Holzbau in Österreich : 12.640 Festmeter Holz: Wie WIEHAG in Linz Österreichs wohl größtes Holz-Hybrid-Büro baut
So soll das neue Headquarter der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich in Linz aussehen. Das achtgeschossige Gebäude entsteht in Holz-Hybrid-Bauweise; den Holzbau setzt WIEHAG aus Altheim um.
- © RLB OÖ/Maringer/ELEPHANTS 5Wer heute auf die Baustelle im Linzer Neustadtviertel blickt, sieht von einem Holzgebäude noch nichts. Zwischen Goethestraße und Blumauerstraße, wo bis vor Kurzem ein ehemaliges Möbelhaus stand, laufen Spezialtiefbau und Bohrarbeiten. Bevor auch nur ein Balken aus Brettschichtholz gesetzt wird, geht es in die Tiefe: Für die Geothermie werden 87 Erdwärmesonden bis zu 150 Meter weit in den Untergrund getrieben, dazu entstehen die Baugrube und vier Tiefgaragengeschosse. Das prägende Material dieses Projekts ist Holz,, doch die erste entscheidende Baustelle liegt unter der Erde.
Die neue Konzernzentrale der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich (RLB OÖ) soll ganzjährig ohne fossile Energie beheizt und gekühlt werden, und das Fundament des Energiekonzepts entsteht, bevor der eigentliche Holzbau beginnt. Erst danach, ab Ende 2027 oder Anfang 2028, wird die Holzstruktur montiert, die dem Gebäude seinen Namen als Vorzeigeprojekt gibt.
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12.640 Festmeter Fichte für das Tragwerk
Für das achtgeschossige Gebäude auf rund 25.000 Quadratmetern Nutzfläche werden rund 12.640 Festmeter PEFC-zertifiziertes Rundholz benötigt, überwiegend heimische Fichte. Daraus entstehen etwa 4.600 Kubikmeter Brettschichtholz und Brettsperrholz, die das Tragwerk bilden. Diese Holzmenge wächst in Österreichs Wäldern in weniger als fünf Stunden nach.
Fertig sein soll die Zentrale bis Herbst 2029. Sie bietet dann Platz für bis zu 1.000 Mitarbeitende, mit einem öffentlich zugänglichen Erdgeschoss samt Café, Bistro und Veranstaltungsflächen. Der klassische Bankschalter bleibt allerdings am bisherigen Standort am Südbahnhofmarkt, das neue Haus ist Konzernzentrale und Arbeitsplatz, nicht Filiale.
WIEHAG: vom Holzhochhaus in Sydney zur Bankzentrale in Linz
Den Holzbau verantwortet die WIEHAG Timber Construction aus dem oberösterreichischen Altheim, einer der international führenden Betriebe im Ingenieurholzbau. Das Unternehmen setzt das Gebäude nach eigenen Angaben von der Vorplanung bis zur Montage um, inklusive der industriellen Vorfertigung der tragenden Holzbauteile.
Für WIEHAG schließt das Projekt an eine Reihe internationaler Großbauten an. Zuletzt errichtete das Unternehmen den Atlassian Central Tower in Sydney, der mit 183 Metern das höchste Holz-Hybrid-Hochhaus der Welt werden soll, sowie ein großes Logistikzentrum für den dänischen Modekonzern Bestseller. In Linz kommt nun der österreichische Maßstab dazu. WIEHAG-Eigentümer Erich Wiesner ordnet das Projekt entsprechend ein.
Es ist das erste großvolumige, mehrgeschossige Headquarter eines Konzerns, das hier in Österreich in Holz gebaut wird. Der hohe Vorfertigungsgrad sorgt für Präzision, Qualität und einen deutlich effizienteren Bauablauf. Gleichzeitig werden Bauzeit, Lärm, Staub und Abfall auf der Baustelle erheblich reduziert.Erich Wiesner, geschäftsführender Eigentümer WIEHAG
Der hohe Vorfertigungsgrad ist dabei mehr als ein ökologisches Argument. Weil die Holzbauteile in der Halle vorgefertigt und just-in-time auf die Baustelle geliefert werden, lässt sich die Montage auf dem engen innerstädtischen Grundstück straffer takten als ein konventioneller Massivbau, bei dem mehr Arbeitsschritte vor Ort stattfinden.
Was „Holz-Hybrid“ hier konkret heißt
Die Bankzentrale wird kein reiner Holzbau. Rund 80 Prozent der oberirdischen Fläche werden in Holz-Hybrid-Bauweise ausgeführt, aber die Stiegenhaus- und Liftkerne, Teile des Erdgeschosses und vor allem die vier Untergeschosse entstehen aus konstruktiven Gründen in Stahlbeton.
Das ist bei großvolumigen Holzbauten üblich. Die Kerne übernehmen Aussteifung und Brandschutzanforderungen, die Untergeschosse tragen die Lasten und stehen im Grundwasserbereich, wo Beton die praktikable Wahl ist. „Holz-Hybrid“ heißt hier also: Holz überall dort, wo es tragwerksplanerisch und wirtschaftlich sinnvoll ist, kombiniert mit Stahlbeton dort, wo die Statik oder der Brandschutz es verlangen. Der Begriff beschreibt damit keine Schwäche, sondern den realistischen Stand des großvolumigen Holzbaus.
150 Meter tief: das Energiekonzept im Untergrund
Der Grund, warum die Baustelle mit Bohrgeräten und nicht mit Holz beginnt, liegt im Energiekonzept. Das Gebäude soll ganzjährig energieautark beheizt und gekühlt werden, so die Angabe der Bauherrin, und das Herzstück dafür entsteht jetzt: 87 Erdwärmesonden, die bis zu 150 Meter tief reichen, dazu die thermische Aktivierung der Schlitzwände und der Fundamentplatte. Über diese Bauteile wird dem Erdreich im Winter Wärme entzogen und im Sommer Kühle, ergänzt durch Photovoltaik und ein campusweites Anergienetz, das mehrere Gebäude thermisch verbindet.
Damit dreht sich die übliche Reihenfolge um. Nicht die sichtbare Holzfassade ist der erste Schritt, sondern eine unsichtbare Infrastruktur tief im Boden, die das Gebäude später mit Energie versorgt. Die Sonden und die thermisch aktivierten Bauteile lassen sich nur in dieser frühen Phase einbringen, bevor Baugrube und Fundament geschlossen sind.
36 Prozent weniger CO2, aber nicht klimaneutral
Das ökologische Argument des Projekts stützt sich vor allem auf das Tragwerk. Nach Angaben von WIEHAG verursacht das Holz-Hybrid-Tragwerk im Vergleich zu einer konventionellen Stahlbetonkonstruktion rund 36 Prozent weniger vorgelagerte CO2-Emissionen, also jene Emissionen, die bei Herstellung und Transport der Baustoffe anfallen. Zusätzlich bindet das verbaute Holz nach diesen Angaben rund 3.150 Tonnen CO2 langfristig.
Wichtig ist die Einordnung dieser Zahlen. Sie beziehen sich auf das Tragwerk und die Speicherwirkung des Holzes, nicht auf eine vollständige, unabhängig geprüfte Bilanz des gesamten Gebäudes über seinen Lebenszyklus. Eine solche Gesamtbilanz liegt öffentlich nicht vor. Klimaneutral ist der Neubau damit nicht, wohl aber ein Versuch, den CO2-Fußabdruck eines großen Bürogebäudes über Material und Energiekonzept deutlich zu senken.
Mehr als eine Bankzentrale: der Stadtteil-Dreh
Das Projekt ist nicht nur als Bürohaus angelegt, sondern als Baustein für das Viertel. Die RLB OÖ positioniert das Erdgeschoss als öffentlich zugänglichen Bereich mit Gastronomie und Veranstaltungsflächen, ein Teil der Goethestraße wird zur Fußgängerzone mit schattigen Aufenthaltsbereichen umgestaltet. Rund 5.000 Quadratmeter bislang asphaltierter Fläche sollen entsiegelt und 53 Bäume neu gepflanzt werden, Neupflanzungen im Straßenraum nach dem Schwammstadtprinzip, das Regenwasser speichert und den Bäumen zugutekommen lässt.
Auch die Mobilität ist Teil des Konzepts. Die viergeschossige Tiefgarage bietet rund 370 Stellplätze, davon 70 mit E-Ladestationen, dazu kommen mehr als 130 Fahrradstellplätze. Aus der Bankzentrale soll so weniger eine abgeschottete Konzernfestung werden als ein Stück Stadt, das auch von außen zugänglich ist.
Ein Test für den großvolumigen Holzbau in Österreich
Die regionale Berichterstattung nennt den Bau bereits das größte Holz-Hybrid-Bürogebäude Österreichs. WIEHAG und die RLB OÖ selbst sprechen zurückhaltender vom ersten großvolumigen, mehrgeschossigen Konzern-Headquarter in Holzbauweise im Land. Ein reiner Größenvergleich mit anderen Projekten wie dem Wiener LeopoldQuartier ist damit vermieden.
Das Projekt soll zeigen, dass großvolumiger Holz-Hybridbau nicht nur bei spektakulären Einzelbauten funktioniert, sondern auch bei einer nüchternen, termin- und kostengetriebenen Konzernzentrale mitten in der Stadt. Ob der Holzbau in Österreich damit aus der Leuchtturm-Ecke herauskommt, zeigt sich ab Ende 2027, wenn die ersten Holzbauteile auf das Fundament gesetzt werden, das gerade 150 Meter tief im Boden verankert wird.
FACTBOX: Neues Headquarter der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich
Ort: Linz, Neustadtviertel, zwischen Goethestraße und Blumauerstraße
Bauherr: Raiffeisenlandesbank Oberösterreich
Architektur: HENN, München (Siegerentwurf 2019)
Holzbau: WIEHAG Timber Construction, Altheim
Gebäude: acht oberirdische Geschosse, vier Tiefgaragenebenen
Nutzfläche: rund 25.000 m²
Arbeitsplätze: bis zu 1.000 Mitarbeitende, 750 Standard-Arbeitsplätze
Holz: rund 12.640 Festmeter PEFC-zertifiziertes Rundholz, überwiegend heimische Fichte
Holzwerkstoffe: rund 4.600 m³ Brettschichtholz und Brettsperrholz
Holz-Hybrid-Anteil: rund 80 % der oberirdischen Fläche; Kerne, Teile des Erdgeschosses und Untergeschosse in Stahlbeton
CO2: laut Projektangaben rund 36 % weniger vorgelagerte CO2-Emissionen beim Tragwerk gegenüber Stahlbeton; rund 3.150 Tonnen CO2 langfristig im Holz gebunden
Energie: 87 Erdwärmesonden bis 150 m Tiefe, thermisch aktivierte Schlitzwände und Fundamentplatte, Photovoltaik, Anergienetz
Außenraum: rund 5.000 m² Entsiegelung, 53 neue Bäume, Schwammstadtprinzip
Mobilität: rund 370 Tiefgaragenplätze, 70 E-Ladestationen, mehr als 130 Fahrradstellplätze
Zeitplan: Spatenstich 21. Mai 2026; Spezialtiefbau und Geothermie bis Q2 2027; Holz-Hybrid-Hochbau ab Ende 2027/Anfang 2028; Bezug Herbst 2029
Investition: niedriger dreistelliger Millionenbereich (laut RLB OÖ)