Industriebau in Deutschland : Je kleiner die Strukturen, desto massiver das Gebäude: Porr baut Europas neue Spezial-Fab
Die Visualisierung zeigt Fab4Micro am bestehenden X-FAB-Standort in Erfurt. PORR plant und errichtet den Neubau mit rund 3.500 Quadratmetern Reinraumproduktionsfläche sowie einem angeschlossenen Bürotrakt.
- © Roland Kirschner / AEEBei den meisten Bauprojekten ist der Mensch der empfindlichste Maßstab: Wird eine Deckenschwingung als unangenehm wahrgenommen, muss nachgebessert werden. In Erfurt gilt eine andere Messlatte. Der eigentliche Sensor, an dem sich die Konstruktion orientieren muss, sitzt nicht im Foyer, sondern in der Produktionsanlage selbst.
Nie mehr die wichtigsten News aus Österreichs Bauwirtschaft verpassen? Abonnieren Sie unseren Newsletter Hier geht’s zur Anmeldung!
Straßenverkehr darf die Produktion nicht erreichen
Ein vorbeifahrender Lkw kann Schwingungen erzeugen, die sich über den Untergrund bis in ein Gebäude ausbreiten, für Menschen meist unbemerkt. Porr nennt genau dieses Beispiel als Illustration dafür, welchen Anforderungen die neue X-Fab-Fabrik standhalten muss: Selbst Bewegungen, die im Alltag niemand wahrnimmt, dürfen hochpräzise Fertigungs- und Messanlagen nicht erreichen. Ob am konkreten Erfurter Standort tatsächlich Straßenverkehr als relevante Schwingungsquelle gemessen wurde, ist damit nicht gesagt, es handelt sich um ein grundsätzliches Beispiel, keine standortspezifische Messung.
Herzstück des Neubaus sind rund 3.500 Quadratmeter Reinraumproduktionsfläche, ergänzt um einen direkt angeschlossenen Bürotrakt sowie die Einbindung in den bestehenden X-Fab-Standort. Die 3.500 Quadratmeter bezeichnen dabei die Reinraumfläche, nicht die Gesamtgröße des Neubaus, eine vollständige Bruttogeschoßfläche wurde bislang nicht veröffentlicht.
Warum der Mensch hier der schlechtere Schwingungssensor ist
Reinräume für diese Art Produktion müssen laut Porr praktisch erschütterungsfrei und entsprechend massiv ausgeführt werden. Mit kleiner und komplexer werdenden Strukturen auf den Chips steigen diese Anforderungen weiter. Was in einem gewöhnlichen Gebäude als Komfortfrage behandelt wird, ist hier eine Frage der Produktionsfähigkeit selbst: Erreicht eine Schwingung die Maschine, kann das direkt die Fertigungsqualität beeinträchtigen.
Konkrete Angaben zu Fundamentierungsart, Deckenaufbau, zulässigen Schwinggeschwindigkeiten, Vibrationsklassen oder einer möglichen aktiven Schwingungsisolierung hat Porr für dieses Projekt bislang nicht veröffentlicht. Das mag zunächst wie eine Lücke wirken, tatsächlich ist es eher ein Hinweis auf die übliche Zurückhaltung bei sensibler Industriebau-Detailplanung, solche Angaben werden von Auftraggebern aus dem Halbleiterbereich selten öffentlich gemacht. Belegt ist dagegen, dass Porr das Schwingungsproblem bereits mehrfach gelöst hat: Bei einem früheren Halbleiterprojekt für Infineon in Regensburg setzte der Konzern eine Konstruktion mit Fundamentplatte und speziellen tragenden Strukturen ein, um dynamische Gebäudeschwingungen auszuschließen, damals entstanden rund 2.000 Quadratmeter Reinraum, 85 Prozent der Betonelemente wurden wegen des engen Terminplans vorgefertigt. Ob dieselbe Konstruktionslogik auch in Erfurt zum Einsatz kommt, ist damit nicht bestätigt, aber Porr bringt für die Aufgabe eine bereits etablierte Reinraumkompetenz mit.
-
Karl-Heinz Strauss, CEO Porr„Der Markt für Halbleiterchips wächst unaufhörlich, getrieben durch die künstliche Intelligenz, aber auch Zukunftstechnologien wie autonomes Fahren. Das wiederum sorgt auch bei uns für Wachstum, denn der Bedarf an Reinräumen wächst.“
Eine Fabrik, die praktisch nie stillsteht
Halbleiterfabriken laufen im Regelfall nicht Montag bis Freitag von acht bis siebzehn Uhr. Die technischen Anlagen sind auf einen kontinuierlichen Betrieb rund um die Uhr über das ganze Jahr ausgelegt, entsprechend kritisch sind Versorgungssysteme und Anlagenverfügbarkeit. In einem gewöhnlichen Gebäude ist ein technischer Ausfall ein Ärgernis, in einer hochautomatisierten Halbleiterproduktion kann er direkt den Produktionsprozess treffen. X-Fab beschreibt seinen bestehenden Erfurter Betrieb entsprechend selbst als kontinuierliche, energieintensive Produktion.
Porr baut nicht auf der grünen Wiese
Der Neubau entsteht nicht isoliert, sondern muss in den bestehenden, bereits rund um die Uhr produzierenden X-Fab-Standort integriert werden. Auftraggeber ist die X-Fab MEMS Foundry GmbH, Auftragnehmer Porr, im Vertragsmodell Design and Build, also Planung und Ausführung aus einer Hand. Ausdrücklich bestätigt zum Leistungsumfang gehören die 3.500 Quadratmeter Reinraum, der Bürotrakt sowie die Einbindung in den Bestand. Damit ist Porr kein Nachunternehmer für Teilgewerke, der Wiener Konzern verantwortet Planung und Errichtung des gesamten Neubaus.
Dass sämtliche Anschlussarbeiten ohne jede Produktionsunterbrechung am laufenden Betrieb erfolgen, ist öffentlich nicht bestätigt, klar ist aber: Die neue Fab muss in eine bestehende industrielle Standortinfrastruktur integriert werden, an der bereits kontinuierlich produziert wird, eine logistisch und terminlich anspruchsvolle Randbedingung für sich.
Was in Erfurt eigentlich hergestellt wird
Wer bei „Chipfabrik" automatisch an möglichst kleine Prozessorstrukturen für Rechenzentren denkt, liegt hier daneben. X-Fab ist eine Specialty Foundry, kein klassischer Leading-Edge-Logic-Hersteller. Fab4Micro ist ausgerichtet auf mikroelektromechanische Systeme, kurz MEMS, hochintegrierte Mikrosysteme, Photonik sowie fortgeschrittene Packaging- und Integrationsverfahren. MEMS verbinden elektronische, sensorische und mechanische Elemente im Mikro- und Nanometerbereich, mit Anwendungen etwa in Fahrzeugen, der Medizintechnik, industriellen Systemen und Smartphones.
Die eigentliche Innovation passiert zwischen den Chips
Der Begriff Packaging klingt im Deutschen schnell nach Plastikgehäuse, hier bedeutet er etwas anderes. Beim fortgeschrittenen Semiconductor Packaging werden unterschiedliche Funktionen, Chips oder Chiplets elektrisch und mechanisch sehr eng miteinander verbunden. X-Fab arbeitet dafür unter anderem mit Wafer-Level Packaging und heterogener Integration, Verfahren, mit denen sich elektronische und optische Funktionen in einem einzigen Bauteil zusammenführen lassen, etwa für Rechenzentren und optische Systeme. Nicht nur die Strukturen selbst werden also kleiner, unterschiedliche Technologien werden auch enger zu einem System zusammengefügt als bisher.
Warum die EU das eine „First-of-a-kind"-Anlage nennt
Im Dezember 2025 genehmigte die Europäische Kommission die staatliche Förderung für Fab4Micro. Unterstützt wird eine neue Open-Foundry-Anlage am bestehenden Erfurter Standort, die bestehende MEMS-Kompetenzen mit innovativen Packaging- und Integrationsverfahren kombinieren soll. Die EU wertet die Anlage als First-of-a-kind im europäischen Binnenmarkt, gemeint ist nicht die erste Chipfabrik Europas insgesamt, sondern die konkrete Kombination der angebotenen Fertigungsverfahren, die in dieser Form bislang nicht verfügbar war.
Besonders relevant: Die Fabrik soll Fertigungsdienstleistungen auch für fabless Halbleiterunternehmen, Start-ups und KMU bereitstellen, also für Firmen, die Chips oder Mikrosysteme entwickeln, aber keine eigene Fabrik besitzen. Am 23. Juni 2026 überreichten Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt, Wirtschaftsministerin Colette Boos-John und Erfurts Oberbürgermeister Andreas Horn den entsprechenden Förderbescheid über 127,4 Millionen Euro, davon rund 80,3 Millionen vom Bund und 47,1 Millionen vom Freistaat Thüringen. Diese Summe ist die öffentliche Förderung, nicht die Gesamtinvestitionssumme des Projekts und schon gar nicht Porrs Auftragswert, beide Zahlen sind öffentlich nicht beziffert. Eingebettet ist das Vorhaben in den European Chips Act, mit dem die EU insgesamt mehr als 52 Milliarden Euro an öffentlichen und privaten Investitionen mobilisiert hat, während laut SEMI World Fab Forecast die weltweiten Ausgaben für Fab-Ausrüstung bis 2027 um neun Prozent auf 166 Milliarden US-Dollar steigen sollen.
Erfurt wird zum Microsystems-Hub der ganzen Gruppe
Fab4Micro ist kein isoliertes Neubauprojekt, sondern der jüngste Schritt einer mehrjährigen Standorttransformation. Bereits im Rahmen eines Expansionsprogramms 2023 bis 2025 hatte X-Fab in Erfurt rund 1.460 Quadratmeter bestehende Fabrikfläche in neue Reinraumfläche umgewandelt, mit einem Investitionsvolumen von rund 50 bis 59 Millionen US-Dollar. Fab4Micro mit seinen 3.500 Quadratmetern ist damit nicht der Beginn dieser Strategie, sondern deren bislang größter baulicher Schritt. Parallel beschreibt X-Fab im eigenen Jahresbericht 2025 eine technische Transformation ausgewählter MEMS-Plattformen von bisherigen 6-Zoll- auf 200-Millimeter-Wafer, ob sämtliche künftige Fab4Micro-Produktion auf diesem größeren Waferformat läuft, ist damit nicht bestätigt.
Zwei Jahre bauen, dann beginnt erst die eigentliche Inbetriebnahme
Porrs Projektzeitraum reicht von Juli 2026 bis Juli 2028, X-Fab plant die erste Produktion bis Ende desselben Jahres. Diese beiden Termine widersprechen sich nicht, dazwischen liegt jene Phase, die bei einer Chipfabrik entscheidend ist: technische Anlagen installieren und qualifizieren, Prozesse hochfahren, erst danach beginnt die eigentliche Fertigung. Die EU-Kommission nennt in ihrer Beihilfeentscheidung zusätzlich den kommerziellen Betrieb bis 2029 als weiteren, noch späteren Meilenstein. Ein Baufortschritt über den Projektstart im Juli 2026 hinaus ist öffentlich bislang nicht dokumentiert.
Zurück zu den eigenen Wurzeln
Erfurt ist für X-Fab kein beliebiger Produktionsstandort. Hier begann die Unternehmensgeschichte vor mehr als drei Jahrzehnten, jetzt wird genau dieser Standort zum Microsystems-Hub der gesamten Konzerngruppe umgebaut.
Als der Ort, an dem die Geschichte von X-Fab vor mehr als 30 Jahren begann, hat Erfurt für unser Unternehmen eine besondere Bedeutung, und diese Investition ist ein starkes Bekenntnis zu seiner Zukunft.Damien Macq, CEO X-Fab-Gruppe
Die Besonderheit von Fab4Micro liegt darin, dass das Gebäude umso wichtiger wird, je weniger man vom fertigen Produkt mit bloßem Auge erkennen kann. Die Bauteile schrumpfen auf Mikro- und Nanometerskalen, der bauliche Aufwand, ihre Produktionsbedingungen stabil zu halten, wächst im selben Moment.
FACTBOX: Fab4Micro
Projekt: Fab4Micro
Standort: X-Fab Erfurt, Deutschland
Projektart: Microsystems-/Halbleiterfabrik
Auftraggeber: X-Fab MEMS Foundry GmbH
Auftragnehmer: Porr
Porr-Leistung: Design and Build – Planung und Errichtung des Neubaus
Projektzeitraum Porr: Juli 2026 bis Juli 2028
Erste Produktion laut X-Fab: bis Ende 2028
Kommerzieller Betrieb laut EU-Kommission: bis 2029
Gebäude
- Reinraumproduktionsfläche: rund 3.500 m²
- zusätzlich: Bürotrakt, Einbindung in bestehenden Standort
- Gesamtgebäudefläche, Reinraumklasse, Konstruktionsdetails Schwingungsschutz: nicht veröffentlicht
Produktion: MEMS, hochintegrierte Mikrosysteme, Photonik; neue Kompetenzen in heterogener Integration und Wafer-Level-Packaging
Anwendungen: Automotive, Medizintechnik, Industrie; perspektivisch Photonik für Rechenzentren und optische Systeme
Förderung
- Förderbescheid gesamt: 127,4 Mio. Euro
- Bund: rund 80,3 Mio. Euro
- Freistaat Thüringen: rund 47,1 Mio. Euro
- von EU-Kommission genehmigte maximale Beihilfe: 128 Mio. Euro (Dezember 2025)
- Gesamtinvestitionssumme und Porr-Auftragswert: öffentlich nicht genannt
Einordnung: EU-Kommission stuft Fab4Micro als „First-of-a-kind"-Anlage ein; Open-Foundry-Konzept auch für fabless Unternehmen, Start-ups und KMU; Teil des European Chips Act
Standortstrategie: Erfurt wird Microsystems-Hub der X-Fab-Gruppe; X-Fab-Geschichte in Erfurt seit mehr als 30 Jahren; vorheriger Reinraumausbau 2023–2025 (rund 1.460 m², rund 50–59 Mio. US-Dollar)