Baustoffe

Der globale Rohstoffkataster – eine notwendige Utopie?

Die Welt steuert auf ein massives Rohstoffdesaster zu und sieht sich gleichzeitig gefordert, immer mehr zu bauen. Baustoffe werden neu produziert und aus der Erde gesprengt, anstatt recycelt zu werden. Warum können wir nicht anders, als die Massen an Rohstoffreserven um uns herum zu ignorieren? Von der Forderung eines Rohstoffkatasters, der irgendwo einmal beginnen muss.

Von
Bau Baustoffe BIM C2C Werner Sobek

Strengeres Baustoffrecycling soll für mehr Nachhaltigkeit in der Branche sorgen.

Mit einer Forderung ließ Werner Sobek, deutscher Architekt und Pionier im Recycling-Bau, vergangenen Monat in einem Zeitungsinterview aufhorchen – der nach einem weltweit kompatiblen Rohstoffkataster, also einer einheitlichen Datenbank aller Rohstoffe, die bereits verbaut wurden oder gerade verbaut werden. Keine Möglichkeit sei das, kein relativ sinnvoller Beitrag – nein, eine absolute Notwendigkeit. Der Grund: wir kommen beim derzeitigen Bevölkerungswachstum bald nicht mehr mit unseren Rohstoffen aus, wenn wir alle Menschen mit einem gewissen Standard unterbringen wollen – selbst dann nicht, wenn wir sparsam mit dem Material umgehen und hie und da recyceln. Außerdem wäre die Produktion von Baumaterialien ein massives Emissionsproblem für die Welt und könne nicht so weiter gehen. 

Doch der Vorstoß klingt für manche Ohren höchst utopisch – so etwa für Peter Mösle, Partner bei Drees und Sommer, einem Beratungsunternehmen für Bauherren und Immobilieninvestoren. „Das Kyoto-Protokoll oder Pariser Übereinkommen sind ja auch nichts anderes als der Versuch eines globalen Registers zur Organisation von CO2-Emissionen. Und im daraus entstandenen europäischen CO2-Emissionshandel ist die Bauindustrie bislang noch gar nicht berücksichtigt, obwohl sie etwa 35 Prozent der gesamten CO2-Emissionen ausmacht. Ein globales Rohstoff-Register, auf das sich alle erst einmal fünf Jahre einigen müssten, ist unrealistisch.“

„Politik muss Anfang machen“

Für gar nicht unrealistisch hält Mösle hingegen die baldige Einführung einer Grundregulierung von Seiten des Gesetzgebers, um die Bauindustrie in Richtung einer wiederverwertenden Branche zu treiben. Und auch aus dem Büro von Werner Sobek heißt es dazu: „Die Politik muss hier unbedingt den Anfang machen. Der Bauherr wird nicht von selbst auf die Idee kommen, das zu finanzieren, und das Bauunternehmen hat von selbst kein Interesse daran, die Informationen länger zu verwalten.“ Danach aber läge es an der Wirtschaft, so Mösle: „Den Markt drehen muss das Business.“ Dreht sich der Markt, wäre sein Beratungsunternehmen ein regelrechter Pionier – seit Jahren verfolgt es das Ziel des Cradle-to-Cradle-Konzeptes (C2C), also einer Kreislaufwirtschaft, in der Bauindustrie und mittlerweile auch in anderen Industriebranchen. Die Intensität des C2C-Konzeptes variiert allerdings von Projekt zu Projekt. Ist Drees und Sommer selbst Bauherr, wie etwa beim Umbau ihres eigenen Bürogebäudes in Stuttgart, kann schon einmal die gesamte Inneneinrichtung aus C2C-Materialien bestehen. Bei einem derzeit geplanten Neubau kommt hingegen der „Material Passport“ ins Spiel.

Der Passport, der etwas an den Energieausweis bei Gebäuden erinnert, kommt einem Rohstoffkataster immerhin schon nahe. Darin wird am Ende eines Projektes die Dokumentation der Materialien erstellt. Werner Sobek hingegen spricht vom Festhalten der Daten in BIM-Modellen. Das ist laut Mösle auch tatsächlich eine Möglichkeit. „Bei unseren laufenden Projekten in Stuttgart und Düsseldorf gibt es Verlinkungen zwischen unserem Daten-Modell und dem BIM-Modell des Architekten. Wir spielen die Daten zu den verwendeten Rohstoffen sowie zur Gesundheit und der Trennbarkeit der Materialien und Konstruktionen ein.“

„Kyoto-Protokoll ist Versuch eines globalen Registers“

Doch wie hoch ist eigentlich das Interesse der Architekten am Thema Rohstoffe und Recycling im Bau? „Die Baubranche und das Bauen ist ein sehr träges Feld mit langen Zeitspannen“, sagt der österreichische Architekt Günter Pichler. Aber: „Langsam beginnt sich etwas zu bewegen.“ Und tatsächlich kann sich der Architekt von Anfang an maßgeblich in das Thema einbringen. Bereits in der Entwurfsplanung, oder später in der Detailplanung des Gebäudes und der Materialien kann schon an die Gebäudeumnutzung gedacht werden. „Wo das Silikon anfängt, da hört das Gehirn auf“, zitiert Pichler, der auch Senior Scientist an der TU Wien ist, einen Professor zu Zeiten seines eigenen Studiums. „Als Architekt erlebt man diesen Zustand auf der Baustelle regelmäßig. Ständig wird uns gesagt, dass man Verbindungen ja verkleben kann.“ Das Problem damit – natürlich: Sobald etwas verklebt ist, kann es nicht mehr recycelt werden. Ein geringer Anteil an Verbundbauteilen oder geklebten Materialien bedeutet also mehr Austausch- und Rezyklierungs-Möglichkeiten später. Aber nur, weil es ein Später geben kann, muss es noch nicht eintreffen. Für Günter Pichler sind in seiner Arbeit rohstoffeffiziente Baustoffe ein Kernthema. „Wir Architektinnen und Architekten und nicht die produzierende Industrie haben es in der Hand, welche Rohstoffe und Baustoffe für die nächste Generation verbaut werden.“

Genau dafür fordert Sobek schließlich auch den Rohstoffkataster – damit alle wissen, wo was verbaut ist und eine Wiederverwendung überhaupt erst möglich gemacht wird. In jedem Haus lagern theoretisch Mengen an Rohstoffen, die wieder eingesetzt werden könnten. In einer 100-Quadratmeter-Wohnung in Wien etwa stecken durchschnittlich 7.500 Kilogramm an für die Branche wertvollen Metallen. 

Verkleben oder recyceln – sollte sich die Frage noch stellen?

Mit recycelbaren Materialien zu bauen, ist schön und gut; mehr aber auch nicht, wenn es kein einheitliches Register gibt, aus welcher Bestandsquelle geschöpft werden kann und soll. Und so wird vor allem neu produziert und weiter abgebaut. Das Resultat: Die Welt leidet bald oder bereits Mangel an vielen wichtigen Baustoffen, wie Sand, Zink und Kupfer. Die produzierende Industrie macht in Österreich den größten CO2-Anteil im Sektor Energie und Industrie aus – nach dem aktuellsten Stand des Umweltbundesamtes waren es 25,2 Millionen Tonnen im Jahr 2016. Der Sektor Energie und Industrie wiederum ist mit insgesamt 35,2 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent und einem Anteil von 44,2 Prozent der größte Verursacher von Treibhausgas-Emissionen im Land, noch weit vor Verkehr (28,8 Prozent) und der Landwirtschaft (10,3 Prozent). Gegenüber 1990 sind die Emissionen in der produzierenden Industrie zwar um 3,3 Millionen Tonnen zurückgegangen – hier muss allerdings das Gesamtbild betrachtet werden. Bis 2008 stiegen die Emissionen sehr stark – in 18 Jahren um 23 Prozent. Erst die Weltwirtschaftskrise setzte diesem Negativwachstum ein vorübergehendes Ende. Das Treibhausgas-Niveau ist mittlerweile schon längst wieder ähnlich dem vor der Krise. Um die Wirtschaft CO2-arm zu gestalten, so macht es auch das Umweltbundesamt klar, muss sich also nicht zuletzt in der Industrie etwas deutlich ändern. Gesamtheitliches Recycling wäre da ein wichtiger Beitrag – und auch hier wieder wird die Notwendigkeit einer Art Register offensichtlich. 

„Komplett unstrukturiert“

Die Reduktion von Emissionen ist auch nicht der einzige Grund, warum sich das Recycling von Baustoffen im wahrsten Sinne des Wortes auszahlen kann. „In ein paar Jahren wird die Wertermittlung für Immobilien auch das Wissen um die verbauten Rohstoffe beinhalten – und damit die Erkenntnis, ob beim Rückbau sogar noch Geld mit dem Gebäude verdient werden kann“, sagt Mösle von Drees und Sommer. „Für das Projekt ist es nur eine Frage des Wollens; eine Frage, ob der Bauherr den Mehrwert schätzt. Die Strukturen und die Tools für solche Material-Kataster oder Material Passports gibt es schon.“ Trotzdem finden solche Dokumentationen noch in überschaubarem Maße statt. Meistens würden am Ende eines Projektes die Baufirmen die Unterlagen der Produkthersteller in einem großen File übergeben – „also komplett unstrukturiert“, so Mösler. „Wir müssen das anders machen, wenn wir die Rohstoffe weiternutzen und mittel- bis langfristig in die Kreisläufe zurückbringen wollen.“

So sieht es eben auch Werner Sobek, wenn er es auch mit der weltweit kompatiblen Datenbasis etwas größer und drastischer formuliert hat. Dass etwas, das global werden soll, lokal beginnen muss, ist klar. „Und wo, wenn nicht in Mitteleuropa, mit all unserem Wohlstand und unserer Organisation“, heißt es aus dem Stuttgarter Büro des Architekten, einem von vielen. „Natürlich ist ein einheitlicher Kataster extrem schwierig zu bewerkstelligen und a priori weiß niemand, wie das technisch und organisatorisch zu gestalten ist.“ Die technische Herausforderung ist unter anderem das System, die organisatorische Frage stellt sich auch bezüglich künftiger Verwaltung, wenn eine solche Datenbank einmal bestehen würde. Wegen der Komplexität aufzugeben, geht aber in Anbetracht des globalen Rohstoffproblems nicht. „Es ist ja nicht so, als gäbe es keine nachhaltige Architektur. Wir haben aber derzeit keinerlei Informationen – weder auf globaler, noch lokaler Ebene –, was in einem Gebäude eigentlich genau verbaut ist, was das für Materialien sind, wie man mit diesen Materialien umgehen kann oder muss.“ Bei der Forderung nach einem Kataster geht es in erster Linie also darum, über Baupläne in 2D hinauszugehen – „hin zu weiteren Informationen, idealerweise natürlich digital gespeichert.“ Das Problem ist für Sobeks Team derzeit auch ganz klar noch in fehlenden Anreizen zu einer solchen Dokumentation, aber auch zum Recycling zu finden. Wohl könnten mehr Rohstoffe recycelt werden, doch: „Derzeit ist es billiger, abzureißen. Und viele Materialien zu günstig. Da ist Recycling nur noch ehrenhaft.“

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