Stadtplanung

Smart City – warum Wien auf Platz eins ist und wer die Stadt überholen könnte

Wien ist wieder auf Platz eins im internationalen Smart City Ranking. Aber was bedeutet das überhaupt? Welche Bereiche deckt die Smartness ab, was wird technologisch dafür benötigt und wo besteht noch Handlungsbedarf? All das und wo die besten Konferenzen dieses Jahr zum Thema stattfinden, erfahren Sie hier.

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In Wien steht da und dort noch recht absichtlich die Zeit still. Aber zwischen historischen Prunkbauten und Fiakern ist die Stadt dann doch recht innovativ und fortschrittlich. Bester Beweis: das weltweite Ranking der Smart Citys vom Beratungsunternehmen Roland Berger. In dieser Liste holte sich Wien schon 2017 den ersten Platz, und dieses Jahr war es wieder so weit. Von 100 möglichen Punkten, die in zwölf Kriterien und 31 Unterkriterien vergeben wurden, bekam die österreichische Hauptstadt 74 Punkte.

Wien ist also die smarteste Stadt weltweit. Für manche bedeutet das nicht sehr viel – smart sei eben so ein Modewort. Anderen macht das vielleicht sogar Angst, da die Smartness auch immer etwas mit Datensammeln zu tun hat. Doch was steckt wirklich dahinter?

Tatsächlich lässt sich sagen, dass der Einsatz von IoT und damit die Entwicklung hin zur Smart City immer notwendiger wird, um das Leben in der Stadt erträglich und möglich zu machen. Denn die Metropolen schwellen an. Laut Prognosen der UNO werden 2050 68 Prozent der Weltbevölkerung in Ballungszentren leben. Schon heute machen Städte 70 Prozent der CO2-Emissionen aus und verbrauchen zwei Drittel der weltweit genutzten Energie. Vielerorts ist das Verkehrsaufkommen mit dazugehörenden Parkplatzproblemen, Staus und Luftverschmutzung bereits so ausgeprägt, dass der Zuzug auch nur eines Menschen mehr wirkt wie der sprichwörtliche Tropfen ins volle Fass. 

Modewort oder Menschenretter?

Internetfähige Apparaturen sollen das, simpel und grob gesagt, verbessern. Sie sollen die Ressourcennutzung optimieren und das Leben für die Menschen angenehmer gestalten, alles in allem also die Stadt zu einem besseren Lebensraum machen. Dafür braucht es Wissen und Reaktionen – beides kann digitalisiert werden. Das Wissen liefern die Ohren und Augen der Stadt in der Form von Daten. 

Diese Ohren und Augen sind in erster Linie Sensoren. Sie können an Straßenbeleuchtungen, Parkuhren oder Ölleitungen angebracht sein. So kann zum Beispiel ermittelt werden, ob sich ein Fußgänger oder Auto in der Nähe der Laterne befindet, sodass sie nur dann angeht; oder welche Parkplätze gerade frei sind; oder ob die Leitung leckt, sodass sie schnellstmöglich repariert wird. Doch das sind nur drei von unzähligen Möglichkeiten und alle zusammen ergeben sie ein Netzwerk, das niemand mehr als Spielerei abtun kann, die sich eben ein gerade modernes Schlagwort zunutze macht – sie ergeben die Chance auf einen Weg heraus aus den chaotischen Umständen, die sich die großen Städte dieser Welt in den letzten Jahrzehnten durch wachsende Bevölkerungszahlen und steigenden Konsum angezüchtet haben.

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Doch es sind nicht nur diese Sensoren, die im Auftrag der Stadt installiert wurden, die Daten liefern – es sind auch die Bürger selbst und die vor allem mit ihren Smartphones. Das Unternehmen Nodle beispielsweise, ein Ökosystem-Anbieter für vernetzte Apparaturen, verfolgt ein Infrastrukturkonzept, wonach die Bevölkerung sogar Kryptogeld dazu verdienen kann, wenn sie der Stadt erlaubt, Daten von Smartphones zu Smart City-Zwecken zu verwenden. 

https://youtu.be/8sRvNfgEsqQ

Von welchen Zwecken kann hier die Rede sein? Nodle schlägt vor, dass Passagiere in öffentlichen Transportmitteln ihre Fahrerlaubnis digital auf ihren Smartphones haben, die von Sensoren erfasst werden. Zwar haben in Wien beispielsweise schon jetzt viele Menschen einen QR-Code als Fahrschein am Handy – doch kommt ein Kontrolleur vorbei, muss der Code trotzdem noch von einem Menschen gescannt werden. Würde das ein Sensor automatisch beim Besteigen des Transportmittels übernehmen, fällt eine menschliche Tätigkeit, die anderweitig eingesetzt werden könnte, weg – und zufälliges Schwarzfahren wäre auch nicht mehr möglich. In vielen anderen Städten haben die Menschen aufladbare Fahrkarten, die sie an einen digitalen Entwerter halten müssen, wenn sie beispielsweise den Bus besteigen. Würde nur diese kleine Bewegung, die jeder Passagier aber vornehmen muss, wegfallen, ergäbe das kollektiv eine ungeheure Zeitersparnis und Vereinfachung. 

Geld für Daten, Daten für ein besseres Leben

Es gibt viele andere Beispiele, die nur scheinbar klein sind, doch Großes bewirken können – und wieder andere, die auch tatsächlich etwas großspurig wirken. So wollen Dubai, Los Angeles und Dallas ihre Smartness vorantreiben, indem sie bald fliegende autonome Fahrzeuge realisieren. Und Singapur kann es gar nicht mehr erwarten, eine Flotte von autonomen Taxis auf die Straßen zu bringen.

Die Stadt belegt heuer Platz vier im Ranking hinter Wien, London und dem Newcomer St. Albert in Kanada. Mit Grund dafür sind ihr digitales Identifikationssystem SingPass und die intelligente Beleuchtung, die derzeit installiert wird. In London, dem Zweitplatzierten im Smart City-Ranking, wird durch intelligente Vernetzung die tägliche Menge an Autos auf den Straßen um 70.000 reduziert, indem bestimmte Zonen restriktiert werden. Autofahrer, die das missachten, werden von Kameras identifiziert und bekommen automatisch Geldstrafen aufgebrummt. 

© YouTube/Cisco

Smarte Konzepte im Verkehr dienen also auch oft dem Umweltgedanken – in London werden Autos von bereits hoch frequentierten Zonen weggelenkt, um Stehzeiten und damit unnötige Luftbelastungen zu verringern. In Kopenhagen werden Alternativen zu Autos gefördert, indem mit GPS ausstaffierte Verkehrsampeln Fahrradfahrer erkennen und sie in Grünphasen bevorzugen. Die Fahrtzeit für Radler wird so um 17 Prozent verringert und die umweltfreundliche Alternative zum Auto attraktiver. 

Smart Citys und die Klimakrise

Proportional zum steigenden Bewusstsein für die Erderwärmung ist der Verkehr zum wichtigsten Gebiet in Smart City Konzepten geworden. Durch verringertes Parkplatzsuchen und weniger Staus wird aber nicht nur weniger CO2 ausgestoßen, auch sparen Menschen wichtige Zeit und Nerven – einmal mehr zeigt sich, an wie vielen Punkten die Smartness einer Stadt positive Veränderungen bewirken kann. 

So können Sensoren bereits frühzeitig Staugefahr orten. Die Sensoren, die Augen und Ohren der Stadt also, machen die Stadt aber noch nicht alleine smart. Dafür braucht es auf die gelieferten Informationen reagierende Systeme. Der Sensor informiert über Staugefahr, das System setzt automatisch Umleitungen in Gang. In Peking konnte durch solche Umleitungen die Luftverschmutzung um 20 Prozent reduziert werden. 

Und die Sensoren können noch über viele andere Dinge informieren, die vernetzten Systeme noch auf sehr viel mehr automatisiert reagieren. In Seoul konnte unnötige Routen für Müllabfuhren um 83 Prozent reduzieren, indem smarte Abfalleimer in der Stadt installiert wurden. In New York City konnten bereits über 73 Millionen Dollar an Wasserkosten eingespart werden – indem die Bevölkerung selbst ihren Wasserverbrauch auf smarten Messgeräten mitverfolgen konnte. In San Diego schalten sich Straßenlaternen erst an, wenn sich ein Auto oder Mensch nähert – 250.000 Dollar an Elektrizitätskosten werden so jährlich eingespart.

„Es fehlt eine koordinative Funktion“

Smart Citys wollen, können und müssen aber noch weiter gehen. So kann das Leben nicht nur sauberer, angenehmer und billiger gestaltet werden – sondern auch sicherer. Je besser etwa die Notfalldienste untereinander und mit den Bürgern vernetzt werden, desto mehr kann Menschen in Gefahr geholfen werden. In Chicago arbeitet die Polizei mit smarten Stadtplänen, die Krisenherde prognostiziert – was nach Minority Report klingt, hat tatsächlich zu 14 Prozent weniger Gewalttaten pro Jahr geführt. Auch Baltimore ist an einer solchen Entwicklung interessiert. Und in Rio de Janeiro konnte durch ein System vernetzter Video-Feeds die Ersthilfe um 30 Prozent schneller gestaltet werden.

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Auf der ganzen Welt geht die Smartness voran. Vor zwei Jahren waren erst 87 Städte im Ranking von Roland Berger enthalten, heute sind es 153. Doch es gibt auch Bemängelungen. So hätten 90 Prozent dieser Städte noch keine ganzheitlichen Konzepte, so das Beratungsunternehmen, das die Studie durchführt. Wien hingegen „überzeugt mit ihrer ganzheitlichen Rahmenstrategie und innovativen Lösungen für Mobilität, Umwelt, Bildung, Gesundheit und Verwaltung, sowie einer Fortschrittskontrolle der einzelnen Projekte“, sagt Thilo Zelt von Roland Berger. 

Während vor allem asiatische Städte immer smarter werden, ist Berlin die einzige deutsche Stadt im oberen Drittel des Rankings. Wien ist überhaupt die einzige deutschsprachige Stadt mit offenen Verwaltungsdaten.

Laut der Studie ist es auch oft gar nicht das Konzept selbst, das für einen schlechteren Platz im Ranking verantwortlich ist, sondern die mangelnde Umsetzung aufgrund von „unklaren Verantwortlichkeiten“, so Zelt. „Es fehlt nicht selten eine koordinative Funktion mit dem entsprechenden Know-how.“ In Wien hingegen gibt es die Smart City Agency, in London einen Chief Digital Officer. 

Vielleicht wird Wien bald von ein paar asiatischen Städten überholt, allen voran wohl Singapur und Dubai. Doch das wird nichts der Tatsache abtun, dass in der Zwei-Millionen-Stadt bereits ziemlich viel ziemlich smart ist und die Bevölkerung davon profitiert. Und wer weiß – vielleicht fliegen die Fiaker noch vor den Taxis in Singapur.

Lesen Sie auf der nächsten Seite von den wichtigsten Smart City Konferenzen in diesem Jahr!

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