Kreislaufwirtschaft : STRABAG plant schon den Rückbau: 21.300 Quadratmeter Bildungscampus für 1.600 Kinder in Wien

Der neue Bildungscampus am Wiener Nordwestbahnhof soll ab 2028 rund 1.600 Kinder und Jugendliche aufnehmen. STRABAG und Caverion errichten den abgestuften Campus als flexiblen Stahlbeton-Skelettbau mit materiellem Gebäudepass, begrünten Terrassen und rund 13.000 Quadratmetern Außenflächen.

Der neue Bildungscampus am Wiener Nordwestbahnhof soll ab 2028 rund 1.600 Kinder und Jugendliche aufnehmen. STRABAG und Caverion errichten den abgestuften Campus als flexiblen Stahlbeton-Skelettbau mit materiellem Gebäudepass, begrünten Terrassen und rund 13.000 Quadratmetern Außenflächen.

- © Klammer Zeleny ZT GmbH

Ein neues Gebäude zu planen und gleichzeitig über seinen Rückbau nachzudenken, klingt widersprüchlich. Am Nordwestbahnhof gehört genau das zum Auftrag. Am 19. Juni 2026 erfolgte der Spatenstich in der Rebhanngasse in Wien-Brigittenau, dem ehemaligen Nordwestbahnhof-Areal. Es ist das erste große Hochbauprojekt auf Wiens letztem großen innerstädtischen Entwicklungsgebiet, 44 Hektar, auf denen künftig mehr als 16.000 Menschen wohnen sollen. Bevor dort eine einzige Wohnung bezogen wird, entsteht zuerst die Schule.

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21.300 Quadratmeter für 1.600 Kinder

Auf rund 17.300 Quadratmetern Bauplatz entsteht eine Bruttogeschoßfläche von rund 21.300 Quadratmetern, die Nutzfläche liegt bei etwa 14.000 Quadratmetern. Der Campus bietet Platz für rund 1.600 Kinder und Jugendliche: zwölf Kindergartengruppen, 33 Klassen für Volks- und Mittelschule, acht sonderpädagogische Bildungsräume, eine Musikschule, zwei Turnsäle, einen Gymnastiksaal, Kreativ- und Therapieräume sowie Veranstaltungs- und Speisesaal.

Die Bauzeit ist mit zwei Jahren angesetzt, die Inbetriebnahme mit dem Schuljahr 2028/29. Auftraggeberin ist die Stadt Wien, vertreten unter anderem durch die MA 34 als Projektleitung. Für STRABAG Real Estate ist das Projekt Teil einer Serie: Nach den Bildungscampussen Innerfavoriten und Heidemarie Lex-Nalis ist es bereits das dritte PPP-Bildungsprojekt dieser Art in Wien.

Mit dem Spatenstich im Juni 2026 wechselte der Bildungscampus Nordwestbahnhof von der Planung in die Bauphase. Das Projekt wird als PPP von STRABAG Real Estate, HYPO NOE Leasing und Caverion umgesetzt.

- © Real Agency

Tragwerk für 100 Jahre, Räume für vier Jahrzehnte Wandel

Der Campus wird als Stahlbeton-Skelettbau errichtet, mit einem Stützenraster und großen Spannweiten statt tragender Innenwände. Das Primärtragwerk ist laut Stadt Wien für eine Nutzungsdauer von 100 Jahren ausgelegt, die Raumaufteilung lässt sich davon unabhängig verändern.

Für einen Schulbau ist das mehr als eine technische Fußnote. Pädagogische Konzepte ändern sich deutlich schneller als tragende Strukturen: Wo heute Klassenräume mit 25 Sitzplätzen stehen, könnten in 20 Jahren offene Lernlandschaften gefragt sein. Ein Gebäude, das dafür jedes Mal in die tragenden Wände eingreifen müsste, wäre nach wenigen Jahrzehnten unpraktikabel. Räume verbinden, teilen oder neu zuschneiden lässt sich beim Stützenraster-Prinzip, ohne das Tragwerk selbst anzutasten.

Die Fassade soll sich wieder auseinandernehmen lassen

Die Gebäudehülle besteht aus einer vorgehängten Keramikfassade, im Sockelbereich zwischen Erdgeschoß und erstem Obergeschoß ergänzt um Fassadenbegrünung. Entscheidend für die Kreislauffähigkeit ist aber nicht das Material allein, sondern die Bauweise: Die Fassade ist als vorgehängtes, modulares System konzipiert. Einzelne Elemente sollen sich austauschen lassen, ohne die gesamte Wand zu zerstören.

Die Stadt Wien nennt die Trennbarkeit der Gebäudehülle ausdrücklich als Projektziel. Das eröffnet drei praktische Vorteile: Beschädigte Fassadenteile lassen sich einzeln ersetzen, die Hülle lässt sich bei geänderter Nutzung anpassen, und beim späteren Rückbau bleiben Bauteile eher sortenrein trennbar, statt als untrennbares Schichtenpaket zu enden.

Das Modell zeigt die Gliederung des Campus in mehrere versetzte Baukörper. Durch Auskragungen, Höfe und Abtreppungen entstehen unterschiedliche Bereiche für Schule, Kindergarten, Musik und gemeinschaftliche Nutzungen.

- © Klammer Zeleny ZT GmbH

Ein digitaler Pass für die Materialien im Gebäude

Der Bildungscampus ist eines der Startprojekte des Wiener Programms DoTank Circular City Wien 2020–2030. Bereits im Architekturwettbewerb war ein reduzierter materieller Gebäudepass verlangt, während Planung und Umsetzung soll daraus ein vollständiger, BIM-basierter materieller Gebäudepass werden.

Ein klassisches BIM-Modell beschreibt, wo ein Bauteil sitzt und welche Geometrie es hat. Der materielle Gebäudepass ergänzt die Frage, woraus es besteht und was später damit geschehen kann: welche Materialien in welchen Mengen verbaut wurden, wo sie liegen, wie sie verbunden sind, ob sie sich trennen, wiederverwenden oder recyceln lassen. Konkrete Angaben, welche Datenfelder am Ende gespeichert werden, liegen bislang nicht vor.

Der Gebäudepass macht den Campus dabei nicht automatisch kreislauffähig. Er liefert die Informationsbasis. Sind Bauteile untrennbar verklebt, hilft die beste Dokumentation wenig, genau deshalb läuft die Trennbarkeit der Konstruktionen als eigenes Planungsziel parallel.

Recyclingbeton wird geprüft, nicht schon gebaut

Für den Rohbau prüft die Stadt Wien den Einsatz von Recyclingbeton, CO2-reduziertem Zement und die Wiederverwendung von Aushubmaterial am Standort. Öffentlich genannt sind dazu bislang keine konkreten Mengen, Zementtypen, CO2-Einsparungen oder verbindlichen Wiederverwendungsquoten. Im Zuge der Ausführungsplanung wird erst festgelegt, in welchen Bauteilen diese Materialien tatsächlich zum Einsatz kommen.

Parallel entsteht ein Rückbaukonzept, bereits jetzt, Jahre vor der eigentlichen Fertigstellung. Es geht dabei nicht um einen Abrissplan, sondern um konstruktive Regeln: Welche Bauteile lassen sich ohne Zerstörung lösen? Wo braucht es mechanische statt verklebte Verbindungen? Welche Bauteilschichten haben unterschiedliche Lebensdauern, und lassen sich Haustechnik, Fassade und Innenausbau unabhängig vom Tragwerk erneuern? Noch bevor die Bodenplatte fertig ist, wird also bereits geplant, wie sich das Gebäude eines Tages wieder auseinandernehmen lässt.

Die straßenseitige Ansicht zeigt die vorgehängte Keramikfassade und die begrünte Sockelzone. Einzelne Fassadenelemente sollen später austauschbar bleiben, ohne die gesamte Gebäudehülle öffnen zu müssen.

- © Klammer Zeleny ZT GmbH

Zwei Jahre bauen, 25 Jahre betreiben

Realisiert wird der Campus als Public-Private-Partnership. Den Auftrag erhielt eine Bietergemeinschaft aus STRABAG Real Estate, HYPO NOE Leasing und Caverion Österreich, die als Bestbieter aus dem Vergabeverfahren der Stadt Wien hervorging. Die Errichtung liegt bei STRABAG AG und Caverion Österreich, STRABAG Real Estate übernimmt Projektentwicklung und -management, HYPO NOE ist Teil der Finanzierungsstruktur. Die Projektkosten beziffert die Europäische Investitionsbank mit rund 88 Millionen Euro, wovon die EIB 44,2 Millionen Euro als Kredit bereitstellt.

Es zeigt sich, dass mit dem gewählten PPP-Vertragsmodell notwendige Infrastrukturprojekte auch in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten umgesetzt werden können.
Johannes Mayr, Geschäftsführer STRABAG Real Estate Österreich

Bei einer klassischen Bauübergabe kann ein Unternehmen nach Ablauf der Gewährleistung weitgehend aus dem Projekt ausscheiden. Hier bleibt der Projektverbund wirtschaftlich mit dem Gebäude verbunden: Mit Nutzungsbeginn übernimmt Caverion für 25 Jahre den technischen Betrieb, die Wartung und Instandhaltung des Gebäudes und der gesamten Gebäudetechnik.

CAVERION verantwortet sowohl die Errichtung der HKLS- und Gebäudeleittechnik als auch die technische Betriebsführung und das Facility Management über den gesamten Lebenszyklus hinweg.
Manfred Simmet, Geschäftsführer Caverion Österreich

Damit werden Fragen, die sonst erst Jahrzehnte nach der Fertigstellung akut werden, bereits in der Planungsphase relevant: Wie gut lassen sich Anlagen erreichen und Komponenten austauschen? Wie hoch ist der Wartungsaufwand? Caverion baut die Gebäudetechnik nicht nur für die Übergabe 2028, sondern für den eigenen Betrieb bis in die 2050er-Jahre.

Die Visualisierung zeigt, wie die offenen Lern- und Bewegungsbereiche künftig mehrere Ebenen miteinander verbinden sollen. Geplant sind Sitzstufen, Nischen und breite Sichtachsen für Unterricht, Aufenthalt und informelle Begegnung.

- © Arge Klammer Zeleny Kronaus Mitterer Architekten jpg

Beton, der auch Wärme speichert

Das Gebäude soll seinen Strom weitgehend am eigenen Grundstück erzeugen. Geplant sind eine Photovoltaikanlage, Erdwärmesonden, Bauteilaktivierung, außenliegender Sonnenschutz, Dach- und Fassadenbegrünung sowie Grauwassernutzung.

Bei der Bauteilaktivierung werden Rohrleitungen direkt in massiven Betonbauteilen geführt, durch die warmes oder kühles Wasser zirkuliert. Decken und andere Betonteile werden so zu großen Strahlungsflächen und thermischen Speichern, derselbe Beton, der das Gebäude trägt, speichert und verteilt zugleich Wärme und Kälte. In Verbindung mit den Erdsonden lassen sich beim Heizen niedrige und beim Kühlen moderate Vorlauftemperaturen erreichen. Konkrete Sondenanzahl, Bohrtiefen, PV-Leistung oder Energiekennwerte sind öffentlich noch nicht genannt.

Die Schule kommt vor den Wohnungen

Städtebaulich ist die Reihenfolge bemerkenswert. Der ehemalige Nordwestbahnhof ist Wiens letztes großes innerstädtisches Entwicklungsgebiet, mit Wohnraum für mehr als 16.000 Menschen und rund 4.700 Arbeitsplätzen. Doch nicht der Wohnbau eröffnet die Entwicklung, sondern der Bildungscampus. Die soziale Infrastruktur entsteht damit, bevor der Großteil der künftigen Bewohner überhaupt eingezogen ist.

Der Campus soll deshalb mehr sein als eine Schule: Turnsäle und Teile der Freiflächen sollen außerhalb der Unterrichtszeiten auch Vereinen offenstehen, die Musikschule bekommt einen eigenen Zugang. Architektonisch setzt der Entwurf von Klammer Zeleny Architekten und Kronaus Mitterer Architekten keinen geschlossenen Block, sondern versetzte Baukörper, Auskragungen und Terrassen, die sich nach Süden zur künftigen Grünen Mitte des Quartiers öffnen. Rund 13.000 Quadratmeter Außenflächen, ein begrünter Innenhof und Terrassen auf jedem Obergeschoß ergänzen das Gebäude.

Mit dem Bildungscampus Nordwestbahnhof schaffen wir gemeinsam mit der Stadt Wien einen zukunftsweisenden Lern- und Lebensraum für kommende Generationen.
Walter Bäuml, Prokurist STRABAG AG

Fertig sein soll das Gebäude 2028. Seine Planung reicht aber deutlich weiter: bis zu späteren Umbauten, dem Austausch einzelner Fassadenteile und einem Rückbau, dessen Materialien schon heute digital erfasst werden.

Beim Spatenstich lag das künftige Campusgebäude bereits als Modell im Baufeld. Bis zum Schuljahr 2028/29 soll daraus der erste große Hochbau des neuen Nordwestbahnhof-Quartiers entstehen.

- © Real Agency

FACTBOX: Bildungscampus Nordwestbahnhof

Adresse: Rebhanngasse 14, 1200 Wien
Bauherrin: Stadt Wien (Projektleitung: MA 34 – Bau- und Gebäudemanagement)
PPP-Konsortium: STRABAG Real Estate, HYPO NOE Leasing, Caverion Österreich
Ausführung: STRABAG AG, Caverion Österreich
Architektur: Klammer Zeleny Architekten, Kronaus Mitterer Architekten
Landschaftsarchitektur: EGKK Landschaftsarchitektur
Tragwerk, Bauphysik, Brandschutz: FCP Fritsch, Chiari & Partner
BIM-Projektsteuerung: ODE
Spatenstich: 19. Juni 2026
Bauzeit: 2026 bis 2028
Inbetriebnahme: Schuljahr 2028/29
Projektkosten laut EIB: rund 88 Mio. Euro, davon 44,2 Mio. Euro EIB-Finanzierung
Betriebsdauer Caverion: 25 Jahre ab Nutzungsbeginn

Gebäude

  • Grundstück: rund 17.300 m²; Bruttogeschoßfläche: rund 21.300 m²; Nutzfläche: rund 14.000 m²; Außenflächen: rund 13.000 m²
  • Kapazität: rund 1.600 Kinder und Jugendliche; zwölf Kindergartengruppen, 33 Volks- und Mittelschulklassen, acht sonderpädagogische Räume, Musikschule
  • Tragwerk: Stahlbeton-Skelettbau mit Stützenraster, Primärstruktur für 100 Jahre ausgelegt
  • Fassade: vorgehängte, modulare Keramikfassade, Begrünung im Sockelbereich

Kreislaufwirtschaft: BIM-basierter materieller Gebäudepass, Rückbaukonzept, Prüfung von Recyclingbeton, CO2-reduziertem Zement und Aushub-Wiederverwendung (Programm DoTank Circular City Wien 2020–2030)
Energie: Photovoltaik, Erdwärmesonden, Bauteilaktivierung, Grauwassernutzung, Dach- und Fassadenbegrünung