Baukonjunktur : Baukonjunkturrückgang "nicht besorgniserregend, aber spürbar"

CEO Stefan Graf von Leyrer + Graf

Stefan Graf sieht keine Krise, sondern "die Sorge und die Angst vor einer Krise. Das müssen wir beachten. Aber es ist ein Unterschied, ob man eine Krise bekämpft oder die Angst vor einer Krise."

- © Leyrer + Graf

"Ums gleiche Geld weniger bauen"

SOLID: Wenn man über die Zukunftsaussichten in der Baubranche spricht, stößt man auf eine große Spreizung zwischen breit aufgestellten Konzernen und Aussagen aus den Innungen oder auch aus Deutschland. Wie erleben Sie das als mittelgroßes Bauunternehmen, das beide Welten gut kennt.

Stefan Graf:
Ja, richtig, wir sind von kleineren Projekten bis hin zu großen Bauvorhabn tätig – und der private Auftraggeber spürt die Inflation und die Zinsen natürlich sofort. Ich habe vor kurzem mit einem Banker gesprochen, der früher drei Baufinanzierungen pro Woche gemacht hat und jetzt macht er eine in drei Wochen. Dieser Markt reagiert also unmittelbar auf die Veränderungen. Aber es ist auch so, dass wir es bei größeren Ausschreibungen merken, dass das ein wenig zurückgeht. Es ist noch nicht besorgniserregend, aber spürbar. Auch Planer klagen teilweise, dass sie weniger zu tun haben als früher. Bei der öffentlichen Hand merkt man es insofern, als sie vielleicht die Budgets jetzt nicht kürzen, aber dass sie die Budgets gleich lassen. Und wenn die Preise und damit unsere Kosten steigen, kann man ums gleiche Geld weniger bauen.

Wie sieht es mit privaten Auftraggebern aus?


Graf: Man merkt es dort auch, zum Beispiel bei größeren Industrieunternehmen, die teilweise sehr energieintensiv sind und die Energiepreise spüren. Da und dort gehen Ausschreibungen raus, die dann wieder zurückgezogen werden.

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"Das Thema ist mehr die Angst vor der Krise als die Krise selbst"

Machen Sie sich Sorgen?

Graf:
Ich sehe diesen Trend für uns nicht als besorgniserregend an, weil wir breit aufgestellt sind und können da einiges abfangen. Bei den Wifo-Konjunkturprognosen sieht man ja, dass zwar der Bau nicht mehr auf diesem hohen Niveau der Erwartungshaltung ist, aber doch noch immer vergleichsweise deutlich besser ist als der Rest in der Wirtschaft und das sehe ich genauso. Wir nehmen wahr, dass es zurückgeht, sind sehr aufmerksam, aber wir sehen jetzt nicht den großen Absturz im Moment. Und der Markt war ja auch teilweise überhitzt, das muss man auch ganz klar sagen.

Ist ein bisschen weniger so gesehen vielleicht gar nicht so schlecht?


Graf:
Das sagt niemand laut. Aber ich glaube, wenn man wirklich ehrlich ist, muss man sagen: ein weniger hohes Tempo schadet niemandem. Dass der Bauboom vorbei ist, glaube ich nicht in dem großen Ausmaß. Die steile Kurve wird flacher.
Für mich ist das große Thema viel mehr die Angst davor, dass es runtergeht. Wenn etwas nur flacher wird, haben schon viele Angst, dass es dann kippt – und das ist nicht gut. Ich sehe die Krise nicht. Was ich sehe, ist die Sorge und die Angst vor einer Krise. Das müssen wir beachten. Aber es ist ein Unterschied, ob man eine Krise bekämpft oder die Angst vor einer Krise. Das sind unterschiedliche Zugänge. Aber Krise und Not haben wir 1000 Kilometer weiter östlich, dort geht es wirklich ans Eingemachte. Wir hier haben ein Thema, das sehr schwierig und sehr wichtig zu bearbeiten ist, besonders für die Schwächeren, die wirklich sehr ernsthaft von Inflation leiden. Aber es gibt Maßnahmen der Regierung, es gibt vergleichsweise hohe Abschlüsse, nämlich zusätzlich zu den Dämpfungsmaßnahmen. Also ich sehe die große Not nicht.

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SOLID Bau - Fachmagazin

"Nächsten ein, zwei Jahre werden schwierig, aber wir werden sie meistern"

Wie sehen Sie die Inflation?

Graf:
Das ist auch eine Folge der Finanzkrise 2008 und der letzten 14 Jahren Finanzpolitik. Als Ursachen werden immer wieder nur der Ukraine-Krieg und die Corona-Pandemie genannt. Ich glaube, beider Ereignisse haben schon ihre Effekte, gleichzeitig sind sie in meiner Wahrnehmung Beschleuniger eines unabwendbaren Trends. Bei der in den letzten Jahren vorgenommenen starken Ausweitung der Geldmenge, muss man sich nicht wundern, dass die Inflation da ist. Die Gesetze der Volkswirtschaft sind nun mal da und die funktionieren noch. Die nächsten ein, zwei Jahre werden sehr schwierig. Da müssen wir uns anstrengen, das ist ganz sicher. Aber wenn wir in fünf Jahren zurückschauen werden, werden wir sagen: jawohl, es war eine harte Zeit, aber wir haben die Herausforderung gemeistert. Wir haben jetzt in die Hände zu spucken und das Problem zu lösen, wie es die Generationen vor uns auch gelöst haben. Wir müssen nach vorne gehen und Optimismus verbreiten, dass wir da durchkommen.