Executive Talk zur Lage der Bauwirtschaft : Mythos sinkende Produktivität entzaubern

Executive Bau Dialog

Moderiert von SOLID-Chefredakteur Thomas Pöll (3.v.l.) diskutierten Andreas Kreutzer, Josef Muchitsch, Hubert Wetschnig, Michael Wardian und  Stefan Bergsmann  über die Produktivität am Bau.

- © Thomas Topf

Verliert die Bauwirtschaft seit Jahren an Produktivität?

Eine berühmt-berüchtigte Grafik besagt, dass die Bauwirtschaft europaweit seit Jahren an Produktivität verliert und zwar als einzige Branche. Diese wird immer wieder zitiert und gezeigt, aber ohne dass jemand fragt, welche Zahlen dafür verwendet werden, wie aussagekräftig sie für wen sind und was man daraus schließen kann. Das haben wir von SOLID nun gemeinsam mit unserem Partner Horvath Unternehmensberatung gemacht.

In den Räumen von Horváth Unternehmensberatung sitzt man sich gegenüber – auf der einen Seite Baugewerkschafts-Ikone Josef Muchitsch und Marktforscher und Bauexperten Andreas Kreutzer, auf der anderen Seite CEO von Habau Hubert Wetschnig und Kirchdorfer-Chef Michael Wardian – flankiert jeweils von Horvath-Geschäftsführer Stefan Bergsmann und SOLID-Chefredakteur Thomas Pöll. Es wirkt fast so, als würde eine imaginäre Linie in der Mitte des Besprechungstisch verlaufen, an dem sich die Diskutanten versammelt haben. Letztendlich gab es dann viele Einsichten in unterschiedlichen Richtungen.

Ein Referat von Stefan Bergsmann auf der SOLID-Konferenz gab den Anlass für den Exekutive Talk 2025. Doch auch Chefredakteur Thomas Pöll befasst sich schon länger mit dem Gedanken des Mythos oder der Wahrheit betreffend, dass die Produktivität in der Bauwirtschaft sinkt oder stagniert. Aber was ist dran? Was kann man ändern? Wie kann man es ändern? 

Doch bevor das als Beweis eines Problems oder Krisenursache gesehen werden kann, muss gefragt werden: Was misst diese Zahl überhaupt? Die Statistik bezieht sich auf die reale Wertschöpfung pro Arbeitsstunde – allerdings nur im Bauhauptgewerbe. Planung, Architektur, Ingenieurleistungen oder Gebäudemanagement sind nicht enthalten. Das heißt: Ein großer Teil der Wertschöpfungskette, in dem Digitalisierung und Innovation längst Einzug gehalten haben, fällt aus der Statistik heraus. 

Hinzu kommt: Produktivität im Bau ist stark konjunkturabhängig. Wenn Beschäftigung stabil bleibt, aber die Auslastung sinkt, fällt die Kennzahl automatisch. Das sagt wenig über Effizienz – und noch weniger über Qualität.

Die entscheidende Frage lautet also: Ist die Bauwirtschaft tatsächlich unproduktiv – oder stimmt einfach die Messmethode nicht mehr mit der Realität überein? Und wenn Produktivität ein reales Problem ist: Was tun? Wo liegen die Hebel für eine Trendwende – technologisch, organisatorisch oder kulturell?

Die berühmt-berüchtigte Grafik über die Bau-Produktivität.

- © Johanna Kellermayr / WEKA Industrie Medien
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    „Ein Produktivitätsvergleich ist auch zwischen einzelnen Bau-Projekten möglich.“

    Stefan Bergsmann, Horvàth

Produktivitätskurve der Bauwirtschaft

Stefan Bergsmann, Gastgeber und Geschäftsführer Horváth Österreich, kennt den Stein des Anstoßes: Es ist die Produktivitätskurve der Bauwirtschaft, wie sie von der Eurostat kommt. „Die Berechnung kommt nicht von uns, sondern vom statistischen Zentralamt in Europa aus den einzelnen Ländern. Das heißt aber nicht, dass das immer stimmen muss. Die Eurostat nimmt die Bauwertschöpfung inflationsbereinigt und dividiert das durch die Anzahl der Mitarbeiter in der Branche, als Headcount. Das wird für alle Branchen gemacht.“

An diesem Punkt hakt Andreas Kreutzer, Geschäftsführer von Branchenradar.com und Meister der Zahlen, sofort ein: „Man kann es auch mit Stunden rechnen. Das macht die Statistik Austria. Das sind alles Zahlen aus der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung.“ Er plädiert dafür, es als gegeben zu nehmen, dass die Zahlen so stimmen. „Denn sonst könnte man alle Zahlen hinterfragen. Auch die Arbeitslosenzahlen. Das sind ganz normale Produktivitätswerte, wie man es für alle Branchen macht.“ Die Auswertungen von anderen Branchen, die Bergsmann auf den Tisch legt, zeigen, dass es für manche Branchen schwankt und für manche steigt. Spannend bei allen sind die Einflussfaktoren, die eine Rolle spielen und das Bild ein bisschen verzerren können.

Die Zahlen zeigen deutlich: In Österreich ist die Arbeitsproduktivität der Erwerbstätigen in der Bauwirtschaft, im ausführenden Bereich, zwischen 2015 und 2019 pro Jahr um 1,7 % und zwischen 2019 und 2025 um 5,3 Prozent pro Jahr gesunken. Und gesamt pro Jahr ist Produktivität im ersten Zeitraum um 0,4 Prozent gewachsen und bis 2025 ist sie um 0,3 Prozent pro Jahr gesunken. 


„Ein großes Problem beim Bau ist, dass die Bauwirtschaft zunehmend outsourct. Um Produktivität zu halten, müsste ich dementsprechend viele Arbeitnehmer freisetzen. Man verliert an Brutto-Wertschöpfung durch Outsourcing 100 und bei den Arbeitnehmern sagen wir 90. Und das ist das Grundproblem“, rechnet Kreutzer vor. Bezogen auf die Brutto-Wertschöpfung bedeutet das laut ihm, dass nicht genug Personal, oder Stunden, abgebaut wurden. Landwirtschaft oder Banken hätten es beinhart durchgezogen. „Seit Corona gibt es das Narrativ, wir müssen ganz vorsichtig sein, weil sonst fehlen uns die Schlüsselarbeitskräfte. Analog zur Gastronomie. Meine Frage ist, warum ist es so“, bekrittelt Kreutzer. 

Zustimmung erhält er dafür von Gastgeber Bergsmann, aber: „Ich glaube, dass es noch andere Effekte gibt, wie die Bauwirtschaft in anderen Ländern zeigt.“ Das Bauen werde über zunehmende Regelungen immer komplexer. Für Digitalisierung, Bürokratie wird Personal gebraucht. 

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    „Wir müssen darauf achten, dass das Wissen erhalten bleibt und nicht verschwindet.“

    Michael Wardian, Kirchdorfer Gruppe

Ein Blick in Sachen Produktivität auf die Baustelle

Hubert Wetschnig, CEO der Habau Gruppe, macht sich sein eigenes Bild abseits der Statistiken. Er geht auf die Baustellen und spricht dort mit seinen Leuten – mit Polieren, Baumeistern und Bauarbeitern und er stellt fest: „Die Ursache ist nicht auf der Baustelle. Wenn ich mir die Bauzeiten, die Anzahl von Mitarbeitern auf großen Baustellen von vor 20 Jahren ansehe und wir heute nicht produktiver geworden wären, dann müssten wir gleich lange bauen wie vor 15 Jahren. Auf der Baustelle gibt es Lean, BIM, da gibt es Optimierungen: Grundsätzlich glaube ich nicht, dass wir viel liegen lassen. Mag schon sein, dass wir mit neuen Baumethoden mehr erreichen würden. Wenn sie uns lassen würden – die Bauordnung, die Kunden, die uns viel vorgeben.“ 

Zurückhalten müsse er sich beim Thema Nachhaltigkeit, vor allem wenn es um sein neues „Lieblingsthema“ die Entwaldungsverordnung geht: „Da gibt es so viele Auflagen. Das kostet Geld.“

Da ihn das Thema Produktivität schon selbst länger in Bann hält, werden seitens Habau zwei Diplomarbeiten ausgelobt: „Ganz kann ich es mir nicht erklären, warum wir weniger produktiv sein sollen. Mich interessiert wirklich, woran es liegt. Vielleicht müsste man Baugewerbe, Nebengewerbe und Bauindustrie einmal entflechten. Denn auch im kaufmännischen Bereich, in der Verwaltung, sind wir durch die Digitalisierung schneller. Lieferscheine, die nicht mehr hin- und hergeschickt werden. Digital werden die Dinge über Workflow frei gegeben“, so Wetschnig. 

Kopfschütteln ebenfalls von Kirchdorfer-Chef Michael Wardian, der aufgrund seiner eigenen Zusammenarbeit mit Baufirmen nicht nachvollziehen kann, dass alles immer schlechter, unproduktiver wird: „Die Anforderungen werden immer größer und ich habe nicht das Gefühl, dass die Baufirmen immer unprofessioneller werden, ganz im Gegenteil. Aber in manchen Bereichen verschwindet das Wissen. Wir müssen uns ums Wissensmanagement kümmern, dass das Wissen erhalten bleibt. Dieses Problem haben auch wir, nicht nur die Baufirmen.“

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    „Vielleicht müsste man Baugewerbe, Nebengewerbe und Bauindustrie einmal entflechten.“

    Hubert Wetschnig, Habau Gruppe

Schlüsselarbeitskräfte am Bau halten

Fast unisono mit Bau-Gewerkschafter Josef Muchitsch spricht Wardian auch das Phänomen des verschwundenen „Pfusch am Bau“ an. „Das Haus meiner Eltern ist in den 1970er-Jahren nur so gebaut worden. Und die Stunden, die der Baumeister auf unserem Haus hatte, hast du wahrscheinlich auf zwei Händen abzählen können. Also war er so gesehen wahnsinnig produktiv!“, gibt Michael Wardian Einblick in seine persönlichen Erfahrungen. Diese hat auch Muchitsch: „Als ich angefangen habe, eine Maurerlehre zu machen, hat mein Baumeister das Material an die Häuslbauer verkauft und die Nachbarn haben es am Wochenende verbaut. Und die haben keine Rechnung bekommen. Das waren ganz andere Verhältnisse, die heute vorbei sind.“ Somit ist es die Auftragslage und mit ihr die Auslastung, die wesentlich zur Produktivität beitragen. Und nicht nur dazu, sondern auch zur Arbeitssicherheit, wie der Gewerkschafter betont: „Je mehr ich ausgelastet bin, desto besser ist meine Produktivität und desto mehr senke ich auch die anderen Kosten. Arbeitskräfteüberlasung ist angesprochen worden. Ja, wenn die Auslastung nicht da ist, geht auch dieser Anteil zurück. Das heißt, kluge Firmen sind bemüht, Schlüsselarbeitskräfte zu halten, denn wenn es wieder einen Aufschwung gibt, dann haben wir sie nicht mehr. Das spielt alles mit.“

Muchitsch kann es nicht nachvollziehen, warum er in den Kollektivvertragsverhandlungen immer höre, wie schlecht es um die Produktivität und die Arbeitskosten bestellt sei. Denn heutzutage werde in Wirklichkeit immer besser, immer schneller und mit immer weniger Arbeitnehmern vor Ort gebaut. In der Landwirtschaft würden größere Maschinen mit immer größeren Förderungen die Arbeitskräfte zunehmend ersetzen. Auch Josef Muchitsch hat Zahlen mitgebracht: 

2023 gingen über 12.000 Arbeiter in der BUAK (Bauarbeiter-Urlaubs- und Abfertigungskasse) verloren. „Die sind weg, die bekommen wir nicht mehr zurück. Wir haben weiter eine steigende Arbeitslosigkeit in der Bauwirtschaft.“ Der Schlüssel zum Erfolg könne laut Muchitsch nur sein, die Auftragslage und damit die Umsätze insgesamt anzukurbeln. Dies gelinge aber nur, wenn die Aufträge an Unternehmen vergeben werden, die ihre Steuern in Österreich zahlen und hierzulande produzieren. 

Zusätzlich gibt es noch ein anderes Problem für die Auftragslage, wie Michael Wardian einwirft: „Die Gemeinden haben kein Geld mehr.“ Muchitsch dazu: „Eben und das wirkt sich aus. Wer macht den ersten offiziellen Schritt in Richtung neue Steuern, Stichwort Grundsteuern? Die nächsten Jahre ist nicht mehr Geld ab. Noch einmal eine Milliarde abzwacken, ist nicht möglich, das geht uns woanders ab. Aber: Es ist schon was möglich, wenn es sich ändern würde mit regionalen Vergaben.“

Habau-CEO Wetschnig weiß noch ein Rezept: „Um die Produktivität zu verbessern, muss ich schulen. Aber dafür muss ich wieder viel Geld ausgeben.“ 

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    „Heutzutage wird immer besser, immer schneller und mit immer weniger Arbeitnehmern vor Ort gebaut.“

    Josef Muchitsch, Vorsitzender Gewerkschaft Bau Holz 

Horrorgeschichte Sanierung

Unternehmensberater Stefan Bergsmann zieht eine erste Zwischenbilanz, nämlich jene, dass Zahlen und Statistiken scheinbar nicht das tägliche Leben auf der Baustelle widerspiegeln. Andreas Kreutzer verteidigt die Zahlen dennoch. Sie stimmen, da sie quergecheckt seien. Aber man müsse sich einig werden, welchen Fokus man setzt, welche Branchen man sich ansieht. „In den Zahlen sind alle drinnen. Es gibt auch die Statistik Baukonjunktur. Die bildet 40 Prozent vom gesamten Bauvolumen in Österreich ab. Somit fehlen 60 Prozent in eurem Fokus!“ Massive Produktivitätsverluste gibt es laut ihm im Ausbau oder in der Gebäudetechnik. „Die Horrorgeschichte mit der Sanierung ist das Zweite. Im Grunde genommen rechnet sich eine Sanierung selten, denn die Faktorkosten in der Sanierung sind um 70 Prozent höher als im Neubau.“ Andreas Kreutzer unterstreicht, dass die Sanierung daran schuld sei, dass die Arbeitsproduktivität zwischen 2015 und 2019 im Durchschnitt nur um 1,5 Prozent pro Jahr und zwischen 2019 und 2024 um 5 gesunken ist: „Weil die Sanierung nicht so stark zurückgegangen ist wie der Neubau. Diese schlägt somit stärker durch. Auch die Nachrüstung mit einer PV-Anlage ist eine Sanierung. Das gilt auch bei einer Wärmepumpe. Es ist nicht so einfach wie bei einem Neubau. Das ist das Problem.“

2021/22, als es am Bau noch gut gegangen ist, hat die Statistik Austria 539 Millionen Arbeitsstunden gezählt. 2023/24, als es wirklich schlecht war, 534 Millionen. 1,1 Prozent weniger. Das Beispiel mit dem Elternhaus aus den 1970er-Jahren würde die langfristige Entwicklung abbilden.

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    „Eine Sanierung kosten mehr und ist unproduktiver als ein Neubau.“

     Andreas Kreutzer, Branchenradar.com

Verlust durch Stehzeiten am Bau?

Bau-Gewerkschafter Muchitsch greift das Phänomen der Arbeitsstunden sofort auf: „Dazu muss man wissen, dass wir 2021/22 die wenigsten Urlaubstage in der BUAK gehabt haben, weil wir voll ausgelastet waren. Da komme ich auf keine Stehzeiten, weil wir eine Hochkonjunktur ohne Ende gehabt haben. Wir haben Urlaube, Einarbeitungszeiten, Mehrstunden für die Krise mitgenommen.“

Sagt’s und schon legt Andreas Kreutzer eine ältere Studie der ETH Zürich als Beispiel vor. Diese erfasste, dass bei einer durchschnittlichen Baustelle 31 Prozent der Arbeitszeit für die tatsächliche Tätigkeit des Bauens verwendet werden. 20 Prozent seien reine Stehzeiten.

Habau-CEO Wetschnig ist es wichtig, diese Statistik auf die Praxis hinunterzubrechen, um danach eine aussagekräftige Analyse zu haben und erkennen zu können, wo Potenzial ist. Eine Möglichkeiten in der Bauindustrie, Stehzeiten zu vermeiden, sei laut Michael Wardian Lean-Management in der Produktion. Und dennoch: „Auch wir müssen eine gewisse Ineffizienz akzeptieren, wenn Aufträge zurückgehen, weil wir nicht sofort die Konsequenzen ziehen können. Du musst ein bisschen einen langen Atem haben. Ich schichte um in der Firma. Denn auch wir sind daran interessiert, Schlüsselkräfte zu halten“, sagt der Kirchdorfer-Chef.

Gute Organisation sei das Um und Auf, auch um heute kaum noch vorhandene Stehzeiten zu vermeiden. „Früher hat es zum Beispiel nur einen Rüttler für mehrere Baustellen gegeben. Und so ist der Beton bestellt worden. Das waren wirkliche Stehzeiten. Heute ist das anders: Jedes Unternehmen in der Baubranche weiß ganz genau, in der Logistik, in der Organisation ist die einzige Chance, noch eine Marge, einen Gewinn zu machen. Es gibt keine Baufirma mehr, die einen leeren LKW wo fahren lässt, ohne dass er etwas mitnimmt. Es ist schon alles durchgetaktet“, so Josef Muchitsch.

Serielles Bauen

Kreutzer verwehrt sich dagegen, dass Stehzeiten eine Kennzahl für Faulheit seien. Vielmehr eher die Folge dessen, dass nach wie vor jedes Gebäude neu geplant werden und jeder Bauprozess neu aufgesetzt wird. Zur Untermauerung seiner Aussage bringt er ein Beispiel aus der Gebäudetechnik: Bei einem Gebäude mit 500 Wohnungen kann der Installateur für die Radiatoren 20 Schablonen für die Bohrungen an der Wand anlegen. „Wir reden zwar gerne von seriellem Bauen und Vorfertigung, aber was wir bekommen, ist eine Doppelwand, bei der vielleicht die Installationsschächte ohne Kabel schon drin sind, die Fenster aber nicht. Mischek hat in den 1970er-Jahren vollfertige Betonteile mit allem dran gebaut. Das war seriell und kostengünstig. Würden wir heute so bauen, würden wir auf 1.300 Euro pro m2 kommen“, glaubt Kreutzer. Zum Thema serielles Bauen verweist Hubert Wetschnig einerseits auf den Tiefbau, bei dem es kaum möglich sei, und er stellt eine Berechnung für den Hochbau an: „Ich verfolge natürlich genau, was meine Mitbewerber hier tun mit 1.800 bis 2.000 Euro am Quadratmeter. Schaue ich es mir genauer an, zeigt sich: eine Tiefgarage ist nicht dabei, es gibt nur drei Geschoße, dann haben sie nur Fan Coils. Wir vergleichen hier ein bisschen zwei Automarken miteinander.“

Michael Wardian setzt hier an und berichtet von seiner Zusammenarbeit mit der Porr zum leistbaren Wohnraum, die sehr erhellend sei: „Wir machen die Vorfertigung zwar schon lange. Aber mit einer Baufirma fast täglich stundenlang die Dinge zu entwickeln, hat schon eine andere Qualität. Es kommt soviel von beiden Seiten. Die haben auch Ahnung vom Fertigteilbau. Wie viele Stunden wir in die Statik investiert haben, hätte ich nicht erwartet.“ Und wenn dann am Ende ein Projekt, ein Modell steht, dann habe man als Bauindustrie im Hochbau schon etwas geschaffen, was es in dieser Form noch nie gab. „In der Infrastruktur schon. Da hat es schon sehr gute Zusammenarbeiten gegeben. Aber im Hochbau hatten wir das bis dato noch nicht“, so Wardian. 

Vor allem die KMUs straucheln

Kämpfen wir tatsächlich mit sinkender Produktivität? Die kleinen und mittleren Unternehmen, wie sich schnell in der Diskussion herausstellt. Sie sind es nämlich, die Sanierungen ausführen – also jenes Baufeld, dass am (zeit)aufwändigsten und kostenintensivsten ist. „Die Kleineren mit weniger als 20 Mitarbeitern machen viele Sanierungen mit längeren Stehzeiten“, bringt es Andreas Kreutzer auf den Punkt. Veranschaulichen sollen dies vorgelegte Zahlen von 2025: 35 Milliarden Euro für Hochbau Neubau und 21,9 Milliarden für die Renovierung, bei der keine Produktivitätsfortschritte erzielt werden könnten: „Wir reißen ein ausgeschäumtes Fenster raus, um es komplexer und kostspieliger als vor 30 Jahren neu einzubauen.“ 

Stefan Bergsmann rechnete die Produktivität anhand eines großen Bauunternehmens durch, „für das es öffentliche Zahlen gibt“. „Ich habe die Bauleistung inflationsbereinigt durch die Anzahl der Mitarbeiter dividiert. 2021 bis 2024 ergeben sich dadurch minus 7 Prozent in der Produktivität. Es ist nicht der Absturz, den man da sieht, aber gestiegen ist sie auch nicht.“ Der Unternehmensberater lädt dazu ein, sich die eigene Produktivität durchzurechnen. Er hat auch eine zweite Idee: „Man könnte es rechnen in Gesamtmitarbeiter oder getrennt Arbeiter und Angestellte. Dann würde man sehen, wie es auf der Baustelle ist. Bei Projekten weiß ich die Bauleistung und die Stunden, die hineinfließen, ebenfalls. Dann kann ich zwischen den Projekten einen eigenen Produktivitätsvergleich machen.“ 

Bürokratie als Produktivitätskiller

Einigkeit herrscht darüber, dass es die vielen Vorschriften sind, die das Bauen kompliziert machen und sich auf die Produktivität auswirken. „Die Bauwirtschaft ist unglaublich verrechtlicht geworden. Für mich ist das kein Wunder. Denn der Bau ist für die Politik ein wunderbares Spielfeld, wo ich Soziales, Umwelt und andere Themen unterbringen kann“, meint Andreas Kreutzer. 

Hier setzt Hubert Wetschnig sofort ein: „Entbürokratisierung, ganz klar. Neun Bauordnungen sind der ganz normale Wahnsinn.“ Kreutzer vergleicht Deutschland mit Österreich in Bezug auf die Normen: „In Österreich haben wir laut TU Graz alleine für die Produktion und den Einbau von Fenstern 4000 Normen.“ In Nordrhein Westfalen hingegen hätte man es geschafft, die Bauordnung für den Stahlbau von 1300 auf 159 Seiten zu kürzen. Als Nächstes wäre das Bauen mit Beton an der Reihe. „Es geht, wenn man will“, so Kreutzer. 

Michael Wardian plaudert aus seinem Erfahrungsschatz: „In Deutschland war meine Erfahrung bei Stuttgart21, dass wir selbst das Tübbing-Handbuch, das ein ganzes Regal gefüllt hat, auf 250 Seiten zu kürzen.“ Stefan Bergsmann sieht hier AI als wertvolles Hilfsmittel: „Vielleicht gibt es Technologien, die uns helfen, das eine oder andere in dem ganzen Komplexitäts-Wahnsinn produktiver zu machen. Ich füttere alle Normen und Seiten hinein, kürze nicht. Und dann stelle ich eine Frage und bekomme sofort die Antwort.“