Holzbau in Deutschland : Europas größtes Holzmodulprojekt: Kaufmann Bausysteme baut in Rostock einen 230-Millionen-Campus mit rund 1.000 Modulen

Eines der beiden siebengeschoßigen Wohngebäude des neuen Hochschulcampus in Rostock. Die Wohnriegel wurden überwiegend aus vorgefertigten Holzmodulen errichtet.

Eines der beiden siebengeschoßigen Wohngebäude des neuen Hochschulcampus in Rostock. Die Wohnriegel wurden überwiegend aus vorgefertigten Holzmodulen errichtet.

- © Jan Bitter

Bis zu fünfmal am Tag verließ in Rostock ein Transport mit fertigen Räumen eine leerstehende Industriehalle im Stadtteil Hinrichsdorf. Das Ziel lag rund 13 Kilometer entfernt in Lichtenhagen, wo der Bund seine neue Zollhochschule baute. Die Module kamen mit Wänden, Böden, Decken und vorgerüsteten Leitungen an, wurden sofort eingehoben, und die Leitungen zwischen ihnen wurden gekoppelt. So wuchsen zwischen Jänner 2024 und Jänner 2026 zwei siebengeschossige Wohnhäuser und ein viergeschossiges Lehrgebäude für den Nachwuchs der Bundeszollverwaltung in die Höhe, die Obergeschosse weitgehend aus Holz.

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230 Millionen Euro für 25.300 Quadratmeter

Bauherrin ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), vertreten durch das Staatliche Bau- und Liegenschaftsamt Rostock. Baubeginn war im Jänner 2024, im Jänner 2026 folgten technische Abnahme und Übergabe. Die Gesamtkosten beziffert die Bundesbau-Projektseite mit rund 230 Millionen Euro. Der Campus bietet Platz für bis zu 600 Studierende und mehr als 130 Beschäftigte. Die Hauptnutzfläche beträgt rund 25.300 Quadratmeter, der Bruttorauminhalt rund 210.000 Kubikmeter, die Bruttogrundfläche liegt bei gut 50.000 Quadratmetern.

Die Generalzolldirektion und PRIMUS bezeichnen das Projekt als größtes Holzmodulbauprojekt Europas. Die Bundesbau-Projektseite nennt es Deutschlands größtes Holzmodulbauprojekt, Kaufmann eines der größten Holzmodulprojekte Europas.

Das rund 130 Meter lange Lehrgebäude bildet den nördlichen Abschluss des Campus. Es beherbergt unter anderem Lehrräume, Verwaltung, Mensa und Bibliothek.

- © Jan Bitter

Ein Auftrag für Planung und Bau

Vergeben wurde der Auftrag in einem EU-weiten wettbewerblichen Dialog, wie die Stadt Rostock das Verfahren beschreibt: Auftraggeber und Bieter entwickeln dabei gemeinsam die Lösung, bevor verbindliche Angebote abgegeben werden. Im Sommer 2023 ging der Zuschlag an die Bietergemeinschaft aus Kaufmann Bausysteme und PRIMUS developments.

Beide traten als Totalübernehmer auf. Planung und Bauausführung liegen damit nicht bei getrennten Auftragnehmern, sondern in einer Hand und werden gemeinsam koordiniert. Kaufmann Bausysteme, auf Holz- und Holzmodulbau spezialisiert, war in Rostock deshalb mehr als der Lieferant der Zimmer. Die Architektur stammt von Sauerbruch Hutton aus Berlin, die Tragwerksplanung für den Holzbau verantwortete merz kley partner aus Dornbirn.

641 Module aus einer Fabrik auf Zeit

Für das Projekt entstand in Rostock eigens eine Produktionslinie. Laut Bundesbau-Dokumentation werden dort bis zu acht Wohneinheiten pro Tag gefertigt. ROCKWOOL beschreibt die Anlage in einer technischen Projektdokumentation genauer: In der Halle in Hinrichsdorf wurden 641 Module hergestellt, bis zu 36 davon gleichzeitig in der Linie. Bis zu zehn Module pro Tag wurden ausgeliefert. Zwischen Oktober 2024 und März 2025 arbeiteten bis zu 80 Mitarbeitende von Kaufmann in der Halle. Zum Stapeln und Verbinden der Module auf der Baustelle kamen laut der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) acht Kräne zum Einsatz.

Nicht alle Module entstanden in der Rostocker Halle. Ein Teil der Holzbauteile wurde laut FNR in Österreich vorgefertigt und in Rostock komplettiert. Wie sich die rund 1.000 Module auf beide Standorte verteilen, ist in den veröffentlichten Projektunterlagen nicht aufgeschlüsselt.

Der Lageplan zeigt das Lehrgebäude im Norden sowie die beiden langgestreckten Wohngebäude im südlichen Teil des Campus.

- © ST raum a

Sieben Geschosse, rund 620 Unterkünfte

Die beiden Wohngebäude nennt Kaufmann „Wohnzwillinge“. Beide haben sieben Geschosse. Tiefgarage, Erdgeschoss und Erschließungskerne bestehen aus Stahlbeton, die Wohnbereiche in den Obergeschossen aus Holzmodulen. Nach der Bundesbau-Projektseite gibt es 600 Einzelzimmer, acht Eltern-Kind-Zimmer und zwölf barrierefreie Zimmer, Kaufmann und PRIMUS sprechen von 624 Wohneinheiten. In den Obergeschossen liegen Gemeinschaftsküchen, im Erdgeschoss Aufenthaltsräume und ein Fitnessbereich.

Sauerbruch Hutton beschreibt leichte Knicke in den langgestreckten Baukörpern, farblich behandelte Fassaden und unterschiedlich gegliederte Flurbereiche.

130 Meter Lehrgebäude aus Holz und Beton

Das viergeschossige Lehrgebäude ist nach Beschreibung von Sauerbruch Hutton rund 130 Meter lang, ein „Groundscraper“: ein Gebäude, das sich in die Länge statt in die Höhe entwickelt. Im Erdgeschoss befinden sich Mensa, Audimax, ein großer Lehrsaal und die Bibliothek. Lehrsäle, Gruppenarbeitsräume, Büros und Servicebereiche reihen sich entlang einer viergeschossigen inneren Magistrale, laut FNR zweigen zehn „Finger“ seitlich davon ab.

Anders als die Wohnhäuser besteht das Lehrgebäude nicht aus gleichförmigen Zimmermodulen. Wegen der unterschiedlichen Raumgrößen und technischen Anforderungen wurde es als Mischkonstruktion aus elementierter und modularer Holzbauweise ausgeführt. Elementiert bedeutet, dass flächige Wand- und Deckenteile vorgefertigt und auf der Baustelle zusammengesetzt werden; bei den Modulen kommen ganze Räume. Unter- und Erdgeschoss sowie die wesentlichen Haupterschließungsbereiche wurden aus statischen und brandschutztechnischen Gründen in Stahlbeton ausgeführt. Die Obergeschosse kombinieren vorgefertigte Holzbauelemente und Raummodule.

Die beiden siebengeschoßigen Wohnriegel rahmen einen begrünten Freiraum. Im Hintergrund ist das Lehrgebäude des neuen Hochschulcampus zu sehen.

- © Jan Bitter

11.600 Kubikmeter Holz

Rund 11.600 Kubikmeter Holz wurden laut FNR im Campus verbaut. Die Obergeschosse der drei Baukörper bestehen demnach zu rund 90 Prozent aus Holz, der Stahlbeton konzentriert sich auf Sockel-, Erschließungs- und Untergeschosse. Das Holz stammt laut Bundesbau aus Mitteleuropa, die Hauptbaumart ist Fichte. Wände, Böden und Decken der Module bestehen laut ROCKWOOL aus Brettsperrholz, also aus kreuzweise verleimten Holzlagen, das Holz ist zertifiziert und stammt aus nachhaltiger Waldbewirtschaftung. Allein die Bodenplatten der Module ergäben rund 21.000 Quadratmeter Fläche.

PRIMUS nennt die verkürzten Transportwege durch die regionale Produktion als Beitrag zur CO₂-Reduktion.

F 90 bei 120 Millimetern Brettsperrholz

Die Haustechnik wird weitgehend schon in der Modulproduktion vorgerüstet. Nach dem Einheben werden die Leitungen zwischen den Modulen gekoppelt, dabei müssen sie brandsicher durch Holzdecken und -wände geführt werden.

ROCKWOOL beschreibt für die Wohngebäude ein gemeinsam mit Kaufmann entwickeltes Abschottungssystem. Die Steig- und Fallstränge, also die vertikalen Leitungen, liegen auf der flurseitigen Modulseite und sind mit Schachtwänden getrennt. Für Durchdringungen in den Decken aus Brettsperrholz kam ein geprüftes System aus Steinwolle zum Einsatz. Bei 120 Millimeter starken Platten wurde laut ROCKWOOL die Feuerwiderstandsklasse F 90 erreicht, die Bauteile halten einem Brand also mindestens 90 Minuten stand. Die standardisierte Lösung reduziert nach Darstellung der Projektpartner Nacharbeit und Fehlerrisiko auf der Baustelle.

Innenraum des Lehrgebäudes: Sichtbare Holzbauteile prägen auch die gemeinschaftlich genutzten Bereiche des Hochschulcampus.

- © Jan Bitter

Silberniveau und 25 Prozent Firmen aus der Region

Beim Nachhaltigkeitskonzept wurde das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen des Bundes (BNB) sinngemäß angewendet, Ziel war das Silberniveau. Photovoltaikanlagen decken laut Bundesbau erhebliche Teile des Strombedarfs, im Betrieb erzeugen die Gebäude lokal keine CO₂-Emissionen. Die Wärme kommt aus dem Fernwärmenetz, die Lüftungsanlagen arbeiten mit Wärmerückgewinnung, im Lehrgebäude sorgen Heiz-/Kühldeckensegel für die Temperierung.

Retentionsdächer und Retentionsmulden halten Regenwasser zurück und geben es verzögert ab, eine Zisterne sammelt einen Teil des Regenwassers des Lehrgebäudes für die Bewässerung. Die Parkgarage ist begrünt, die Außenanlagen sind artenreich angelegt. Es gibt 192 Stellplätze in der Tiefgarage und 102 weitere im Nordosten, Park und Gartendeck bleiben autofrei beziehungsweise öffentlich zugänglich. 25 Prozent der beteiligten Firmen stammten laut Bundesbau aus der Region.

Eröffnung am 3. Juli 2026

PRIMUS meldete die Übergabe Anfang Februar 2026. Seit dem Frühjahr läuft der Hochschulbetrieb, die offizielle Eröffnung nahm Bundesfinanzminister Lars Klingbeil am 3. Juli 2026 vor.

Die zentrale Erschließungsachse des Lehrgebäudes verbindet die verschiedenen Ebenen und schafft zusätzliche Aufenthaltsbereiche für die Studierenden.

- © Jan Bitter

Factbox: Zollhochschule Rostock

  • Projekt: Neue Zollhochschule (Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung, Fachbereich Finanzen), Rostock-Lichtenhagen, Mecklenburg-Vorpommern
  • Bauherrin: Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), vertreten durch das Staatliche Bau- und Liegenschaftsamt Rostock
  • Totalübernehmer: Kaufmann Bausysteme GmbH, Reuthe (Vorarlberg), gemeinsam mit PRIMUS developments GmbH, Hamburg
  • Architektur: Sauerbruch Hutton, Berlin
  • Tragwerksplanung Holzbau: merz kley partner, Dornbirn
  • Gesamtkosten: rund 230 Millionen Euro (Bundesbau)
  • Baubeginn: Jänner 2024
  • Technische Abnahme und Übergabe: Jänner 2026
  • Offizielle Eröffnung: 3. Juli 2026
  • Kapazität: bis zu 600 Studierende, mehr als 130 Beschäftigte
  • Baukörper: ein viergeschossiges Lehrgebäude, zwei siebengeschossige Wohngebäude
  • Hauptnutzfläche: rund 25.300 m²
  • Bruttorauminhalt: rund 210.000 m³
  • Bruttogrundfläche: gut 50.000 m² (je nach Quelle 50.000 bis 55.000 m²)
  • Holzmodule: rund 1.000 laut Bundesbau (veröffentlichte Angaben je nach Projektstand 960 bis rund 1.100)
  • Wohnunterkünfte: 600 Einzelzimmer, 8 Eltern-Kind-Zimmer, 12 barrierefreie Zimmer (Bundesbau); 624 Wohneinheiten (Kaufmann/PRIMUS)
  • Holzmenge: rund 11.600 m³ (FNR), Holzanteil der Obergeschosse rund 90 Prozent
  • Lokale Modulproduktion: 641 Module in Rostock-Hinrichsdorf, bis zu 36 gleichzeitig in Bearbeitung, bis zu 10 Module pro Tag ausgeliefert (ROCKWOOL); Bundesbau: bis zu 8 Wohneinheiten pro Tag
  • Transportdistanz Halle–Baustelle: rund 13 km, bis zu 5 Transporte pro Tag
  • Montage: 8 Kräne (FNR)
  • Konstruktion Wohngebäude: Tiefgarage, Erdgeschoss und Erschließungskerne in Stahlbeton, Obergeschosse in Holzmodulbauweise
  • Konstruktion Lehrgebäude: Mischkonstruktion aus elementiertem und modularem Holzbau, Unter- und Erdgeschoss sowie wesentliche Erschließungsbereiche in Stahlbeton
  • Nachhaltigkeit: BNB sinngemäß, Ziel Silberniveau; Photovoltaik, Fernwärme, Wärmerückgewinnung, Retentionsdächer, Zisterne
  • Firmen aus der Region: 25 Prozent (Bundesbau)