Peter Bauer ist Geschäftsführer der werkraum ingenieure ZT-GmbH und Präsident der ZiviltechnikerInnenkammer Wien, Niederösterreich und Burgenland

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Nach Grenfell: Fassade ist mehr als Fassade

Über nötige Konsequenzen und unnötige Regeln nach der Brandkatastrophe von London.*

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Die Fassade eines Gebäudes muss heute sehr viel leisten. Sie soll eine ausreichend gute Wärmedämmung aufweisen, genügend Licht einlassen, zu viel Licht abweisen. Weiters soll sie den Schallschutz gewährleisten, einen ausreichenden Brandwiderstand haben, bzw. die Weiterleitung des Brandes tunlichst unterbinden. Und sie soll haltbar und pflegeleicht sein. Und gut aussehen.

Und – genau - möglichst billig soll sie auch sein.

Angesichts des traurigen Hochhausbrandereignisses in London wird manchen wieder bewusst, dass unsere Gebäude immer komplexeren Anforderungen unterliegen. Viele davon sinnvoll, andere sinnlos. Einige der sinnlosen sind ungefährlich, einige gefährlich, einige sehr gefährlich. Vor allem gefährlich ist es, neue Anforderungen bei Bestandsgebäuden zu erfüllen, ohne über ihre Auswirkung im Gesamten nachzudenken. Das Einhalten einer Regel (hier auf Österreich umgelegt: wenn mehr als 25% der Fassade renoviert wird, muss auch die Wärmedämmung nachgebessert werden) ohne Prüfung, welche Auswirkung das auf andere Aspekte des Bauwerks hat, geht in aller Regel schief oder macht zumindest volkswirtschaftlich oft keinen Sinn. Hauptsache die Maßnahme wird gefördert!

Ob das Gebäude überhaupt (noch) standfest oder benutzungssicher ist, wird kaum geprüft. Wenn nur die richtige Dämmstärke am Haus klebt. Paradoxerweise ist es hier egal, ob Erdöl in verfestigter Form dafür verwendet wird, dass man doch auf der anderen Seite berechtigterweise einsparen will.

Und da sollte man ansetzen. Keine einseitigen Verbesserungen! Wenn Gebäude verändert werden, dann so, dass die Auswirkung auf alle Aspekte (wenigstens der sicherheitsrelevanten) überprüft und bewertet werden. Und wenn öffentliche Förderungen mit im Spiel sind, dann sollte erst recht geprüft werden, ob die Restlebensdauer des Gebäudes die neu gesetzte Maßnahme überhaupt noch rechtfertigt. Für eine solche Vorgangsweise braucht man aber nicht so sehr noch mehr neue Normen und Gesetze, sondern vor allem Planer, die unabhängig von Lobbyisten, bestmögliche Konzepte ausarbeiten.

Und man braucht Bauherrn und Nutzer, die das auch wollen.

Die Konzepte können ruhig auch kreativ sein. Wintergärten vor der ursprünglichen Fassade schaffen nicht nur eine Pufferzone, sondern können auch das Auge erfreuen. Wenn es sehr grün wird und damit die Brandlast wieder steigt, muss halt eine Sprinkleranlage das Gießen übernehmen. Oder die Nutzer verstehen das Konzept und beschränken sich.

Letztlich wird jede Lösung auch die richtige Anwendung des Konzeptes voraussetzen. Wer nämlich über ein Fenster lüften und dabei kein Schallproblem haben will, hat sich bereits in der schönen neuen Regelwelt verfangen, die beides fordert - und das gleichzeitig! Alles gleichzeitig kann man aber nicht haben, zumindest braucht man es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht.

Die Kammer der Ziviltechniker arbeitet daran, unnötige Regeln zu beseitigen und dafür zielorientierte Anforderungen an Gebäude zu definieren. Das ermöglicht das Aufspüren und Bewerten von Schwachstellen ohne viel Normung. Und es vergrößert den Spielraum in der Lösungsfindung, weil auch kreative Lösungen an der Erreichung des Ziels gemessen werden können und nicht an der Einhaltung einer Norm, die dafür vielleicht noch gar nicht existiert.

* Co-Autor: Erich Kern ist Geschäftsführer der KERN+INGENIEURE Ziviltechniker GmbH und Normenkoordinator der Bundes-ZiviltechnikerInnenkammer