Wasserkraft in Brasilien : Fast 40 Jahre alte Bautunnel: Andritz rüstet Brasiliens Kraftwerksriesen auf
Der bestehende Segredo-Damm bleibt Teil des Systems: Für den Ausbau auf 2.526 MW wird weder ein neuer Staudamm errichtet noch der vorhandene Stausee vergrößert.
- © COPELManche Bauwerke erledigen ihre eigentliche Aufgabe erst Jahrzehnte, nachdem sie fertiggestellt wurden. Ende der 1980er-Jahre hatten zwei gewaltige Tunnel am Rio Iguaçu nur eine vorübergehende Funktion: Mit jeweils 13,5 Metern Durchmesser leiteten sie den Fluss am entstehenden Segredo-Damm vorbei, damit dort überhaupt gebaut werden konnte. Nach Abschluss der Arbeiten wurden sie stillgelegt und teilweise mit Beton verschlossen. Fast vier Jahrzehnte später werden die 661 bis 778 Meter langen Röhren zu einem zentralen Bauteil eines neuen Kraftwerksabschnitts.
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Ein Bautunnel bekommt nach fast 40 Jahren einen neuen Beruf
Die Umleitungstunnel wurden ab September 1987 aufgefahren und bis Juni 1988 fertiggestellt, danach erfüllten sie ihre Aufgabe beim Bau des Damms und wurden außer Betrieb genommen. Copel selbst spricht von mehr als 30 Jahren ungenutzter Standzeit. Künftig sollen dieselben Röhren Wasser aus dem bereits bestehenden Reservoir zu zwei neuen Maschinensätzen führen und damit helfen, die installierte Leistung des Kraftwerks von 1.260 auf 2.526 Megawatt zu erhöhen.
Warum man die Tunnel nicht einfach wieder öffnen kann
Nach dem ursprünglichen Kraftwerksbau wurden die Umleitungstunnel mit Beton verschlossen, ein Tor lässt sich hier nicht einfach aufdrehen. Copels Ingenieure mussten deshalb eine Lösung entwickeln, um den bestehenden Stausee mit jenen Tunnelabschnitten zu verbinden, die hinter den betonierten Verschlüssen liegen. Vorgesehen sind dafür neue vertikale Zugänge beziehungsweise Schächte, über die die Tunnelbereiche jenseits der Verschlüsse erreicht und in das neue hydraulische System eingebunden werden.
Der Aufwand lohnt sich deutlich: Durch die Wiederverwendung der alten Umleitungstunnel lässt sich das für die Erweiterung notwendige Aushubvolumen laut Copel um zwei Drittel reduzieren. Ein vollständig neuer hydraulischer Wasserweg hätte wesentlich mehr Felsausbruch bedeutet. Zusätzlich lassen sich dadurch Eingriffe in ein Gebiet mit natürlicher Vegetation vermeiden, und die PR-459, die über den bestehenden Damm führt, muss für entsprechende Bauarbeiten nicht unterbrochen werden.
Neben der alten Maschinenhalle entsteht eine zweite
Segredo, offiziell Usina Hidrelétrica Governador Ney Aminthas de Barros Braga, ging 1992 in Betrieb und ist mit seinen bestehenden vier Einheiten zu je 315 Megawatt Copels zweitgrößtes Wasserkraftwerk. Der bestehende Damm ist 145 Meter hoch, 700 Meter lang und als Steinschüttdamm mit Betonoberfläche ausgeführt.
Für den Ausbau entsteht neben der bestehenden Maschinenhalle eine zweite Kraftwerkszentrale mit zwei zusätzlichen Turbinen-Generator-Sätzen, wodurch die installierte Leistung auf 2.526 Megawatt steigt. Ursprünglich waren dafür drei kleinere Maschinensätze mit je rund 422 Megawatt geplant, im Zuge der Projektoptimierung entschied sich Copel für zwei größere Einheiten, was Vorteile bei Effizienz und Kosten bringen soll. Wichtig für das Verständnis der Baustelle: Segredo bekommt weder einen neuen Staudamm noch einen größeren Stausee, das bestehende Reservoir bleibt unverändert, der Leistungssprung entsteht ausschließlich auf der Kraftwerksseite. Zur Erweiterung gehören außerdem eine neue, 1,5 Kilometer lange 500-kV-Leitung zur bestehenden Schaltanlage sowie deren Ausbau. Das Investitionsvolumen für Segredo liegt bei rund 3,6 Milliarden brasilianischen Real, auf dem Höhepunkt der Arbeiten Mitte 2028 rechnet Copel mit rund 1.600 Beschäftigten allein auf dieser Baustelle.
Der österreichische Kern des Projekts
Für die Ausführung und Inbetriebnahme der neuen Maschinensätze beauftragte Copel den österreichischen Konzern Andritz mit zwei separaten, schlüsselfertigen Verträgen für Segredo und Foz do Areia. Der gemeinsame Auftragswert liegt im mittleren dreistelligen Millionen-Euro-Bereich und wurde bereits im Auftragseingang des ersten Quartals 2026 verbucht. Zum bestätigten Umfang gehören die vollständige Ausführung der neuen Maschinensätze, Turbinen, Generatoren, zugehörige Ausrüstung sowie die Inbetriebnahme.
Andritz ist damit ausdrücklich nicht der Tiefbau-Generalunternehmer der Erweiterung. Copel nennt für die Bauarbeiten an Segredo das brasilianische Unternehmen Consag als beauftragten Bauauftragnehmer, bei der Projektpräsentation vor den umliegenden Gemeinden wurden Consag-Vertreter entsprechend vorgestellt. Andritz betoniert also nicht die zweite Maschinenhalle, führt keine Felssprengungen durch und baut die alten Tunnel nicht selbst um, der österreichische Konzern liefert das elektromechanische Herzstück, ohne das die neue Leistung schlicht nicht existieren würde.
Aktuell fliegt erstmals Fels
Die eigentlichen Bauarbeiten begannen im Juni 2026, am 21. Juli 2026 wurde erstmals eine Felswand im Bereich der künftigen zweiten Maschinenhalle gesprengt, Copel veröffentlichte die Meldung dazu einen Tag später. Als grobe Größenordnung für das Bauvolumen nennt Copel zwei bildliche Vergleiche, ohne konkrete Kubikmeter- oder Tonnenangaben: Der Betoneinsatz entspreche ungefähr dem Volumen zweier Maracanã-Stadien, die Stahlmenge in etwa jener eines Eiffelturms.
Dieser Ausbau bringt nicht nur mehr Sicherheit, mehr Entwicklung und mehr Wohlstand für unseren Bundesstaat, er stärkt auch das gesamte brasilianische Stromnetz.Daniel Pimentel Slaviero, Konzernchef Copel (übersetzt aus dem Portugiesischen)
300 Kilometer flussaufwärts wartet seit den 1970ern noch etwas
Was bei Segredo ein einstiges Bau-Provisorium ist, das zufällig zur Ausbaureserve wurde, ist bei Foz do Areia von Anfang an geplant gewesen. Das Kraftwerk, offiziell Governador Bento Munhoz da Rocha Netto, ging bereits 1980 in Betrieb und ist mit derzeit 1.676 Megawatt Copels größtes Wasserkraftwerk. Schon beim ursprünglichen Entwurf in den 1970er-Jahren ließen die Planer neben den vier tatsächlich eingebauten Maschinensätzen zwei zusätzliche Schächte beziehungsweise Einbauplätze in der Maschinenhalle frei, die Copel selbst bestätigt: relativ geringe Eingriffe in die bestehende bauliche Struktur seien dadurch nötig, sogar die vorhandene Netzanbindung kann die zusätzliche Produktion bereits aufnehmen.
Ein Kraftwerk wartet mehr als 40 Jahre auf seine letzten beiden Turbinen
Die Erweiterung steigert die Leistung von Foz do Areia von 1.676 auf 2.536 Megawatt, ein Plus von rund 50 Prozent, bei einer veranschlagten Bauzeit von etwa 40 Monaten und einem Investitionsvolumen von rund 1,3 Milliarden Real. Unter den bislang unbesetzten Turbinenpositionen liegen bereits große, jeweils rund 27 Meter lange Betonkanäle, durch die das Wasser nach dem Durchströmen der künftigen Turbinen wieder in den Fluss gelangen soll. Im Juli 2026 wurden diese Kanäle zunächst leergeräumt und für die weiteren Arbeiten vorbereitet, da sich darin Wasser und Tiere befanden, ließ Copel vor dem Umbau Fische und andere aquatische Tiere bergen. Anschließend sollen die bestehenden Bauteile inspiziert und für die neuen Anlagen angepasst werden, ein Betonkanal, seit rund 45 Jahren fertig und darauf wartend, dass er endlich gebraucht wird.
Warum Brasilien diese zusätzliche Wasserkraft überhaupt bestellt hat
Wirtschaftlich ermöglicht wurden beide Erweiterungen über den brasilianischen Leilão de Reserva de Capacidade na Forma de Potência 2026, kurz LRCAP, ein Modell, das nicht Strommengen, sondern verfügbare Leistung beziehungsweise flexible Kapazität vergütet, die bei Bedarf für das Netz bereitsteht. Die brasilianische Energieplanungsbehörde EPE begründet das mit der zunehmend variablen Stromerzeugung aus Wind und Photovoltaik, flexible Wasserkraft kann schnell zusätzliche Leistung liefern, wenn andere erneuerbare Quellen gerade weniger produzieren. 2026 wurden beim LRCAP erstmals auch Erweiterungen bestehender Wasserkraftwerke in diesem Rahmen kontrahiert.
Mehr als zwei Gigawatt ohne einen einzigen neuen Stausee
Zusammen bringen die beiden Erweiterungen mehr als 2,1 Gigawatt zusätzliche installierte Leistung, Foz do Areia und Segredo kommen derzeit gemeinsam auf rund 2,9 Gigawatt, nach dem Ausbau erreichen beide zusammen glatt 5 Gigawatt. Copels gesamte installierte Kraftwerkskapazität steigt dadurch laut Andritz von 6,2 auf 8,3 Gigawatt, Segredo selbst rückt durch den Ausbau auf Platz neun der größten brasilianischen Wasserkraftwerke vor.
Bei beiden Projekten gilt derselbe entscheidende Punkt: Es werden keine neuen Staudämme und keine zusätzlichen Stauseen benötigt. Segredo nutzt den bestehenden See und die ehemaligen Umleitungstunnel, Foz do Areia greift auf bereits vorbereitete Kraftwerksstrukturen zurück. Mehr als zwei Gigawatt zusätzliche Leistung entstehen damit nicht durch zwei neue Wasserkraftwerke, sondern durch das Weiterbauen an zwei Anlagen, deren bauliche Geschichte bis in die 1970er- und 1980er-Jahre zurückreicht.
Die Ingenieure von Segredo hatten ihre Tunnel ursprünglich nur für einige Baujahre gebraucht. Die Planer von Foz do Areia ließen dagegen bewusst Platz für Maschinen, von denen sie nicht wissen konnten, wann sie jemals eingebaut würden. Vier Jahrzehnte später führen beide Entscheidungen zum selben Ergebnis: Neue Kraftwerksleistung entsteht nicht auf grüner Wiese, sondern in den baulichen Reserven zweier alter Anlagen, die Maschinen dafür liefert Andritz.
FACTBOX: Segredo und Foz do Areia
Bauherrin/Betreiberin: Copel (Companhia Paranaense de Energia)
Standort: Rio Iguaçu, Paraná, Brasilien
Österreichischer Partner: Andritz
Andritz-Leistung: zwei schlüsselfertige Verträge für Ausführung und Inbetriebnahme der neuen Maschinensätze (Turbinen, Generatoren, zugehörige Ausrüstung)
Auftragswert Andritz (beide Projekte gemeinsam): mittlerer dreistelliger Millionen-Euro-Bereich
Wirtschaftlicher Rahmen: brasilianisches Kapazitätsreserve-Modell LRCAP 2026
Segredo (Usina Governador Ney Braga)
- Inbetriebnahme Bestand: 1992
- Bestehende Leistung: 1.260 MW (4 × 315 MW)
- Leistung nach Ausbau: 2.526 MW
- neue Maschinensätze: 2 (ursprünglich 3 kleinere geplant)
- Damm: 145 m hoch, 700 m lang
- Umleitungstunnel: gebaut 1987–1988, 13,5 m Durchmesser, 661–778 m Länge
- Wirkung der Tunnel-Wiederverwendung: rund zwei Drittel weniger Aushub
- Bauauftragnehmer: Consag
- Investition: rund 3,6 Mrd. Real
- Baubeginn: Juni 2026; erste Felssprengung neue Maschinenhalle: 21. Juli 2026
- Beschäftigte auf dem Höhepunkt: rund 1.600
- Inbetriebnahme neue Einheiten: 2030
Foz do Areia (Usina Governador Bento Munhoz da Rocha Netto)
- Inbetriebnahme Bestand: 1980
- Bestehende Leistung: 1.676 MW (Copels größtes Wasserkraftwerk)
- Leistung nach Ausbau: 2.536 MW (+50 %)
- neue Einheiten: 2, in bereits in den 1970ern vorgesehenen Einbauplätzen
- Besonderheit: vorhandene rund 27 m lange Betonkanäle für den Wasserablauf
- Investition: rund 1,3 Mrd. Real
- Bauzeit: rund 40 Monate
Gemeinsam: mehr als 2,1 GW zusätzliche Leistung; nach Ausbau 5 GW aus beiden Werken; Copels Gesamtkapazität steigt laut Andritz von 6,2 auf 8,3 GW; keine neuen Staudämme oder Stauseen nötig; Gesamtinvestition rund 4,9 Mrd. Real (in neueren Copel-Mitteilungen gerundet rund 5 Mrd.)