3D-Druck im Bauwesen : Zwei Roboter, 1.300 Quadratmeter Wand: Strabag baut den ersten gedruckten Supermarkt der Welt

Vogelperspektive auf die Baustelle in Neubulach: Mit mehr als 1.300 Quadratmetern gedruckter Wandfläche entsteht hier laut Projektpartnern der weltweit erste Supermarkt aus dem 3D-Betondrucker.

Vogelperspektive auf die Baustelle in Neubulach: Mit mehr als 1.300 Quadratmetern gedruckter Wandfläche entsteht hier laut Projektpartnern der weltweit erste Supermarkt aus dem 3D-Betondrucker.

- © Aleksej Keksel / Strabag

Wer die Baustelle in Neubulach im Landkreis Calw betritt, sucht die Maurerkolonne vergebens. Stattdessen schwenkt ein Roboterarm über das Fundament, 26 Meter lang, und legt Schicht auf Schicht Beton ab, langsam, gleichmäßig, entlang einer Linie, die vorher am Bildschirm entstanden ist. Keine Schalung, kein Mörtel, kein Stein. Wand um Wand wächst so aus der Düse, und was hier entsteht, ist nach Angaben der Projektpartner der weltweit erste Supermarkt aus dem Betondrucker: ein künftiger Netto-Markt, dessen Wandflächen fast vollständig gedruckt sind.

Das ist der Rekord, der sofort einleuchtet. Für die Bauwirtschaft stellt sich gleich dahinter aber eine handfestere Frage: Wenn der Roboter die Wände druckt, was bleibt dann für den klassischen Rohbau? Denn ganz ohne herkömmliche Bauweise entsteht auch dieser Markt nicht.

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1.300 Quadratmeter Wand, 292 Kubikmeter Beton, vier Wochen

Auf einer Grundfläche von rund 1.700 Quadratmetern druckten die beteiligten Unternehmen mehr als 1.300 Quadratmeter Wandfläche, mit einem Druckvolumen von rund 292 Kubikmetern Beton und Wandhöhen von bis zu sieben Metern. Nach Angaben der Projektpartner ist der Neubau damit derzeit das weltweit größte realisierte Gebäude mit 3D-gedruckten Betonwänden.

Der Wandrohbau samt der baulichen Schnittstellen entstand in rund vier Wochen. Dahinter steht ein Verfahren, das bislang vor allem bei Einfamilienhäusern, einzelnen Wohngebäuden und kleineren Pilotbauten zum Einsatz kam. In Neubulach wird es erstmals auf einen realen, großflächigen Handelsbau übertragen, mit einem konkreten Nutzer und einem Eröffnungstermin: Mitte November 2026 will Netto den Markt eröffnen.

Schicht für Schicht entsteht die Betonwand direkt auf der Baustelle. Für den Markt kommen rund 292 Kubikmeter speziell entwickelter 3D-Druckbeton zum Einsatz.

- © Aleksej Keksel / Strabag

Warum Strabag für den Rekord ein eigenes Joint Venture gründete

Der österreichische Strabag-Konzern baut diesen Markt nicht als Ganzes. Beteiligt ist er über seine deutsche Tochter Züblin, eines der größten Bauunternehmen Deutschlands. Züblin hat gemeinsam mit dem Stuttgarter Drucktechnologieanbieter Instatiq das Joint Venture Nelcon gegründet, das den Druck auf der Baustelle ausführt.

Diese Einheit ist es, die den Druck in Neubulach tatsächlich auf die Baustelle bringt. Nelcon verbindet digitale Bauvorbereitung, Maschinenbetrieb und Baustellenkoordination zu einem durchgehenden Prozess. Hinter dem Drucker steht damit nicht bloß ein Start-up mit einer Maschine, sondern der Versuch eines Großkonzerns, den 3D-Betondruck aus dem Pilotmodus in den regulären Gewerbebau zu holen.

Für uns ist das Projekt ein wichtiger Schritt, um 3D-Betondruck in größere Bauvorhaben zu überführen. Besonders die Verzahnung mit klassischen Rohbauprozessen stand dabei im Fokus.
Chris Brandstätt, Technischer Geschäftsführer Nelson

Vom digitalen Modell direkt zur Betonwand

Die eingesetzten Maschinen, mobile Drucker vom Typ Instatiq P1, arbeiten nicht wie ein kleiner 3D-Drucker im Labor, sondern als Großraumsystem direkt auf der Baustelle. Der Beton wird als speziell entwickelter Transportbeton per Fahrmischer geliefert, durch den Roboterarm gepumpt und über die Düse schichtweise entlang der digitalen Geometrie aufgetragen.

Der Baustoff muss dafür drei Anforderungen zugleich erfüllen, die einander eigentlich widersprechen: Er muss pumpfähig genug sein, um durch die Leitungen zum Druckkopf zu gelangen. Nach dem Austritt aus der Düse muss er sofort formstabil bleiben. Und er muss schnell genug fest werden, damit die nächste Schicht die darunterliegende nicht wieder eindrückt. Diese Balance ist die eigentliche Materialkunst hinter dem sichtbar einfachen Schichtaufbau.

Der P1 verfügt über einen automatisiert gesteuerten Mastausleger von rund 26 Metern. Entscheidend für ein Gebäude dieser Größe ist aber weniger die Reichweite als die Beweglichkeit: Die Roboter lassen sich abschnittsweise auf dem Fundament umsetzen und neu positionieren. So entsteht ein großer Markt nicht in einem einzigen Druckvorgang, sondern in einer Folge digital geplanter Teilbereiche. In einzelnen Bauphasen arbeiteten in Neubulach erstmals zwei dieser mobilen Drucker parallel.

Der gedruckte Wandrohbau ist Teil eines konventionell ergänzten Tragwerks: Stützen, Ringbalken, Dach und Ausbau entstehen weiterhin mit klassischen Bauverfahren.

- © Aleksej Keksel / Strabag

Der Roboter druckt die Wände, Stützen und Ringbalken bleiben klassisch

Der Drucker übernimmt die massiven Betonwände, und das ist bereits ein großer Teil des Rohbaus. Alles, was darüber hinausgeht, bleibt konventionelle Bauaufgabe, aus einem handfesten statischen Grund.

Hochbelastete Bauteile wie Stützen und Ringbalken werden in klassischer Schalungstechnik hergestellt. Sie übernehmen die Lasten und die Aussteifung dort, wo die Statik über das hinausgeht, was die gedruckten Wandstrukturen tragen können, so, wie es die Vorgaben des Tragwerksplaners verlangen. Auch Fundament, Bodenplatte, Dach, Öffnungen, Haustechnik und Ausbau bleiben herkömmliche Gewerke. Der Drucker ersetzt also gezielt Schalung und Mauerwerk der Wände, nicht den gesamten Rohbau.

Der 3D-Druck übernimmt also den Teil, den er heute wirtschaftlich und technisch am besten kann, die großen, wiederholbaren Wandflächen, und wird dafür sauber mit dem klassischen Rohbau verzahnt.

Die Kombination aus 3D-Druck und konventionellem Rohbau erfordert eine enge Abstimmung aller Gewerke. In Neubulach zeigen wir, wie sich beide Welten praxisnah und effizient miteinander verbinden lassen.
Friedemann Waidelich, Geschäftsführer Köhler Bauunternehmung Wildberg

Warum ein Supermarkt der härtere Test ist als ein Einfamilienhaus

Dass die Weltpremiere ausgerechnet ein Supermarkt ist, ist kein Zufall. Ein Einfamilienhaus kann als architektonisches Einzelstück funktionieren. Ein Supermarkt muss beweisen, dass sich das Verfahren unter Termin-, Kosten- und Betriebsdruck wiederholen lässt.

Handelsimmobilien haben große, wiederholbare Wandflächen, klare Raster und standardisierte Abläufe. Für sie zählen nicht Gestaltung und Materialexperiment, sondern Termin, Prozesssicherheit und Wirtschaftlichkeit. Der Netto-Markt in Neubulach ist deshalb der Test, ob 3D-Druck genau dort funktioniert, wo Bauabläufe kalkulierbar und wiederholbar sein müssen.

Referenzprojekt von Züblin und Instatiq in Metzingen-Neugreuth: Der automatisch gesteuerte Mastausleger des Betondruckers P1 trägt Beton Schicht für Schicht auf. Die gleiche Drucktechnologie kommt auch beim Supermarkt in Neubulach zum Einsatz.

- © stand.art GmbH / Strabag

CO2-reduzierter Zement aus dem Fahrmischer

Für den Druckbeton kommt erstmals in Kombination mit mobilem 3D-Druck der Zement evoZero von Heidelberg Materials zum Einsatz. Zement ist einer der größten CO2-Verursacher am Bau: Beim Brennen entsteht das Treibhausgas in großen Mengen. Bei evoZero wird dieses CO2 im norwegischen Werk Brevik abgeschieden und dauerhaft gespeichert, statt in die Atmosphäre zu gelangen. Die so erzielte Einsparung wird über ein zertifiziertes Verfahren auf den gelieferten Zement angerechnet.

Wie viel CO2 der Netto-Markt dadurch konkret einspart, ist öffentlich nicht beziffert. Die Projektpartner sprechen von einer deutlich verbesserten CO2-Bilanz des Materials. Klimaneutral ist der Bau damit nicht, aber er verbindet zwei Ansätze, die den Bau CO2-ärmer machen sollen: den automatisierten Druck und einen Zement mit kleinerem CO2-Fußabdruck.

Die Weltpremiere ist erst der Anfang der Bewährungsprobe

Ein Punkt bremst die Ausbreitung des Verfahrens allerdings. Mauerwerk und Ortbeton sind geregelte Bauweisen: Für sie gelten anerkannte technische Normen, auf die sich Planer stützen können. Für den 3D-Betondruck fehlen solche Normen in Deutschland bisher. Deshalb muss bei jedem einzelnen Druckprojekt die Bauweise selbst genehmigt und im Einzelfall nachgewiesen werden, dass die gedruckten Bauteile die statischen und baurechtlichen Anforderungen erfüllen. Das macht jeden gedruckten Bau aufwendiger als einen in geregelter Bauweise.

Das ist kein Einwand gegen das Projekt, sondern die realistische Einordnung seines Reifegrads. Die eigentliche Frage ist nicht mehr, ob ein Roboter tragende Betonwände drucken kann, das ist in Neubulach beantwortet. Die Frage ist, ob sich dieser Ablauf in weiteren Handelsbauten wiederholen, genehmigen und wirtschaftlich darstellen lässt. Der erste gedruckte Supermarkt der Welt ist damit weniger ein Schlusspunkt als der Beginn einer Bewährungsprobe im großen Maßstab.

FACTBOX: 3D-Supermarkt Neubulach

Projekt: Netto-Markt im 3D-Betondruck, Neubulach (Baden-Württemberg)
Bauherr: Sehne Backwaren KG
Künftiger Mieter: Netto Marken-Discount
Eröffnung: geplant Mitte November 2026
Grundfläche: rund 1.700 m²
Gedruckte Wandfläche: mehr als 1.300 m²
Druckbeton: rund 292 m³
Wandhöhe: bis zu 7 Meter
Tempo: Wandrohbau samt baulicher Schnittstellen in rund vier Wochen

Drucktechnik: zwei mobile Drucker INSTATIQ P1, in einzelnen Phasen erstmals parallel; Mastausleger rund 26 Meter, auf dem Fundament umsetzbar
3D-Ausführung: NELCON, Joint Venture von ZÜBLIN (STRABAG-Konzern) und INSTATIQ
Konventioneller Rohbau: Köhler Bauunternehmung Wildberg (u. a. Stützen und Ringbalken)
Tragwerksplanung: Stetter-Maier-Schmid Ingenieure
Material: 3D-Druckbeton mit evoZero-CCS-Zement von Heidelberg Materials
Status: nach Angaben der Projektpartner weltweit erster Supermarkt im 3D-Betondruck und derzeit größtes realisiertes Gebäude mit 3D-gedruckten Betonwänden