Interview mit Thomas Lenzinger : "Dann erst wieder mit Erdölschlamm"

SOLID: Herr Lenzinger, was treibt Sie an?

Thomas Lenzinger: Mich treibt an, dass Dinge die ich angreife auch umgesetzt werden. Ich versuche als Vertreter einer bescheidenen mittelständischen Firma etwas mitzugestalten.

Was erwarten Sie sich konkret von den Gebäuden der Zukunft?

Lenzinger: Die Zukunft des Bauens kann nur funktionieren, wenn eine intelligente Gebäudehülle mit dem richtigen und auf die Situation angepassten Energiekonzept kombiniert wird. Das ist ein Grund, warum wir in Deutschland die Kooperation mit Juwi eingegangen sind. Denn es geht nicht mehr bloß um Alternativenergie. Energieeffizienz allein ist zu wenig. Energieeffizienz muss durch den Einsatz gesunder, ökologischer und umweltverträglicher Materialien erreicht werden. Daher ist die Dämmung als Teil der Gebäudehülle so immens wichtig. Das österreichische Umweltministerium hat die Initiative Nawaro - Nachwachsende Rohstoffe – gestartet, was für Österreich eine gute Sache ist. Wir wissen zwar, dass das aufgrund des Föderalismus noch nichts heißt, aber ich bin guter Hoffnung, dass man den nächsten Schritt machen wird und über das reine Passivhausdenken hinauskommt.

Apropos Wärme-Dämmung. Der Staat startete vor kurzem eine weitere thermische Sanierungsoffensive mit 100 Millionen Euro jährlich. In einem Youtube-Interview sprechen sie deutliche Worte: Styropor ist giftig und ungesund. Welche brauchbaren Alternativen gibt es?

Lenzinger: Wir verwenden prinzipiell Zellulose-Dämmungen. Was es gibt, aber wir noch nicht einsetzen, sind Dämmungen aus Stroh, Holzwolle, Hanf und Flachs. Ich sehe kleine dynamische Unternehmen, die sich gerade in Richtung Industrialisierung bemühen. Denn im Massenverbrauch sind die Alternativen heute noch nicht zum richtigen Preis am Markt. Aber eine Sache bewegt mich: Es gibt nichts Schlimmeres als einen Holzbau dann erst wieder mit diesem Erdölschlamm – Styropor oder Steinwolle – zu dämmen. Das ist ein Widerspruch in sich, den die meisten machen, weil es viel billiger ist.

Was machen Sie als Griffner besser als die anderen Holzbauer?

Lenzinger: Holzbau ist nicht Holzbau. Es gibt ganz schlimme Beispiele. Ich glaube, dass wir über 30 Jahre bewiesen haben, dass wir es verstehen ein Wand-Dach-Konzept unter Zusammensetzung der richtigen Materialien unter Beachtung von technologischen Neuentwicklungen so zu kombinieren und als Generalunternehmer schlüsselfertig Projekte abzuwickeln – und das nicht nur im Einfamilienhausbau sondern auch bei Wohnbauprojekten und Dachausbauten.

Aber Griffner gilt als sehr hochpreisig.

Lenzinger: Das hör ich zum Teil erfreut und zum Teil verärgert. Die Tatsache, dass wir öffentlich geförderten Wohnbau – das Griffen Green Projekt - erhalten haben – beweist das Gegenteil. Faktum ist: Egal in welchem Material, egal mit welcher Betonung von Energieeffizienz und Ökologie ein Bauherr muss heute mit ungefähr 2.000 Euro pro Quadratmeter rechnen. Das gibt es ein bisserl billiger, ein bisserl teurer, aber das ist ungefähr der Rahmen, den Ihnen auch jeder vernünftige Architekt sagt.

Sie sind aus dem Fertighausverband ausgetreten. Warum legen Sie keinen Wert auf dieses Netzwerk?

Lenzinger: Der österreichische Fertighausverband macht sehr gute Arbeit für seine Mitglieder. Das will ich voranschicken. Unser Austritt ist ein bewusstes Zeichen, dass wir Dinge anders machen als die sehr heterogene Mitgliederwelt im Fertighausverband. Dort sitzen Betonierer genauso drinnen wie Holzbauer, und sie machen ausschließlich Einfamilienhäuser. Wir gehen direkt in Konfrontation mit der traditionellen Bauwirtschaft und decken den Bereich Hochbau ab. Wir erarbeiten derzeit gerade an achtgeschossigen Wohnhäusern, was in hundert Jahren keine normale Fertighausfirma machen wird. Kurz gesagt: Wir gehören dort nicht hin. Und es gibt noch einen zweiten wichtigen Grund. Den gleichen warum wir unser Bürogebäude nicht zertifizieren lassen. Solange die allerhöchsten Auszeichnungen – Gold oder Platin – für ein erdölschlammgedämmtes Haus vergeben wird, wie etwa die Hamburger Hafen City, solange haben wir hier nichts verloren. Wir setzen bewusst ein Zeichen.

Ein Stolpersteine der EU-Richtlinien ist seit drei Jahren das Gelingen einer Life-Cycle-Cost Berechnung. Das wäre der erste materialübergreifende Standard. Woran und warum scheitert das?

Lenzinger: Eine der allerwesentlichsten Fragen ist, die Ansetzung der Lebensdauer eines Gebäudes. Es ist wichtig, ob ein Gebäude auf 30 oder 80 Jahre gerechnet wird. Da kommt ganz etwas anderes heraus.

Es bauen doch alle nur noch für 20 Jahre.

Lenzinger: (lacht) Der Weltmarktführer für Ziegel sagt, man muss mit 80 bis 90 Jahren rechnen. Die Macht der Lobbyisten darf dabei nie unterschätzt werden. Das ist ein Problem der Holzwirtschaft, dass wir ein so klein strukturierter Haufen sind, der nicht teure Lobbyisten beschäftigen kann.

Wie lange soll ein Haus von Griffner leben?

Lenzinger: Das älteste Griffner Haus ist 31 Jahre alt und steht noch immer sehr gut. Längere Erfahrungen haben wir noch nicht.

Das war doch sicher noch ein Griffner-Blockhaus.

Lenzinger: Ich kenne ein paar Holzhäuser, die stehen seit 700 Jahren auf Almhütten. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Ich glaube, dass es lang halten wird. Beweisen kann ich es heute nicht. Aber Sie haben recht: Ich würde mir sehr wünschen, dass endlich die Life-Cycle-Berechnung für alle kommt, weil sich dadurch automatisch die Qualität der Gebäude verbessern wird. Weil dann bei öffentlichen Ausschreibungen nicht mehr nur das Billigstbieter-Prinzip zählt sondern automatisch ein Bestbieterprinzip kommt, das den gesamten Zyklus abgedeckt.

Sie waren Gründer einer der ersten Venture Capital und Private Equity Gesellschaften in Österreich. Jetzt sind Sie in der handfesten, hölzernen Baubranche gelandet. Wie hat sich ihre Perspektive geändert?

Lenzinger: Nichts hat sich geändert. Ich glaube, dass ich durch meine Managementfähigkeiten gepaart mit Verkaufstalent, Vision und Phantasien all das habe, um aus einem Unternehmen, das historisch über 30 Jahre gewachsen ist, den nächsten Schritt herauszuholen. Ich bin ahnungsloser Quereinsteiger in der Baubranche. Ich verlasse mich auf die zweite Führungsebene und ich lerne jeden Tag dazu.

Das tun wir hoffentlich alle. Sie haben sicher viel gelernt aus dem Jahr 2009, das für Griffner ein schwieriges Jahr war mit 25 Prozent weniger Umsätzen. Wie sieht ihre weitere Strategie aus?

Lenzinger: Wir haben 2010 die Betriebsleistung um 35% gesteigert und damit den Rückgang von 2009 bereits überkompensiert. Außerdem haben wir 2008 begonnen zwei echte Geschäftsbereiche zu etablieren. Griffner homes, das ist die Tradition des Einfamilienhausgeschäfts und Griffner commercial. Im Einfamilienhaussektor haben wir die Exportquote in Deutschland und Italien stark gesteigert und neue Märkte in Holland, Slowenien und Kroatien betreten. Heuer wollen wir in beiden Segmenten wachsen – um mehr als 30 Prozent. In drei Jahren wollen wir die Hälfte unseres Umsatzes mit Commercial-Projekten machen.

Wo sehen Sie sich selbst in zehn Jahren?

Lenzinger: Ich führe in zehn Jahren das Unternehmen wie einen Familienbetrieb. Die Produktion von Griffen wird in Österreich bleiben - wir werden nie abwandern in ein Billiglohnland. Wenn das internationale Wachstum so weitergeht, könnte ich mir vorstellen, dass wir andere Unternehmen erwerben, aber das kann ich heute nicht absehen.

Das Interview führte Priska Koiner