Robotik am Bau : 9.000 Bohrlöcher unter Vollbetrieb: Wie drei Bauroboter den Engelbergtunnel ertüchtigen
Drei fischer Baubots bohrten im Engelbergtunnel über 9.000 Löcher in Beton – vollautomatisch und punktgenau.
- © fischerEin einzelnes Bohrloch in der Tunneldecke ist eine unspektakuläre Sache: 20 Millimeter Durchmesser, 240 Millimeter Tiefe, ein Vorarbeiter erledigt es mit dem Bohrhammer in zehn Minuten. Wenn dieselbe Aufgabe aber über sechs Monate mehr als neuntausendmal anfällt, in bis zu siebeneinhalb Metern Höhe und in einem Tunnel mit 120.000 Fahrzeugen täglich, kommen Körper, Crews und Bauablauf an Grenzen. Genau hier setzt seit einigen Jahren der wirtschaftliche Anreiz für eine konkrete Form der Baustellenautomatisierung an. Drei mobile Bohrroboter haben im Engelbergtunnel bei Leonberg gezeigt, was sie 2026 leisten kann.
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fischer und Baubot: Wie aus einem Wiener Start-up ein Bauroboter wurde
In ihrer strategischen Partnerschaft entwickelten der baden-württembergische Befestigungsexperte fischer und die Baubot GmbH – ein Start-up mit Sitz im zehnten Wiener Gemeindebezirk – gemeinsam den Bauroboter Baubot, den sie 2022 am Markt einführten. Seine Kernanwendung ist das vollautomatische Bohren in unterschiedlichen Größen in Beton – an Wänden, Böden und Decken. 2024 übernahm fischer die Baubot GmbH vollständig, um mit dem Baubot weiter zu skalieren und verstärkt auch international neue sowie bestehende Märkte zu erschließen. Gemeinsam verfolgen die Unternehmen weiter die Mission, Bauarbeiten durch vollmobile Robotersysteme sicherer und effizienter zu machen. Die operative Umsetzung auf Baustellen läuft über die fischer BauBot Services GmbH. Strategisch ist die Konstellation logisch: Wer Befestigungssysteme verkauft, lebt vom Bohrloch davor, und wer das Bohrloch automatisiert, automatisiert die ganze Anschlusskette.
Zwei mobile Robotersysteme stehen heute im Einsatz. Der größere MRS15 wiegt knapp 1.300 Kilogramm, passt in Transportstellung durch eine Standardtür und arbeitet mit einem Manipulator-Arm an Decken und Wänden bis vier Meter Höhe sowie an Böden. Mit Hubgerüst kommt er bis in die Höhen, die Tunnelarbeit verlangt. Der kleinere MRS5 mit rund 500 Kilogramm ist für engere oder lastempfindlichere Baustellenbereiche gedacht. Beide Roboter sind nicht vollautonom: Sie arbeiten automatisiert ab, brauchen aber einen Operator, der sie positioniert, freigibt und überwacht.
9.000 Bohrungen im Engelbergtunnel: der Anhydrit als Gegner
Der Engelbergtunnel hat zwei Tunnelröhren mit jeweils 2.530 Metern Länge, drei Fahrstreifen plus Standstreifen pro Richtung und ein geologisches Problem: Anhydrit. Das Gestein, das den Tunnel an mehreren Stellen umgibt, quillt bei Feuchtigkeit auf und drückt auf die Tunneldecke. Auf einem Streckenabschnitt von rund 350 Metern hat dieser Quelldruck so massive Schäden verursacht, dass eine umfassende Ertüchtigung notwendig wurde. Auftraggeber ist die Autobahn GmbH Niederlassung Südwest, ausführendes Tunnelbauunternehmen ist Baresel.
Im Auftrag der Baresel-Mannschaft setzte fischer drei MRS15-Bohrroboter ein. Aufgabe: über 9.000 Bohrlöcher mit 20 Millimetern Durchmesser und 240 Millimetern Tiefe, in bis zu 7,5 Metern Höhe, entlang der Tunnelwand. Der Tunnel blieb während der Bauarbeiten in Betrieb. Die Roboter bohrten bis zu acht Stunden pro Schicht, parallel auf mehreren Bauabschnitten, mit integrierter Staubabsaugung, die die Bohrlöcher bereits zulassungsgerecht für die nachfolgende Befestigungsmontage reinigte.
Drei Maschinen waren es, weil sie parallel auf mehreren Punkten arbeiten und sich gegenseitig vertreten konnten, der eigentliche Effizienzgewinn auf einer Baustelle mit knappen Sperrzeitfenstern.
Vom BIM-Modell zum Roboterprogramm: der digitale Workflow
Der digitale Hebel der Geschichte sitzt nicht im Manipulator, sondern in der Software davor. Der Hersteller hat eine eigene Planungsumgebung entwickelt, die Planning and Simulation Environment, kurz PSE. Sie liest BIM-Modelle, Punktwolken aus 3D-Scans, klassische CAD-Daten oder 2D-Zeichnungen ein. Darin werden Roboterpositionen geplant, Erreichbarkeiten geprüft, Kollisionen ausgeschlossen, Fahrwege definiert und Missionsabfolgen erstellt. Ein Postprozessor wandelt die Planung am Ende in das Roboterprogramm, das auf der Baustelle abgearbeitet wird.
In dieser Kette steckt der eigentliche Digitalisierungsschritt. Aus einem Plan wird kein Aufmaßprotokoll mehr, das ein Polier mit dem Bauleiter abstimmt, sondern ein ausführbares Programm. Und nach der Ausführung wird daraus wieder ein Datensatz: Jedes Bohrloch wird mit Koordinaten, Bohrtiefe, gemessenen Anomalien wie Bewehrungstreffern und Prozessparametern automatisch protokolliert. Manuelle Bohrlisten und händisch geführte Aufmaßordner entfallen. Die Ausgabe erfolgt in BIM-kompatiblen Formaten und lässt sich ohne weitere Aufbereitung in die Bestandsdokumentation des Bauwerks übernehmen.
4.800 Bohrungen nach BIM-Modell in Utrecht
Der zweite Case, der zeigt, was der digitale Workflow auf einer ganz anderen Baustelle leisten kann, liegt in den Niederlanden. Beim Wohnbauprojekt Cartesius in Utrecht bohrten zwei Baubots rund 4.800 Löcher in die Betondecke eines Wohngebäudes, sechs Millimeter Durchmesser, fünfzig Millimeter Tiefe, in einem 600 mal 600 Millimeter Raster. Die Bohrungen dienen einer abgehängten Deckenkonstruktion, in die später fischer-Schienen, Gewindestangen und Betonschrauben montiert werden.
Wo Baustellenrobotik lohnt – und wo nicht
Die beiden Cases zeigen, wo Baustellenrobotik 2026 produktiv arbeitet, und sie zeigen damit zugleich, wo sie es noch nicht tut. Sinnvoll ist der Einsatz dort, wo viele ähnliche Punkte mit definierter Präzision wiederholt abgearbeitet werden müssen, wo die körperliche Belastung der manuellen Alternative hoch ist, wo das Bauvolumen den logistischen Aufwand rechtfertigt und wo eine saubere digitale Dokumentation einen eigenen Wert hat. Tunnel, Decken in Großbauprojekten, technische Gebäudeausrüstung in Rechenzentren oder Produktionshallen, Brückenrandbalken-Verstärkungen.
Wo der Einsatz heute nicht lohnt, ist ebenso klar: bei kleinen Bohrvolumen, in räumlich stark verwinkelten Bestandsbauten, ohne ausreichende Vorbereitung am digitalen Plan, ohne Operator, der die Maschine kennt, und ohne die Akzeptanz der Crew, die mit dem Roboter zusammenarbeiten muss. Die Maschine ersetzt keine Bauarbeiter, sie verschiebt deren Tätigkeit von der körperlichen Bohrarbeit in Richtung Operator, Vorbereiter und Qualitätskontrolleur. Ob diese Verschiebung in der österreichischen Bauwirtschaft, die strukturell unter Fachkräftemangel leidet, willkommen ist oder Widerstand erzeugt, wird in den kommenden Jahren zu beobachten sein.
„Nahezu jede Baustelle bietet Potenzial für Robotik"
Emil Kral, Geschäftsführer der fischer BauBot Services GmbH, über Einsatzgrenzen, Datenbedarf und die Rolle der Fachkräfte.
Wo lohnt sich ein Bauroboter wirklich, und wo nicht? Effizient ist der Einsatz vor allem dort, wo Bohrarbeiten an schwer zugänglichen Stellen oder unter unattraktiven Bedingungen anfallen, etwa bei Sicherheitsrisiken, schwierigen Arbeitsbedingungen oder Personalmangel. Faktoren wie ein hoher Digitalisierungsgrad, eine hohe Bohrlochdichte oder eine große Zahl an Bohrungen steigern die Wirtschaftlichkeit zusätzlich. Wir analysieren aber jedes Projekt individuell mit dem Kunden, ob der Einsatz technisch und wirtschaftlich sinnvoll ist.
Braucht der Roboter ein vollständiges BIM-Modell? Nein. Entscheidend sind nicht ein komplettes Modell, sondern die für den Robotereinsatz relevanten Informationen: präzise Bohrlochkoordinaten und Bohrrichtungen im Baustellen-Koordinatensystem. Diese Daten können aus BIM-Modellen, Punktwolken, 2D-Plänen oder Vermessungen stammen. Wir benötigen nur einen Bruchteil der Informationen eines vollständigen BIM-Modells.
Was muss eine Baustelle mitbringen, damit der Roboter produktiv arbeitet? Die häufigsten Herausforderungen sind Baustellenlogistik und Platzverhältnisse, begrenzte Flächen können die Effizienz deutlich beeinträchtigen. Wichtig sind außerdem eine stabile Stromversorgung sowie vorhandene Fixpunkte und Koordinatensysteme, die den Start beschleunigen. Entscheidend ist die frühzeitige Integration in die Abläufe und die enge Abstimmung mit allen Projektbeteiligten.
Was war beim Engelbergtunnel die größte Herausforderung? Die gekrümmten Tunnelwölbungen statt gerader Referenzflächen, das Arbeiten unter laufendem Verkehr und die Nachtschichten von 22 bis 5 Uhr. Drei Baubots haben dort mehr als 9.000 Bohrlöcher vollautomatisch gesetzt und gleichzeitig die vollständige digitale Dokumentation aller Bohrprozesse geliefert.
Wo liegen heute noch die größten Grenzen? Weniger in der Technologie selbst als in der Integration in bestehende Bauprozesse. Unser Ziel ist es, die Robotiklösungen möglichst nahtlos in die Abläufe einzubinden, ohne dass die Anwender erhebliche Anpassungen vornehmen müssen. Das gelingt nur durch enge Zusammenarbeit mit den Kunden, deren Feedback direkt in die Weiterentwicklung einfließt.