Holzbau am Vormarsch : Höchstes Holz-Hochhaus der Welt: Warum die Tragstruktur aus Oberösterreich kommt
Rendering von Atlassian Central in Sydney: Mit 183 Metern und 39 Geschoßen wird der Turm das höchste hybride Holz-Hochhaus der Welt. Das Brettschichtholz für die Tragstruktur stammt vom oberösterreichischen Spezialisten wiehag.
- © WIEHAG Timber Construction GmbH183 Meter hoch, 39 Stockwerke, direkt über Sydneys Central Station errichtet, einem der meistfrequentierten Bahnhöfe Australiens. Wenn Atlassian Central 2026 eröffnet wird, ist es das höchste hybride Holz-Hochhaus der Welt. Es löst damit den bisherigen Rekordhalter ab, den Wohnturm Ascent in Milwaukee, der mit 86,6 Metern nicht einmal halb so hoch ist. Das Gebäude, das der australische Softwarekonzern atlassian gemeinsam mit dem Immobilienentwickler dexus realisiert, kostet rund 1,5 Milliarden australische Dollar und soll mehr als 5.000 Arbeitsplätze beherbergen. Dass ein wesentlicher Teil der Tragstruktur aus Oberösterreich stammt, macht das Projekt auch für die heimische Bauwirtschaft relevant.
Wiehag aus Altheim, 1849 als kleine Bauzimmerei gegründet, heute mit rund 400 Mitarbeitenden einer der führenden Holzbau-Spezialisten Europas, liefert 4.220 Kubikmeter Brettschichtholz für die sieben sogenannten Timber Habitats. Das sind dreistöckige Holzmodule, die zwischen Stahlbeton-Megadecken eingefügt werden und insgesamt 21 der 39 Geschoße ausmachen. Ergänzt wird das Holz durch 7.640 Kubikmeter Brettsperrholz-Decken des finnisch-schwedischen Herstellers stora enso. Insgesamt stecken über 30.000 Kubikmeter Massivholz im Gebäude, so viel wie in keinem anderen Hochhaus der Welt.
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Ein Holzgebäude im Stahlgerüst
Die Konstruktion folgt einem ungewöhnlichen Prinzip: ein Holzgebäude innerhalb eines größeren Gebäudes. Auf einem siebengeschoßigen Betonsockel ruht ein Stahlbeton-Kern, ergänzt durch ein stählernes Exoskelett, das die Windlasten aufnimmt. Holz allein könnte ein Bauwerk dieser Höhe nicht tragen, der Beton-Kern sorgt für Stabilität, das Stahlgerüst für die Steifigkeit gegen das Schwanken im Wind, und beide zusammen erlauben die Brandschutzwerte, die ein Hochhaus dieser Klasse erfüllen muss. In dieses Gerüst werden die Holz-Habitats eingehängt, nicht aufgestapelt. Entworfen wurde der Turm von den Architekturbüros shop architects aus New York und bvn aus Australien, die Tragwerksplanung verantwortet eckersley o'callaghan.
Anders als bei konventionellen Hochhäusern wächst der Bau nicht linear nach oben, sondern in einem parallelen Prozess. Während die Stahl- und Betonstruktur jeweils um fünf Geschoße vorauseilt, werden die Holzmodule in den bereits fertigen Zonen nachgezogen. dexus-Projektdirektor Peter Morley beschrieb das Verfahren so, dass man jeweils fünf Ebenen nach oben springe und während des Aufstiegs zurückkomme, um die Zonen mit Holz aufzufüllen. Der hybride Ansatz habe es dem Team erlaubt, das Gebäude schneller hochzuziehen und die Fassade früher anzubringen als bei einem traditionellen Bau. Errichtet wird der Turm von built im Joint Venture mit der japanischen obayashi corporation.
Stand der Bauarbeiten 2026
Mittlerweile ist der Turm weit gediehen: Anfang 2026 wurden die Brettsperrholz-Paneele und Brettschichtholz-Träger bereits in den oberen Geschoßen rund um Ebene 33 und 35 eingebaut. Laut dexus-Projektdirektor Peter Morley hat das Team die „technisch und strukturell anspruchsvollste Phase" des Projekts hinter sich gebracht; die Bauherren Built und Obayashi bestätigen, dass das Gebäude „im Zeitplan" für eine Eröffnung 2026 liegt. Ein exakter Fertigstellungstermin ist offiziell noch nicht bestätigt – je nach Quelle wird mit einer Eröffnung gegen Jahresende 2026 oder Anfang 2027 gerechnet. Das Council on Tall Buildings and Urban Habitat (CTBUH) bestätigt, dass Atlassian Central mit der Fertigstellung den Titel des höchsten hybriden Holz-Hochhauses der Welt übernehmen wird.
Stützen und Träger aus Oberösterreich
Für Wiehag umfasste der Auftrag Beratung, Arbeitsvorbereitung, Produktion, Transport und Montageberatung. Die vorgefertigten Brettschichtholz-Elemente, Stützen und Träger, wurden am Campus in Altheim produziert und nach Australien verschifft. Für CEO Erich Wiesner ein Projekt, das die Grenzen des Holzbaus verschiebt: „Atlassian Central zeigt, was mit Timber Engineering heute möglich ist, und wir sind stolz, eine zentrale Rolle darin zu spielen."
Die Vorfertigung ist dabei mehr als ein Produktionsdetail. Weil die Holzelemente millimetergenau im Werk gefertigt und dann auf der Baustelle nur noch eingekrant werden, reduzieren sich Lärm, Staub und Bauzeit vor Ort, ein Vorteil, der gerade über einem aktiven Großbahnhof in dichter Innenstadtlage zählt.
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Erich Wiesner, Eigentümer & Geschäftsführer von WIEHAGDer Atlassian Central ist ein Statement für Nachhaltigkeit und Innovation. Wir sind stolz darauf, mit unserer Expertise im Ingenieurholzbau und mit unserer Produktionskompetenz eine bedeutende Rolle in diesem Projekt zu spielen.
Halber CO2-Fußabdruck
Gegenüber einem konventionell errichteten Hochhaus reduziert Atlassian Central den verbauten CO2-Fußabdruck bei Tragwerk, Unterbau und Fassade um mindestens 50 Prozent. Im Betrieb soll der Turm vollständig mit erneuerbarer Energie laufen. Dazu kommt eine in die Fassade integrierte Photovoltaik-Anlage, die Strom direkt am Gebäude erzeugt und zugleich als Verschattung dient. Jedes der sieben Habitats verfügt über einen natürlich belüfteten Atrium-Park. Die hybride Belüftungsstrategie nutzt das milde Klima Sydneys, um über öffenbare Fassadenelemente frische Luft durch die Büros strömen zu lassen und den Bedarf an mechanischer Kühlung zu senken.
Das Gebäude ist kein reiner Büroturm. In den unteren Geschoßen ist ein Hostel der Kette YHA mit rund 450 Betten untergebracht, darüber liegen die Büroflächen. Atlassian Central steht im Viertel Haymarket und ist Teil von Tech Central, einem der größten Stadterneuerungsprogramme Australiens, das rund um die Central Station einen Innovationsdistrikt für Universitäten und Technologieunternehmen schaffen soll.
Eine Referenz von vielen
Atlassian Central reiht sich in eine Serie internationaler Wiehag-Referenzen: vom World of Volvo in Göteborg über das Anna Lindh House in Berlin bis zum Bestseller Logistics Center in den Niederlanden, das 2026 einen MIPIM Award gewann. Für die oberösterreichische Holzbaubranche ist der Sydney-Turm aber mehr als ein weiteres Projekt auf der Liste. Er ist der sichtbarste Beleg dafür, dass Brettschichtholz aus dem Innviertel im internationalen Hochhausbau angekommen ist, in einer Disziplin, die noch vor wenigen Jahren ausschließlich Stahl und Beton vorbehalten war.