Finanzierung : Geld für KMU: Die Zinsspanne wächst

Es gibt keine Kreditklemme. Dies ist das Mantra jedes Kommerzbankers seit dem Crash von 2008. Mittelständische Unternehmer halten dem entgegen, dass es deutlich schwieriger geworden sei, an Betriebsmittel- und an Projektfinanzierungen zu kommen. Wie immer haben alle recht. Spätestens seit Juni 2009 haben die Banken ihre liquiden Mittel wieder so weit geordnet, dass das Kommerzfinanzierungsgeschäft wieder seinen Namen verdient.

Gleichzeitig haben die Banken ihre Kreditanforderungen deutlich nach oben geschraubt – und zeigen sich – anders als früher – wild entschlossen, ihre Messlatten auch einhalten zu wollen. Der Kampf um den Neukunden wird nicht mehr auf Heben und Stechen ausgetragen. Der bis zum Crash 2008 gepflegte Bankenwettbewerb – in Österreich härter gefochten als anderswo in Europa – hat im Finanzierungsbereich eindeutig an Intensität verloren. Die Kundenposition des Unternehmers ist durch die Krise merklich schwächer geworden. Es ist aber falsch, zu sagen, dass Industrie wie mittelständische Unternehmen derzeit ohne Finanzierungsmöglichkeiten auf dem Trockenen säßen. Die Neukredite an Unternehmen pendeln seit 2009 laut OeNB pro Quartal relativ stabil zwischen 16 und 21 Mrd. Euro, Tendenz zuletzt eher nach oben weisend.Alles wieder gut?Kleine und mittelständische Unternehmen werden von sämtlichen heimischen Geschäftsbanken als „Kernzielgruppen“ definiert. Gregor Deix, Leiter des Firmenkundengeschäfts der Erste Bank, bezeichnet die KMU „als flexibles und widerstandsfähiges Wirtschaftssegment. Das bestätigt sich gerade seit Beginn der Krise.“ Hier geht´s weiter

Diese Sicht der Dinge gab es nicht immer. Nach Platzen der Internetblase 2001 waren die heimischen Banken gerade bei den kleinen und mittleren Unternehmen mit überproportional starken Kreditausfällen konfrontiert worden – ein Ergebnis großzügiger Kreditprüfungsverfahren, die vom Euphoriegefühl des Internet-Booms getragen waren. In Panik sprangen die Großbanken voll auf die Kreditbremse. Vor allem Bank Austria und Erste Bank begannen, ihre aushaftenden Forderungen im mittelständischen Kommerzbereich stark zu reduzieren.

„Es gibt heute bessere Analysewerkzeuge und Bewertungsstrukturen als sie damals zur Verfügung standen“, will Karl Heinz Krenn, Kreditexperte der Bank Austria, keinen Vergleich mit früheren Zeiten ziehen. „Es wird genauer geschaut, aber nach den gleichen Kriterien geurteilt.“ Er verweist auf eine Studie der KMU-Forschung Austria aus dem Vorjahr (im Auftrag seines Hauses), in der bankenübergreifend nur drei Prozent der Kreditanträge von KMU abgelehnt wurden.Bekannte GesichterDie Tatsache, dass die heimische Kreditwirtschaft trotz Krise ihrem Geschäftszweck nachkommt, bedeutet nicht, dass sich die Zeiten nicht geändert hätten. Das Risikobewusstsein der Geldhäuser gleicht heute der Berührungsempfindlichkeit eines Leberkranken. „Vertrauensbasis und Hausbankbeziehung haben heute stark an Bedeutung gewonnen“, meint Gaston Giefing, Abteilungsleiter Handel und Gewerbe von Raiffeisen Wien.

Aus Unternehmersicht bedeutet dies, dass der Erklärungs- und Planungsbedarf für eine Finanzierung derart angewachsen ist, dass die Neigung zu mehrseitigen Kreditverhandlungen stark nachgelassen hat. Es genügt der Aufwand bei einer Bank, zumal sich die Erfolgschancen bei Nebenbankverbindungen deutlich mindern. Erste-Bank-Kommerzchef Gregor Deix: „Die Person des Unternehmers steht heute mehr im Blickpunkt als früher. Die Bank muss an seine Fähigkeiten als Kaufmann und Wirtschaftstreibender glauben können.“ Die Gewichtung der Softfacts steht bei Finanzierungen für Unternehmen mit 10 bis 250 Mitarbeitern mittlerweile deutlich vor den Ergebnissen des Bilanzratings.

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Die Aussagekraft der reinen Bilanzanalyse ist für mittelständische, eigentümergeführte Unternehmen sehr übersichtlich. Derartig informelle Einschätzungen sind bei längeren Geschäftsbeziehungen einfacher zu treffen als für einen Neukunden. Daher hat der Begriff der „Hausbank“ in den letzten Jahren ein echtes Comeback geliefert. Gerade KMU haben in den letzten Jahren ihre Nebenbankverbindungen von 1,9 auf statistische 1,7 Banken abgebaut, wie es in einer aktuellen Integral-Studie heißt. Wechselkunden galten früher als Chance auf Neugeschäft. Heute sucht der Bankberater nach den Gründen, warum der Kunde nicht bei seiner Hausbank geblieben ist.Risikobewertung und Basel IIIBasel III hat für die Banken stärkere Bedeutung als die Einführung der Basel-II-Bestimmungen. Die aktualisierte Unterlegungspflicht stellt einen wesentlich direkteren Zusammenhang zwischen dem eingegangenen Kreditrisiko und der Kapitalunterlegung her. Das bedeutet, dass sich die Kreditinstitute noch genauer überlegen, ob sie für einen Kunden zwischen 8 und 12 Prozent der Kreditsumme als Absicherung zurückhalten oder damit lieber ein nicht unterlegungspflichtiges Investment betreiben.

Daher wollen die Geldinstitute heute alles wissen. Bank-Austria-Finanzierungsexperte Karl Heinz Krenn: „Eine optimale Vorbereitung auf das Bankgespräch ist unerlässlich.“ Dabei wollen die Kreditinstitute mehr über die Zukunft wissen als früher. Sie wollen Pläne, und dies schriftlich. Ein Finanzierungskonzept, Projektbeschreibung der Investition, ein Businessplan mit Liquiditätsrechnung, sowie die Geschäftsplanung für die nächsten Jahre gelten heute als Standardinformation für den Bankberater.

Die Vorlage der letzten drei Jahresbilanzen ist für das Bilanzrating selbstverständlich, auch wenn unter Bankern eine derartige Rückschau als „Nachricht aus der Vergangenheit“ gilt. Vor nicht allzu langer Zeit war dies die einzige Form der Risikobemessung, die von den Kreditinstituten durchgeführt wurde.Knappes BaresEine der heikelsten Auswirkungen des Lehman-Crashes war der Zusammenbruch des Interbanken-Markets. Konnten die Geldinstitute vor dem Herbst 2008 beliebige Mengen an Geld auf dem Interbankenmarkt mobilisieren, so war diese bislang unerschöpfliche Kapitalquelle gleichsam von einem Tag auf den anderen Tag versiegt. „Es ist heute mit ungleich höheren Kosten verbunden, die notwendige Liquidität zu sichern als vor der Krise“, erklärt Erste-Bank-Mann Gregor Deix. Die Banken verlangen heute voneinander zusätzliche Aufschläge über die bislang üblichen Zwischenbanken-Zinsen hinaus. Und dies ist die Geburtsstunde der vielbesprochenen Liquiditätskosten, die es früher zwar auch gab, die aber nie Erwähnung fanden. Heute liegen sie – je nach Kreditdauer und Finanzierungsvolumen – zwischen 1 und 1,5 Prozent.

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Zu den Liquiditätskosten treten die Risikokosten, also jener Aufschlag, den die Bank in Folge der Bonitätsbewertung für angemessen hält. Das hauseigene Ratingsystem liefert hier die Höhe der Zuschläge. Wenn es sich um die Finanzierung von Investitionen im Ausland handelt, tritt als dritter Punkt noch der Länderaufschlag hinzu, der in Staaten wie Ungarn oder Rumänien schon mal 2 Prozent betragen kann.

Die letzte Position in der Zuschlagsorgie betrifft die Unternehmensmarge: Das ist das Geld, das die Banken letztendlich verdienen wollen. In Summe belaufen sich die Konditionen für fünfjährige Finanzierungen mit einem Volumen von weniger als einer Million Euro aktuell am Markt auf 2,7 bis 3,5 Prozent, je nach Bonität und Margenaufschlag (exklusive Bearbeitungsaufschlag und anderen Gebührensperenzchen). Viele Banken legen immer wieder begrenzte Sonderaktionen mit gestützten Mittelstandsfinanzierungen auf, die sich mit einem All-inclusive-Aufschlag von 1 bis 1,5 Prozent bei einer Laufzeit von zehn Jahren begnügen. Billigeres Geld gibt es am Markt für mittelständische Unternehmen derzeit nicht.

Deckel draufDass die Gesamtkonditionen einer Normalfinanzierung trotz der vielen Kosten und Aufschläge unter dem Vorkrisenniveau liegen, ist allein dem 3-Monats-Euribor zu verdanken. Er liegt nach den letzten Leitzins-Senkungen derzeit bei historisch wohlfeilen 0,33 Prozent. Mit Jahreswechsel 2008 waren dies noch 4,66 Prozent. Und darin liegt die Schwierigkeit. Was passiert, wenn der Euribor mit dem Leitzins wieder steigt, weil beispielsweise Inflationsbekämpfung notwendig wird?

Beobachtern ist klar, dass dann die hohen Aufschläge der aktuellen Finanzierungen erst so richtig spürbar werden. Fixzinsvereinbarungen werden selten länger als für drei Jahre gewährt, meist noch kürzer. Raiffeisen-Wien-Mann Gaston Giefing empfiehlt „allen Finanzierungskunden bei langen Laufzeiten Zinscaps einzuziehen.“ Die Mitbewerber handhaben dies ebenso. Gregor Deix: „Wir rechnen die Zinsszenarien durch und weisen auf mögliche Ratensteigerungen hin.“ Der Unternehmer muss entscheiden, welche Rückzahlungslasten er im worst case noch zu schultern vermag.

Je länger der Kredit dauert und je niedriger der Absicherungszinssatz ist, desto teurer wird der Zinscap. Die Kosten dafür sind beträchtlich. Wer bei einem variablen 200.000-Euro Kredit mit acht Jahren Laufzeit einen Euribor von 3 Prozent absichern will, muss derzeit mit Absicherungskosten von rund 10.000 Euro rechnen. Um abzuschätzen, ob sich diese Mehrkosten lohnen, muss der Unternehmer folgende Szenarien berechnen:

- Zinscaps werden nur so lange schlagend, wie die Zinsgrenze durchbrochen wird. Hochzinsphasen haben historisch selten länger als 2 Jahre gedauert. Die Prämie wird aber für die gesamte Laufzeit bezahlt.- In der Regel wird nur der Euribor als Messlatte abgesichert. Der Kunde muss für die Festsetzung seiner Belastungsgrenzen aber die gesamte Ratenzahlung inklusive Aufschläge zur Beurteilung heranziehen.

Hat der Euribor die Zinsobergrenze einmal durchschlagen, erhält der Kreditschuldner die Differenz zwischen der Soll- und Istgrenze monatlich überwiesen. Die Entscheidung für die Absicherung oder gegen die Kosten ist schwierig. Es bleibt wieder einmal im Ermessen des Unternehmers, welche Entscheidung er dabei trifft. Die optimale Finanzierung ohne Pferdefuß, die gibt es nicht. Ebenso wenig wie die Kreditklemme – meinen die Banker.Josef Ruhaltinger