Bauwirtschaft Steiermark : Alarmstufe Rot – die steirische Bauwirtschaft zwischen Krise und Hoffnung
Beim Baugipfel in der WKO Steiermark diskutierten Vertreter aus Bauwirtschaft, Sozialpartnerschaft und Politik über die angespannte Lage der Branche und mögliche.
- © Foto FischerWenn Landesinnungsmeister Michael Stvarnik heuer über die Lage seiner Branche spricht, fällt ein Wort immer wieder: Alarmstufe. Und die Zahlen, die er dafür ins Feld führt, sprechen tatsächlich eine deutliche Sprache. Eine aktuelle Online-Befragung des Instituts für Wirtschafts- und Standortentwicklung (IWS) im Auftrag der Landesinnung Bau und Holzbau sowie der Bauindustrie zeigt: Rund 30 Prozent der befragten Betriebe erwarten in den nächsten sechs Monaten einen spürbaren Rückgang des Auftragsstands, während lediglich elf Prozent mit volleren Auftragsbüchern rechnen. Fast ein Drittel der Unternehmen geht zudem von einer weiter sinkenden Kapazitätsauslastung aus. Besonders alarmierend ist die Reichweite der vorhandenen Aufträge: Ein Viertel der Betriebe ist derzeit nur für weniger als einen Monat vollausgelastet, fast die Hälfte lediglich für die kommenden ein bis drei Monate.
„Das sind sehr laute Alarmglocken, viele Betriebe leben von der Hand in den Mund“, bringt es Stvarnik auf den Punkt. Auch beim Steirischen Bautag auf Schloss Seggau, wo im Rahmen der Fachgruppentagung ergänzende Umfragedaten präsentiert wurden, zeigte sich dasselbe Bild: 39 Prozent der befragten Unternehmen bewerten die Auftragslage in sechs Monaten nach Schulnoten mit „genügend“ bis „nicht genügend“, lediglich sechs Prozent vergeben ein „Sehr gut“. Zum Vergleich: Für die aktuelle Auftragslage im Mai 2026 taten das immerhin noch 15 Prozent.
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„Alarmstufe Rot“: Der Baugipfel als Weckruf
Im Rahmen eines eigens einberufenen „Baugipfels“ am 18. Mai 2026 in der WKO Steiermark kamen Sozialpartner und Politik zusammen, um Auswege aus der prekären Lage zu finden. Die Bauwirtschaft verlangte dabei vor allem eines: Klarheit über die Zukunft der Fördertöpfe und die Rahmenbedingungen. „Die Zeichen stehen auf Sturm. Wir brauchen Planbarkeit, leichtere Finanzierungen, mehr Anreize im Geschoßwohnbau und für Eigenheime“, fordert Stvarnik. Bau-Holz-Gewerkschaft-Chef Josef Muchitsch stößt ins gleiche Horn: „Ein Personalabbau von minus 30 Prozent tut wirklich weh. Jetzt geht es darum, Budgets und Wohnbaufördermittel bestmöglich zu sichern.“ Wohnbaulandesrätin Simone Schmiedtbauer verweist dagegen auf bereits gesetzte Maßnahmen: „Viele steirische Maßnahmen zeigen, wie nicht zuletzt die sehr hohen Förderzahlen belegen, bereits Wirkung. Wir kämpfen weiter für attraktivere Rahmenbedingungen zur Belebung der Baukonjunktur für mehr Wertschöpfung und Arbeitsplätze.“
Aufgrund der mangelnden Auslastung sehen sich 30 Prozent der Unternehmen gezwungen, im nächsten Halbjahr Personal abzubauen, während lediglich ein Prozent einen Beschäftigtenzuwachs erwartet. Verschärft wird die Lage durch geopolitische Krisen: Achtzig Prozent der Betriebe spüren die Auswirkungen des aktuellen Nahost-Konflikts, vor allem in Form gestiegener Energiekosten sowie teurerer Material- und Vorleistungspreise. 44 Prozent der Unternehmen rechnen deshalb mit weiter steigenden Preisen. Stefan Lipp, Vorsitzender der Fachvertretung Steiermark der Bauindustrie, mahnt: „Die Situation ist prekär. Gerade jetzt dürfen Investitionen in die öffentliche Infrastruktur nicht verschoben werden, um das potenzielle Auftragsvolumen der steirischen Bauwirtschaft nicht noch weiter zu beeinträchtigen.“
Beim steirischen Baugipfel diskutierten LIM Michael Stvarnik, Landesvorsitzender GBH Christian Supper, Wohnbaulandesrätin Simone Schmiedtbauer, Bundesvorsitzender GBH Josef Muchitsch, Vorsitzender der Fachvertretung Steiermark der Bauindustrie Stefan Lipp über Fördermittel, Beschäftigung und die Zukunft der Baukonjunktur.
- © Foto FischerWeniger Beschäftigte, weniger Lehrlinge
Die düsteren Prognosen bilden sich längst auch auf Arbeitnehmerseite ab. Erhebungen der Gewerkschaft Bau-Holz (GBH) zeigen: Die Zahl der gemeldeten BUAK-Arbeitnehmer in der Steiermark sank von einem Höchststand von 22.487 Personen im Oktober 2021 auf nur noch 18.531 im März 2026, ein Rückgang von 17,6 Prozent, womit die Steiermark sogar über dem bundesweiten Minus von 16,42 Prozent liegt. Die Arbeitslosigkeit in den Sektoren Bau, Holz und Steine verharrt trotz eines minimalen Rückgangs im April 2026 (3.180 vorgemerkte Personen) auf historisch besorgniserregendem Niveau. Gegenüber April 2022 entspricht das einem Plus von 32,5 Prozent beziehungsweise 779 Personen.
Besonders schwer wiegt der Einbruch bei den Fachkräften von morgen. „Lehrlinge sind unsere Zukunft, die Zahlen sind erschreckend“, so Christian Supper, Landesvorsitzender der GBH. Im steirischen Baugewerbe sank die Gesamtzahl der Lehrlinge zwischen 2022 und 2025 um 27,8 Prozent, in der steirischen Bauindustrie fiel der Rückgang mit minus 20,51 Prozent ähnlich deutlich aus.
Zwischen Zinsniveau, Fördermitteln und Dekarbonisierung
Auch abseits der reinen Zahlen zeigte die Podiumsdiskussion beim Steirischen Bautag, wie unterschiedlich die Perspektiven auf die Krise ausfallen. Neben Landesrätin Simone Schmiedtbauer diskutierten Raiffeisen-Generaldirektor Martin Schaller, Vorstandsdirektor Wolfram Sacherer sowie Landesinnungsmeister Michael Stvarnik. Seitens der Baubranche wünscht sich Stvarnik eine strikte Zweckbindung der Wohnbaufördermittel, eine spürbare Anhebung der Fördersätze bei Neubau, umfassender Sanierung und Assanierung sowie eine Attraktivierung der Assanierung seitens des Landes. „Die Lage ist sehr angespannt, und sie hat sich nach dem Beginn des Iran-Kriegs noch einmal drastisch verschlechtert. Viele Betriebe leben buchstäblich von der Hand in den Mund. Wir brauchen dringend Planungssicherheit.“
Schmiedtbauer betonte, dass sie „um jeden Euro Budget für die Bauwirtschaft“ kämpfe und mit vollem Einsatz dahinterstehe, allerdings seien auch die Förderungen irgendwann einmal ausgeschöpft und das Land könne nicht unbegrenzt einspringen: „Es ist allen klar, dass Anreize gesetzt werden müssen.“ Martin Schaller ordnete das Zinsniveau ein, das im historischen Vergleich durchaus üblich und bewältigbar sei, wichtig seien jedoch Verlässlichkeit und Berechenbarkeit. Nach wie vor Probleme bereite die „Schatten-KIM“: Trotz Abschaffung der KIM-Verordnung unterliegen die Banken weiterhin strengen Vorgaben seitens der Aufsichtsbehörden. Wolfram Sacherer sieht angesichts der vielen Altgebäude viel Potenzial in der Dekarbonisierung, wofür es allerdings eine Sonderförderung brauche. Insgesamt wünscht er sich „eine starke Politik, sichere Finanzierungen und Stabilität“.
Beim Steirischen Bautag auf Schloss Seggau standen Baukonjunktur, Finanzierung und Wohnbauförderung im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion mit Michael Stvarnik, Landesrätin Simone Schmiedtbauer, Raiffeisen-Generaldirektor Martin Schaller sowie Vorstandsdirektor Wolfram Sacherer.
- © Ripix / Richard GroßschädlDer Blick aufs große Ganze
Einen profunden Einblick in aktuelle und zukünftige wirtschaftliche Entwicklungen und ihre regionalen Folgen gab beim Bautag Economica-Geschäftsführer Christoph M. Schneider. Vor dem Hintergrund einer steigenden Anzahl bewaffneter Konflikte, steigender Militärausgaben und einer zunehmenden Autokratisierung rücken wirtschaftliche Risiken wieder massiv in den globalen Fokus. Die Bauwirtschaft schwächelt weltweit, insbesondere Chinas Einbruch verschärft den internationalen Wettbewerb um Großprojekte. Österreich hinkt als Nachzügler hinterher: Einem akuten Nachfragemangel stehen eine sinkende Erwerbsbevölkerung und eine stagnierende Produktivität bei stark steigenden Lohnstückkosten gegenüber, zudem drosselt die Bürokratie die Investitionen.
Es gibt aber auch positive Aspekte: Trotz Krisen zeigt sich die Weltwirtschaft erstaunlich widerstandsfähig, über 86 Prozent der globalen Wertschöpfung verzeichnen ein Wachstum, das weltweite Durchschnittswachstum liegt bei über drei Prozent. Zudem ist enormes Vermögen vorhanden: Die Österreicher sparen in Krisenzeiten paradoxerweise mehr. „Würde die Sparquote nur auf das Niveau der letzten Aufschwungphase sinken, stünden sofort 13 Milliarden Euro an privater Extranachfrage bereit, ganz ohne staatliche Konjunkturprogramme.“ Auch bei der Digitalisierung und bei KI sieht Schneider großes Potenzial für mehr Umsatz und Beschäftigung. Österreich sei zwar führend bei der Implementierung von KI im Unternehmensalltag, allerdings hinke die Baubranche bei der KI-Nutzung aktuell hinter dem klassischen Produktionssektor hinterher.
Was die Branche jetzt von der Politik verlangt
Sowohl beim Bautag als auch beim Baugipfel wurde derselbe Kern immer wieder betont: Mehr als die Hälfte der befragten Betriebe hält zusätzliche Investitionsanreize für absolut notwendig. Die Branche fordert ein entsprechendes finanzielles Bekenntnis der Politik, auch für das kommende Budgetjahr. „Es braucht sofortige Klarheit darüber, was die Bauwirtschaft 2026 und 2027 erwartet, wie viele Mittel in den Fördertöpfen zur Verfügung stehen und welche Rahmenbedingungen gelten werden“, betont Stvarnik.
Konkret verlangt die Branche eine Adaptierung der Einfamilienwohnhausförderung in Verbindung mit der tatsächlichen Abschaffung der KIM-Verordnung.
Zudem soll bei Sanierungen ein Schwerpunkt auf die Förderung von Arbeitsleistungen gelegt und die Assanierungsförderung umgehend adaptiert werden, um den privaten Wohnbau anzukurbeln. Essenziell wird auch sein, im Zuge der angekündigten Baugesetznovelle und des zweiten Deregulierungsgesetzes wesentliche Erleichterungen zu schaffen und damit auch Kosten zu senken. Für den Geschoßwohnbau ist es zudem unabdingbar, durch an den Baukostenindex angepasste Fördersätze die erforderliche Baubarkeit zu sichern, nicht zuletzt sollte die begonnene Sanierungsoffensive für energetische Maßnahmen an Dächern, Wänden, Fenstern und Heizungssystemen verstärkt fortgesetzt werden.
Zur aktuellen Wohnform in der Bevölkerung liefert die IWS-Umfrage ebenfalls ein klares Bild: Die Präferenzen liegen mit 48,5 Prozent eindeutig beim Einfamilienhaus, ebenso stark nachgefragt sind Eigentumswohnungen. Als größte Hürde nennen 72,6 Prozent der Bevölkerung die Finanzierung des Eigenheims, gefolgt von der Höhe der Mietpreise mit 57,5 Prozent. Auf Unternehmensseite gelten als größte Herausforderung im Haus- und Wohnungsbau nach wie vor das generell hohe Kostenniveau, sowohl bei der Herstellung (74 Prozent) als auch bei den Grundstückskosten (61 Prozent), gefolgt von der Dauer behördlicher Genehmigungsverfahren (60 Prozent) sowie Zinsen und Finanzierungskosten (53 Prozent). Immerhin: Bezüglich der Erreichbarkeit und der Höflichkeit der Beamtinnen und Beamten zeigen sich weit mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen zufrieden bis sehr zufrieden.