Robotik am Bau : Nicht schneller als ein Maurer: Warum Porr trotzdem einen 2,5-Tonnen-Roboter einsetzt
Auf der PORR-Baustelle Kladno Living übernimmt der 2,5 Tonnen schwere Mauerroboter WLTR das Setzen der Ziegel. Die Maschine verarbeitet dabei Steine mit einem Gewicht von bis zu 52 Kilogramm.
- © PORR / Jan HrdýEin Roboter, der nicht schneller ist als der Mensch, den er unterstützen soll, klingt zunächst nach einem gescheiterten Versuch. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber etwas anderes: Genau dieser scheinbare Nicht-Erfolg macht sichtbar, wo der eigentliche Wert der aktuellen Baurobotik-Generation liegt, und was eine Baustelle leisten muss, damit eine solche Maschine überhaupt sinnvoll arbeiten kann.
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52 Kilogramm, die kein Rücken mehr heben muss
WLTR, intern „Walter" genannt, wiegt 2.500 Kilogramm, erreicht bis zu 3,50 Meter Wandhöhe und hebt auf der Baustelle Kladno Living Ziegel mit bis zu 52 Kilogramm Gewicht. Die durchschnittliche Verlegeleistung liegt bei 7,5 Quadratmetern pro Stunde, maximal sind 10 Quadratmeter möglich, bei einem durchschnittlichen Stromverbrauch von nur 1,5 Kilowatt, Porr vergleicht das selbst mit einem gewöhnlichen Wasserkocher. Bedient wird die Maschine von einem Operator per Tablet, unterstützt von einem Bauhelfer.
Gerade die 52 Kilogramm sind der eigentliche Kern der Geschichte: Sie zeigen, warum ein Roboter auch dann wirtschaftlich interessant sein kann, wenn er nicht spürbar schneller arbeitet als ein Mensch. Das körperliche Problem verschwindet aus dem unmittelbaren Mauerprozess, unabhängig davon, wie viele Quadratmeter am Ende pro Stunde entstehen.
Warum überhaupt ein Roboter, wenn er nicht schneller ist
Porr zieht nach dem bisherigen Einsatz in Kladno ein bemerkenswert nüchternes Fazit: Die aktuelle Produktivität sei mit jener eines erfahrenen Maurers vergleichbar. Das widerspricht den Herstellerangaben nicht direkt, WLTR selbst wirbt teils damit, die Leistung einer fünfköpfigen Mannschaft ersetzen zu können, aber es relativiert sie deutlich. Die 7,5 beziehungsweise 10 Quadratmeter pro Stunde beschreiben die reine Verlegegeschwindigkeit unter geeigneten Bedingungen. Auf einer realen Baustelle kommen zusätzliche Tätigkeiten dazu: den Roboter positionieren, Ziegelpaletten bereitstellen und wechseln, die Arbeitsfläche freihalten, Anschlüsse herstellen, Ziegel zuschneiden, Wandanker setzen, Öffnungen vorbereiten, die Maschine zwischen Arbeitsbereichen versetzen. Maschinengeschwindigkeit ist damit nicht dasselbe wie tatsächliche Baustellenproduktivität, und genau für diese ehrlichere, an der Praxis gemessene Zahl entschied sich Porr, statt die optimistischeren Herstellerwerte zu übernehmen.
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Karl-Heinz Strauss, CEO Porr„Digitalisierung und Robotik zählen zu den langfristigen strategischen Prioritäten der Porr. Robotergestütztes Mauern ist ein konkretes Beispiel dafür, wie moderne Technologien zu sichererem und effizienterem Bauen beitragen können."
Porr selbst nennt vier zentrale Vorteile: Effizienz, Präzision, Arbeitssicherheit und körperliche Entlastung. In der aktuellen Entwicklungsstufe dürfte gerade die körperliche Entlastung der wichtigste Faktor sein, eine Kombination aus schwer, repetitiv und präzise, wie sie für Robotik besonders gut geeignet ist.
371 Wohnungen, kein Testlabor
Kladno Living ist keine Vorführung auf einer Messe, sondern ein reguläres Wohnbauprojekt rund 25 Kilometer westlich von Prag: fünf Wohngebäude mit 371 Wohnungen, dazu 198 überdachte und 166 Außenstellplätze. Porr ist Generalunternehmer und übernahm die Baustelle im November 2025, in der Investorenpräsentation führt der Konzern Kladno Living mit 42,9 Millionen Euro unter den größeren Auftragseingängen des vierten Quartals 2025, eine Zahl, die den Porr-Auftragseingang beschreibt, nicht die Gesamtinvestitionskosten des gesamten Bauprojekts.
Die erste Bauphase umfasst 125 Wohnungen in zwei Gebäuden, Rohbau bis Herbst 2026, Fertigstellung bis Herbst 2027 vorgesehen. Weitere Abschnitte folgen bis 2029, dann soll der gesamte Wohnkomplex bezugsfertig sein. Porr kann die Robotik damit nicht nur an einer einzelnen Testwand beobachten, sondern über einen langen, wiederholbaren Wohnbauprozess.
Wie Walter tatsächlich mauert
Nach der Vermessung richtet sich der Roboter über Laser und Sensorik zur geplanten Wandachse aus. Anschließend greift er die Ziegel über speziell entwickelte Nuten an deren Stirnseite, sind sie korrekt auf der Palette positioniert, kann er zwei Ziegel gleichzeitig aufnehmen. Erkennt die Sensorik einen beschädigten Ziegel, wird der Operator informiert, sind zwei Steine nicht korrekt greifbar, nimmt die Maschine sie einzeln auf.
Nach dem Greifen werden die Ziegel angefeuchtet, anschließend bringt WLTR automatisch Klebeschaum in zwei Streifen auf, die Kartuschen sitzen in einem temperierten Behälter innerhalb des Roboters. Für höhere statische Anforderungen kann das System alternativ mit Dünnbettmörtel arbeiten. Danach setzt der Roboter den Stein anhand des digitalen Verlegeplans millimetergenau an seine Position. Die aktuelle Generation kann dabei gerade Wände, Ecken mit korrektem Mauerwerksverband und Wandöffnungen ausführen, das bedeutet allerdings nicht, dass der Mensch bei Öffnungen nichts mehr zu tun hat, Vorbereitung, Zuschnitt und Ankerarbeiten bleiben weiterhin Aufgabe des Bauhelfers.
Zwei Menschen bleiben unverzichtbar
Aus dem Maurer wird durch WLTR kein Zuschauer. Für den Betrieb sind weiterhin ein Operator und ein Bauhelfer vorgesehen, Letzterer stellt neue Ziegelpaletten bereit, schneidet Ziegel zu, setzt Wandanker beziehungsweise Verbindungsklammern und bereitet Wandöffnungen vor. Der Roboter automatisiert damit einen Teilprozess des Maurerhandwerks, nicht das komplette Gewerk, der treffendste Begriff dafür ist teilautomatisiertes Mauern. Die menschliche Arbeit verschiebt sich dabei weg vom ständigen Heben und Setzen schwerer Ziegel, hin zu Bedienung, Logistik, Vorbereitung, Anschlüssen und Qualitätskontrolle.
Fünf Meter Platz, sonst wird Automatisierung zum Problem
Der Betrieb stellt konkrete räumliche Anforderungen: WLTR benötigt mindestens fünf Meter freien Arbeitsraum parallel zur entstehenden Wand, damit Maschine und Material bewegt werden können, bei Skelettbauten soll der Abstand zwischen Stützen mindestens vier Meter betragen. Das erklärt unmittelbar, warum ein Mauerroboter nicht auf jeder beliebigen Baustelle sinnvoll ist, eine enge Altbausanierung mit zahllosen kleinen Räumen ist etwas völlig anderes als größere Wohnbauten, Hotels, Bürogebäude, Krankenhäuser, Schulen oder Industriehallen, genau solche standardisierteren Projekte nennt WLTR selbst als geeignete Einsatzfelder.
Auch die 2,5 Tonnen Eigengewicht müssen irgendwo stehen können. Beim Einsatz auf Geschossdecken muss diese Last bereits in der Baustellen- und Tragwerksplanung berücksichtigt werden, der Hersteller gibt für die Arbeitsfläche eine maximale Belastung von 15 Kilonewton für zwei Einzellasten mit mindestens 1,5 Metern Abstand an. In Arbeitsstellung misst der Roboter 3,70 mal 2,05 mal 2,15 Meter, für den Transport lässt er sich auf 3,40 mal 0,78 mal 2,15 Meter zusammenbringen und passt damit während des Rohbaus durch eine normale 80-Zentimeter-Türöffnung. Zwischen Geschossen wird die Einheit per Kran über vorgesehene Anschlagpunkte bewegt, auf einer Etage übernimmt bei größeren Positionswechseln ein elektrischer Hubwagen, entlang einer Wand kann sich WLTR über sein integriertes Hydrauliksystem selbst versetzen.
Selbst der Ziegel ist für den Roboter gebaut
Der vielleicht unterschätzteste Teil des Systems ist der Baustein selbst. Wienerberger entwickelte für WLTR eine eigene Robot-Ready-Serie mit speziellen Nuten beziehungsweise Greifstrukturen, an denen die Maschine die Steine aufnehmen kann. Dokumentiert sind unter anderem der Porotherm 30 Robot Ready Profi, der Porotherm 24 Robot Ready Profi sowie der Porotherm 19 Robot Ready AKU Profi, letzterer für Hotels, Büros und vergleichbare Trennwände gedacht, genau jener Akustikziegeltyp, den Porr in Kladno einsetzt.
WLTR empfiehlt bei der Planung zusätzlich ein 125-Millimeter-Modul, dadurch lassen sich Wandlängen besser auf die Ziegeldimensionen abstimmen und unnötige Zuschnitte vermeiden. Damit dreht sich eine gewohnte Logik um: Früher musste sich eine Maschine an die fertige Planung anpassen, jetzt kann die Planung von Beginn an so gestaltet werden, dass sie robotergerecht ausführbar ist. Porr betont entsprechend, dass Robotik bereits ab Projektbeginn mitgedacht werden muss, in enger Abstimmung zwischen Planung, Statik, Bauherr und Baustellenteam. Genau das war laut Konzern auch in Kladno entscheidend: Walter wurde bereits zu Projektstart eingeplant, nicht nachträglich auf eine fertige Baustelle gesetzt.
Vom Prototyp zum Roboter mit 40.000 Quadratmetern Praxiserfahrung
WLTR ist keine Porr-Eigenentwicklung. Das Konzept testeten bereits 2020 Wienerberger Tschechien und KM Robotics, Anfang 2021 startete das eigentliche Entwicklungsprojekt gemeinsam mit KM Robotics und dem Czech Institute of Informatics, Robotics and Cybernetics der Technischen Universität Prag. Wienerberger definierte Anforderungen und Spezifikationen und entwickelte die passenden Robot-Ready-Ziegel, KM Robotics übernahm unter anderem Hardware- und Softwareintegration sowie Mechanik. Vermarktet wird die Lösung inzwischen über GreenBuild.
Damit treffen bei diesem Projekt zwei österreichische Konzerne aufeinander, ohne dass das eine bloße Randnotiz wäre: Porr als Anwender auf der Baustelle, Wienerberger als wesentlicher Mitentwickler des Robotersystems selbst. Im November 2024 kam WLTR bereits erstmals außerhalb Tschechiens in Niederrußbach zum Einsatz, bei einer Lagerhalle mit 510 Quadratmetern Mauerwerk, wovon der Roboter innerhalb von sechs Tagen rund 300 Quadratmeter herstellte. Kladno ist damit nicht der erste Einsatz der Technologie. Wienerberger meldete im April 2026 bereits zwölf Roboter im Baustelleneinsatz, rund 40.000 Quadratmeter bereits robotisch errichtetes Mauerwerk, 13 Robot-Ready-Ziegeltypen und Produktion in sechs Ländern, mit Projekten unter anderem in Tschechien, Österreich, der Slowakei, Polen, Ungarn und Großbritannien.
Warum Porr nicht bloß einen Roboter kauft
Porr koordiniert Themen aus Robotik und Automatisierung konzernweit über ein eigenes Construction Automation & Robotics Team. Der Ansatz lautet dabei ausdrücklich nicht, zunächst einen Roboter zu beschaffen und anschließend eine Verwendung dafür zu suchen, einzelne Automatisierungsfälle sollen stattdessen aus konkreten Anforderungen von Baustellen entstehen. Die Erfahrungen aus Kladno werden konzernweit geteilt und sollen in weitere Projekte einfließen, Walter ist damit vor allem ein konkretes Anschauungsbeispiel für eine größere Strategie, zu der laut Konzern etwa auch ein Roboter zum Ausschneiden von Fenster- und Türöffnungen, automatisierte Materialidentifikation und datenbasierte Baustellensteuerung gehören.
Der Mensch bleibt im Vorteil, wo es keine feste Regel gibt
Das Sensorsystem kann beschädigte oder falsch positionierte Ziegel erkennen, seine eigentliche Stärke liegt jedoch in einer kontrollierten, gut geplanten Umgebung, genau hier unterscheiden sich Baustellen fundamental von Fabriken. Eine industrielle Produktionslinie besitzt einen weitgehend konstanten Arbeitsraum, eine Baustelle verändert sich dagegen täglich. Der Mensch bleibt deshalb bei überraschenden Geometrien, kurzfristigen Änderungen, improvisierten Anschlüssen und Sonderdetails im Vorteil, der Roboter ist stark bei großen Wiederholungen, schweren Lasten und digital eindeutig definierten Geometrien. Der eigentlich sinnvolle Vergleich lautet deshalb nicht Roboter gegen Maurer, sondern Maurer mit Roboter gegenüber dem klassischen Maurerprozess.
Die Baustelle wird selbst ein Stück roboterfähiger
Bei sinkendem Fachkräfteangebot verschiebt sich damit eine wirtschaftliche Frage: nicht mehr, ob zwei Menschen fünf Maurer ersetzen, das lässt der Kladno-Test nicht zu, sondern wie viel hochwertige Bauleistung eine kleinere Zahl qualifizierter Mitarbeiter mit automatisierter Unterstützung erbringen kann, gerade bei körperlich besonders belastenden Tätigkeiten. Walter mauert damit nicht einfach eine traditionelle Baustelle automatisch, die Baustelle selbst wird durch fünf Meter Freiraum, angepasste Statik, ein 125-Millimeter-Planungsraster und speziell entwickelte Ziegel Stück für Stück roboterfähiger.
FACTBOX: Mauerroboter WLTR bei Kladno Living
Projekt: Kladno Living, Kladno bei Prag, Tschechien
Generalunternehmer: Porr
Porr-Auftragseingang: 42,9 Mio. Euro (Q4 2025, laut Investorenpräsentation)
Bauprojekt: 5 Wohngebäude, 371 Wohnungen, 198 überdachte + 166 Außenstellplätze
Projektlaufzeit: etappenweise bis 2029; erste Phase (125 Wohnungen): Rohbau bis Herbst 2026, Fertigstellung bis Herbst 2027
Roboter WLTR („Walter")
- Gewicht: 2.500 kg
- Arbeitsabmessungen: 3,70 × 2,05 × 2,15 m; Transportmaße: 3,40 × 0,78 × 2,15 m
- maximale Wandhöhe: 3,50 m
- durchschnittliche Verlegeleistung: 7,5 m²/h; maximal: 10 m²/h
- maximales Ziegelgewicht (Kladno): 52 kg
- Personal: 1 Operator + 1 Bauhelfer
- durchschnittlicher Stromverbrauch: 1,5 kW; Anschluss: 3 × 400 V/32 A
- Wasser: mind. 2 bar
- notwendiger Freiraum: mind. 5 m parallel zur Wand; bei Skelettbauten mind. 4 m Stützenabstand
- max. Belastung Arbeitsfläche: 15 kN bei zwei Einzellasten (mind. 1,5 m Abstand)
- empfohlenes Planungsraster: 125 mm
- Bindemittel: Klebeschaum (Dryfix) oder Dünnbettmörtel
Entwicklung: wesentlich durch Wienerberger, KM Robotics und CIIRC/TU Prag seit 2020/2021; kommerzialisiert über GreenBuild
Porr-Fazit aus Kladno: aktuelle Produktivität vergleichbar mit einem erfahrenen Maurer; wesentliche Vorteile sind körperliche Entlastung und konstante Ausführungsqualität
Verbreitung (laut Wienerberger, Stand April 2026): 12 Roboter im Einsatz, rund 40.000 m² robotisch errichtetes Mauerwerk, 13 Robot-Ready-Ziegeltypen, Produktion in 6 Ländern, Projekte u. a. in Tschechien, Österreich, Slowakei, Polen, Ungarn, Großbritannien
Erster Einsatz außerhalb Tschechiens: November 2024, Niederrußbach (Österreich), 510 m² Lagerhalle, davon rund 300 m² in sechs Tagen robotisch errichtet