Holzbau in Australien : 11.500 Seemeilen für 584 Träger: Wie Sydneys neues Holzdach zusammenfand
Das rund 200 Meter lange Dach überspannt den neuen Sydney Fish Market wie eine Welle über der Blackwattle Bay. Rund 20.000 Quadratmeter Dachfläche verbinden Marktgebäude, Uferpromenade und die teilweise über dem Wasser errichteten Bereiche.
- © RASMUS HJORTSHOJ STUDIO / RubnerDer Markt wurde im Jänner 2026 eröffnet. Im Mai legte Rubner Ingenieurholzbau die technische Planung und Logistik des größten Holzdachs der Südhalbkugel detailliert offen. Was die Unterlagen zeigen, ist ein Bauteil, bei dem die Reihenfolge im Schiffsrumpf über den Erfolg auf der Baustelle mitentschied.
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Eine 200 Meter lange Welle
Der Sydney Fish Market wurde vom bisherigen Standort in Pyrmont auf die gegenüberliegende Seite der Blackwattle Bay verlegt. Der Neubau reicht teilweise über das Wasser und verbindet einen weiterhin voll funktionsfähigen Großhandels- und Auktionsbetrieb mit Einzelhandel, Gastronomie, Bildungsangeboten und öffentlichen Flächen. Die offizielle Eröffnung fand am 19. Jänner 2026 statt, in der ersten Betriebswoche kamen mehr als 230.000 Besucher, langfristig rechnet der Betreiber mit mehr als sechs Millionen Gästen pro Jahr.
Überspannt wird der Komplex von einer rund 200 Meter langen, wellenförmigen Dachlandschaft mit rund 20.000 Quadratmetern Fläche. Sie besteht aus 594 Brettschichtholzträgern, 407 Dachkassetten sowie zahlreichen Stahlknoten, Oberlichtern, Photovoltaikflächen und Entwässerungssystemen. Die komplette Konstruktion wiegt rund 2.500 Tonnen, der längste Träger misst nach Angaben von Rubner bis zu rund 33 Meter.
Fast keine Wiederholung
Ein konventionelles Hallendach besteht aus wiederkehrenden, weitgehend identischen Bindern. Beim Sydney Fish Market entwickelte Rubner stattdessen ein dreidimensionales Brettschichtholzraster, dessen Elemente sich in Länge, Lage, Anschlusswinkel und Bearbeitung unterscheiden.
Nach Angaben von Rubner setzt sich die Konstruktion zusammen aus mehr als 110 Primärträgern mit zehn bis rund 33 Metern Länge, rund 100 Sekundärträgern von etwa 14 Metern und fast 350 Tertiärträgern von knapp sieben Metern, ergänzt um weitere Sonderelemente. Die wellenförmige Geometrie ließ dabei kaum Wiederholung zu. Jeder Träger musste als eigene Komponente im Gesamtmodell angelegt, geprüft und für seine genaue Einbauposition gefertigt werden, wobei sich die Unterschiede nicht nur auf die Länge beschränkten, sondern vor allem räumliche Ausrichtung, Anschlussdetails, Bohrbilder und Stahlknoten betrafen.
15 Monate für die technische Planung
Die technische Planung des Holztragwerks lief von September 2022 bis Dezember 2023, rund 15 Monate, und erforderte nach Angaben von Rubner die koordinierte Arbeit von sieben Teams. Der Leistungsumfang reichte von der Ausführungs- und Werkplanung über die Entwicklung und Erprobung von Verbindungsprototypen bis zur Vorfertigung, der Planung des Spezialtransports, technischer Unterstützung bei der Montage und der Koordination vor Ort.
Rubner lieferte damit nicht nur Brettschichtholz, sondern übersetzte den architektonischen Entwurf in ein produzierbares, transportierbares und montierbares System. Die Gesamtstatik und Tragwerksplanung des Fischmarkts lag dagegen nicht bei Rubner, sondern bei den Projektarchitekten und der Generalplanung.
Der lokale Partner Theca Timber war bereits in der Ausschreibungsphase eingebunden.
Als Partner von Rubner in Australien waren wir schon von Anfang an involviert. Das Multiplex-Team bat uns darum, den Auftrag bereits in der Ausschreibungsphase genau zu kalkulieren. Die Herausforderung war dabei klar formuliert: die nachhaltigste und effizienteste Lösung für den Transport und eine schnelle Montage zu finden, und dabei dem ursprünglichen Projekt so treu wie möglich zu bleiben.Theca Timber, australischer Partner von Rubner
Für Sydney musste jeder Träger mehrere Anforderungen gleichzeitig erfüllen. Er musste die vorgesehenen Kräfte im räumlichen Dachtragwerk aufnehmen, sich mit den verfügbaren Maschinen präzise fertigen lassen, seine Stahlanschlüsse mussten bereits im Werk vorbereitet werden, und das Element musste sich transportieren, verpacken und im Schiff sichern lassen, im vorgesehenen Bereich des Laderaums Platz finden und in Sydney zur richtigen Bauphase verfügbar sein. Die Montage sollte zudem mit möglichst wenigen Anpassungen in großer Höhe auskommen. Die Logistik wurde damit zu einem Teil der Konstruktion: Bauteilgeometrie, Verpackung, Ladeplan und Montagesequenz wurden aufeinander abgestimmt, statt als getrennte Arbeitsschritte behandelt zu werden.
Für das Tragwerk nennt Rubner rund 1.600 Kubikmeter Fichten-Brettschichtholz. Rubner ist ein international aufgestellter Ingenieurholzbauspezialist mit sechs Standorten in vier Ländern, darunter Österreich und Südtirol. Nach eigenen Angaben stammte das Holz aus zertifizierten Wäldern im Umkreis von rund 250 Kilometern um das österreichische Werk, verarbeitet und für das Projekt fertiggestellt wurde es am Standort Brixen.
Mehr als 150 Tonnen Stahl im Holzdach
Die Brettschichtholzträger bilden die sichtbare Hauptstruktur, ihre Kräfte werden jedoch über hoch belastete Metallknoten übertragen. Rubner nennt dafür mehr als 150 Tonnen Stahl. Die Stahlteile verbinden Träger auf unterschiedlichen räumlichen Ebenen, übertragen Zug-, Druck- und Querkräfte, nehmen wechselnde Anschlusswinkel auf und ermöglichen eine präzise Positionierung während der Montage, was aufwendige Anpassungsarbeiten am Einbauort reduziert.
Diese Verbindungen waren bereits während der Planungsphase Gegenstand eigener Prototypen, klassische Standardanschlüsse aus dem Katalog reichten für die individuelle Geometrie nicht aus.
11.500 Seemeilen bis Sydney
Im Hafen von Monfalcone wurden die 584 Bauteile nicht einfach nach Abmessung und Gewicht gestapelt. Ein detaillierter Ladeplan ordnete sie in jener zeitlichen Reihenfolge an, in der sie später auf der Baustelle benötigt wurden, bevor sie rund 11.500 Seemeilen, etwa 21.300 Kilometer, bis Australien zurücklegten.
Der technische Hintergrund ist einfach: Bei einem Projekt mit Hunderten individuellen Bauteilen kann ein falsch zugänglicher Träger den gesamten Montageablauf blockieren. Liegt ein früh benötigtes Element unter Bauteilen, die erst Wochen später eingebaut werden sollen, müssen Teile umgelagert werden, das kostet Zeit, zusätzliche Hebevorgänge und Lagerfläche und erhöht das Beschädigungsrisiko. Der Ladeplan musste deshalb Größe und Gewicht der Elemente, sichere Lagerung, Lastverteilung im Laderaum, Schutz der Holzoberflächen, Entladereihenfolge und die spätere Montagesequenz in Sydney gleichzeitig berücksichtigen.
Rubner erklärt ausdrücklich, dass die Träger so angeordnet wurden, dass sie in Sydney in der chronologisch vorgesehenen Einbaureihenfolge zur Verfügung standen. Zwischen Ankunft, Lagerung, Vormontage und dem Transport zur Baustelle lagen dabei noch weitere Schritte, kein Element ging unmittelbar aus dem Hochseeschiff an den Montagekran.
Nach der Ankunft in Sydney wurden Bauteile und Dachmodule über Glebe Island organisiert und anschließend per Barge zur Baustelle transportiert. Für das Gesamtprojekt organisierte Generalunternehmer Multiplex 995 Bargenlieferungen und vermied damit nach Angaben von Infrastructure NSW rund 5.650 Lkw-Fahrten auf den umliegenden Straßen, eine Zahl, die für die gesamte Baustellenlogistik gilt, nicht ausschließlich für die Holzträger.
Acht Monate Montage
Die Montage des Holztragwerks begann am 9. Mai 2024 und dauerte rund acht Monate. Zunächst wurden die Kreuzstützen positioniert, danach die mehr als 110 Primärträger, anschließend die weiteren Trägerebenen, den Abschluss bildeten diagonale Hauptträger mit Hakenverbindungen.
Ein wesentlicher Teil der Bearbeitung und Anschlussvorbereitung erfolgte bereits vor der Anlieferung, zusätzlich wurden Dachmodule und Kassetten so weit wie möglich außerhalb ihrer endgültigen Position vorbereitet. Rubner führt an, dass diese Vorfertigung die Montagezeit optimierte, die Sicherheit verbesserte und den Umfang der Arbeiten in großer Höhe reduzierte.
Die tragende Holzkonstruktion war im Dezember 2024 fertiggestellt. Das letzte der mehr als 400 Dachpaneele wurde im Februar 2025 montiert, zwei unterschiedliche Meilensteine, die sich in manchen Quellen vermischen.
481 Pfähle unter der Holzwelle
Das scheinbar schwebende Holzdach steht über einem massiven Ingenieurbau. Der neue Markt wurde teilweise in der Blackwattle Bay errichtet und ruht auf 481 maritimen Pfählen. Für das Gesamtprojekt nennt der Auftraggeber zudem rund 34.000 Kubikmeter Beton und etwa 6.000 Tonnen Bewehrungsstahl, Zahlen, die für den gesamten Bau gelten und nicht allein für den Unterbau unter dem Holzdach.
Über der Bucht liegt damit eine geschwungene Konstruktion aus 1.600 Kubikmetern Brettschichtholz. Darunter sichert ein Vielfaches an Beton und Stahl den Markt gegen Untergrund und Wasser. Zusätzlich wurden unterhalb des Gebäudes Maßnahmen zur Verbesserung des marinen Lebensraums eingebaut, darunter 298 strukturierte Seawall Tiles, Korallenmodule und 40 hängende Fischhabitate, die die besiedelbare Oberfläche an sonst glatten Ufer- und Bauwerksflächen vergrößern.
Das Dach arbeitet mit
Die 407 Dachkassetten formen nicht nur die äußere Welle, sie übernehmen zugleich Funktionen für Belichtung, Energie und Wasserhaushalt. Nach Angaben der Architekten optimieren die Kassetten den Tageslichteinfall, wodurch der Bedarf an künstlicher Beleuchtung um rund 15 Prozent sinkt, integrierte Solarmodule liefern rund fünf Prozent des Energiebedarfs, und ein System zur Sammlung und Aufbereitung von Regenwasser reduziert den Trinkwasserverbrauch um rund 50 Prozent. Die offene Dach- und Fassadenstruktur unterstützt zudem die natürliche Durchlüftung durch Hafenwinde. Diese Werte stammen von den Projektarchitekten und sind Planungskennwerte, keine unabhängig gemessenen Betriebswerte nach der Eröffnung.
Markt, Industrie und Öffentlichkeit unter einem Dach
Der Komplex umfasst mehr als 40 Handels-, Gastronomie- und Verkaufsbetriebe, die Verkaufsfläche ist ungefähr doppelt so groß wie am früheren Standort in Pyrmont. Rund 6.000 Quadratmeter öffentlich zugängliche Freiflächen und eine Uferpromenade binden das Gebäude in die weitere Entwicklung der Blackwattle Bay ein.
Was am 19. Jänner eröffnet wurde, ist damit gleichzeitig Großhandelsplatz, Auktionsstätte, Einzelhandel und öffentlicher Raum, getragen von einem Dach, dessen 594 Träger Monate zuvor in einem europäischen Hafen bereits in jener Reihenfolge lagen, in der sie am anderen Ende der Welt gebraucht wurden.
FACTBOX: New Sydney Fish Market
Standort: Blackwattle Bay, Sydney, Australien
Eröffnung: 19. Jänner 2026
Auftraggeber: Infrastructure NSW / Regierung von New South Wales
Generalunternehmer: Multiplex
Architektur: 3XN/GXN mit BVN
Freiraumplanung: Aspect Studios
Ingenieurholzbau: Rubner Ingenieurholzbau
Australischer Partner: Theca Timber
Dach
- Länge: rund 200 Meter; Fläche: rund 20.000 m²; Gewicht: rund 2.500 Tonnen
- Brettschichtholzträger: 594, davon 584 per Schiff aus Monfalcone transportiert
- Holzmenge: rund 1.600 m³ Fichten-Brettschichtholz
- längste Träger: rund 32 bis 33 Meter
- Primärträger: mehr als 110; Sekundärträger: rund 100; Tertiärträger: fast 350
- Stahlverbindungen: mehr als 150 Tonnen
- Dachkassetten: 407
Planung und Bau
- technische Planung Holztragwerk: rund 15 Monate, September 2022 bis Dezember 2023
- Transportstrecke: rund 11.500 Seemeilen (rund 21.300 km)
- Montagebeginn: 9. Mai 2024; Montagedauer Holztragwerk: rund acht Monate
- Fertigstellung Holztragwerk: Dezember 2024; letztes Dachpaneel: Februar 2025
Unterbau (Gesamtprojekt)
- Gründung: 481 maritime Pfähle
- Beton: rund 34.000 m³; Bewehrungsstahl: rund 6.000 Tonnen
- Bargenlieferungen: 995; dadurch laut Infrastructure NSW rund 5.650 vermiedene Lkw-Fahrten
Nutzung
- öffentliche Fläche: mehr als 6.000 m²; Betriebe: mehr als 40
- erwartete Besucher: mehr als sechs Millionen jährlich