Wenn Neubau schwächelt : Wie ATP von komplexen Bauaufgaben profitieren

ATP Wien Werner Kahr

Werner Kahr, Vorstandsmitglied von ATP architekten ingenieure, sieht in der Verschiebung der europäischen Bauwirtschaft hin zu komplexen Aufgaben einen strategischen Vorteil für integrale Planer.

- © Becker Lacour/ATP

Die Zeiten, in denen Planungsbüros vor allem Neubauten auf grüner Wiese entwarfen, neigen sich dem Ende zu — zumindest in weiten Teilen Europas. „Die Nachfrage verschiebt sich europaweit zunehmend weg vom klassischen Neubau hin zu komplexeren Aufgabenstellungen", erklärt Werner Kahr, Vorstandsmitglied von ATP architekten ingenieure. Hochtechnische Gebäude, Bauen im Bestand, nachhaltige Quartiersentwicklungen und technisch hochintegrierte Infrastrukturen — dort liege die Zukunft, mit Integraler Planung als entscheidendem Erfolgsfaktor. ATP verfolgt diesen Ansatz seit über 50 Jahren als Kompetenzplattform für die gebaute Welt: alle planungsrelevanten Disziplinen unter einem Dach, von Beginn an in einem gemeinsamen Planungsprozess gebündelt. Gerade in einem zunehmend anspruchsvollen Marktumfeld zeigt sich, dass nur durch diese enge Verzahnung von Architektur, Ingenieurwesen und weiteren Fachdisziplinen wirtschaftlich, technisch und ökologisch überzeugende Lösungen entstehen können.

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Denkmal trifft Erdbebensicherheit

In Kroatien, wo ATP seit über 20 Jahren aktiv ist, wurde kürzlich das Warehouse 22 im Hafen von Rijeka fertiggestellt, ein denkmalgeschütztes ehemaliges Zollamt, das unter strengen denkmalpflegerischen Vorgaben zu einem modernen Verwaltungszentrum umgebaut wurde. Ein Projekt, bei dem Architektur, Statik und Haustechnik zwangsläufig von Anfang an zusammengedacht werden mussten, nachträglich lässt sich in einem denkmalgeschützten Hafenspeicher wenig korrigieren.

Gesundheitsbau auf Wachstumskurs

Im Gesundheitsbau, einem der wachstumsstärksten Segmente, gewinnt in Deutschland durch die Krankenhausreform der Neubau wieder an Bedeutung. ATP plant derzeit unter anderem das Zentralklinikum Hochrhein, ein neues Bettenhaus am Klinikum Passau wurde im letzten Jahr fertiggestellt. In der Schweiz zeigt das Universitätsspital Zürich, dass auch im Bestand große Krankenhausinfrastruktur erneuert werden muss.

Infrastruktur und Quartiersentwicklung

"Auch im Infrastrukturbereich sehen wir eine steigende Nachfrage", so Kahr. „Beispiele aus unseren Büros sind die Terminalentwicklung am Flughafen Salzburg sowie ein Großauftrag für ein Terminalprojekt in Deutschland. Ergänzt wird dies durch komplexe Quartiersentwicklungen und Transformationsprojekte, wie etwa die Revitalisierung eines leerstehenden Kaufhauses zu einem multifunktionalen Stadtzentrum in Gevelsberg, die die zunehmende Bedeutung ganzheitlicher Planung unterstreichen."

In der aktuellen Marktlage sieht Kahr auch Chancen: „Gerade in einem fragmentierten Marktumfeld zahlt sich Breite aus. In der aktuellen Marktphase sehen wir ein strukturelles Momentum für unsere integrale Arbeitsweise." Oder anders gesagt: Je komplizierter die Aufgabe, desto besser für jene, die Komplexität als Geschäftsmodell haben.

  • Visualisierung Flughafen Salzburg
    Projekt: Flughafen Salzburg — Terminalentwicklung

    Die Terminallandschaft des Salzburger Flughafens stammt im Kern aus dem Jahr 1966 und ist am Ende ihres Lebenszyklus angekommen. ATP gewann das Verhandlungsverfahren für den Um- und Neubau. Das Abflugterminal 2 wird erweitert, die Check-in-Halle um eine Gastronomie- und Erlebnisebene aufgestockt, dazu kommt ein neues Ankunftsterminal 1. Die über ein Dutzend bestehenden Baukörper werden erneuert und an moderne Standards angepasst. Das Investitionsvolumen liegt bei rund 100 Millionen Euro, der Spatenstich soll im zweiten Quartal 2026 erfolgen, die Fertigstellung ist für 2033 geplant.

  • ATP - Rijeka Gateway Terminal Warehouse 22 - 022025
    Projekt: Warehouse 22 — Hafen von Rijeka

    Das Lagerhaus 22 im Hafen von Rijeka, eine dreischiffige Stahlbetonhalle aus dem frühen 20. Jahrhundert, wurde als Verwaltungssitz des Containerterminals Rijeka Gateway revitalisiert. Die Herausforderung: strenge denkmalpflegerische Vorgaben bei gleichzeitig hohen Anforderungen an die Erdbebensicherheit. ATPs Tragwerksplaner in Zagreb entwickelten gemeinsam mit der Universität Zagreb ein Verstärkungskonzept, das die historische Bausubstanz erhält und die seismische Widerstandsfähigkeit auf aktuelles Normenniveau hebt.

  • Projekt: Wasserbaulabor der BOKU Wien

    Am Brigittenauer Sporn, wo der Donaukanal von der Donau abzweigt, eröffnete 2023 ein weltweit einzigartiges Forschungsgebäude: Das Wasserbaulabor der BOKU nutzt die Wasserspiegeldifferenz von drei Metern zwischen Donau und Donaukanal, um bis zu 10.000 Liter Donauwasser pro Sekunde ohne Pumpen durch das Gebäude zu leiten. Herzstück ist der unterirdische „Main Channel", in dem erstmals Modellversuche im Originalmaßstab 1:1 möglich sind. ATP planten das Gebäude in ARGE mit iC Consulenten. Die Herausforderung lag im Spezialtiefbau auf angeschwemmtem Untergrund sowie in einem komplexen Tragwerk aus Stahlbeton, Stahl- und Holzbau.

Vom Kostenfaktor zum Wettbewerbsvorteil

Dass die Marktverschiebung kein vorübergehendes Phänomen ist, deuten die strukturellen Treiber an. Klimaziele und Genehmigungsdruck lenken Investitionen zunehmend vom Neubau in den Bestand, die Demografie hält den Gesundheitsbau über Jahrzehnte auf hohem Niveau, und öffentliche Sondervermögen in mehreren europäischen Ländern dürften die Infrastrukturpipeline bis weit in die 2030er-Jahre tragen. Für integrale Planer wie ATP entsteht daraus ein Marktumfeld, in dem die Breite des eigenen Leistungsportfolios nicht mehr Kostenfaktor, sondern Wettbewerbsvorteil ist. Die zentrale Frage der kommenden Jahre wird sein, ob das Modell mit der wachsenden Projektgröße auch in der Skalierung mithält, von der Quartiersentwicklung bis zum Großklinikum.

Factbox: ATP

ATP architekten ingenieure sind als Gesamtplanungsbüros — von der ersten Idee bis zur Fertigstellung — in Europa tätig. Die interdisziplinär aufgestellten Projektteams werden unterstützt durch Sonderplanungsbüros für Design, Interior, Landscape, Sustainability, technische Gebäudeausrüstung sowie durch Consulting-Gesellschaften für IT, Real Estate und Gesundheitsbauten. Die ATP-Gruppe betreibt Büros in D-A-CH (Wien, Innsbruck, München, Frankfurt, Berlin, Nürnberg, Hamburg, Karlsruhe, Aachen, Zürich) und in CEE/SEE (Zagreb, Budapest, Belgrad, Krakau). Rund 1.500 Mitarbeitende an 14 Standorten in sieben Ländern. Schwerpunkte: Forschung, Industrie, Verwaltung, Handel, Lehre, Mobilität, Hospitality und Health. ATP gilt als stärkste Architekturmarke Österreichs und wird auch in Deutschland unter die Top 10 gereiht.