Kulturbau in Kroatien : Big baut sein erstes Musikhaus im Feld: Wiehag liefert die gebogenen Holzträger
Im Bauzustand wird die Konstruktion hinter der späteren Fassade sichtbar: Gebogene Brettschichtholzträger spannen zwischen den massiven Hallenvolumen und formen den zentralen Zwischenraum der EVE Music Hall.
- © SIRRAH projekt & BIGGroße Kalksteinplatten senken sich entlang der Fassaden bis zum Boden, öffnen sich an den Eingängen und wirken wie schwere Theatervorhänge, die gerade zur Seite gezogen werden. Von außen betrachtet, ist die EVE Music Hall in Čepin bei Osijek zunächst ein Gebäude aus Stein. Erst zwischen den beiden Veranstaltungshallen kippt dieser Eindruck vollständig.
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Hinter dem Stein kommt Holz
Im Zentrum des Komplexes liegt ein gemeinsames öffentliches Foyer, das die beiden Hallen verbindet. Dort wird der steinerne Schleier von einer skulpturalen Mass-Timber-Konstruktion getragen, die über dem Foyer eine beinahe zeltartige Dachlandschaft formt. Wiehag beschreibt seinen Beitrag als markante gebogene Brettschichtholzträger, die als integraler Bestandteil der Architektur Form und Charakter des Foyers prägen. Das Holz bleibt dabei durchgehend sichtbar, es verschwindet nicht hinter Verkleidung oder abgehängten Decken, sondern gehört zum eigentlichen Raumerlebnis.
Die Eve Music Hall ist als musikalischer Ausbruch am unendlichen Horizont der slawonischen Felder konzipiert. Fassaden aus Holz und Stein hängen wie Stoffbahnen herab, sie verbinden die Vertikalität der Säle mit der Horizontalität der Landschaft. Das zentrale Foyer wird von den beiden spiegelverkleideten Wänden der Konzertsäle gerahmt, die das zeltartige Holzdach optisch bis ins Unendliche wiederholen.Bjarke Ingels, Gründer und Creative Director Big (übersetzt aus dem Englischen)
Der österreichische Anteil
Wiehag mit Sitz im oberösterreichischen Altheim liefert für Eve nicht die gesamte Holzkonstruktion. Auf der eigenen Projektseite beschreibt das Unternehmen ausdrücklich die Lieferung der gebogenen Brettschichtholzträger und bestätigt, den lokalen Holzbaupartner Stenavert bei der Realisierung unterstützt zu haben. Stenavert wiederum bezeichnet sich in einer Reaktion auf Bigs offizielle Projektveröffentlichung selbst als Verantwortlichen für die komplette Holzstruktur.
Die saubere Rollenverteilung lautet damit: Gesamtkonzept und Entwurf liegen bei Big, lokaler Planungspartner ist Sirrah projekt, für Bühnentechnik und Venue-Planung zeichnet Theatre Projects verantwortlich, die vollständige Holzstruktur führt laut eigener Angabe Stenavert aus, und die prägenden gebogenen BSH-Schlüsselbauteile stammen aus Wiehags Lieferumfang. Zu Trägeranzahl, Spannweiten, Holzvolumen oder Fertigungsort dieser Bauteile liegen derzeit keine öffentlich belastbaren Angaben vor.
Zwei Musikboxen, ein gemeinsames Foyer
Im Kern sind die beiden großen Veranstaltungssäle zunächst pragmatische, geschlossene Volumen, funktionale Baukörper, die Big selbst sinngemäß als „Musikboxen" beschreibt. Der größere davon fasst den eigentlichen Musikveranstaltungsbereich, mit 1.021 Sitzplätzen und einer Kapazität von bis zu 2.800 Personen im Konzertmodus, der kleinere dient als Congress Hall für Konferenzen und ergänzende Programme. Beide Volumen stehen räumlich getrennt und werden durch das zentrale öffentliche Foyer beziehungsweise Experience Center verbunden, der Kongresssaal liegt näher an einer angrenzenden Klinik, der Musiksaal näher an Produktions- und Logistikbereichen. Beide Hallen können weitgehend unabhängig voneinander funktionieren.
Die eigentliche architektonische Transformation findet außen und zwischen diesen beiden Volumen statt: In der Kalksteinfassade, die um die Hallen gelegt wird, und im hölzernen Zwischenraum, der sie verbindet.
Warum die Fassade tatsächlich wie ein Vorhang funktioniert
Die gefalteten Kalksteinflächen erfüllen mehrere Aufgaben gleichzeitig. Sie vermitteln zwischen dem großen Maßstab der Hallenvolumen und dem Boden, ihre geneigten Flächen laufen zur Erde aus, statt abrupt zu enden. An bestimmten Punkten öffnen sich Schlitze in den gefalteten Oberflächen und bilden Zugänge, die Besucher ins Innere einladen. Big leitet die lineare Geometrie zudem ausdrücklich von den Mustern der umliegenden, landwirtschaftlich genutzten Landschaft ab, horizontale und gefaltete Linien vermitteln zwischen Gebäude und flacher Agrarlandschaft. Gleichzeitig trennen die unterschiedlichen Öffnungen öffentliche Besucherströme von separaten Zugängen für Künstler, Personal und Logistik.
Spiegel machen aus einer Holzdecke unendlich viele
Die zum Foyer gerichteten Wände der beiden Hallen sind spiegelnd ausgeführt. Dadurch wird die zeltartige Holzstruktur zwischen den Hallen optisch immer wieder reflektiert, wie Bjarke Ingels selbst beschreibt, bis ins scheinbar Unendliche. Wiehag liefert reale, physisch begrenzte Holzträger, die Spiegelwände machen daraus optisch weit mehr Tragwerk, als tatsächlich vorhanden ist. Anders als bei vielen Holzbauprojekten steht hier weder Kohlenstoffbindung noch Rekordspannweite im Mittelpunkt, sondern Holz als sichtbare Architektur und Wahrnehmungseffekt.
Warum ausgerechnet ein Feld in Slawonien
Viele Konzerthäuser leben städtebaulich von Platz, Straße oder Stadtkante. Eve lebt vom Gegenteil: Čepin liegt in der landwirtschaftlich geprägten Region Slawonien, das Gebäude steht zwischen offenen Feldern und Baumlinien, sämtliche Fassaden sind zur umgebenden Landschaft hin ausgerichtet. Statt einer unauffälligen Rückseite für Anlieferung und Service versucht der Entwurf, dem Bauwerk rundum eine gestalterische Front zu geben, genau diesen Gegensatz nennt Big als wesentlichen konzeptionellen Widerspruch des Projekts.
Das Kulturhaus steht dabei nicht isoliert im offenen Feld. Big beschreibt Eve als Mittelpunkt einer größeren Anlage, die entlang einer zentralen Achse unter anderem Klinik, Gastronomie und weitere Veranstaltungsbereiche verbindet. Entwickelt wird das Projekt vom kroatischen Unternehmer Marko Pipunić im Rahmen des breiteren Geschäfts- und Tourismusökosystems der Žito Group, mehrere Medien bezeichnen es als die größte private Kulturinvestition in der Geschichte Kroatiens. Der Name Eve selbst entstand in einem Markenentwicklungsprozess der Londoner Agentur North Design aus mehr als hundert Vorschlägen, er soll den Moment kurz vor der ersten Note symbolisieren.
Bigs erste fertiggestellte Musikhalle steht ausgerechnet hier
Für Big ist Eve gleich in doppelter Hinsicht eine Premiere: das erste eigene Projekt des Büros in Kroatien, und bei planmäßiger Fertigstellung die erste vollständig realisierte Musikveranstaltungsstätte des Studios überhaupt, nach zahlreichen Kulturbauten weltweit. Ausgerechnet in der slawonischen Ebene, nicht in New York, Kopenhagen oder London, soll damit Bigs erstes fertiges Musikhaus stehen.
Big nennt für die Eröffnung weiterhin Anfang 2027, bei der Projektpräsentation im Juni wurde bereits ein konkreter Termin genannt: der 11. März 2027, mit einem Auftritt von Chor und Symphonieorchester des kroatischen Rundfunks HRT.
Aktueller Stand
Am 2. Juni 2026 wurde das Projekt erstmals in größerem Rahmen direkt auf der Baustelle präsentiert, mit einem Auftritt des Pianisten Peter Bence bereits während der laufenden Bauphase. Die Halle befindet sich weiterhin im fortgeschrittenen Ausbau, ein konkreter, öffentlich genannter Fertigstellungsgrad liegt nicht vor. Wenn 2027 die ersten regulären Besucher durch die Öffnungen im Kalkstein treten, werden sie von außen zunächst vor allem den schweren Stein wahrnehmen. Im Inneren kippt das Verhältnis: Dort prägt die sichtbare Holzstruktur den zentralen Raum, während Spiegel die gebogenen Träger scheinbar über ihre tatsächlichen Grenzen hinaus fortsetzen, und genau dort liegt der Teil des Gebäudes, den jeder Besucher sehen wird und an dem Wiehags Lieferumfang sichtbar bleibt.
FACTBOX: EVE Music Hall
Projekt: EVE Music Hall
Ort: Čepin, Region Slawonien, Kroatien
Architektur: Big – Bjarke Ingels Group (Partner-in-Charge: Bjarke Ingels, João Albuquerque; Projektleitung: Igor Russo; Design Lead: Stefani Fachini De Araujo)
Lokaler Planungspartner: Sirrah projekt
Venue-/Theaterberatung: Theatre Projects
Bauherr/Investor: Marko Pipunić (Žito Group)
Status: im Bau, fortgeschrittener Ausbau
Fläche: rund 10.000 m²
Gebäude
- Hauptbereiche: Music Hall und Congress Hall, verbunden durch zentrales öffentliches Foyer / Experience Center
- weitere Nutzungen: Ausstellungsflächen, Café, Dach- und Außenveranstaltungsflächen
- Music Hall: 1.021 Sitzplätze, bis zu 2.800 Personen im Konzertmodus
- Kapazität gesamt: rund 4.000 Gäste innen, bis zu 25.000 bei Außenveranstaltungen (laut sekundären Berichten zur Projektpräsentation)
Material und Konstruktion
- Fassade: lokaler slawonischer Kalkstein, gefaltet, zum Boden auslaufend
- Innenraum: sichtbare Mass-Timber-Struktur, spiegelnde Hallenwände zum Foyer
- österreichischer Anteil: Wiehag Timber Construction (Altheim, Oberösterreich), Lieferung gebogener Brettschichtholzträger
- vollständige Holzstruktur laut eigener Angabe: Stenavert (lokaler Holzbaupartner)
Bedeutung: erstes Projekt von Big in Kroatien; voraussichtlich erste fertiggestellte Musikveranstaltungsstätte des Büros
Eröffnung: Anfang 2027 (Big); konkret angekündigt für 11. März 2027 (laut HRT)
Aktueller Anlass: öffentliche Projektpräsentation auf der Baustelle am 2. Juni 2026