Rechenzentrum in Oberösterreich : 500 Megawatt für KI: Was Google auf 50 Hektar in Oberösterreich plant
So soll Googles Rechenzentrum in Kronstorf nach dem derzeitigen Planungsstand aussehen. Die erste Ausbaustufe ist mit bis zu 150 Megawatt Anschlussleistung vorgesehen, für einen möglichen Vollausbau nennt Google bis zu 500 Megawatt.
- © GoogleDie 4,4 Terawattstunden ist eine Maximalrechnung aus der Anschlussleistung, kein von Google bestätigter Jahresverbrauch. Sie zeigt aber, in welcher Größenordnung moderne KI-Infrastruktur inzwischen gebaut wird. Gleichzeitig dürfen laut wasserrechtlichem Bescheid täglich bis zu 5,8 Millionen Liter erwärmtes Kühlwasser in die Enns eingeleitet werden. Während Google auf Energieeffizienz, Gründach, Photovoltaik und eine spätere Abwärmenutzung verweist, fordern Anrainer und Umweltorganisationen eine umfassende Umweltprüfung.
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18 Jahre bis zum Spatenstich
Google kaufte das Grundstück in Kronstorf bereits 2008. Danach blieb lange offen, ob der Konzern das Vorhaben tatsächlich realisieren würde. Erst am 23. April 2026 erfolgte der offizielle Spatenstich für Googles erstes Rechenzentrum in Österreich, die Inbetriebnahme der ersten Stufe ist für 2027 vorgesehen.
Das Projekt liegt im interkommunalen Betriebsbaugebiet Kronstorf-Hargelsberg. Ursprünglich hatte Google rund 70 Hektar erworben, etwa 20 Hektar wurden später wieder abgegeben. Für den möglichen Rechenzentrumscampus verbleiben rund 50 Hektar. Google begründet den Bau mit dem steigenden Bedarf an digitalen Diensten, Cloud-Anwendungen und künstlicher Intelligenz, der Standort soll unter anderem Rechenleistung für Google Search, YouTube, Maps, Workspace und KI-Anwendungen bereitstellen.
Was genehmigt ist und was nicht
Genehmigt und im Bau ist bislang nur die erste Ausbaustufe. Öffentlich genannt werden dafür rund 42.000 Quadratmeter Gebäudefläche, das Hauptgebäude soll etwa 290 Meter lang werden und die eigentlichen Rechenhallen aufnehmen.
Wie viele einzelne Rechenhallen, Serverräume, Transformatoren, Notstromaggregate oder Kühleinheiten vorgesehen sind, legt Google öffentlich nicht offen. Auch der Generalunternehmer, das beauftragte Planungsbüro, die Baukosten und die genaue elektrische IT-Leistung sind nicht bekannt. Google spricht von einer „signifikanten Investition", in Medien ist von einem möglichen Milliardenvolumen die Rede, eine bestätigte Konzernzahl dazu gibt es bislang nicht.
Im Juli 2026 wurde bekannt, dass Google bereits weitere Ausbaustufen eingereicht hat, die das gesamte rund 50 Hektar große Areal einbeziehen. Diese zusätzlichen Bauabschnitte sind noch nicht genehmigt.
Wie aus 500 Megawatt 4,4 Terawattstunden werden
Leistung und Energieverbrauch werden in der Debatte häufig vermischt. 150 Megawatt beschreiben, welche elektrische Leistung die erste Stufe maximal gleichzeitig beziehen könnte. Würde dieser Wert ein ganzes Jahr ohne Unterbrechung erreicht, ergäbe sich rechnerisch: 150 MW mal 8.760 Stunden gleich 1,314 TWh. Genau daraus stammt die von Netz Oberösterreich genannte Obergrenze von rund 1,31 TWh pro Jahr, laut Netzbetreiber ungefähr der Jahresverbrauch von 375.000 Haushalten.
Für 500 Megawatt ergibt dieselbe Rechnung 4,38 TWh, gerundet 4,4 TWh. Ganz Oberösterreich verbrauchte 2024 nach Landesdaten rund 14 TWh Strom, ein vollständig ausgelasteter Endausbau könnte damit rechnerisch fast ein Drittel des heutigen Landesverbrauchs erreichen. Google selbst hat bislang keinen konkreten erwarteten Jahresstromverbrauch veröffentlicht.
5,8 Millionen Liter Kühlwasser täglich in die Enns
Für die Kühlung soll Grundwasser aus Brunnen in der Nähe der Enns genutzt werden. Laut wasserrechtlicher Bewilligung darf Google maximal 99 Liter pro Sekunde in die Enns einleiten, gleichzeitig gilt eine tägliche Höchstmenge von rund 5,8 Millionen Litern erwärmtem Kühlwasser. Die maximal zulässige Einleitungstemperatur beträgt 30 Grad Celsius.
Die beiden Zahlen dürfen nicht einfach multipliziert werden: 99 Liter pro Sekunde über 24 Stunden würden deutlich mehr als 5,8 Millionen Liter ergeben, es gelten sowohl eine momentane maximale Einleitungsrate als auch eine niedrigere Tageshöchstmenge. Bei täglicher Ausschöpfung der 5,8 Millionen Liter ergäbe sich rechnerisch eine Jahresmenge von gut 2,1 Milliarden Litern. Ob diese Menge im Regelbetrieb tatsächlich benötigt wird, ist öffentlich nicht bekannt. Ein Teil des entnommenen Wassers wird nach der Kühlung wieder in die Enns eingeleitet, Wasserverbrauch und Wasserentnahme sind deshalb nicht dasselbe.
Warum die Bürgerinitiative die Enns-Einleitung kritisiert
Die Bürgerinitiative Rechenzentrum Kronstorf befürchtet, dass das erwärmte Wasser Fische und andere Wasserorganismen belastet, insbesondere während sommerlicher Hitze- und Niedrigwasserperioden. Die Enns ist an dieser Stelle bereits durch das Laufkraftwerk Mühlrading reguliert, das den Fluss aufstaut; eine Fischwanderhilfe wurde dort 2016 nachgerüstet.
Google hält dagegen, die Auswirkungen seien laut Gutachten vernachlässigbar. Beim nahe gelegenen Kraftwerk Mühlrading sei kein messbarer zusätzlicher Temperaturunterschied mehr zu erwarten, außerdem werde der im Bescheid festgelegte Maximalwert im normalen Betrieb deutlich unterschritten. Ein vollständiges technisches Gutachten, anhand dessen sich die tatsächliche Erwärmung unter unterschiedlichen Wasserständen unabhängig nachvollziehen ließe, ist öffentlich nicht zugänglich. Google kündigte einen Fonds an, der gemeinsam mit dem Oberösterreichischen Landesfischereiverband Maßnahmen zur Verbesserung des Ökosystems der Enns finanzieren soll, eine konkrete Dotierung wurde nicht genannt.
Abwärme ohne Abnehmer
Google plant das Rechenzentrum so, dass Wärme außerhalb des Standorts genutzt werden kann. Nach Konzernangaben laufen Gespräche mit möglichen Abnehmern, ein konkreter Partner steht noch nicht fest, die Wärme soll einem geeigneten Abnehmer kostenlos zur Verfügung gestellt werden.
Rechenzentren erzeugen große Mengen Wärme, allerdings häufig auf einem relativ niedrigen Temperaturniveau. Für Fernwärme oder industrielle Anwendungen können deshalb zusätzliche Wärmepumpen, Leitungen und ein nahe gelegener, kontinuierlicher Abnehmer erforderlich sein. Kronstorf ist kein dichtes urbanes Zentrum mit einem unmittelbar angrenzenden großen Fernwärmenetz, das erschwert die Nutzung gegenüber Rechenzentren in Städten.
Seit 1. April 2026 gelten in Oberösterreich Vorgaben, wonach Rechenzentren ab einer bestimmten Energieaufnahme Abwärme oder andere Formen der Wärmerückgewinnung nutzen müssen, sofern dies technisch und wirtschaftlich möglich ist. Die Schwelle liegt bei mehr als einem Megawatt Energie-Input. Die Einschränkung „technisch und wirtschaftlich möglich" bedeutet: Aus der gesetzlichen Pflicht folgt nicht automatisch eine tatsächlich gebaute Fernwärmeleitung. Google kündigt zudem ein begrüntes Dach mit Photovoltaikanlage an, die direkt Strom für das Rechenzentrum erzeugen soll. Angaben zur Dachfläche oder installierten PV-Leistung fehlen, im Verhältnis zu 150 oder möglicherweise 500 Megawatt Anschlussleistung dürfte eine Dach-PV-Anlage nur einen kleinen Anteil des Gesamtbedarfs decken.
Keine UVP-Pflicht für Rechenzentren
Rechenzentren sind im österreichischen UVP-Gesetz bislang keine eigene Vorhabenskategorie. Das Projekt benötigt trotzdem Bau-, Gewerbe- und Wasserrechtsgenehmigungen, es gibt aber kein gebündeltes UVP-Verfahren, das sämtliche Umweltwirkungen gemeinsam beurteilt und eine umfassende Öffentlichkeitsbeteiligung vorsieht.
Umweltlandesrat Stefan Kaineder kritisierte, dass selbst große Rechenzentren mit erheblichem Ressourcenbedarf nicht automatisch UVP-pflichtig sind, der WWF fordert, Rechenzentren ausdrücklich als eigenen Tatbestand in das Bundesgesetz aufzunehmen. Die bisher genehmigte erste Stufe wurde in einzelnen Materienverfahren geprüft, die zusätzlichen Ausbaustufen werden derzeit von den zuständigen Behörden behandelt.
Vom einstimmigen Beschluss zum Protest
Die Ansiedlung wurde kommunal lange breit unterstützt, die notwendigen Beschlüsse im Kronstorfer Gemeinderat fasste laut Gemeinde jede vertretene Partei einstimmig. Der Widerstand wuchs, nachdem die mögliche Erweiterung auf den gesamten Campus und die Dimensionen von Strom- und Wasserbedarf öffentlich wurden.
Am 17. Juli 2026 demonstrierten laut ORF mehr als 200 Menschen bei der Baustelle, die Veranstalter sprachen von 300 bis 400 Teilnehmern, Unterstützung kam unter anderem von der Initiative „Lobau Bleibt". Harald Müllner, Sprecher der Bürgerinitiative Rechenzentrum Kronstorf, formuliert den Kern der Kritik so:
Wir setzen uns auch dafür ein, dass kritische Daten und digitale Infrastruktur unter demokratischer Kontrolle bleiben.Harald Müllner, Sprecher der Bürgerinitiative Rechenzentrum Kronstorf
Die Bürgerinitiative fordert unter anderem die Offenlegung von Verträgen, eine gesamthafte Prüfung der Umweltauswirkungen, Informationen über Strom- und Wasserbedarf sowie eine verbindliche Lösung für die Abwärme. Das Land Oberösterreich sieht die Ansiedlung dagegen als wirtschaftlichen Erfolg. Wirtschafts- und Energie-Landesrat Markus Achleitner:
Die Ansiedlung eines neuen Google-Standorts in Kronstorf ist ein klarer internationaler Vertrauensbeweis für unser Bundesland.Markus Achleitner, Wirtschafts- und Energie-Landesrat Oberösterreich
100 Jobs für einen Hyperscale-Campus
Google kündigt rund 100 direkte Dauerarbeitsplätze an, hinzu kämen während Bau und Betrieb indirekt Tausende Beschäftigungseffekte bei Bauunternehmen, Lieferanten und lokalen Betrieben. Die Diskrepanz zwischen Grundstücks- und Energiegröße einerseits und vergleichsweise wenigen direkten Arbeitsplätzen andererseits ist Teil der Kritik: Rechenzentren sind kapital- und energieintensiv, benötigen nach Fertigstellung aber deutlich weniger Personal als klassische Industrieanlagen vergleichbarer Anschlussleistung.
Google hält dem die digitale Infrastruktur, Aufträge für regionale Unternehmen, zusätzliche Kommunaleinnahmen und die Ansiedlung hochqualifizierter technischer Arbeitsplätze entgegen. Konkrete Prognosen zu lokalen Steuereinnahmen oder zum österreichischen Auftragsvolumen wurden bislang nicht veröffentlicht.
Erste Stufe im Bau, Vollausbau noch offen
Seit Ende April laufen Erd- und Bauarbeiten, sichtbar sind großflächige Geländebewegungen sowie Arbeiten an der Infrastruktur des Areals. Parallel werden in der Umgebung neue Stromleitungen und Masten errichtet beziehungsweise vorbereitet. Zu Gründungssystem, Hallenhöhen, Tragwerk, Fassadenkonstruktion, Transformatoren, Notstromversorgung oder Kühltechnik liegen öffentlich keine Angaben vor.
Fest steht: Die erste Ausbaustufe ist genehmigt und im Bau, für 2027 ist die Inbetriebnahme vorgesehen. Über den möglichen Vollausbau auf dem gesamten 50-Hektar-Areal, mit bis zu 500 Megawatt Anschlussleistung, entscheiden die zuständigen Behörden noch.
FACTBOX: Google-Rechenzentrum Kronstorf
Projekt: Google-Rechenzentrum Kronstorf
Ort: INKOBA-Gebiet Kronstorf-Hargelsberg, Oberösterreich
Bauherr und Betreiber: Google
Grundstückserwerb: 2008
Spatenstich: 23. April 2026
Geplante Inbetriebnahme erste Stufe: 2027
Möglicher Campus: rund 50 ha
Derzeit genehmigtes Bauvorhaben: rund 42.000 m²
Länge Hauptgebäude: rund 290 m
Energie
- Anschlussleistung erste Stufe: bis zu 150 MW
- möglicher Vollausbau: bis zu 500 MW
- rechnerische maximale Jahresenergie: 1,31 TWh bzw. 4,4 TWh (Netz Oberösterreich, keine bestätigte Google-Prognose)
- Oberösterreichs Gesamtstromverbrauch 2024: rund 14 TWh
Wasser
- Kühlwassereinleitung: maximal 99 l/s
- Tageshöchstmenge: maximal 5,8 Mio. Liter
- maximale Einleitungstemperatur: 30 °C
Arbeitsplätze: rund 100 Dauerarbeitsplätze
Weitere Maßnahmen: Gründach, Photovoltaik, Vorbereitung zur externen Abwärmenutzung, Fonds für das Enns-Ökosystem
Genehmigungsstand: erste Stufe genehmigt und in Bau; weitere Ausbaustufen eingereicht und in Prüfung
Protest: Demonstration am 17. Juli 2026, laut ORF mehr als 200, laut Veranstaltern 300 bis 400 Teilnehmende