Offshore-Windkraft in Großbritannien : 64 Krane für 960 MW: Palfinger rüstet britischen 4-Milliarden-Pfund-Windpark aus

Einer von 64 PF 160-5m für East Anglia TWO: Jede der künftigen Windkraftanlagen erhält einen eigenen PALFINGER-Kran mit fünf Metern Ausladung.

Einer von 64 PF 160-5m für East Anglia TWO: Jede der künftigen Windkraftanlagen erhält einen eigenen PALFINGER-Kran mit fünf Metern Ausladung.

- © Smulders

Wer eine Windkraftanlage mitten in der Nordsee errichtet, braucht dafür gewaltiges Gerät: Spezialschiffe, die 115 Meter lange Rotorblätter transportieren können, und Krane, die imstande sind, ganze Turmsegmente in mehr als hundert Metern Höhe zu montieren. Sobald diese Maschinen ihre Arbeit erledigt haben, verschwinden sie allerdings wieder von der Baustelle. Zurück bleibt an jeder einzelnen Anlage ein deutlich kleineres Gerät, das seine eigentliche Aufgabe erst dann beginnt.

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Ein Kran pro Turbine, 64 insgesamt

Der österreichische Konzern Palfinger hat von der belgischen Stahlbau- und Offshore-Firma Smulders den Auftrag für 64 Davit-Krane des Typs PF 160-5m erhalten. Geliefert wird nach dem Prinzip eine Turbine, ein Kran, für den gesamten Offshore-Windpark East Anglia TWO vor der britischen Küste bei Suffolk. Die Auslieferung soll bis Ende 2026 abgeschlossen sein.

Windenergie zählt zu den prägenden Wachstumsmärkten unserer Zeit, und die Nachfrage nach zuverlässigen Offshore-Lösungen steigt weltweit rasant. Wir bei Palfinger haben diesen Wandel früh erkannt und Offshore-Wind zu einem zentralen Bestandteil unseres Marinegeschäfts gemacht. East Anglia TWO ist ein bedeutendes Projekt für erneuerbare Energien, und wir sind stolz, erneut unsere Expertise einbringen zu können.
Iavor Markov, Global Key Account & Segment Manager Offshore Wind, Palfinger (übersetzt aus dem Englischen)

PALFINGER ist seit mehr als zwei Jahrzehnten im Windenergiesektor aktiv. Nach Unternehmensangaben unterstützen seine Hebe- und Handlinglösungen inzwischen Windparks mit zusammen mehr als 53 Gigawatt Leistung.

- © PALFINGER

Warum nicht die großen Krane an den Turbinen bleiben

Wer „64 Krane für einen Offshore-Windpark" liest, denkt womöglich an gigantische Hebezeuge, mit denen 115 Meter lange Rotorblätter in ihre Position gebracht werden. Genau das sind die Palfinger-Geräte nicht. Die riesigen Installationskrane und Spezialschiffe, die für den eigentlichen Aufbau der Turbinen nötig sind, verlassen die Baustelle nach der Montage wieder. Die PF 160-5m bleiben dagegen dauerhaft an den Anlagen, fest montiert auf der Plattform am Übergang zwischen Fundament und Turm. Palfinger nennt Materialumschlag, Wartung und Service als ihre Aufgaben: Ersatzteile, Werkzeug und Verbrauchsmaterial müssen zwischen einem anlegenden Serviceboot und der Turbinenplattform bewegt werden, ein Techniker kann schließlich nicht einfach mit einem Lieferwagen vorfahren. East Anglia TWO liegt rund 32,6 Kilometer vor der Küste Suffolks, von der Hafenstadt Lowestoft aus rund 37,5 Kilometer entfernt.

Diese Aufgabe endet nicht mit der Bauphase. ScottishPower Renewables und die Muttergesellschaft Iberdrola gehen für East Anglia TWO von einer Betriebsdauer von bis zu 25 Jahren aus, über diesen gesamten Zeitraum bleiben die 64 kleinen Krane fester Bestandteil der Anlagen.

Eine Tonne bei zwei Metern Wellenhöhe

Für die PF-160-Baureihe nennt Palfinger eine nominale Tragfähigkeit von 1.000 Kilogramm bei einer sogenannten signifikanten Wellenhöhe von 2,0 Metern, eine maritime Kenngröße, die den typischen Seegang beschreibt und Teil der technischen Auslegung solcher Offshore-Hubvorgänge ist. Die Baureihe selbst gibt es mit 4,5, 5,0 oder 5,5 Metern Ausladung, East Anglia TWO erhält konkret die 5-Meter-Version, daher der Name PF 160-5m. Für besondere Anwendungsfälle bietet Palfinger die Baureihe zusätzlich mit einer optionalen Funktion für außergewöhnliche Hübe bis 3.000 Kilogramm bei geringerer Wellenhöhe an, ob die 64 Geräte für East Anglia TWO diese Option tatsächlich besitzen, geht aus der veröffentlichten Auftragsmeldung nicht hervor.

Für East Anglia TWO werden 64 Transition Pieces gefertigt und ausgerüstet. Sie bilden später den Übergang zwischen den im Meeresboden verankerten Monopiles und den eigentlichen Turbinentürmen.

- © Smulders

25 Jahre salzige Luft statt Werkstatthalle

Ein Kran, der über Jahrzehnte in salzhaltiger Meeresluft steht, muss anders konstruiert sein als ein gewöhnliches Hebegerät in einer Werkstatt. Palfinger spezifiziert für die aktuelle PF-Serie die Korrosionsschutzklasse CX nach der europäischen Norm EN 12944-9, dazu thermisches Metallspritzen kombiniert mit einem dreilagigen Beschichtungssystem, Bolzen, Buchsen und Anschlagpunkte werden aus Edelstahl gefertigt. Ergänzt wird das durch CE-Konformität, die britische UKCA-Kennzeichnung, Überlastschutz, Fernsteuerung und einen integrierten Schaltschrank. Zusätzlich hebt Palfinger hervor, dass seine Offshore-Wind-Plattformkrane ohne Hydrauliköl arbeiten, jedes hydraulische System bedeutet zusätzliche Leitungen, Dichtungen und mögliche Leckagen, also zusätzliche Wartungspunkte mitten auf See. Welche konkrete Antriebsvariante die 64 East-Anglia-TWO-Geräte im Detail besitzen, veröffentlicht Palfinger nicht.

64 Turbinen mit 115-Meter-Blättern und 236 Metern Rotordurchmesser

Ausgestattet wird East Anglia TWO mit 64 Windturbinen des Typs Siemens Gamesa SG 14-236 DD, ScottishPower vergab diesen Auftrag über mehr als eine Milliarde Pfund bereits im November 2024. Jede Turbine besitzt einen Rotordurchmesser von 236 Metern, jedes einzelne Rotorblatt misst 115 Meter. Über alle 64 Anlagen verteilt ergeben sich damit 192 Rotorblätter, deren Längen rein rechnerisch aneinandergereiht mehr als 22 Kilometer ergeben würden, eine spielerische Zusatzrechnung, keine tatsächlich zusammenhängende Strecke.

Die Genehmigungsunterlagen des Windparks sprachen ursprünglich noch von bis zu 75 möglichen Turbinen, ein planungsrechtlicher Rahmen, kein tatsächlicher Baustand. Seit der endgültigen Vergabe von Turbinen, Fundamenten und Kranen steht die reale Ausführung fest: 64 Turbinen, 64 Fundamente, 64 Palfinger-Krane.

Die Plattformkrane bleiben nach Abschluss der Errichtung dauerhaft offshore. Über sie können während des Betriebs Werkzeuge, Ersatzteile und weiteres Material zwischen Serviceboot und Anlage bewegt werden.

- © Smulders

Warum 64-mal 14 trotzdem 960 Megawatt ergibt

Der Turbinentyp trägt die Bezeichnung SG 14-236 DD, was auf den ersten Blick eine einfache Rechnung nahelegt: 64 mal 14 Megawatt würden 896 Megawatt ergeben, nicht die angegebenen bis zu 960. Die Erklärung liegt in einer zusätzlichen Betriebsfunktion, die Siemens Gamesa Power Boost nennt: Unter bestimmten Bedingungen lässt sich die Leistung jeder einzelnen Anlage auf bis zu 15 Megawatt steigern. Und 64 mal 15 Megawatt ergeben rechnerisch exakt die kommunizierten 960 Megawatt. Iberdrola beziffert den rechnerischen Versorgungswert einer einzelnen Turbine mit Power Boost auf rund 15.000 Haushalte, für den gesamten Windpark verwendet der Betreiber inzwischen den genaueren Wert von rund 950.000 Haushalten, in eigenen Mitteilungen rundet Palfinger das auf fast eine Million.

140.000 Tonnen Stahl, bevor überhaupt ein Rotor dreht

Unter jeder der 64 Turbinen steckt ein eigenes Fundament: ein sogenannter Monopile, ein großer Stahlpfahl, der in den Meeresboden gerammt wird, darauf ein sogenanntes Transition Piece als Übergangsstück zwischen Fundament und Turm. Die niederländische Sif liefert alle 64 Monopiles, gemeinsam mit Smulders auch alle 64 Transition Pieces, Sif beziffert das projektbezogene Produktions- und Auftragsvolumen für diese Fundamentarbeiten mit rund 140.000 Tonnen, eine Gesamtgröße, die sich nicht einfach gleichmäßig auf die einzelnen Fundamente herunterrechnen lässt. Gefertigt werden die Monopiles am Standort Maasvlakte 2 in Rotterdam, die tragende Stahlkonstruktion der Transition Pieces entsteht in Roermond, die endgültige Ausrüstung übernimmt Smulders im belgischen Hoboken.

Beim Schwesterprojekt East Anglia THREE stehen die Fundamente bereits offshore. PALFINGER lieferte dafür 96 PF-160-Krane; zusammen mit East Anglia TWO kommt das Unternehmen bei beiden Projekten auf 160 Geräte.

- © ScottishPower Renewables

5.100 Tonnen Umspannstation, dazu ein 3.450-Tonnen-Unterbau

Neben den 64 Turbinen entsteht für East Anglia TWO eine eigene Offshore-Umspannstation, die den erzeugten Strom sammelt und für den Weitertransport Richtung Land aufbereitet. Smulders nennt für den oberen Teil dieser Anlage, den sogenannten Topside, Abmessungen von rund 58 mal 35 mal 30 Metern bei einem Gewicht von rund 5.100 Tonnen. Getragen wird die Station von einem Stahlunterbau, einem sogenannten Jacket, mit rund 40 mal 32 mal 58 Metern und einem Gewicht von rund 3.450 Tonnen, allein diese Tragstruktur erreicht damit ungefähr die Höhe eines zwanziggeschoßigen Gebäudes.

Salzburg plant, Maribor montiert

Der Palfinger-Konzern hat seinen Hauptsitz im Salzburger Umland, in Bergheim. Für das Marinegeschäft, zu dem auch die Offshore-Windsparte zählt, betreibt das Unternehmen im nahegelegenen Salzburg-Kasern ein eigenes Headquarter, dort bündelt Palfinger nach eigenen Angaben Engineering, Produktmanagement und digitale Lösungen für den Marine- und Offshore-Bereich. Die eigentliche Serienfertigung und Endmontage vieler Marine- und Windkrane läuft dagegen unter anderem im slowenischen Maribor, wo rund 830 Menschen beschäftigt sind, davon etwa 120 im Marinebereich, mit einer eigenen, rund 3.000 Quadratmeter großen Montagehalle. Welchen konkreten Fertigungsstandort die 64 East-Anglia-TWO-Krane durchlaufen, gibt die veröffentlichte Auftragsmeldung nicht an.

East Anglia TWO erhält neben den 64 Windturbinen eine eigene Offshore-Umspannstation. Der Topside soll rund 5.100 Tonnen wiegen, das darunterliegende Jacket weitere rund 3.450 Tonnen.

- © Smulders

Beim Nachbarprojekt stehen bereits 96 Krane

East Anglia TWO ist für Palfinger nicht der erste Auftrag in dieser Region der Nordsee. Bereits für das benachbarte Projekt East Anglia THREE lieferte der Konzern 96 Krane desselben Typs PF 160, dort läuft die Offshore-Installation der Turbinen bereits, im April 2026 wurde die erste Anlage montiert, bis Mitte August waren sämtliche 95 Monopile-Fundamente und Transition Pieces offshore installiert. Diese Fundamente wiegen zwischen 1.200 und 1.800 Tonnen bei 67 bis 84 Metern Länge und bis zu 10,6 Metern Durchmesser, was zeigt, in welcher Größenordnung sich der bereits laufende Bau des Schwesterprojekts bewegt.

East Anglia THREE besteht aus 95 Windturbinen, Palfinger nennt für dasselbe Projekt jedoch 96 gelieferte Krane. Warum ein Kran mehr geliefert wurde als Turbinen vorhanden sind, geht aus den öffentlich verfügbaren Unterlagen nicht hervor. Zusammen mit East Anglia TWO ergeben sich für Palfinger in dieser Region 160 gelieferte Krane. East Anglia THREE selbst leistet 1.400 Megawatt, zusammen mit den 960 Megawatt von East Anglia TWO kommen beide Projekte auf 2.360 Megawatt, wofür der Betreiber mit einer Versorgung von rund 2,25 Millionen Haushalten rechnet. East Anglia THREE wird dabei nicht vom selben Unternehmen entwickelt wie TWO, sondern ist ein zu gleichen Teilen zwischen Iberdrola/ScottishPower und dem Investor Masdar aufgeteiltes Projekt.

7.000 verkaufte Krane, 53 Gigawatt weltweit

Mit dem East-Anglia-TWO-Auftrag erreicht Palfinger nach eigenen Angaben insgesamt 7.000 verkaufte Hebe- und Handlinglösungen für Onshore- und Offshore-Windenergie, davon sind bereits rund 6.600 tatsächlich ausgeliefert. Der Konzern ist eigenen Angaben zufolge seit 23 Jahren im Offshore-Windgeschäft aktiv, seine Geräte laufen derzeit in 19 Ländern auf fünf Kontinenten und unterstützen nach eigener Rechnung den Betrieb von Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von mehr als 53 Gigawatt. Als wichtigste Offshore-Windmärkte nennt Palfinger Europa und Taiwan, innerhalb Europas gilt Großbritannien als bedeutendster Absatzmarkt des Konzerns, East Anglia TWO reiht sich dort neben einem kürzlich vermeldeten Auftrag für die polnischen Windparks Bałtyk 2 und 3 ein.

Vier Milliarden Pfund investieren ScottishPower Renewables und Iberdrola in den gesamten Windpark East Anglia TWO, allein der Turbinenauftrag an Siemens Gamesa liegt bei mehr als einer Milliarde Pfund. Gemessen an diesen Summen bleibt der Palfinger-Auftrag, dessen Wert nicht veröffentlicht wurde, ein kleiner Teil einer weit größeren Lieferkette, technisch aber ein Teil, der über die gesamte geplante Betriebsdauer von 25 Jahren an jeder einzelnen der 64 Turbinen gebraucht wird. Wenn die Installationsschiffe die Nordsee verlassen haben und East Anglia TWO 2028 in Betrieb geht, bleibt an jeder Anlage genau ein fünf Meter weit reichender Ausleger zurück, zuständig dafür, dass Werkzeug und Ersatzteile auch im zehnten oder zwanzigsten Betriebsjahr noch ihren Weg vom Boot zur Plattform finden.

FACTBOX: East Anglia TWO / Palfinger

Betreiber/Entwickler: ScottishPower Renewables / Iberdrola Group
Lage: südliche Nordsee vor Suffolk, Großbritannien
Entfernung zur Küste: rund 32,6 km
Investition: rund 4 Mrd. Pfund
Geplante Inbetriebnahme: 2028
Vorgesehene Betriebsdauer: bis zu 25 Jahre

Windpark

  • Turbinen: 64, Typ Siemens Gamesa SG 14-236 DD
  • Maximale Projektleistung: 960 MW
  • Leistung je Turbine: bis 15 MW mit Power Boost
  • Rotordurchmesser: 236 m; Rotorblattlänge: 115 m; Rotorblätter gesamt: 192
  • Versorgung: rechnerisch rund 950.000 Haushalte
  • Turbinenauftrag an Siemens Gamesa: mehr als 1 Mrd. Pfund (November 2024)

Palfinger

  • Auftraggeber: Smulders
  • Lieferumfang: 64 PF 160-5m
  • Verhältnis: 1 Kran je Turbine
  • Auslieferung: bis Ende 2026
  • Aufgabe: Materialumschlag, Wartung, Service
  • Ausladung: 5 m; Nenntragfähigkeit: 1.000 kg bei 2,0 m signifikanter Wellenhöhe
  • Korrosionsschutz: Klasse CX nach EN 12944-9
  • Konzernsitz: Bergheim bei Salzburg; Marine-Hauptsitz: Salzburg-Kasern
  • Serienfertigung Marine-/Windkrane u. a.: Maribor, Slowenien (rund 830 Beschäftigte, rund 3.000 m² Montagehalle)

Fundamente

  • Monopiles: 64 (Sif); Transition Pieces: 64 (Sif/Smulders)
  • veröffentlichtes Produktions-/Auftragsvolumen: rund 140.000 t
  • Monopile-Fertigung: Maasvlakte 2, Rotterdam
  • Transition Piece Primary Steel: Roermond; Outfitting: Hoboken

Offshore-Umspannstation

  • Topside: rund 58 × 35 × 30 m, rund 5.100 t
  • Jacket: rund 40 × 32 × 58 m, rund 3.450 t

Palfinger im weiteren Offshore-Wind-Kontext

  • East Anglia THREE: 96 PF-160-Krane (bei 95 Turbinen); Differenz öffentlich nicht erläutert
  • East Anglia TWO + THREE zusammen: 160 Krane, 2.360 MW, rund 2,25 Mio. versorgte Haushalte
  • Windgeschäft seit 23 Jahren; Einsatz in 19 Ländern auf 5 Kontinenten
  • unterstützte Windleistung weltweit: mehr als 53 GW
  • verkaufte Wind-Hebe-/Handlinglösungen: 7.000, davon rund 6.600 ausgeliefert
  • wichtigste Offshore-Windmärkte: Europa und Taiwan; wichtigster europäischer Einzelmarkt: Großbritannien