Universitätsbau in Graz : 392 Millionen Euro: Wie Porr und Granit Graz' neues Physikzentrum hochziehen
Für 392 Millionen Euro entsteht in Graz ein 50.000 Quadratmeter großes Physikzentrum. Porr und Granit errichten gemeinsam den Rohbau für künftig rund 1.700 Studierende und 600 Beschäftigte.
- © Big/GrillWer derzeit an der Harrachgasse vorbeikommt, sieht vor allem eines: wie eng das Baufeld zwischen Campus, Wohnhäusern und innerstädtischen Straßen liegt. Für ein Projekt dieser Größe ist das kein Nebenaspekt, sondern die Ausgangsbedingung, unter der Porr und Granit das gesamte Raumprogramm auf einer möglichst kleinen Fläche stapeln mussten, statt es in die Breite zu bauen.
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392 Millionen Euro Neubau, 51 Millionen Euro Ausstattung
Auf dem Gelände der abgebrochenen Vorklinik entsteht eine Gesamtfläche von 50.000 Quadratmetern, davon rund 10.000 Quadratmeter für Labore und Werkstätten. Die Bundesimmobiliengesellschaft investiert 392 Millionen Euro in den Neubau, dazu kommen rund 51 Millionen Euro für Einrichtung und Ausstattung, zwei Summen, die unterschiedliche Dinge finanzieren und deshalb getrennt zu nennen sind.
Das Raumprogramm umfasst ein Erdgeschoß, sechs Obergeschoße und zwei Untergeschoße, fünf große Hörsäle, Seminar- und Lernräume, Labor- und Werkstattbereiche, Büros, eine öffentlich zugängliche Stadtterrasse und ein über mehrere Ebenen reichendes Foyer. Ab 2030 sollen dort rund 1.700 Studierende und 600 Beschäftigte von Uni Graz und TU Graz arbeiten und lernen, entworfen wurde das Gebäude von fasch&fuchs.architekten.
53,5 Millionen Euro für den Rohbau
Porr und Granit erhielten als Arbeitsgemeinschaft den Auftrag für die Baumeisterarbeiten, die Zuschlagsbekanntmachung nennt einen Auftragswert von exakt 53.505.122,84 Euro, der Vertrag wurde am 26. Februar 2025 geschlossen. Der mit rund 53,5 Millionen Euro vergebene Auftrag umfasst die Baumeisterarbeiten, Porr und Granit errichten gemeinsam den Rohbau. Eine Aufteilung der Arbeitsgemeinschaft nach Bauteilen oder Gewerken ist öffentlich nicht dokumentiert, belastbar ist nur die gemeinsame Verantwortung.
Der Baufortschritt lässt sich konkret nachzeichnen: Im Jänner 2026 waren die beiden Untergeschoße im Rohbau hergestellt, im Mai wurden die Wände des Erdgeschoßes fertiggestellt, anschließend folgten weitere Deckenabschnitte über dem Erdgeschoß und Wände im ersten Obergeschoß. Im Juli waren alle 16 Stahlfachwerke errichtet, die Arbeiten an den Decken über dem ersten und zweiten Obergeschoß liegen laut Projektseite im Zeitplan. Gleichzeitig begannen die Schalungsarbeiten für die beiden großen Außentreppen, in den Untergeschoßen laufen bereits Ausbauarbeiten durch Metallbau, Haus- und Elektrotechnik. Am 24. Februar 2026 arbeiteten nach Angaben der Uni Graz gleichzeitig rund 120 Bauarbeiter auf dem Baufeld.
Fünf Hörsäle, keine einzige Stütze
Das eigentliche Stützenproblem beginnt über den Köpfen der künftigen Hörsaalbesucher. Die öffentlich zugängliche Erdgeschoßzone erhält eine Raumhöhe von 5,6 Metern, dort liegen fünf holzverkleidete Hörsäle, der größte für 600 Personen. Stützen in den Sälen hätten Sichtbeziehungen, Raumaufteilung und Nutzung beeinträchtigt, gleichzeitig müssen die darüberliegenden Geschoße mit Laboren und Büros abgetragen werden. Wo im Erdgeschoß bis zu 600 Menschen freie Sicht benötigen, müssen mehrere Obergeschoße abgefangen werden.
Die Lösung sind 16 mehrgeschoßige Stahlfachwerke. Laut Tragwerksplaner ermöglichen sie stützenfreie Spannweiten von bis zu 27 Metern, sie übernehmen die Lastabtragung der darüberliegenden Geschoße und stabilisieren wesentliche Gebäudebereiche.
Mehr als 400 Tonnen Stahl auf 34 Nachtfahrten
Die 16 Fachwerke wurden nicht als komplette Konstruktionen nach Graz gebracht, sondern bestanden aus 64 großen Stahlelementen mit einem Gesamtgewicht von mehr als 400 Tonnen, einzelne Teile wiegen bis zu acht Tonnen. Für die Fertigung eines Elements waren rund 1.500 Arbeitsstunden nötig, insgesamt waren 34 genehmigte Sondertransporte notwendig. Bei den Abmessungen weichen zwei offizielle Darstellungen leicht voneinander ab: Die Uni Graz spricht von rund acht Meter hohen und teilweise bis zu 30 Meter langen Fachwerken, die Projektseite nennt neun Meter Höhe und Längen zwischen 15 und 35 Metern. Die Konstruktionen sind damit rund acht bis neun Meter hoch und erreichen je nach Messweise bis zu 35 Meter Länge.
Gefertigt wurden die Bauteile in Eis nahe der Jauntalbrücke in Kärnten, der Hersteller wird in den offiziellen Projektunterlagen nicht namentlich genannt. Die Transporte erfolgten nachts beziehungsweise in den frühen Morgenstunden über die Autobahn, auf der Baustelle wurden die Einzelteile mit dem Kran eingehoben, positioniert und miteinander verschraubt. Die ersten beiden Elemente trafen am 23. Februar 2026 ein, danach folgten im Abstand weniger Werktage weitere Transporte. Ende Mai waren die Einhubarbeiten abgeschlossen, inzwischen stehen alle 16 Fachwerke.
Baustellenlogistik zwischen Campus und Wohnbebauung
Die Baustelle liegt zwischen Campus, Wohnbebauung und mehreren innerstädtischen Straßen, Großtransporte und laufende Betonarbeiten brauchen deshalb eine genau festgelegte Logistik. Die Zufahrt erfolgt über die Attemsgasse, die Ausfahrt über die Harrachgasse, eine interne Baustraße verbindet beide Seiten. Der Vorplatz des Hauptgebäudes dient als Fläche für Logistik, Material, Baugeräte und Betonmischfahrzeuge.
Für die Fachwerklieferungen mussten zeitweise Parkplätze gesperrt werden, die bis zu acht Tonnen schweren Teile wurden ab sechs Uhr morgens eingehoben, sobald die regulären Arbeiten beginnen durften. Die veröffentlichten Baustellenzeiten liegen montags bis samstags zwischen 6 und 19 Uhr, mehrmals täglich eingesetzte Reinigungsfahrzeuge sollen Verschmutzungen auf den umliegenden öffentlichen Verkehrsflächen reduzieren.
Die 400 Tonnen schwere Stahlkonstruktion löst das sichtbarste Problem des Neubaus. Die empfindlichste Bauaufgabe liegt jedoch dort, wo vom Gebäude an der Oberfläche kaum etwas zu erkennen ist.
Warum die empfindlichsten Labore unter der Erde liegen
In den beiden Untergeschoßen entstehen die Laborräume für besonders sensible Forschungsgeräte. Zu den offiziellen Beispielen gehören Optiklabore, in die kein natürliches Licht eindringen darf, sowie Räume für die Elektronenmikroskopie, deren Geräte keine Erschütterungen vertragen, dazu weitere hochsensible und kostenintensive Forschungsinfrastruktur. Die unterirdischen Laborbereiche waren bereits im Jänner 2026 im Rohbau fertig, bei einem Baustellenrundgang konnten rund 20 Physiker von Uni Graz und TU Graz die späteren Arbeitsräume besichtigen.
Die Lage im Untergeschoß macht die Räume nicht automatisch erschütterungsfrei, der Tragwerksplaner spricht ausdrücklich von Laboren, die einen besonderen Schwingungsschutz benötigen. Über konkrete Federlager, entkoppelte Fundamente oder bestimmte Dämpfungssysteme liegen keine belastbaren öffentlichen Angaben vor. Auch entsteht kein generell tageslichtloses Untergeschoß, Lichthöfe und Lichtschächte bringen Licht bis in tiefere Gebäudebereiche, die Optiklabore bilden gezielt abgeschirmte Sonderräume innerhalb dieses Konzepts. Über Treppen und Aufzüge sind die Labore vertikal mit den zugehörigen Büros verbunden, wodurch Forschungs- und Arbeitsbereiche organisatorisch gekoppelt werden, ohne die empfindlichen Geräte in die oberen, stärker frequentierten Ebenen verlegen zu müssen.
252 Anker sicherten die Baugrube
Zur Sicherung der Baugrube wurde eine rund 550 Laufmeter lange Schlitzwand errichtet, die während des Aushubs mit insgesamt 252 unterirdischen Ankern gesichert war. Die Anker lagen teilweise in zwei Ebenen, fünf und neun Meter unter Straßenniveau, eingebaut schräg nach unten in einem Winkel von rund 30 Grad. Sie hielten die Schlitzwand in Position, bis die beiden Untergeschoße des Neubaus die aussteifende Funktion übernehmen konnten, danach wurden sie entspannt und standen nicht mehr unter Zug. Diese Arbeiten fanden großteils vor dem Vertragsabschluss der Baumeisterarbeiten mit Porr und Granit statt.
Warum Teile der Fassade durchs Feuer mussten
Für die Fassade werden individuell gefertigte Elemente aus Glas und Aluminium eingesetzt, entlang der Fassaden liegen teilweise Fluchtwege, gleichzeitig sind zusätzliche Sprinkler vorgesehen. Da keine bereits vollständig geprüften Standardelemente verwendet werden, verlangten die Behörden gesonderte Brandversuche. Dafür wurden bei der akkreditierten Prüf-, Inspektions- und Zertifizierungsstelle MA 39 in Wien zwei reale Einbausituationen nachgebaut.
Der erste Versuch simulierte eine Innenhofsituation im zweiten Untergeschoß, Glas- und Aluminiumelemente mussten der Wärmebelastung standhalten. Bei 68 Grad Celsius lösten die Sprinklerköpfe nacheinander aus, laut Projektdokumentation blieb der außen liegende Fluchtweg benutzbar. Der zweite Versuch stellte eine Raumsituation zwischen dem ersten und zweiten Untergeschoß nach, geprüft wurde insbesondere das Glas eines Oberlichtenfensters, auch hier lösten die Sprinkler bei 68 Grad aus. Nachgewiesen wurde damit das Verhalten der konkret nachgebauten Fassadenkonfigurationen, nicht die Feuerfestigkeit der gesamten Fassade.
Die Laborbereiche verschärfen das Brandschutzkonzept zusätzlich, weil dort unter anderem Gase gelagert und verwendet werden können. Vorgesehen sind deshalb eine Brandmeldeanlage, eine zusätzliche Sprinkleranlage, 118 Wandhydranten mit Trockenleitungen, 252 Feuerlöscher in unterschiedlichen Ausführungen, Rauchabzüge in den Treppenhäusern sowie mechanische Anlagen zur Brandrauchverdünnung. Zunächst sicherten also 252 Anker die Baugrube, später sollen 252 Feuerlöscher das fertige Gebäude schützen, zwei voneinander unabhängige Zahlen, die zufällig gleich groß sind.
Weniger Beton in den Decken
Zum Einsatz kommen spezielle Hohlkörperdecken, die laut Projektbeschreibung weniger Beton benötigen als herkömmliche Stahlbetondecken und zugleich über thermische Bauteilaktivierung zum Heizen und Kühlen genutzt werden. Weitere Maßnahmen sind die Nutzung von Erdwärme, mit Wärmeentzug aus dem Erdreich im Winter und Nutzung der dabei eingelagerten Kälte zur sommerlichen Kühlung, Photovoltaik zur Stromerzeugung, intensiv begrünte Dächer, lichtlenkende Fassadenlamellen, neue klimaresiliente Baumreihen sowie mehr als 600 Fahrradstellplätze, davon 300 überdacht.
Die öffentlich zugängliche Stadtterrasse bildet einen Einschnitt im Baukörper, zwei große Außentreppen führen von außen hinauf, für sie haben inzwischen die Schalungsarbeiten begonnen.
Bis 2030 ist noch viel zu bauen
Alle 16 Stahlfachwerke sind errichtet, die Decken des ersten und zweiten Obergeschoßes befinden sich in Arbeit, in den Untergeschoßen läuft parallel bereits der technische Ausbau. Der offizielle Zeitplan sieht vor: Im August 2026 wächst der Baukörper weiter, die Stadtterrasse wird sichtbar. Im Februar 2027 folgen Gleichenfeier und Abschluss des Rohbaus. 2028 wird der Innenausbau fortgesetzt, 2029 folgen die Gestaltung der Außenanlagen und die Einrichtung des Gebäudes. Die Eröffnung des Graz Center of Physics ist für 2030 vorgesehen.
Bis die ersten Elektronenmikroskope erschütterungsfrei arbeiten können, müssen über den unterirdischen Laboren noch sechs Obergeschoße, zwei Außentreppen, die individuelle Fassade und ein jahrelanger Innenausbau fertiggestellt werden.
FACTBOX: Graz Center of Physics
Projekt: Neubau Graz Center of Physics
Standort: Harrachgasse 21, Graz-Geidorf
Bauherrin und Eigentümerin: Bundesimmobiliengesellschaft
Nutzer: Uni Graz und TU Graz
Architektur: fasch&fuchs.architekten
Baumeister- und Rohbauarbeiten: Arbeitsgemeinschaft Porr und Granit
Auftragswert Baumeisterarbeiten: 53.505.122,84 Euro (Vertrag 26. Februar 2025)
Investition
- Neubau: 392 Mio. Euro (Bundesimmobiliengesellschaft)
- Einrichtung und Ausstattung: rund 51 Mio. Euro
Gebäude
- Gesamtfläche: rund 50.000 m², davon rund 10.000 m² Labor- und Werkstattflächen
- Erdgeschoß, sechs Obergeschoße, zwei Untergeschoße
- fünf Hörsäle (größter: 600 Personen), Raumhöhe Erdgeschoßzone: 5,6 m
- künftige Nutzung: rund 1.700 Studierende, 600 Beschäftigte
Tragwerk
- 16 mehrgeschoßige Stahlfachwerke, stützenfreie Spannweiten bis 27 m
- 64 Stahlelemente, mehr als 400 t Gesamtgewicht, Einzelteile bis 8 t
- rund 1.500 Arbeitsstunden je Element; Fertigung in Eis, Kärnten
- 34 genehmigte Sondertransporte, nächtlich; erste Lieferung 23. Februar 2026, Einhub abgeschlossen Ende Mai 2026
Baugrube: rund 550 m Schlitzwand, gesichert mit 252 temporären Ankern (5 und 9 m unter Straßenniveau, ca. 30° Neigung)
Brandschutz Fassade: zwei Brandversuche bei MA 39 Wien; Sprinklerauslösung jeweils bei 68 °C
Brandschutz gesamt: Brandmeldeanlage, zusätzliche Sprinkleranlage, 118 Wandhydranten, 252 Feuerlöscher, Rauchabzüge, mechanische Brandrauchverdünnung
Nachhaltigkeit: Hohlkörperdecken mit Bauteilaktivierung, Erdwärmenutzung, Photovoltaik, Dachbegrünung, lichtlenkende Fassadenlamellen, mehr als 600 Fahrradstellplätze (300 überdacht)
Zeitplan
- Jänner 2026: Untergeschoße im Rohbau fertig
- Juli 2026: alle 16 Stahlfachwerke errichtet
- August 2026: Baukörper wächst weiter, Stadtterrasse sichtbar
- Februar 2027: Gleichenfeier, Rohbau fertig
- 2028: Innenausbau
- 2029: Außenanlagen, Einrichtung
- 2030: geplante Eröffnung