Pumpspeicher Australien : 2.000 Megawattstunden, 250 Meter unter Tage: Andritz liefert die Maschinen für ein Pumpspeicherkraftwerk in einer Goldmine
Blick über den Kidston-Energiehub im australischen Queensland: Zwei ehemalige Tagebaue der stillgelegten Goldmine werden zu den Becken eines Pumpspeicherkraftwerks umgebaut; im Hintergrund liegt der Solarpark des Standorts.
- © Genex Power LtdRund 280 Kilometer nordwestlich von Townsville wird kein Gold mehr gefördert. Auf dem Gelände der früheren Kidston-Mine entsteht stattdessen ein Stromspeicher, und zwar aus dem, was der Bergbau hinterlassen hat: zwei tiefe, mit Wasser gefüllte Tagebaue in unterschiedlicher Höhenlage. Zwischen ihnen soll künftig Wasser hin- und herwandern und dabei zwei Maschinen von Andritz antreiben. Im Betrieb soll dieses Wasser in einem weitgehend geschlossenen Kreislauf zwischen Ober- und Unterbecken zirkulieren.
Doch die beiden Gruben allein machen noch kein Kraftwerk. Sie liefern die Becken, ersetzen aber weder die Kraftwerkskaverne noch Druckstollen, Schächte, Dämme und Auskleidungen, die ein Pumpspeicher braucht. Das eigentliche Bauwerk liegt tief unter der Mine, und genau dort lag auch die größte Schwierigkeit.
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181 bis 218 Meter Höhenunterschied: Wie zwei Tagebaue zu Ober- und Unterbecken werden
Die frühere Kidston-Goldmine wurde 2001 stillgelegt. Der Entwickler Genex Power erwarb das Areal 2014 mit dem Ziel, daraus einen Energiehub zu machen. Die beiden früheren Tagebaue Wises und Eldridge werden nicht verfüllt oder rekultiviert, sondern als Reservoirs weitergenutzt. Der höher gelegene Wises Pit wird zum Oberbecken, der tiefer gelegene Eldridge Pit zum Unterbecken.
Das Prinzip dahinter ist so alt wie einfach. Ist im Netz viel Strom vorhanden und damit günstig, wird Wasser aus dem unteren Becken nach oben gepumpt. Steigt die Nachfrage, strömt es durch die Maschinen zurück nach unten und erzeugt dabei Strom. Zwischen den beiden Becken liegen je nach Wasserstand rund 181 bis 218 Meter Höhenunterschied. Die Anlage soll 250 Megawatt Leistung über bis zu acht Stunden liefern. Das entspricht einem Speichervermögen von 2.000 Megawattstunden.
Kidston ist damit keine Energiequelle im klassischen Sinn. Das Kraftwerk erzeugt keinen zusätzlichen Strom aus einem natürlichen Zufluss wie ein Flusskraftwerk, sondern verschiebt Energie zeitlich. Es nimmt Strom auf, wenn er reichlich und billig ist, und gibt ihn ab, wenn er knapp und teuer wird. Das Becken ist gewissermaßen ein riesiger, mit Wasser betriebener Akku.
Laden aus dem gesamten Strommarkt: Warum der Speicher nicht nur Solarstrom nutzt
Auf dem Gelände steht auch ein Solarpark, und Kidston wird als „Clean Energy Hub" vermarktet. Das legt die Vermutung nahe, der Pumpspeicher sei dazu da, tagsüber den Sonnenstrom von nebenan zu speichern und ihn abends abzugeben. Ganz so ist es aber nicht.
Nach der öffentlichen Projektbeschreibung bezieht der Speicher seinen Strom aus dem australischen Strommarkt, dem National Electricity Market, nicht exklusiv aus der benachbarten Photovoltaik. Das macht die Anlage vielseitiger, nicht enger: Sie kann Überschüsse aus vielen Solar- und Windparks im gesamten Netz aufnehmen, nicht nur aus den Paneelen direkt neben den Gruben. Kidston wird damit zu einem Langzeitspeicher für das regionale Netz, der immer dann lädt, wenn Strom im Markt günstig ist, egal woher er stammt.
1,7 Kilometer Zugangstunnel, 250 Meter Tiefe: Das Kraftwerk liegt unter der Goldmine
Der Maschinenraum liegt laut Genex rund 250 Meter unter der Oberfläche, in einer eigens ausgebrochenen Kaverne, einem großen unterirdischen Hohlraum im Fels. Erschlossen wird sie über einen 1,7 Kilometer langen Zugangstunnel. Dazu kommen zwei rund 235 Meter tiefe Einlaufschächte, zwei etwa 330 Meter lange Auslaufstollen sowie vertikale Schächte für Kabel und Belüftung. In der Kaverne sitzen die Turbinen, Generatoren und Transformatoren.
Auch das Oberbecken war nicht einfach ein fertiges Loch. Um den Wises Pit dicht zu machen, wurde ein rund sechs Kilometer langer Dammkörper errichtet und mit einer Kunststoffdichtung aus HDPE ausgekleidet. Erst danach ließ sich das Becken befüllen. Aus zwei rohen Gruben wurde so ein technisch kontrolliertes, geschlossenes Speichersystem.
436 Meter Umweg: Wasserzutritte zwangen zur Verlängerung des Zugangstunnels
Dass der Untergrund die eigentliche Herausforderung war, zeigte sich im September 2022. Beim Vortrieb des Zugangstunnels stießen die Mineure auf Wasserzutritte in stark zerklüftetem Gestein. Der geplante Zugang zur Kaverne war so nicht sicher herstellbar. Die Folge: Der Tunnel musste neu geplant und um 436 Meter verlängert werden, um das problematische Gebirge zu umgehen. Der umgelegte Hauptzugangstunnel wurde erst im November 2023 fertiggestellt.
Die Minengruben machen Kidston überhaupt erst möglich, weil sie die beiden Becken vorgeben. Das schwierige Bauwerk aber liegt dazwischen und darunter, im Fels, und dort gelten die Regeln des Tunnel- und Kavernenbaus, nicht die des Tagebaus.
Zwei Maschinen mit je 125 Megawatt pumpen und erzeugen Strom
Andritz erhielt 2021 den Auftrag für die elektromechanische Ausrüstung, also für Planung, Fertigung, Lieferung, Montageüberwachung und Inbetriebnahme. Herzstück sind zwei reversible Pumpturbinen-Generator-Einheiten mit je 125 Megawatt. Sie befördern Wasser nach oben und erzeugen beim Rückfluss Strom. Aus einem einzigen Maschinensatz wird so wahlweise Verbraucher oder Kraftwerk. Der Modellversuch der 125-Megawatt-Pumpturbinen lief 2021 am Andritz-Prüfstand in Graz. In der laufenden Montagephase arbeiten Andritz-Teams aus Österreich und Indonesien mit den Baupartnern John Holland und McConnell Dowell zusammen. Zusätzlich erhielt Andritz einen zwölfjährigen Wartungsvertrag und bleibt damit auch nach der Bauphase am Standort eingebunden.
186 Kilometer Leitung bis zum nächsten Netzknoten
Die abgelegene Lage prägt das Projekt bis ins Detail. Kidston liegt weit abseits großer Städte, und damit der gespeicherte Strom überhaupt in den Markt gelangt, braucht es eine eigene Anbindung: eine 186 Kilometer lange 275-kV-Leitung bis zum Netzknoten Mount Fox. Erst diese Verbindung schließt das Kraftwerk an den australischen Strommarkt an.
Auch die Baulogistik hängt an der Geografie. Schwere Transporte müssen über unbefestigte Straßen, niedrige Brücken und Flussfurten geführt werden. Kritische Lieferungen werden deshalb in die Trockenzeit von April bis Oktober gelegt, denn bei Hochwasser kann die Querung des Copperfield River unpassierbar werden. Jedes große Bauteil, von den Turbinenkomponenten bis zum Generatorstator, musste zuerst diese langen, wetterabhängigen Routen bis ins frühere Goldrevier überstehen.
Inbetriebnahme gegen Ende 2026, kommerzieller Betrieb 2027: Der Zeitplan
Aktuell befindet sich das Projekt in der elektromechanischen Montage. Bei Einheit 2 wurden im Juni 2026 die Hauptkomponenten der Turbine installiert und anschließend Generatorstator und Rotor in Position abgesenkt; parallel läuft der Turbineneinbau für Einheit 1. Die Montage ist damit sichtbar weit fortgeschritten.
Im November 2025 wurde Kidston als erstes Pumpspeicherprojekt seit rund 40 Jahren im australischen Strommarkt registriert. Genex nennt für die Inbetriebnahme das Ende des Jahres 2026 und für den kommerziellen Betrieb das Jahr 2027. Nach den im Strommarkt gemeldeten Verfügbarkeitsdaten steht die volle Leistung von 250 Megawatt ab Ende Juli 2027 bereit, ursprünglich war Oktober 2026 vorgesehen. Genex-Chef Craig Francis verweist darauf, dass in Australien seit mehr als 40 Jahren kein Pumpspeicherkraftwerk gebaut wurde und die Komplexität der Bauarbeiten die Bauzeit verlängert habe. Technische Probleme gebe es nicht.
Aus der erschöpften Goldmine wird kein rekultiviertes Loch, sondern ein Pumpspeicherkraftwerk, dessen entscheidender Teil tief im Fels unter dem Outback liegt.
FACTBOX: Pumpspeicherkraftwerk Kidston (Queensland, Australien)
- Entwickler: Genex Power, im Eigentum von J-Power
- Standort: frühere Kidston-Goldmine, rund 280 km nordwestlich von Townsville (Mine 2001 stillgelegt, Areal 2014 von Genex erworben)
- Becken: Wises Pit (oben) und Eldridge Pit (unten), Höhenunterschied 181 bis 218 m; Oberbecken mit rund 6 km langem Dammkörper und HDPE-Dichtung
- Leistung: 250 MW über bis zu acht Stunden (2.000 MWh)
- Maschinen: zwei reversible Pumpturbinen-Generator-Einheiten mit je 125 MW von Andritz (Auftrag 2021, zwölfjähriger Wartungsvertrag)
- Kaverne: rund 250 m unter der Oberfläche; Zugangstunnel 1,7 km (um 436 m verlängert, fertiggestellt November 2023); zwei Einlaufschächte (rund 235 m tief), zwei Auslaufstollen (rund 330 m)
- Netzanschluss: 186 km lange 275-kV-Leitung bis Mount Fox
- Baupartner: John Holland, McConnell Dowell
- Zeitplan: Registrierung im Strommarkt November 2025; Inbetriebnahme gegen Ende 2026, kommerzieller Betrieb 2027; volle Leistung laut Verfügbarkeitsdaten ab Ende Juli 2027 (ursprünglich Oktober 2026)