Bauwirtschaft Oberösterreich : HABAU-CEO Wetschnig: "Projekte, die bis kurz vor Baubeginn geändert werden, sind nicht mehr wirtschaftlich"

Hubert Wetschnig CEO HABAU

13 Konzernunternehmen, 2,02 Milliarden Euro Bauleistung, ein Heimatmarkt: HABAU-CEO Hubert Wetschnig über Oberösterreich, den Schwenk zur Infrastruktur und mehr Verbindlichkeit am Bau.

- © Philipp Horak

SOLID: HABAU hat ihre Wurzeln in Perg und ist heute ein internationaler Konzern. Was bedeutet Oberösterreich heute noch als Heimatmarkt, emotional, strategisch und geschäftlich?

Hubert Wetschnig: Oberösterreich ist für die HABAU GROUP nicht nur der Ursprung unseres Unternehmens, es ist bis heute ein zentraler Teil unserer Identität. Als Familienunternehmen mit Wurzeln in Perg stehen wir seit 1913 für Beständigkeit, Verlässlichkeit und Innovationsgeist. Diese regionale Verankerung prägt unsere Unternehmenskultur ebenso wie unseren Anspruch, langfristige und nachhaltige Lösungen zu schaffen.

Strategisch bleibt Oberösterreich ein wichtiger Heimatmarkt, auch wenn wir heute international tätig sind. Gleichzeitig spüren wir auch hier die Herausforderungen im Hochbau deutlich. Die Projektpipeline ist in vielen Regionen weiterhin zurückhaltend, und viele Gemeinden benötigen finanzielle Unterstützung für dringend notwendige Investitionen. Umso wichtiger sind gezielte Impulse wie das Wohnbaupaket der Bundesregierung oder verbesserte Finanzierungskonditionen, um die Bauwirtschaft wieder stärker zu beleben.

Trotz des herausfordernden Marktumfelds bleibt Oberösterreich für uns ein bedeutender Standort, nicht zuletzt wegen unserer Mitarbeiter:innen, die mit ihrem Engagement und ihrer Kompetenz das Fundament unseres Erfolgs bilden.

Die HABAU GROUP nennt für 2024/25 rund 2,02 Milliarden Euro Bauleistung. Woher kommt derzeit das Wachstum: aus Oberösterreich, aus Österreich insgesamt, aus Deutschland oder aus bestimmten Sparten wie Tiefbau, Pipeline oder Stahlbau?

Ein aktueller Wachstumsmotor ist der Infrastrukturbau, insbesondere die Bereiche Energie-, Leitungs- und Tiefbau. Während der Hochbau weiterhin unter Druck steht, sehen wir hier einen nachhaltig hohen Investitionsbedarf und entsprechend attraktive Marktchancen. Genau hier profitieren wir von der breiten Aufstellung der HABAU GROUP und den spezialisierten Kompetenzen unserer 13 Konzernunternehmen. Diese Diversifikation sorgt für Stabilität und schafft zugleich Wachstumspotenziale. Regional betrachtet findet das Wachstum aktuell hauptsächlich in Deutschland statt. Unser Fokus liegt dabei konsequent auf Qualität, Produktivität und profitablem Wachstum.

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70 Prozent Tiefbau: warum die Infrastruktur den Konzern trägt

Hochbau und Tiefbau sind bei HABAU fast gleich stark. Ist das in der aktuellen Marktlage ein Stabilitätsfaktor, weil der Wohnbau schwächelt, Infrastruktur und Energie aber tragen?

Wir in der HABAU GROUP haben den Vorteil der breit gefächerten Konzernstruktur, in der wir als agiler Komplettanbieter nahezu alle Leistungsbereiche des Bauwesens bedienen. Während die Nachfrage im Hochbau nach wie vor schwächelt, verzeichnen wir eine sehr gute Auftragslage bei Infrastrukturprojekten wie Brückenbau, Pipelineprojekten, Leitungsbau, Tunnelbau und Großprojekten im Infrastrukturbau. Diese Diversifizierung ermöglicht es uns, die Herausforderungen im Hochbau auszugleichen und am Markt erfolgreich zu bleiben.

In den letzten drei Jahren hat sich der Schwerpunkt unseres Baugeschäfts stark in Richtung Infrastruktur verlagert: Heute entfallen rund 70 Prozent unseres Geschäfts auf den Tiefbau und 30 Prozent auf den Hochbau.

Wo sehen Sie in OÖ aktuell die stärkste Nachfrage, bei Eigentum, gefördertem Wohnbau, Sanierung, Nachverdichtung oder Quartiersentwicklung?

Die aktuell schwache lokale Nachfrage im Wohnbau in Oberösterreich kann durch zahlreiche Großprojekte der ASFINAG und ÖBB gut kompensiert werden. Vor allem im Infrastrukturbau ist die Nachfrage derzeit sehr hoch, was für eine stabile Auslastung sorgt.

Während der Hochbau weiter unter Druck steht, sorgen Infrastrukturprojekte in Bereichen wie Tiefbau, Leitungsbau, Pipeline und Brückenbau für stabile Auslastung bei der HABAU GROUP.

- © Joel_Kernasenko/HABAU GROUP

Wohnen und Gewerbe in Linz: LoveYouGoethe und der Dynatrace-Campus

Mit LoveYouGoethe baut HABAU Immobilien mitten in Linz ein urbanes Wohnprojekt mit Eigentumswohnungen, Co-Working, Gewerbe und Innenhof. Was muss ein innerstädtisches Wohnprojekt heute können, damit es trotz hoher Preise und Finanzierungskosten funktioniert?

Ein urbanes Wohnprojekt muss heute mehr können als nur Wohnraum bieten. Wichtig sind ganzheitliche Konzepte, die Lebensqualität, Nachhaltigkeit und flexible Nutzung verbinden. Gerade bei hohen Bau- und Finanzierungskosten zählen langfristiger Mehrwert, energieeffiziente Bauweise und attraktive Gemeinschaftsflächen noch stärker.

Mit „LoveYouGoethe" setzen wir genau darauf: Das Projekt verbindet modernes Wohnen mit Co-Working, Gewerbe und einem begrünten Innenhof und schafft damit ein urbanes Umfeld, das Wohnen, Arbeiten und Leben kombiniert. So entstehen zukunftsfitte Lebensräume mit nachhaltiger Qualität.

Beim Dynatrace-Campus in Linz geht es um eine große innerstädtische Erweiterung mit PV, Begrünung und neuen Mobilitätslösungen. Ist das die Blaupause für künftige Büro- und Gewerbeprojekte in Oberösterreich?

Der Dynatrace-Campus in Linz zeigt, wohin sich moderne Büro- und Gewerbeprojekte entwickeln: Nachhaltigkeit, energieeffiziente Mobilitätslösungen, Begrünung und flexible Arbeitswelten werden künftig Standard sein. Entscheidend ist dabei auch die Attraktivität für Fachkräfte, also Orte zu schaffen, die Innovation fördern und gleichzeitig hohe Aufenthaltsqualität bieten.

Ein wichtiger Baustein ist dabei auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, etwa durch den firmeneigenen Betriebskindergarten. Genau diesen Ansatz verfolgen wir auch in der HABAU GROUP: Mit Angeboten wie unserer Krabbelstube „BauZwerge" in der Konzernzentrale HAB 1 in Perg, dem Elterncafé sowie unserer Sommerbetreuung schaffen wir gezielt Rahmenbedingungen, die Familien im Arbeitsalltag entlasten und langfristig attraktive Arbeitsplätze sichern.

Fachkräfte, Vorfertigung und Dekarbonisierung

HABAU investiert in Perg und Linz stark in eigene Standorte, HAB 1, HAB 25, Hohldielenwerk, Kinderbetreuung. Wie stark ist das auch ein Wettbewerb um Fachkräfte?

Der Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte in der Baubranche ist insgesamt sehr intensiv, auch wir spüren das und haben laufend offene Positionen. Das unterstreicht unser Wachstum, zeigt aber auch, wie wichtig eine vorausschauende Mitarbeiter:innengewinnung geworden ist.

Unsere Investitionen in unsere Standorte oder auch in Infrastruktur wie Kinderbetreuung sind daher klar Teil unserer Arbeitgeberstrategie. Es geht darum, attraktive Rahmenbedingungen zu schaffen: eine moderne Arbeitsumgebung, diverse Ausbildungsangebote sowie Angebote zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Unser Ziel ist dabei nicht nur, Fachkräfte zu gewinnen, sondern sie langfristig zu entwickeln und im Unternehmen zu halten. Deshalb setzen wir stark auf Nachwuchsarbeit, Ausbildung und individuelle Entwicklungsmöglichkeiten über alle Karrierestufen hinweg. So positionieren wir uns aktiv als Arbeitgeber der Zukunft.

Die neue Hohldielenproduktion in Perg setzt auf Automatisierung, BIM-basierte Planung und größere Fertigteile. Wie viel Produktivität kann industrielles Vorfertigen am Bau tatsächlich bringen, und wo sind die Grenzen?

Industrielles Vorfertigen bringt am Bau deutlich mehr Produktivität, weil Arbeitsabläufe standardisiert, planbarer und effizienter werden. In unserer Hohldielenproduktion in Perg sorgen Automatisierung und BIM-basierte Planung dafür, dass Bauteile präziser gefertigt und größere Elemente in kürzerer Zeit hergestellt werden können. Das vereinfacht die Arbeitsabläufe für die Mitarbeiter:innen spürbar und erhöht gleichzeitig das Sicherheitsniveau durch automatisierte Anlagen und zusätzliche Sicherheitssysteme.

Ihr Nachhaltigkeitsbericht zeigt: Scope 1 und 2 gehen zurück, die großen CO2-Hebel liegen aber in Scope 3, also vor allem bei Material und Lieferkette. Wie realistisch ist Dekarbonisierung am Bau ohne massive Kostensteigerungen?

Bei der HABAU GROUP arbeiten wir kontinuierlich daran, den Energieverbrauch auf unseren Baustellen, beim Transport sowie an unseren Standorten zu senken. Unsere Vision für eine emissionsarme Baustelle geht über reine Kompensation hinaus: Wir setzen gezielt auf Maßnahmen zur aktiven Reduktion von CO2-Emissionen. Dieser Ansatz schafft ein ehrliches Bewusstsein für die ökologischen Herausforderungen im Bauwesen und fördert die Entwicklung konkreter Strategien zur Verringerung unseres ökologischen Fußabdrucks.

Mit Investitionen in Standorte, Kinderbetreuung und die automatisierte Hohldielenproduktion in Perg setzt HABAU auf Produktivität, Mitarbeiterbindung und industrielle Vorfertigung.

- © PhilippHorak

Mehr Verbindlichkeit in der Planung: was sich bei Bauverträgen ändern muss

Sie sprechen im Umfeld des Baukongresses über Partnerschaft, alternative Vertragsmodelle und KI. Was müsste sich bei Ausschreibungen, Bauverträgen und Projektkultur ändern, damit Bauprojekte schneller, konfliktärmer und wirtschaftlicher werden?

Wichtig ist vor allem mehr Verbindlichkeit in der Planung und Umsetzung. Projekte, die bis kurz vor Baubeginn laufend verändert werden, sind heute weder wirtschaftlich noch effizient darstellbar. Hier gilt, früher klare Entscheidungen zu treffen und diese dann auch konsequent einzuhalten. Häufige Änderungen führen zu hohen Ineffizienzen und unnötigen Mehrkosten.

Herr Wetschnig, vielen Dank für das Gespräch.
Sehr gerne, ich danke Ihnen.

Zur Person: Hubert Wetschnig

Funktion: CEO der HABAU GROUP mit Sitz in Perg, Oberösterreich. Wetschnig ist seit April 2017 CEO der Unternehmensgruppe und zugleich Geschäftsführer der HABAU Hoch- und Tiefbaugesellschaft m.b.H. Seit 1. April 2023 ist er Vorsitzender der Fachvertretung Bauindustrie in der WKO Oberösterreich; 2025 wurde er für die Funktionsperiode 2025 bis 2030 erneut zum Vorsitzenden gewählt.

Ausbildung: Studium des Bauingenieurwesens an der Technischen Universität Graz, abgeschlossen 1988 als Diplom-Ingenieur.

Werdegang: Wetschnig begann seine Laufbahn 1990 im Hochbau der damaligen STUAG AG in Wien. Nach deren Eingliederung in die STRABAG im Jahr 1997 war er dort im Ingenieurbau tätig, zuletzt als Prokurist. 2004 wechselte er zur PORR und bekleidete dort bis 2017 mehrere Führungsfunktionen, darunter Positionen bei der PORR Technobau und Umwelt AG, der PORR Projekt und Hochbau AG sowie zuletzt im Executive Board der PORR Bau GmbH. Seit April 2017 führt er die HABAU GROUP.

Schwerpunkte: Unter Wetschnig treibt die HABAU GROUP interne Veränderungsprozesse und die Digitalisierung voran. Deutschland ist ein wichtiger Markt der Gruppe; sichtbar wird dies unter anderem an großen Infrastrukturprojekten wie der Erneuerung der Talbrücke Rahmede in Nordrhein-Westfalen und dem Neubau der Ringbahnbrücke in Berlin.