischer Aquiferspeicher, der Wärme über Monate in wasserführenden Gesteinsschichten speichern sollte, wurde 2023 aufgegeben, weil die Tests zu wenig Thermalwasser förderten. Der neue Tank steht oberirdisch und puffert Wärme über Stunden und Tage, nicht über Jahreszeiten.
Was Porr baut und was nicht
Bauherr ist die Hamburger Energiewerke GmbH. Porr mit Konzernsitz in Wien ist über zwei deutsche Einheiten auf der Baustelle: Porr Spezialtiefbau stellte die Tiefgründung her, Porr Hochbau Nord übernahm anschließend Fundamente, Bauausführung und Projektleitung bis zur fertigen Sohlplatte. Gemeinsam traten sie als Arbeitsgemeinschaft „TiTra Wärmespeicher Tiefstack“ auf. TiTra steht für Tiefstack-Transformation.
Den Speicherbehälter selbst baut Porr nicht. Die Porr-Meldung spricht nur von einer Spezialfirma. Die öffentliche EU-Vergabebekanntmachung für das Paket „Behälterbau/Anlagentechnik“ nennt als Auftragnehmer CAM Chemieanlagenbau aus Berlin, der Vertrag wurde am 3. Dezember 2025 geschlossen. Der Auftragswert ist nicht veröffentlicht. Porr bleibt am Standort und errichtet das angrenzende Technikgebäude sowie einen Treppenturm.
59 Großbohrpfähle, 21 Meter tief: Gründung im Grundwasser
Ein Tank mit 43 Millionen Litern Wasser bringt enormes Gewicht auf den Boden. Der Hamburger Untergrund ist in den oberen Schichten nicht tragfähig genug, um diese Last direkt aufzunehmen. Porr hat den Speicher deshalb auf Großbohrpfähle gestellt: senkrechte Betonsäulen, die die Last in tiefere, festere Bodenschichten ableiten. Dokumentiert sind 59 Großbohrpfähle mit 88 Zentimetern Durchmesser und rund 21 Metern Länge. In den Unternehmensangaben ist daneben von weiteren Bohrpfählen die Rede.
Erschwert wurde die Arbeit durch den hohen Grundwasserstand. Die Bohrlöcher wurden mit einer Verrohrung gestützt, also einem Stahlrohr, das die Wand des Bohrlochs am Einstürzen hindert. Zusätzlich arbeitete Porr mit Wasserauflast: Im Bohrloch wird Wasser höher gehalten als der Grundwasserspiegel außen. Der Gegendruck verhindert, dass Grundwasser von unten in das Loch drängt und den Boden an der Sohle aufbricht. Fachleute nennen diesen Vorgang hydraulischen Grundbruch. Anschließend wurden die Bohrlöcher bewehrt und betoniert.
Gebohrt wurde auf engem Raum mitten im Gelände eines laufenden Kraftwerks. Die offiziellen Gründungsarbeiten begannen am 4. März 2026. Ende April übergab der Spezialtiefbau an den Hochbau, im Juni waren die Pfähle fertig.
Ein Speicher allein reicht nicht: Leitungen, Pumpen, Wärmetauscher
Ohne passende Verbindung bleibt der Tank ein Wasserbehälter. Parallel zum Speicher bauen die Hamburger Energiewerke deshalb die sogenannte Hydraulik des Standorts um. Neue Leitungen, Pumpen und Wärmetauscher verbinden den Speicher mit den Wärmeerzeugern, steuern und sichern die zentralen Anlagen und erhöhen die Leistung, mit der Tiefstack Wärme ins städtische Netz einspeisen kann. Erst Speicher und Hydraulik zusammen machen es möglich, Wärme zeitversetzt zu nutzen.
Abwärme, Müll, Flusswasser: Woher die Wärme kommt
Im Speicher selbst lagert heißes Wasser des Fernwärmesystems. Die Wärme stammt aus mehreren Quellen. Industrielle Abwärme von Aurubis wird bereits ins Stadtnetz eingebunden. Aus der Müllverwertungsanlage Borsigstraße sollen bis zu 160 Megawatt Wärme kommen. In der Billwerder Bucht ist eine Flusswasser-Wärmepumpe mit 60 Megawatt geplant, die dem Wasser Wärme entzieht und auf ein nutzbares Temperaturniveau hebt. Erdgas bleibt zur Absicherung der Versorgung im System.
Diese Quellen liefern nicht immer genau dann Wärme, wenn sie gebraucht wird. Der Speicher gleicht diese Unterschiede aus.
„Sei es im Hafen oder in Tiefstack, mit unseren Wärmespeichern nimmt die Wärmewende in Hamburg sichtbar Gestalt an. Sie schaffen die technische Grundlage, um Wärme flexibel einzusetzen und die Versorgung jederzeit zu gewährleisten“, sagt Michael Prinz, Geschäftsführer der Hamburger Energiewerke.
Über 1.000 Megawatt: Der Energiepark rund um den Speicher
Der Speicher ist Teil eines größeren Umbaus. Für den gesamten Energiepark Tiefstack nennen die Hamburger Energiewerke mehr als 1.000 Megawatt Wärmeerzeugungskapazität. 65 Prozent der Wärme sollen aus klimaneutralen Quellen stammen, die CO₂-Einsparung soll bei 340.000 Tonnen pro Jahr liegen. Diese Werte gelten für den Energiepark insgesamt, nicht für den Speicher allein.
Bauen im laufenden Kraftwerk: Fertig 2027, Betrieb ab 2029
Der gesamte Umbau erfolgt im laufenden Betrieb des Heizkraftwerks, denn die Fernwärmeversorgung muss auch während der Bauzeit funktionieren. Baulich fertig sein soll der Speicher Ende 2027. In Betrieb gehen soll er nach aktuellem Planungsstand gemeinsam mit der neuen Hydraulik im ersten Halbjahr 2029. Spätestens 2030 soll die Steinkohle in Hamburgs Fernwärme endgültig abgelöst sein. Speicher und Hydraulik werden laut den Hamburger Energiewerken mit Mitteln des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie und der Europäischen Union gefördert.
„Der neue Wärmespeicher ist das flexible Herzstück für den Energiepark Tiefstack“, sagte Katharina Fegebank, Hamburger Senatorin für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft, beim Baustart im März.
Von den 43 Millionen Litern ist in Tiefstack noch nichts zu sehen. Unter dem künftigen Speicher liegen rund 21 Meter lange Pfähle und seit Oktober eine 37 Meter breite Stahlbetonplatte. Auf ihr beginnt nun der Behälterbau, während Porr nebenan am Technikgebäude weiterarbeitet.
Factbox: Wärmespeicher Tiefstack
- Ort: Heizkraftwerk Tiefstack, Hamburg-Billbrook
- Bauherr: Hamburger Energiewerke GmbH
- Gründung und Sohlplatte: Porr Spezialtiefbau und Porr Hochbau Nord (ARGE TiTra Wärmespeicher Tiefstack)
- Behälterbau/Anlagentechnik: laut EU-Vergabe CAM Chemieanlagenbau, Berlin (Vertrag vom 3. Dezember 2025, Auftragswert nicht veröffentlicht)
- Speicher: drucklos, wassergefüllt, 51 m hoch, 35 m Außendurchmesser
- Volumen: rund 43.000 m³ (43 Millionen Liter)
- Wassertemperatur: bis zu 98 °C
- Versorgung: laut Porr rechnerisch mehr als 27.000 Wohneinheiten an einem kalten Wintertag
- Sohlplatte: 37 m Durchmesser, 1,20 m stark, rund 1.600 m³ Beton, fertig am 8. Oktober 2026
- Gründung: 59 Großbohrpfähle (Ø 88 cm, rund 21 m), dazu weitere Bohrpfähle; hergestellt mit Verrohrung und Wasserauflast
- Weitere Porr-Leistungen: Technikgebäude, Treppenturm
- Hydraulik: neue Leitungen, Pumpen und Wärmetauscher
- Wärmequellen im Energiepark: Abwärme Aurubis, Müllverwertung Borsigstraße (bis zu 160 MW), geplante Flusswasser-Wärmepumpe (60 MW), Erdgas zur Absicherung
- Energiepark gesamt: über 1.000 MW Wärmeerzeugung, 65 % klimaneutrale Quellen, 340.000 t CO₂-Einsparung pro Jahr
- Zeitplan: Baustart 4. März 2026; bauliche Fertigstellung Ende 2027; Inbetriebnahme mit Hydraulik im 1. Halbjahr 2029; Kohleausstieg spätestens 2030
- Förderung: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und EU