SOLID 06/2020

BIM in Österreich: „Anders als am Anfang gewünscht“

Wir sprachen mit einem der langjährigen und ausgewiesenen BIM-Experten Österreichs, Christoph Eichler, über seinen Perspektivenwechsel und die Learnings daraus, das heiße Thema Datenhoheit und welchen Horizont er für die breite BIM-Durchsetzung sieht.

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Christoph Eichler als Diskussionsteilnehmer bei der SOLID BIM Konferenz, die heuer am 17.9. stattfindet www.solidkonferenz.at

SOLID: Wie sind Sie grundsätzlich mit der Entwicklung beim Thema BIM in den letzten Jahren zufrieden?

Christoph Eichler: Eine Entwicklung verläuft ja immer anders, als man es sich am Anfang gewünscht hat. Man kann ja weder alles überwachen noch überblicken. Viele Ursachen bleiben einem ja verborgen und man wird von manchen Dingen überrascht oder versteht sie erst später. Ich beschäftige mich seit zwei bis drei Jahren in meiner Rolle als Vorstandmitglied des Austrian Chapters von BuildingSmart intensiv damit zu versuchen, die internationalen Einflussfaktoren auf die BIM-Entwicklung überhaupt mal zu identifizieren und zu überblicken.

Sie kommen ja aus der Planung – wie ging der Weg zu BuildingSmart?

Eichler: Ich bin vor ca. zehn Jahren von der Planungsseite ins Thema BIM eingestiegen und bin aber seit sechs bis sieben Jahren in zunehmendem Maß auch auf der Auftraggeberseite tätig. Dadurch hat sich der Blickwinkel sehr verändert. Ich habe sehr viel für die BIG, die Stadt Wien und die ÖBB gemacht und habe dadurch viel besser verstanden, welche Anforderungen und Interessenslagen die Auftraggeber an BIM haben und welche Zusammenhänge sie in ihren internen Strukturen haben, die es erschweren einfach zu sagen: wir machen jetzt BIM.

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Worum geht es da genauer?

Eichler: Darum, dass man die Daten in gewachsene Strukturen hinein liefern muss und nicht alles von Null aufsetzen kann. Mittlerweile arbeite ich ja auch für den Flughafen Wien. Das ist eine extrem komplexe Herausforderung. Der Auftraggeber, für den ich da arbeite, ist ja nicht einfach nur ein Betreiber von Immobilien ist, sondern Betreiber einer eigenen Stadt, die für sich alleine funktioniert. Da kommt zum Beispiel ein eigenes Energienetz dazu und weitere komplexe Anlagen. Das hat bei mir auch ein neues Verständnis dafür geschaffen, was operativ eigentlich passieren muss.

Über dieses Thema und den BuildingSmart Airport Room habe ich auch mit ganz vielen anderen Flughäfen zu tun bekommen und entwickle jetzt mit denen gemeinsam die Standardisierungsgrundlagen.

Ich habe damit einen Ort gefunden, an dem wir sämtliche Standardisierungsaktivitäten zentral bündeln können, weil Flughäfen eben von der Komplexität her die Königsdisziplin darstellen. Über diesen Hebel können wir die Dinge dann auch in ihrer Gesamtheit bewegen – und das sehr, sehr schnell.

Vor etwa fünf Jahren sah man BIM weitgehend noch als Methode, die Dinge ein bisschen besser in den Griff zu bekommen – zugespitzt eine fortschrittliche Kollisionskontrolle – und als Marketingtool für Gebäude in Planung. Es galt allerdings auch als ein Werkzeug für wenige und damit waren doch viele Schwierigkeiten in der Ausrollung verbunden. Was hat sich an dem Bild aus Ihrer Sicht über die Jahre geändert?

Eichler: Der allerwichtigste Punkt ist, dass etliche öffentliche Auftraggeber seit ca. drei Jahren komplett einheitliche BIM-Regelwerke einsetzen. Das betrifft die Auftraggeber-Informationsanforderungen und den BIM-Abwicklungsplan. So ist am Markt doch eine große Anzahl von BIM-Pilotprojekten auf komplett gleichen Grundlagen gelaufen oder am Laufen. Diese Grundlagen haben wir über die ODE (Office for Digital Engineering, Anm.) entwickelt und abgestimmt. Dadurch konnten die Auftragnehmer – wie zB die Planer – alle in einem einheitlichen Setting unterwegs sein und auch für sie hat die ODE einheitliche, sehr komplexe Prüfroutinen aufgebaut. Damit lief Open BIM bei all diesen Projekten einheitlich und auf einem extrem hohen Level. Das ist ein Riesenschritt, der da passiert ist. Das hätte sich vor drei Jahren kein Mensch gedacht, dass wir 2020 in Ostösterreich mit einem Dutzend Open BIM-Projekten in Spitzenqualität am Markt sind und bei denen wir von Anfang an eine Lösung haben, wie die Daten von der Planung weg laufen und dann ins FM übernommen werden.

Und das funktioniert alles plattformunabhängig über IFC – welche Version jetzt eigentlich?

Eichler: Ja genau. Wir arbeiten technisch immer noch auf IFC2x3, aber die verwendete Datenstruktur, die Alphanumerik ist schon IFC4.

Und da kennen sich alle aus, die damit arbeiten müssen?

Eichler: Das Team der ODE macht da sehr häufig auch die Projektsteuerung und diese Funktion umfasst auch noch immer eine Art Schulungs- und Supporttätigkeit.

Heißt das, dass die ODE immer im Boot ist, wenn es eine BIM-Ausschreibung eines öffentlichen Auftraggebers gibt?

Eichler: In vielen Fällen. Der große Vorteil davon ist, dass viele Mitarbeiter aus der Planung kommen und daher auch wissen, wie man mit Architekten die Dinge umsetzt, was zumutbar ist und was nicht.

Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund die gesamte Diskussion rund um Merkmalserver, Merkmalservice etc.? Ist das virulent oder löst sich das Thema Schritt für Schritt auf?

Eichler: Ich habe in den letzten zwei Jahren versucht, mich von dem Thema fernzuhalten. Der Grund ist: operativ brauche ich so einen Server zur Zeit gar nicht mehr.

Wenn der Prozess nicht mehr über Merkmale läuft – worüber läuft er sonst?

Eichler: Die Übertragung der Vorgaben erfolgt so, dass die Planer zu Projektbeginn von uns Konfigurationsdateien bekommen, die sie in ihren Softwarelösungen einspielen. Und es ist ja egal, woher die Konfigurationsdatei kommt – also von uns oder von einem Merkmalserver.

Ein Achillesfersenthema von BIM war ja immer die Haustechnik. Wie hat sich das entwickelt und wo stehen wir jetzt?

Eichler: Wir haben als Vertreter der Auftraggeber die Haustechnik immer aus dem Aspekt heraus betrachtet, was wir dokumentieren müssen für den späteren Betrieb und nicht, was die Planer für sich selber benötigen. Damit haben wir das ein bisschen entspannen können. Es gibt ja auf Seiten der Planer ganz heterogene Vorstellungen, was die TGA bringen muss und verarbeiten soll. Unsere Fragen waren also: was benötigt der TGA-Planer von den anderen Gewerken als Modellgrundlage, um arbeiten zu können? Das ist alles über die Konfigurationsvorgaben gelöst. Die Attribuierung ist dann ein planerinternes Thema und von Projekt zu Projekt unterschiedlich. Und die zweite Frage ist: was hat der TGA-Planer den anderen Planern zurück zu liefern und was muss er am Ende des Projektes an Produktinformationen liefern, damit der Auftraggeber diese in sein FM-System aufnehmen kann. Da haben wir ganz eng mit der MA34 der Stadt Wien kooperiert, namentlich Peter Kovacs, der diese Vorgaben ja mit der ÖNORM A7010/6 als erster deklariert hat. Das Thema entwickeln wir gerade gemeinsam mit ihm weiter und schärfen die rudimentären Vorgaben mithilfe von Projekterfahrungen.

Kommt man da nicht zwangsläufig in einen sehr hohen Level of Detail hinein?

Eichler: Oder auch Level of Information oder Level of Geometry, ja. Den versuchen wir bei diesen ganzen Projekten auf einem vernünftigen Grundmaß zu halten. Aber die Alphanumerik wird sehr komplex sein.

Muss man dabei diese ganze Komplexität immer mitnehmen?

Eichler: In den Modellen brauchen wir die Gesamtheit der Daten. Wenn man später etwas reduzieren kann, so muss das durch intelligente Mechanismen auf Seiten des Betreibers gemacht werden. Aber das gibt es schon.

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