Frauen am Bau

Thomas Birtel, Strabag: "Das Problem ist das Halten"

Die Chefs der Top-Five-Bauunternehmen Österreichs im Interview zu Frauenanteil und -strategie in ihren Firmen.

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SOLID: Sie haben anlässlich Ihrer Wahl zur Baupersönlicheit des Jahres im Frühjahr 2017 auf die Frage, womit Sie in Ihrer Firma nicht so zufrieden wären, geantwortet: der Frauen-Anteil ist zu klein. Warum ist er zu klein? Weil es eine Vorschrift gibt, weil es opportun ist oder aus anderen Gründen?

Thomas Birtel: Kaufmännisch haben wir ja eine sehr hohe Frauenquote, bis auf das Management. Das Thema ist aber die technische Seite - und da gibt es eine deutlich kleinere Grundgesamtheit an überhaupt verfügbaren Frauen. Aber wenn sie sich heutzutage die Absolventenzahlen der verschiedenen bautechnischen Ausbildungsstätten anschauen, gibt es mehr weibliche Absolventen, als wir anteilig im Bestand haben, ca. 20-30 vs. 15%. An diesen Durchschnitt wollen wir näher dran.

Wie schaffen sie das?

Birtel: Wenn sie sich die Einstellungszahlen ansehen, liegen wir sicher auf dem Niveau dieses Durchschnitts. In der Betrachtung von ganzen Berufskarrieren vom ersten Berufstag bis zum 25. Berufsjahr natürlich nicht. 

Das Problem ist aber das Halten. Da stellen wir leider Gottes fest, dass wir da mit einem relativ kurzen Zeitraum von fünf Jahren deutlich zurück liegen.

Welche Gründe sind dafür verantwortlich?

Birtel: Der Klassiker ist das Bilden einer Familie und dann nicht mehr zurückzukehren. Das ist aber nicht das einzige. Das zweite ist: wenn sie sich die Herkunft von Damen anschauen, die sich fürs Bauingenieurwesen oder andere bautechnische Berufe interessieren, stellen sie fest, dass ein siginifikant großer Anteil aus Familien stammt, die über einen elterlichen Betrieb dazu Beziehung haben. Da steigt man dann gerne in einem Großkonzern ein und nimmt eine - wie ich glaube - sehr gute Ausbildung mit einem breiten Strauß an Erfahrungen mit. Aber irgendwann dann geht man zurück in den elterlichen Betrieb. - Ein dritter Teil, der für uns erkennbar ist, ist der, der ein paar Jahre nach dem Einstieg in die bauindustrielle Praxis in baunahe Unternehmen wechselt, die vielleicht tendenziell familienfreundlichere Zeiten anbieten können, weil sie keine Baustellen haben - Planungsbüros, Ziviltechnikerbüros etc.

Was tun Sie an den Ausbildungsstätten?

Birtel: Wir machen kein geschlechtsspezifisches Hochschulmarketing. Wir sind dort generell im War of Talents, weil die Fachkräfte in den MINT-Berufen generell wirklich knapp sind. Es gibt Hochschulmessen, Kooperationen, die mit Lehrveranstaltungen zusammenhängen können, das Sponsoring von Preisen für gute Leistungen oder das Veranstalten von Abschlussfeiern in unseren Räumlichkeiten, um uns für Absolventen sichtbar zu machen. Und wir machen auch deutlich, dass wir schon während des Studiums Möglichkeiten mit Praktika eröffnen. Wer einmal mit uns in Berührung gekommen ist, von dem hoffen wir, dass er uns auf dem Schirm hat, wenn es um die Arbeitgeberentscheidung geht. Der qualifizierte Nachwuchs ist so knapp - da kann man nicht die Hälfte der Menschheit außen vor lassen.

Wo wollen Sie hin beim Frauenanteil?

Birtel: Das Ziel ist: es muss immer ein bisschen mehr werden. Wir haben keine Quote fixiert. Hans-Peter Haselsteiner hat das 2013 auf die Reise gebracht und wir sagen: ein realistisches Ziel ist, immer ein bisschen besser zu werden. Es muss ein Fortschritt nachhaltig erkennbar sein, ähnlich wie beim Ergebnis.

Gibt es etwas, das Frauen besser können?

Birtel: Sachlich würde ich sagen nein. Bei den Soft Skills sieht man vielleicht etwas mehr Kompromissbereitschaft und ein bisschen mehr Empathie und weniger Aggressivität. Ich selber kann aber nicht sagen, dass ich immer die Damen als ausgleichend und die Herren als aufeinander eindreschend erlebt habe.

Die vollständigen Interviews und die von den Meinungen der Top-Five-Chefs teils abweichenden Ergebnisse einer SOLID-Umfrage finden Sie im ePaper von SOLID 11/2017!