Netzausbau als Bautreiber : 9 Milliarden für Österreichs Stromnetz: Wie die APG zum Großbauherrn der Energiewende wird

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Leitungen, Masten, Umspannwerke: Hinter dem 9-Milliarden-Programm der APG steht eine Auftragswelle für die Bauwirtschaft – die Energiewende wird zur Baustelle.

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Anfang April präsentierten die Austrian Power Grid (APG) und das Wirtschaftsministerium den Netzentwicklungsplan bis 2035. Die zentrale Zahl: In den kommenden zehn Jahren sollen rund 9 Milliarden Euro in den Um- und Ausbau des österreichischen Höchstspannungsnetzes fließen. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer nannte den Netzausbau ein „zentrales Konjunkturprogramm" und verwies auf rund 90.000 gesicherte oder geschaffene Beschäftigungsverhältnisse sowie fiskalische Effekte von rund 2,8 Milliarden Euro.

Hinter dem Begriff „Netzausbau" verbergen sich tatsächlich Tiefbau, Leitungsbau, Umspannwerksbau, Stahlbau, Elektromontage, Spezialtransporte, Geotechnik und Hochspannungstechnik. Wer wissen will, wo in Österreich in den nächsten Jahren gebaut wird, kommt an diesem Programm nicht vorbei.

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Worum es bei den 9 Milliarden wirklich geht

Die 9 Milliarden Euro sind keine Einzelvergabe, sondern ein Investitionsprogramm bis 2035 – ein Portfolio aus vielen Projekten, Gewerken und Vergaben. Der Investitionshochlauf läuft bereits. 2026 investiert die APG österreichweit 680 Millionen Euro, nach 595 Millionen 2025, 440 Millionen 2024 und 490 Millionen 2023. Die Kurve zeigt also klar nach oben.

Die APG betreibt das österreichische Höchstspannungsnetz mit rund 3.500 Kilometern Trassenlänge und 67 Umspannwerken, gehalten von rund 1.000 Spezialistinnen und Spezialisten. Die Versorgungssicherheit lag auch 2025 bei 99,99 Prozent. Dieses Netz stammt aber in weiten Teilen aus einer anderen Energie-Epoche: Viele Anlagen sind Jahrzehnte alt und für eine Stromwelt ausgelegt, in der Erzeugung planbar und zentral war – nicht für volatilen Wind- und Sonnenstrom.

APG-Vorstandssprecher Gerhard Christiner wartet „sehnsüchtig" auf das EABG: Für ihn entscheiden beschleunigte Genehmigungsverfahren darüber, ob der 9-Milliarden-Ausbaupfad bis 2035 zu halten ist.

- © APG/Huger/Austrian Power Grid/APA-Fotoservice

Warum überhaupt gebaut werden muss

Der Treiber ist ein doppelter Umbruch. Erstens drängen gewaltige Mengen erneuerbarer Erzeugung ins Netz: APG-Vorstandssprecher Gerhard Christiner verwies bei der Präsentation auf Netzzutrittsanfragen aus Industrie und Wasserstoffproduktion in der Größenordnung von rund 1.900 Megawatt – plus rund 2.500 Megawatt zusätzlichen Bedarf aus Rechenzentren. Zweitens entsteht ein geografisches Ungleichgewicht: Viel Wind- und PV-Strom kommt aus dem Osten Österreichs, während die großen Speicher – die Pumpspeicherkraftwerke – in den Alpen im Westen liegen. Es braucht also stärkere Ost-West-Achsen, um den Strom dorthin zu bringen, wo er gespeichert oder gebraucht wird.

Damit wird der Netzausbau zur Standortfrage. Ob die voestalpine ihre Stahlproduktion elektrifizieren kann, ob sich Rechenzentren ansiedeln, ob die Industrie dekarbonisiert – all das hängt an Leitungen, Umspannwerken und Transformatoren. Christiner formuliert es als Wettlauf: Der Ausbau entscheide, ob Investitionen ins Land kommen oder abwandern.

Was „Netzausbau" baulich bedeutet

Übersetzt man das Programm in Gewerke, wird der bauwirtschaftliche Kern sichtbar. Es geht um neue und ertüchtigte 380-kV-, 220-kV- und 110-kV-Leitungen, um Mastfundamente, Mastmontage und Seilzug, um Umspannwerke und Schaltanlagen, um Transformatoren von mehreren hundert Tonnen Gewicht, um Schaltfelder, Portale, Kabelanlagen und Kompensationsanlagen. Dazu kommen Zufahrten und Baustraßen, der Rückbau alter Leitungen und Masten, aufwendige Spezialtransporte und der heikelste Teil: das Bauen bei laufendem Netzbetrieb.

Wie konkret das wird, zeigt das Umspannwerk Ernsthofen im Bezirk Amstetten, eines der wichtigsten Stromkreuze des Landes. Allein die Erneuerung der 220-kV-Schaltanlage erstreckt sich über rund 71.000 Quadratmeter – etwa zehn Fußballfelder. Verbaut werden dort nach APG-Angaben rund 30.000 Kubikmeter Beton, bewegt werden 110.000 Kubikmeter Erde, montiert 1.400 Tonnen Stahl. Hinzu kommen rund 20 Kilometer Seile und Rohre, 450 Kilometer Kabel und 5.400 Hochspannungsklemmen. Die APG investiert hier rund 140 Millionen Euro, die Fertigstellung ist für 2029 vorgesehen.

Ein Detail aus Ernsthofen illustriert, wie sehr solche Projekte zu Logistik- und Bauaufgaben werden: Der Stahl wird über den werkseigenen Gleisanschluss per Zug angeliefert, was gegenüber dem Lkw-Transport bis zu 97 Prozent CO₂ spart. Und der Ersatzneubau der regionalen Steuerwarte erfolgte, wie die APG betont, „im lebenden System" – also bei durchlaufendem Betrieb des Netzknotens. Das ist die Königsdisziplin im Umspannwerksbau: umbauen, ohne abzuschalten.

Die großen Projektcluster

Der Netzausbau verteilt sich auf mehrere regionale Schwerpunkte, die je eigene Bauaufgaben mitbringen.

  • Linz, 19. März 2026 ? Gerhard Christiner, Vorstandssprecher der Austria Power Grid GmbH (APG), Wirtschafts- und Energie-Landesrat Markus Achleitner sowie Christian Helmenstein, Mitglied des Vorstands und Geschäftsführer von Economica, bei einem Medientermin zur sicheren Stromversorgung im Zentralraum Oberösterreich und der Präsentation volkswirtschaftlicher Effekte im OÖ Presseclub in Linz.
    Zentralraum Oberösterreich

    Der stärkste Cluster ist der Zentralraum Oberösterreich. APG, Netz OÖ und Linz Netz investieren gemeinsam rund 800 Millionen Euro in einen neuen 220-kV-Versorgungsring, der das über 70 Jahre alte 110-kV-Netz rund um Linz ablöst. Verbunden werden die Umspannwerke Ernsthofen, Pichling, Hütte Süd, Wegscheid und Kronstorf. Das Herzstück sind zehn neue Transformatoren. Ihre Anlieferung ist jedes Mal ein logistisches Großereignis: Im März 2026 rollte ein 272 Tonnen schwerer Transformator vom Siemens-Energy-Werk in Weiz per Bahn nach Asten und von dort auf einem Tragschnabelwagen die letzten 3,7 Kilometer ins Umspannwerk Pichling – fertig aufgerüstet bringt so ein Gerät rund 445 Tonnen auf die Waage. Eine Economica-Studie beziffert allein für dieses Projekt rund 422 Millionen Euro Bruttowertschöpfung und 4.400 Jahresarbeitsplätze.

  • APG Uebersichtskarte Deutschland CS
    Deutschlandleitung

    Die 380-kV-Deutschlandleitung verbindet den APG-Netzknoten St. Peter am Hart mit dem bayerischen Netz der TenneT. Auf österreichischer Seite sind es nur rund 2,5 Kilometer – aber mit acht massiven Masten, von denen der größte rund 320 Tonnen wiegt und etwa 78 Meter hoch ist. Die acht Maststandorte verlangen tief gegründete Fundamente mit Bohrpfählen bis in 35 Meter Tiefe und Spundwandsicherung. APG investiert rund 100 Millionen Euro in Leitung und Umspannwerksausbau, die Inbetriebnahme ist für 2027 geplant; danach werden die alten 220-kV-Leitungen aus den 1940er- und 1960er-Jahren demontiert.

  • Netzausbau APG Ostöstertreich
    Netzverstärkung Ost

    Im Osten geht es um die Integration von Wind und PV. Das Umspannwerk Sarasdorf nahe Bruck an der Leitha wird von APG und Netz Niederösterreich bis 2029 zu einer zentralen Drehscheibe ausgebaut, mit elf zusätzlichen 380-kV-Schaltfeldern und zwei 380/110-kV-Großtransformatoren; die APG-Investition liegt bei rund 130 Millionen Euro. Eine Besonderheit am Rande: Vor dem Bau förderten Archäologen auf dem Areal Funde von der Bronze- bis zur Römerzeit zutage – Infrastrukturbau trifft auf 4.000 Jahre Besiedlungsgeschichte.

  • APG Netzausbau Kärnten
    Netzraum Kärnten

    Der künftig größte Brocken ist der Netzraum Kärnten, mit dem der 380-kV-Ring im Süden geschlossen werden soll. APG und Kärnten Netz sprechen von rund 190 Kilometern Trassenlänge durch 36 Gemeinden, davon rund 173 Kilometer mit Mitführung einer neuen 110-kV-Leitung. Die Detailplanung läuft bis Ende 2026 – und hier liegt zugleich die große Genehmigungs- und Akzeptanzfrage der kommenden Jahre: Trasse, Maststandorte, Naturraum, Bürgerbeteiligung.

Wer am Netzausbau mitbaut

Einen offiziellen „Gewinner" des 9-Milliarden-Programms gibt es nicht, und seriös lässt er sich auch nicht ausrufen – das Programm besteht aus vielen Einzelvergaben über Jahre. Über öffentliche Projektmeldungen wird aber sichtbar: Der Netzausbau landet nicht nur bei Elektrokonzernen, sondern quer durch Bau, Tiefbau, Leitungsbau und Hochspannungstechnik. Für den Freileitungsbau ist etwa Cteam Leitungsbau Österreich bei der Deutschlandleitung mit Vormontage, Mastmontage, Seilzug und Demontage dokumentiert, die tief gegründeten Mastfundamente führt ein oberösterreichischer Tiefbauer aus. Bei den Umspannwerken treten spezialisierte Energietechnik- und Montageunternehmen auf: SPIE erweitert im APG-Auftrag das Umspannwerk Kronstorf, VESCON Energy übernahm für den Ausbau Sarasdorf nach eigenen Angaben den bisher größten Auftrag der Firmengeschichte – mit über 214 Kilometern Kabel, rund 2.460 Tonnen Stahlbauteilen und 90 Tonnen Hochspannungsklemmen. Die Riesentransformatoren wiederum stammen aus dem Siemens-Energy-Werk in Weiz. Klassische Bauleistungen – Erdbau, Fundamente, Gebäude, Zufahrten – sind in jedem dieser Projekte enthalten und werden laufend an Bauunternehmen vergeben.

Spatenstich für die 380-kV-Deutschlandleitung in Simbach am Inn (v.l.n.r.): Thomas Karall, Gerhard Christiner, Tim Meyerjürgens, Markus Söder, Hubert Aiwanger und Markus Achleitner. Die grenzüberschreitende Leitung verbindet den APG-Netzknoten St. Peter am Hart mit dem bayerischen Netz der TenneT.

- © Austrian Power Grid

Der eigentliche Engpass ist nicht das Geld

Anders als in vielen anderen Bausegmenten ist die Finanzierung beim Netzausbau gesichert. Als regulierter Übertragungsnetzbetreiber kann die APG ihre Investitionen über die Netzentgelte refinanzieren – die 9 Milliarden sind keine Wunschliste, sondern ein durchfinanzierter Pfad. Der Engpass liegt woanders.

Erstens bei den Genehmigungsverfahren. APG-Chef Christiner wird nicht müde, das geplante Elektrizitätswirtschafts- und -ausbaugesetz (EABG) einzufordern; er warte „sehnsüchtig" auf den Beschluss, weil zu lange Verfahren den Ausbau ausbremsen. Beschleunigte Verfahren gelten der APG ausdrücklich als Voraussetzung, um den Ausbaupfad bis 2035 überhaupt halten zu können. Ein Großprojekt wie der Netzraum Kärnten steht und fällt mit der Genehmigungsdauer.

Zweitens bei den Kapazitäten der ausführenden Branche. Fachkräftemangel, lange Lieferzeiten für Schlüsselkomponenten wie Großtransformatoren und der gleichzeitige Ausbaudruck in ganz Europa konkurrieren um dieselben Ressourcen. Wer den Investitionspfad halten will, braucht nicht nur Budget, sondern Planungskapazität, Spezialgewerke und Personal – und das in einem Markt, in dem alle gleichzeitig bauen wollen.

Die Energiewende entscheidet sich an Masten und Fundamenten

Die öffentliche Debatte über die Energiewende dreht sich um Windräder, PV-Flächen und Kraftwerke. Das 9-Milliarden-Programm der APG rückt den Blick auf das, was dazwischenliegt und ohne das nichts funktioniert: das Netz. Erzeugung ohne Transportkapazität bleibt wertlos, wenn der Strom nicht dorthin kommt, wo er gebraucht oder gespeichert wird.

Für die heimische Bauwirtschaft ist das eine seltene Konstellation: ein durchfinanzierter, über ein Jahrzehnt angelegter Investitionspfad mit klaren Projekten und einem breiten Gewerkespektrum. Ob daraus tatsächlich gebaute Infrastruktur wird, entscheidet sich nicht an der Finanzierung, sondern an Genehmigungstempo und Ausführungskapazität. Die 9 Milliarden sind gesichert. Die Frage ist, ob Österreich schnell genug planen, genehmigen und bauen kann.

Häufige Fragen zum APG-Netzausbau

Wie viel investiert die APG in Österreichs Stromnetz? Die Austrian Power Grid plant laut Netzentwicklungsplan vom April 2026 Investitionen von rund 9 Milliarden Euro bis 2035 in den Um- und Ausbau des Übertragungsnetzes. Allein 2026 sind es österreichweit 680 Millionen Euro.

Ist das ein einzelner Bauauftrag? Nein. Die 9 Milliarden Euro sind ein Investitionsprogramm über viele Projekte, Gewerke und Einzelvergaben bis 2035 – von Leitungen und Umspannwerken über Transformatoren bis zu Rückbauten.

Welche Projekte sind besonders groß? Zu den wichtigsten Clustern zählen der 220-kV-Versorgungsring im Zentralraum Oberösterreich (rund 800 Mio. Euro mit zehn neuen Transformatoren), die Generalerneuerung des Umspannwerks Ernsthofen (140 Mio. Euro), die 380-kV-Deutschlandleitung (rund 100 Mio. Euro), der Ausbau des Umspannwerks Sarasdorf (APG-Anteil rund 130 Mio. Euro) sowie der geplante Netzraum Kärnten mit rund 190 Kilometern Trassenlänge.

Warum ist der Netzausbau überhaupt nötig? Weil immer mehr Wind- und Sonnenstrom ins Netz drängt, große Industrie- und Rechenzentrumsanfragen bestehen und Erzeugung (Osten) sowie Speicher (Alpen im Westen) geografisch auseinanderliegen. Ohne stärkere Leitungen und Umspannwerke lässt sich dieser Strom nicht transportieren.

Was ist der größte Engpass beim Ausbau? Nicht die Finanzierung, die als regulierter Netzbetreiber über Netzentgelte gesichert ist, sondern die Dauer der Genehmigungsverfahren sowie Fachkräfte, Lieferzeiten und Ausführungskapazitäten. Die APG fordert daher beschleunigte Verfahren über das geplante EABG.